Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 34 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das Wörtchen „Lernen" in der Bedeutung, wie es bei uns Juden gebraucht wird, findet sich sonst bei keinem Volke der Erde. Lernen heißt sonst, sich Wissen aneignen; man „lernt", um sich den Kampf ums Dasein zu erleichtern. Anders bei uns- Juden. Hier hat das Lernen nichts Materielles! au sich, im Gegenteil: es lenkt das Denken von allen materiellen Beweggründen hinweg, will das Denken lehren, auch das Materielle des Lebens nur im Rahmen höherer Zwecke zu werten. Das Hochziel der Völker geht nach materieller Machterweiteruug, wie auch der einzelne des Volkes deir Wert der materiellen Glücksgüter überschätzt. Doch aller Neid, aller Haß, und aller Streit entspringen solcher Bewertung. Ganz anders war stets das Ideal des jüdischen Volkes gerichtet; ihm waren stets alle Kenntnisse als erstes Mittel zu der Erkenntnis des von Gott gewollten Pflichtenkreises auf Erden. Diese tiefgehende Unterscheidung in der ganzen Welt- und Lebensauffassung zeigt..sich schon im Schulunterricht. Bei den anderen Völkern gibt der Schulunterricht wesentlich eine Summe von Wissen, damit spater der erwachsene Mensch sich in der Welt zurechtsindc-, die Charakterbildung dagegen kommt erst als zweites. Im traditionstreuen! Unterricht . aber läuft das reale, praktische Wissen, das sorgfältig methodisch gerichtet werden muß, nebenbei einher, die Absicht des Lehrers ist, vor allen Dingen dahin gerichtet, ihrer..Pflichten als Glieder der jüdischen Gemeinschaft bewußte Menschen heranzubilden. * Hier lernt der Mensch, solange erlebt. Denn wer seiner Vervollkommnung nachstrebt, der lernt nicht aus. Und so finden' wir dort, wo noch in alter Weise das jüdische Leben pulsiert, selbst die große Masse des Volkes, die Händler, die Handwerker, die Arbeiter, die Jünglinge, die Männer, die Greise, an jeder freien Minute als Erholung, als Befriedigung ihrer Lebensfreude vor den Büchern sitzen, in denen auf der Grundlage, der jüdischen Religion einem ganzen Volksdasein" Richtung gegeben wird. Wie ganz anders außerhalb des jüdischen Kreises. Mit dem Verlassen der Schule hört das Lernen .auf. Ter Jüngling lebt in der Muße seinen Trieben, und der Greis sucht am Wirtshaustische über die Stunden hinwegzukommen. Leider ist das Lernen, das traditionelle jüdische Lernen, bei der Judenheit des Westens im Verschwinden begriffen, und es zeigen sich bereits in ihrer ganzen Verheerung die Folgen dieses Schwindens. Zuerst sollen die Kinder sich Wissen aneignen, das sie dazu ,führt, ihren Lebensweg möglichst, angenehm und bequem zu gehen, — und so haben auch wir heute jüdische Jünglinge, die die Sittlichkeit der Sinnlichkeit, Männer, die das Recht der ' eigenen Machtentfaltung opfern, und Greise, denen, da sie von der Arbeit rasten, das Leben öde ist. Das Lernen muß uns wiedergegeben werden. Endlich nach hundert Jahren des allmählichen Verblassens des Lernens, hat man in der traditionstreuen Judenheit des Westens dieses Wort gesprochen und will durch eine Organisation, den „Thorabund", den Worten gleich die Tat folgen lassen. Doch mit dem „Wie" gilt es, sich noch zu beschäftigen. ' .! Man wftl Thoraschulen errichten, in denen begabte Knaben zwei' Drittel der Unterrichtszeit das alte jüdische Lernen in Thhka und Talmud und ein Drittel der Unterrichtszeit das von der Regierung vorgeschriebene Pensum erhalten. Dieser Gedanke sollte aber noch viel weiter greifen. An den * bestehenden gröberen jüdischen Schulen — Real-, Volks- und Religionsschulen — sollten für die begabten Schüler besondere Klassen für den jüdischen Unterricht errichtet werden, sodaß diese das Doppelte und Dreifache als in ..den gewöhnlichen Klassen lernen. Je schneller und in je größerem Umfange dieses Programm durchgeführt wird, 'desto eher darf eine Zeit erhofft werden, in der innerhalb der Judenheit LeZ Westens ein Leben nach den Idealen oes Judentums zur Entfaltung kommt. Gin Aufruf der zionistische« Organisation. Anfang August fand in Kopenhagen eine Tagung des E n g c r e n A k t i o n s k o m i t e e s statt, bei der beschlossen wurde, anläßlich der 20. Wiederkehr des Eröffnungstages oes ersten Zionistenkongresses folgenden Aufruf zu veröffentlichen: „Zwanzig Jahre sind verflossen, seit auf den Ruf des unsterblichen Führers die Vertreter der Zionisten aus aller Welt zum ersten Mal inr Stadtkasino zu. Basel zusammentraten und das ganze jüdische Volk zur Einigkeit und organisierten Arbeit für die Wiedergeburt des Volkes uitb des Landes, aufricfen. Mit Stolz und Freude darf die Zionistische Organisation heute deu zurückgelegten Weg überblicken. Was in der Tiefe der Volksseele von jeher schlummerte, was auch vor Herzl in einer Reihe vereinzelter Versuche sich den Weg bahnte, das Streben nach der Erneuerung der jüdischen Nation in Palästina und durch Palästina, das ist im Laufe dieser Jahre zum unbeugsainen Volkswillen geworden, es hat die Juden der verschiedenen Länder vereinigt, eine Reihe nationaler Institutionen ins Leben gerufen, der Jugend den Inhalt und hie Kraft des Lebens gegeben und ist schließlich ein Faktor der Weltpolitik geworden. Und dort im Lande Israels sind die in dieser Zeit geschaffenen Anfänge hes neuen Lebens bereits so erstarkt, daß sie jedes Unwetter überstanden haben und zum Gegenstand der eifersüchtigen Liebe des ganzen Volkes geworden sind, aller seiner Schichten, auch derer, die dieses Gefühl mit Worten bestreiten. Der Zusammenhang zwischen Volk und Lano, der eigentlich niemals gelöst wurde, der aber vielen Juden nur als geistiger, ja zuweilen nur als wesenloser Schatten aus ferner Vergangenheit vorschwebte, ist in unseren Tagen zu einer sichtbar wirkenden lebcuzeugenden Kraft geworden. Ein jeder erkennt heute, was oie Schaffung eines Zentrums in Palästina für das zerstreute Volk bedeutet. Darum hat es die Judenheit der ganzen Welt erschüttert, als die Kunde von dem Angriff aus die nationale Sprache im Lande Israel oder von der Gefahr, die unlängst über unserem jungen Jischub schivebte, zu ihr gelangte! Was dieser kleine Kern des neuen nationalen Lebens an Gutem und Bösem erlebt, das wird von unserem ganzen Volke mit Freude oüer Schmerz mitempfunden. Und das Volk, das so empfindet, schart sich in immer dichteren Reihen um die blau-weiße Fahne. Keine Prüfungen, keine Versuchungen konnten es ablenken oder schwankend machen. Das großmütige Ugandaangebvt, das so verlockend für ein heimatloses Volk sein konnte, der Tod des Führers! in der Blüte seiner Jahre und seines Werkes, die Verfolgungen der Zionisten im alten Rußland — all oieses konnte zeitweilig das Volks- ' V werk schwächen, lieferte aber auf die Dauer nur weitere Beweise der lebendigen Kraft unserer Bewcgung. So wuchs mit den Jahren das zionistische Bewußtsein, erweiterte sich das Werk, erstarkten die Bande zwischen allen Gliedern d^ Volkes und zwischen dem Volke und dem Lande. Da kam plötzlich die Weltkatastrophe, die ‘ alles erschütterte und ins Wanken brachte. Auch uns» bedrohte sie mit einer ernsten Gefahr. Alle diejenigen, die behauptet haben, der Zionismus sei ein künstliches Gebilde, dem die innere Daseinsberechtigung und wahre Kraft fehle, äußerten die lleberzeugung, daß nun, tza alle Kräfte auf den Schlachtfeldern und Unter ihnen ganz dem Kriege gewidmet sind unh sein müssen, der Zionismus bei Seite geschoben und verstummen würde. l- Die Wirklichkeit hat das gerade Gegenteil bewiesen. In den Schützengräben aller Fronten mit den Kampfgenossen durch Blut und Leiden eng zusammengekittet, haben die Juden dennoch und erst recht ihre Einsamkeit mit verstärktem Schmerz empfinden niüssen. Und jene große Sehnsucht nach dem organischen Zusammenhänge mit dem einen Lande — dem alten Lande unseres Volkes — hat sich mit besonderer Stärke ihrer bemächtigt. Und was hinter den Fronten geschah, dieses Ringen aller Nationen nach eigenem nationalen Leben auf .eigenem Boden, förderte ebenfalls das Erstarken des zionistischen Gefühls, des zionistischen Denkens und der zionistischen Kräfte. Bon allen Ländern, wo unser Volk zerstreut lebt, ertönt jetzt ein Ruf, unser Ruf: Dem Judcnvolke muß der Weg ins Judenland freigemacht werden, damit beide neues Leben gewinnen. Dort will das. Volk seine Kräfte konzentrieren, um endlich ein neues eigenes Leben für sich zu schaffen. Dieser Ruf ist die Forderung des ganzen Volkes geworden. Das Volk ist sicher, daß, wenn, diese Forderung vor den Friedenskongreß gelangt, die Vertreter aller Völker, der souveränen wie auch der anderen, ihre Berechtigung anerkennen werden. Das jüdische Volk glaubt, daß der Krieg das Ende des ersten vorbereitenden Bersuchsstadiums seiner Arbeit in Palästina bedeutet, und daß nach ihm das zweite einer freien großzügigen Arbeit beginnen wird. Noch vor unseren Augen wird das Aufblühen unseres Landes beginnen, und zu der Zeit, die in „Altneuland" vorausgesagt wurde, wird ein Teil dessen verwirklicht werden, wovon der entschlumnrerte Führer mit solcher Sehnsucht und Liebe geträumt hat. Gesinnungsgenossen! Mit diesen Hoffnungen und Erwartungen stehen wir am Schlüsse des zweiten Dezenniums organisierter zionistischer Arbeit. Gleichzeitig geht auch das vierte Jahr zu Ende, - seitdem die Organisation uns zur Leitung der 2kr- ' beit und des Schicksals der Bewegung beruft» hat. Wahrhaftig, nicht leicht war die Last, die der ll. Kongreß in diesen Jahren der Leitung auferlegt hat. Sie begannen mit einem inneren Kampfs gegen die Stützen der Assimilation, für unsere na-, tionale Spräche. Viel Schlveres brachte uns dieser Kamps; doch er hat ein Ruhmesblatt in die Geschichte unserer Renaissance gefügt. Dann kam der Weltkrieg, der uns vor ernsft und schwierige Aufgaben stellte und die Mitglieder der Leitung in verschiedene Länder zerstreute. Roch ist der Zeitvünkt nicht nahe, wo wir vor der Organisation Rechenschaft werden ablegen können. Doch. schon jetzt dürfen wir mit ruhigem Gewissen behaupten, daß wir in diesen vier Jahren in Einigkeit und