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Neue jüdische Presse · 1917-08-24 · Heft 32 (24.8.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 32 (24.8.1917)
Date
1917-08-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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r, ■ ■ . ■■■. Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Niertetjatzr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. k ■■■-- > Redaktion und Expedition: Frankfurt a. m. :: Eangeftr* 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Ga lg ^eis. f, _ -- =3v Jusertiouspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 20 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeite ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 15. Jahrgang. Freitag, den 6. Ellul 5677 (24. August 1917) Rr. 32. Menschlichkeit. Ter Krieg hat bis jetzt e i n sicheres Ergebnis gebracht: wir wissen heute, das; die Menschlichkeit noch nirijt zu den Kulturgütern der Menschheit gehört. Vor Sem Kriege hatten wir in dem Wahne gelebt, sie sei eine der wertvollsten Errungenschaften der Neuzeit, diese weit über das barbarische Mittelalter und Altertum erhebend. Aber auch noch zur Zeit des Kricgsbeginns wurden der Menschlichkeit Jubelhymncn gesungen; ja, es schien sogar, das; der Krieg Die zartesten Keime der Menschlichkeit zur Entfaltung bringe: brüderliche Kameradschaft bis in den Tod, aufopfernde Barmherzigkeit, edle Eesinnnng, Einheitsgefühl mit den Interessen der Gesanitheit. Doch all dies offenbarte sich als ein kurzes Etrohfencr, entfacht durch die Begeisterung der Stunde; denn als sich allmählich wie ein schweres Geschick die Not des Krieges herniedersenkte, da war es mit der Menschlichkeit vorbei. Vernichten nm jeden Preis und ohne jede Rücksicht wurde zur Losung der Bekämpfenden und nur nii sich denken das Streben innerhalb der Völker. Der Krieg hat uns umlernen gelehrt: Tie sogenannten freiesten Länder der Erde — England, Frankreich und Amerika — haben sich als die unfreiesten, jeder menschlichen Erwägung baren erwiesen. Zu dem stampfe der Heere haben sie die Aushungerung der bekämpften Völker, ihrer Greise, Frauen und Künder, hinzngesügt. Und in ihrer eigenen Mitte haben sie jedes freie Wort unterbunden, das für die Versöhnlichkeit und für die Menschlichkeit gesprochen werden könnte. '2 <0. len ur Zweitausend Jahre Christentum — und doch so wenig Religion in dem Charakteristikum der Menschheit. Kein Cäsarenwahnwitz des Altertums hat kälter die Würfel der Machtsragen geworfen und schroffer die Möglichkeit einer Sühne fordernden höheren Macht verneint, als es die Leiter der Ententcstaaten es sich vermessen. Wie anders seit dreieinhalb Jahrtausenden in der ehre des Volkes der Juden! Das Buch seiner Lehre, das ihm für sein persönliches und sein staatliches Leben Richtschnur gibt und aus dem an jedem Sabbate in all seinen Versammlnngshäusern selbst in den kleinsten Gemeinden, so nur mindestens zehn Männer zu einer Gesamtheit sich vereinen, einige Kapitel' verlesen werden, spricht gerade an dem dieswöchcntlichen Sabbate davon, wie Israel seine Kriege zu führen hat. Vor allen Dingen scheidet die Machtfrage ans. Das olndenluni beobachtet auch für das Verhältnis der Völker unter einander die Grundsätze der Ethik und des Rechts. Die gleiche Moral, wie zwischen den Menschen, ist auch unter den Völkern maßgebend. Nicht Menschengcist und Menschenmacht bringen die Entscheidung im Kriege, — sondern Gottes Wille bringt sie. So können denn bei der Einberufung zum Heeresdienste die durch die Gebote der Menschlichkeit geforderten Rücksichten im weitgehendsten Maße gewährt werden. Entscheidet doch im letzten Grunde Gottes Wille und nicht die Zahl der Krieger. Wer sein neues Haus noch nicht bezogen, von seinem neuen Weinberg noch keinen Genuß gehabt und seine Verlobte noch nicht heimgeführt hatte, durfte nur an seinem Wohnorte für militärische Zwecke — wie z. B. Verproviantierung— herangczogen werden; hatte er aber das neue Haus bezogen, den Weinberg in Gebrauch genommen, die Frau geehelicht, dann war er sür ein ganzes Jahr völlig von jedem militärischen Tienste befreit. Wieviel warmherziger, gottgcsegneter Menschlichkeit liegt in dieser Veordnung des jüdischen Kricgsrcchts? Ta gab es keine Kriegstrauungcn, denen bald der blutige Tod auf dem Schlachtfelde folgte! Und, die dann mit hinauszogen, ihnen führte ein Priester mit eindringlichen Worten zu Gemüte, daß auch der Krieg und ein jeder von ihnen im Kriege im Geiste des GotresgesetzeS stehen müsse; als Träger göttlichen Werkzeugs sollten sie keinen Augenblick vergessen, die Reinheit und Lauterkeit ihrer Persönlichkeit zu erweisen. Diese Gesinnung war aber auch durch Verordnungen, die das Verhalten dem Feinde gegenüber regelten, gestützt. . So durfte bei der Belagerung einer Stadt kein Fruchtbaum vernichtet werden. Der Begriff eines Aushungernngskrieges war dem jüdischen Volke etwas Frenides. Undenkbares. Diese kurzen Striche zeigen, wie das Judentum selbst im rauhen Kriegsrecht Menschlichkeit atmet." Seit zweitausend Jahren kann aber das jüdische Volk, zersprengt in alle Welt, nicht mehr ein Eigenleben führen. Sollte man angesichts der niederdrückendeu Lehren des gegenwärtigen Weltkrieges nicht wünschen, daß cs ihm recht bald vergönnt sein möge, wieder als ein Volk mit volleni Volksdasein zu erstehen, damit der Menschheit dann doch die Grundsätze der Staatskunst dieses Volkes Lehre werde und sie sich so vermenschliche? Bo« de« Wirkn«ge« des Weltkrieges. Wenig größere Ueberraschangen hat der Weltkrieg in sv vielen Dingen alte Berechnungen und Ermattungen über den Hansen werfend sür uns Juden gebracht als die Entwicklung, die die Judenfrage in seinem Zerlaufe genommen hat. Als vor drei Jahren der Krieg ausbrach, da war es ein Gefühl, das die Juden aller Länder bewegte: ein Gefühl der Sorge und der Angst um das Schicksal des jüdischen Volkes im Weltkriege. Ein jeder erwartete nur die schlimmsten und ungünstigsten Wirkungen von ihm und nur einen einzigen Wunsch wagte man dann ztl hegen:. daß die Lage des jüdischen Volkes nach dem Kriege wenigstens nicht sehr viel schlechter sein möge, als sie vor dem Kriege gewesen war. Wie hat sich in diesen drei Jahren die Situation seitdem geändert! Zwar brachten die ersten zlvci Jahre des Krieges uns furchtbare Unglücksschläge: die Evakuierung der Juden ausden russischen Westprovinzen, die Vernichtung vieler jüdischer Gemeinden, tausender jüdischer Familien, die furchtbare Wot der jüdischen Flüchtlinge in Rußland und Galizien, die Ereignisse in Palästina und manches andere schienen die Gingst und .Furcht, mit der wir in den Krieg hineingingen, nur allzu sehr zu rechtfertigen. Aber unerwartet und überraschend, wie es der Gang der jüdischen Geschichte immer gewesen ist, setzte auch da plötzlich eine radikale Aenderung, eine Wendung zum guten ein. Die russische Revolution bczeichnete den ersten großen Schritt in dieser Richtung. Mit einem Male waren die Millionen russischer Juden aus ihrer unerträglichen Lage befreit, war ihnen die Möglichkeit zu freier Entwicklung gegeben und damit das, drückendste Problem der jüdischen Gegenwart beseitigt. Der zweite überaus größere Schritt aber beginnt sich innerhalb der letzten Monate gleichfalls schon vor unseren Augen zu vollziehen. Tie Judenfrage ist aktuell geworden, ist zueinem gewichtigen Problem der internationalen Politik geworden, dessen Berechtigung und Bedeutung von den maßgebenden politischen Kreisen aller Länder heute anerkannt wird. Was nur wenige unter uns vor dem Kriege erhofft haben: die Anerkennung der Judenfragc als internationale Frage und - die Verpflichtung der Völker, an ihrer Lösung mitzuwirken, das ist heute bereits vollzogen. In den Ländern der Entente wie in denjenigen der Zentralmächte, in allen neutralen Staaten herrscht heute die tleberzeugnng vor, daß mit den anderen großen internationalen Fragen, deren Lösung dieser Krieg herbeiführen muß, mich das jüdische Problem eine endgültige Regelung erfahren müsse, und was noch wichtiger ist als dies: auch dies ist heute allgemeine Ueocrzcngung der europäischen und amerikanischen öffentlichen Meinung, daß die Regelung der jüdischen Frage nur in ltebereiastimmung mit dem jüdischen Wunsche erfolgen dürfe, und eine Erfüllung dieses Wunsches bringen müsse. In unmittelbarem Zusammenhänge mit diesem Prozesse, der die Steilung der Völker, uns gegenüber betrifft, steht die gleichgerichtete Entwicklung, die sich im Verlause des Krieges innerhalb des Judentunis selbst vollzogen hat, und die gleichfalls .Hoffnungen, sür bereit Realisierung man vor dem Kriege Jahrzehnte beanspruchen zu müssen glaubte, heute bereits als verwirklicht erscheinen läßt. Was noch vor zwei, drei Jahren kaum jemand zu glauben gewagt hätte, daß, das gesamte Judentum bis auf wenige Ausnahmen sich nationalisieren würde, das ist heute geschehen. Die einzelnen Vorgänge, die diesen Nationalisierungs- Prozeß des jüdischen Voltes im Verlaufe des Weltkrieges in seinen Etappen bezeichnen, sind bekannt und brauchen nicht hier wieder genannt zu werden. Das Ergebnis ist bereits heute da: die weitaus überwiegende Majorität des jüdischen Voltes steht auf dem Boden des nationalen Gedankens und dies heißt auch aus dem Boden des palästinen- * fischen Gedankens. Ohne jede Ucbertreibung darf man es anssprechen: daß die Palüstinaidee heute keine zionistische Parteiforderung, sondern die Zentralidee der gesamten jüdischen Politik darstetlt. Männer, die vor dem Kriege zu den eifrigsten Gegnern des Zionismus gezählt haben, — Jacob Schiff, Louis Marshall, Lord Rothschild in London und andere — haben sich dem Zionismus angeschlossen; und erst dieser Tage wieder wird eine Nachricht gemeldet, die belveist, in welch unaufhaltsamem und siegreichem Vormarsch der zionistische Gedanke begriffen ist: Ter Board of Deputies in London, eine der führenden und angesehendsten Körperschaften des englischen Judentums, das bis vor kurzem durchaus in, assimilatorischem Fahrwasser sich bewegte und den Zionismusbekämpfte, ist zionistisch geworden. Im Au schloß an das bekannte Manifest gegen den Zionismus, das vor einigen Wochen einige der führenden Männer des englischen Judentums in der Times veröffentlicht haben, und das der bisherige Vorsitzende des Board of TeputicS mit unterzeichne! halte, fand eine Versammlung dieser Körperschaft statt, in der die Haltung des bisherigen Vorstandes scharf kritisiert und er zur Abdankung gezwungen wurde. Ter neugewählte Vorstand aber zählt zu seinen führenden Mitgliedern Zionisten. So zeigt sich überall di: gleiche Erscheinung: der zionistische Gedanke ist ans dem besten Wege, das gesamte Judentum zu erfassen, und schon heute kann mau mit gutem Rechte jagen, daß der Zionismus nicht mehr eine Partei, sondern faktisch „das jüdische Volk" repräsentiert. Daß dieser innere jüdische Entwicklungsprozeß naturgemäß auch aus die Haltung der andcren Völker dem jüdischen Problem gegenüber zurüctwirkt, ist selbstverständlich. Wie cs ans der anderen Seite auch begreiflich ist, daß die lebhafte Sympathie, die die citrvpüische öffentliche Meinnttg dem natiouai-jüdischen Gedanken entgegenbringt, auch diesen inneren jüdischen Prozeß beschleunigt und gefördert hat. Beide Entwicklungen zusammen aber berechtigen schon heute zu der Hoffnung, daß in der Tat die günstige Neurege-

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