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Neue jüdische Presse · 1917-08-17 · Heft 31 (17.8.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 31 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31. Seite 5. Hand hat er nicht laus meiner gezogen. Drauf hat er schwer gcröchclt . . . nach einer Weile, richtet er sich mit unmenschlicher Gewalt auf und sagt zu mir mit heller Stimme: „Verzeih mir, Bruder, toas ich dir Böses angetan habe... ich habe versprechen müssen, mit euch nicht umzugchen, aber der Tod —" kaum will er dieses Wort aussprechen, sinkt er zurück und war nicht mehr! Weil Ihr nun wißt, herzliebste Eltern und Geschwister, daß ich ani Leben bin und habe noch alle meine gesunden Glieder, so will ich diesen langen Brief schließen als Euer aufrichtiger und teuer Sohn Markus Spitz. Ich muß diesen Brief noch einmal aufmachcn. Was meint Ihr dazu, daß Waclaw Jaresch gesagt hat, er hätte einem zngeschworen, mit mir nicht umzugchen? Die Mutter könnte , auch der alten Baruschka durch das kleine Anschele etwa eine Herzstärkung schicken, denn sie wird's nötig haben." Verona, den 20. Juni 1859. „Heute schreibe ich Euch wieder, lieber Eltern und Geschwister, iveil ich Euch eine große Auszeichnung zu vermelden habe. Nämlich unser Herr Obrist hat heute die Kompagnie, bei der ich diene, öffentlich vor dem ganzen Regiment gelobt und hat gesagt, wenn auch leider die Schlacht nicht zu unseren Gunsten' ausgefallen wäre. Iveil der Feind uns zu übermächtig gewesen, so hätten wir doch wie die Löwen gekämpft und den Franzosen gezeigt, was kaiserliche Soldaten sind. Drauf hat er die Namen derjenigen vorgelcscn, die sich besonders hervorgetan haben, und waren auch solche darunter, die cs nicht mehr gehört haben, weil sie tot waren. Mein Leutnant Moritz Zion ist Oberleutnant geworden, und hat die goldene Tapferkcitsmedaillc erhalten, und Iveil ich ihm bei der Verteidigung der Fahne bcigestanden, bin ich zum Korporal ernannt worden und bekam „im Namen unseres Kaisers" die silberne Medaille für Tapferkeit vor dem Feinde auf den Rock geheftet. Äa draus kann also Fciwel Buchhalter ersehendaß ich mich nicht gefürchtet habe. Noch eine große Merkwürdigkeit habe ich Euch zu berichten, und was deutlich zeigt, wie mich der allniächtige Gott ganz wunderbarlich beschützt hat.' Wie ich gestern das „Arbeh-Kanfes" herunteruehme, was mir die Mutter auf den Weg mitgcgcben, bemerk' ich, daß es ungemein schwer ist, und wie ich es näher untersuche, finde ich, daß in dem Säckchen, wo die die Zizith (Schaufäden) darinnen sind, ein Päckchen mit Erde ist, und mitten in der Erde steckt ein Kugelsplitier! Den Splitter will ich niir aber aufhebcn, als ein Andenken für niich und meine Kinder und Kindcskinder. Ich grüße alle, besonders aber Herrn Fciwel Buchhalter, und bin ich bis auf weiteres Euer getreuer Sohn Markus Spitz, Korporal vom 10. Zug, 3. Komp., 4. Batl., d. Z. in Verona." * * * * Als der letzte der eben mitgctcilten Briefe, in dem bekannten Samstagklub bei Josel Spitz vorgelescn worden, sagte die Mutter unseres Korporals, Genendel, indem sie sich an den Vorsitzenden, den alten Buchhalter, weinend wandte: „Daß mein Sohn Markus beim Leben erhalten worden, das hat er doch nächst Gott nur Ihnen zu verdanken, Herr Feiwel." Aber der Alte verwies ihr strenge diese Rede. „Ich Hab' dir schon damals gesagt, Genendcl," rief er, „daß du darüber schweigen sollst. Er darf niemals ein Wort davon vernehmen, denn ein Kind nmß immer glauben, daß alles Gute ihm von seiner Mutter zukommt." Genendel beugte sich auf die Hände des Greises, aber die Tränen, mit denen sie sie befeuchtete, zeigten deutlich, was in diesem Augenblicke ihre Seele bewegte. „Nun, meinen Sie noch immer, Herr Feiwel," rief' der unverbesserliche Zweifler Gerson Stänglein, „daß Ihr alter Napoleon. . .?" Ganz gegen seine Gewohnheit nahm der alte Buchhalter' diesen Angriff auf seine seit niehr als fünfzig Jahren feststehende Ueberzcugung ohne Groll hin; aber mit seinen grauen Augen rings im Kreise umherblickend, sagte er mit gehobener Stimmen „Kinder! mir scheint, der „Napilion" wird diesmal bald müde werden! Solche mörderische Schlachten kann Frankfurter Israelitisches Familienbkatt. er nicht ertragen. Dann muß bald der Friede kommen, und ich glaube, ich werd' ihn noch erleben." „Amen! Es soll wahr werden!" . . . rief Genendcl, indem sie die Hände faltete. Korporal Spitz ist bald darauf, gesund und heil, zu seinen Eltern nach Hause gekommen! Björn Björnson über die galizischen Juden.*) „. . . . Und diese »klugen, armen, wunderlichen Menschen in ihren. Priesterlichen Kaftanen, die Philosophen zu sein wissen und das Leben mit Resignation und meistens mit bescheidener Wehmut nehmen — so spricht es aus ihren Augen —, sie sind uns im Kanipf ums Dasein überlegen — weil sie Geduld und Unrechtleiden gelernt haben — aus dem stärksten Glauben heraus, der stärksten Sehnsucht nach der neuen Offenbarung — zu der sie wohl nicht mehr selbst, aber ihre Nachkommen, oder die nach ihnen, gelangen würden. — Ihre Sehnsucht zählt nach Jahrtausenden. Wir sind alle Parvenüs in ihren Augen. Wir kamen lange, lange danach angehumpelt — und machten unser Ideal nach Christus, der kein Gott sür sie ist — sondern ein Jude — den die Welt anbetet. Sie sonnen sich in dem Gedanken. Wir Christen hatten die Macht, die wir je gegen sie jahrhundertelang mißbraucht haben — vor ihr mußten sie sich beugen — (aber in ihrem Innern lachten sie uns aus — wir können ihr Leben anslöschcn, das sie übrigens ungern hergeben — sie aber tragen ihr Ideal unter ihren schmutzigen Lumpen. Sie verachten uns — und sie feilschen mit uns — und sie besiegen uns fast imnier. lind so tun sie das, daß wir oft nicht verstehen, wie sie daran gewinnen können — wie Isaak mit seinem Rittmeisterlebcn. „Welcher Gott hat die Christen gelehrt, so zu sein," sagte ein polnischer Jude einmal zu mir in Oesterreich. „Nicht ihr Christus — denn er war ein Jude. Und keiner der Unsrigcn hat diese Moral — wenigstens nicht von denen, die nach dem Talmud leben. Und Christus kannte alles, was die Schriftweiscn kannten." So denken sic. Die Mißhandlung durch jene Minen — die der Beamtenstand unter Kaiser Josef kl ihnen aufgezwunzcn — ist die roheste, die gegen Menschen verübt Nmrde — Weil sie ins Seelische trifft, zu ewiger Verhöhnung — von Geschlecht zu Geschlecht. Pillvcrbcstandteil, Kußmaul, Darnigerassel, Dreckfrcsser, Untcrleibsgcschivür, Leibschleim — und noch entsetzlichere —, das sind Namen, die man sie als eigene anzunehmen genötigt hat. Und sie tragen sic — und schweigen — und warten auf ihren Messias, der die Erniedrigung von ihnen nehmen soll. Kommen in die Welt hinaus und machen manchen dieser lächerlichen und ekelhaften Nanicn berühmt. So viel über die Aermsten, die Edelsten — von dem auserwählten Volk — da draußen im Osten bis tief ins schivärzcfte Rußland. Jirdiias Herkunft.*) Wo die Sonne purpurne Rosen flicht Um der Felsen ehernes Angesicht, Wo der Schritt ans Metallischem Boden klirrt Und ivo.der Löwe sich seine Löwin kurt, Wo Wasser kostbar lvic Fürstenblut, Wo die Nacht voll Rätsel und heimlicher Glut, Wo Engel' verlangend zur Erde steigen Und schlanke Palmen im Samum sich neigen: Da kommen sie her, gcheinmisvoll; Ihre Liebe ist brennend wie ihr Groll. Scharf schlägt ihr Schwert, ihr Stirngcschmeid Ist alte Götterherrlichkeit. Literarische Chronik. Literatur zur Palästinakunde. In richtiger Erkenntnis des' politischen, des weltpolitischen Moments hat das Hauptburean des Jüdischen Nationalfonds angefangen, die zionistische Literatur zur *) IN seinem jüngst bei Osterheld u. Co. in Berlin erschienenen Buche „Vom deutschen Wesen". *) Airs „Maria Janitscheks Gedichte", 1917, Verlag, Berlin, I. Hermann Herz G. m. v. H. Theorie und Praxis der Palästinakolonisation systematisch auszubauen. Die von chni herausgegebenen Schriften bestehen aus zwei Gnippen: Die eine ist die Rationalfondbibliothek, deren erste Nummer kurz nach dem Wiener Kongreß, also noch vor dem Kriege, erschien. Sie enthält bis jetzt folgende Hefte: 1. Franz Oppenheimer, Gemeineigentmn und Privateigentum an Grund und Boden. 2. Adolf Böhm, Der jüdischst Nationalfonds. 3. Jacob Oettinger, Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina. Die ziveite Reihe Publikationen besteht aus der in zwanglosen Heften erscheinenden Zeitschrift „Erez Israel, Mitteilungen des Hauptbureaus des Jüdisch?» Rationalfonds". Bisher erschienen davon zwei Hefte. Beide Sammlungen werden in tunlichst rascher Aufeknanderfolge ergänzt und erweitert. Näheres findet man in dem reichhaltigen Prospekt, den der jüdische Verlag gemeinsam mit dem Jüdischstn Nationalfonds soeben herausgegeben haben.- Er enthält ausführliche bibliographische Angaben, Inhaltsverzeichnisse, Presseurteile usw. Im Anhang finden sich die wichtigsten Werke jüdischer Autoren zur Kunde des jüdischstn Palästina, die zusammen mit den Schriften des Jüdischen Rationalfonds „eine ansgewählte Palästinabibliothek" bilden. Moral und Leb ens an schau ung. Aufsätze von Rudolf Eucken. 1 Mk. Leipzig, Felix Meiner. Der Krieg wird doch nicht immer dauern, — und wenn er zu Ende sein wird und unsere Feldgrauen znrückkehren, dann ist es ihnen zu wünschen, daß sie nicht, als Träumende, sondern als Sehende dem bürgerlichen Lebe» wiedergegeben werden. - Dazu bedars's aber einer Vorarbeit, bedars's bestimmter geistiger Anregungen in den Musestunden ihrer Kriegerzeit. In diesem Sinne zu wirken, ist die Absicht des berühmten Jenaer Philosophcn-BüchleinS. Buchprobe: - . Daß aber trotzdem starke moralische Einflüsse von der Religion ausgehen, kann nur eine kurzsichtige Betrachtung verkennen. Die unsichtbaren Güter, zu deren Erwerb anfänglich vielleicht nur selbstige Beweggründe trieben, beginnen durch ihren eigenen Weg zu fesseln, schon die Beschäftigung mit hohen und fernen Dingen vollzieht eine Erholung über die Keinen Zwecke und Sorgen des Alltages, die Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit ergreifen und erschüttern das Gemüt, übernatürliche Ordnungen, durch festen Glauben in lebendige. Gegenwart gestellt, wirkst» zur Anerkennung der Schranken alles Menschlichen, zur Erweckung von Ehrfurcht und Pietät. Indem sich das, bei gesicherter Herrschaft der Religion, über die ganze Seele des Menschen verbreitet, entsteht ein eigentümlicher Typus der Moral, eine beständige Gegenwirkung gegen das Niedere und Gemeine im Menschenwesen. Insofern ist eine Erschütterung 'der Religion zugleich ein Verlust für die Moral; daß aber die Religion in der Neuzeit eine schwere Erschütterung erfahren hat, das ist nicht wohl zu bestreiten." Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur. Herausgegeben vom Verbände der Vereine für jüd. Geschichte u. Literatur in Deutschland. 20. Band- 218 Seiten. 1917, Berlin, M. Poppelaucr. Inhalt: Kalendariuur. — Rückblick (Jsmar Elbogen). — Literarische Jahresrevue (Simon Bernfeld). — Judentum und Griechentum (Dr. Bergmann). — Religion u. Rationalismus (Dr. Lewkowitz). — Briefe von und über Mendelssohn (Ludwig Geiger). — Aus den Jugenderinnerungen Karl Friedrichs von Klöden (Dr. Nathan). — Jüd. Kriegsgedanken (Rosalie Perles). — Mirele (Ulla Wolfs-Frank). — Mitteilungen. — Grnndsätze der jüdischen LcbeuSanschannng in populärer Form behandelt. Predigten und Borträge von Räbb. Dr. Ansbachcr, Heilbronu. 36 Seiten. .1 Mk. Frankfurt a. M., I. Kauffmann. Buchprobe (Seite 17): „Das Judentum erschöpft sich nicht inr Glauben an ein einziges Wesen, das die Welt erschaffen, unseren Vorfahren sich offenbart und sich hierauf etiva zurückgezogen habe in ein beschauliches, untätiges Dasein, sondern die göttliche Borsehrmg, die über dem Geschick jedes einzelnen wacht, ist ein Postulat, mit der unsere Cmung steigt und fällt. Fm Gegensatz zum Heidentum und desseir Philosophie, das es „unter der Würde" Gottes findet, sich um das Geschick der „niedrigen Menschen" zu kümmern, im Gegensatz zum Modernen Unglauben, der Gott allenfalls als Schöpfer des Weltalls erklärt, sein Fortwirken auf 'der Erde aber bestreitet, gehört es' zu den Grundkehren des Judentums Haschern als Lenker und Leiter des Menschenschicksals anzuerkennen.

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