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Neue jüdische Presse · 1917-08-10 · Heft 30 (10.8.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 30 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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?'*•*'• ■ ' J - - - - -- J Erscheint wöchentlich am Freitag. SeMSpreis pro Kirrlrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fm ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins. Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. »- ■ > > ■ -- - - - Redaktion und Expedition: Frankfurt s. m. rr Langeste. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. — — Herausgeber: Katg Geis. Infrrtionsprris für die fünfgefpaltene Petitzeile 3V Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 20 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.3lnnoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 15. Jahrgang. Freitag, den 22. Aw 5677 (10. August 1017z Rr. 30. Die rumänische Judenfrage. .Stockholm. , Es mar von jeher bekannt, daß, die Lage keines Teiles der Judeuheit so trostlos sei, wie die der rumänischen. Man durste aber hoffen, daß wenigstens der Krieg eine gewisse Wendung zliin Guten herbeisnhren werde,' vor allem unter der Einwirkung der russischen Revolution und der durch sie ausgesprochenen Emanzipation des russischen .Judentums. Leider sind diese Hoffnungen unerfüllt geblieben. Die russischen Zeitungen bringen dauernd Berichte Wer die furchtbare Lage der, rumänischen Juden in den nicht von den Deutschen besetzten Gebieten von Rumänien. Die Zustände in Rumänien seien im allgemeinen trostlos; es fehlt an allen Lebens- und Arzneimitteln. Die Behörden helfen aber lediglich der rumänischen Bevölkerung, kümmern sich aber nicht im geringsten um die jüdische Bevölkerung, die des Verrats und der Deutschfreundlichkeit beschuldigt werde. Ferner wurden auch verschiedene Pogrome und Ausschreitungen gegen die Juden gemeldet. Die russische Negierung hat bekanntlich versucht, die rumänische zu einer Aenderung dieser Verhältnisse zu veranlassen. Unter dem Druck dieser Forderung haben der König und die Regierung ihre Bereitwilligkeit zur Erteilung der Gleichberechtigung an die Juden erklärt. Jetzt aber erweist es sich, daß die rumänischen Machthaber wie schon so oft die Wsicht haben, unter allen möglichen Vorwänden ihre Versprechungen unerfüllt zu lassen. Sie haben in der jetzt beendeten Tagung des Parlaments entgegen allen Erwartungen die Judensrage gar nicht zur Sprache kommen lassen. Wie der russische Gesandte in Rumänien, Poklewski, mitteilte, haben der König, Bratianu, Jonescu u. a. ihm versichert, daß die Juden volle Gleichberechtigung erhalten sollen. „Aber — das berühmte Aber — das gegenwärtige Parlament könne mit dieser Frage nicht befaßt werden, da es bei seiner Wahl nur mit der Lösung der Fragen des Wahlrechts und des Privateigentums betraut wurde. Man könne zwar jetzt schon auf gesetzlichem.Wege .eine. Mässennaturolisation derjenigen Juden, deren Patriotismus unzweifelhaft fei, vornehmen, aber hiergegen habe sich das Judentum selbst ausgesprochen, welches vorziehe, die endgültige Lösung der Frage entsprechend den feierlichen Versprechungen des Königs abzuwarten." Diese Erklärung besagt, daß die Regierung im Ernst nicht daran denkt, die Emanzipation zu verkünden, und sogar, wie ihre Absicht einer Naturalisation „derjenigen Juden, deren Patriotismus unzweifelhaft sei", zeigt, noch ganz auf dem alten Standpunkt steht. Mit dieser Unterscheidung von patriotischen und .nichtpatriotischen Juden wurde immer eine Besserung ihrer Lage hintertrieben, und es W nun selbstverständlich, daß sich die rumänische Judenheit selbst dagegen sträubt, die Frage in dieser für sie beleidigenden Weise geregelt zu sehen. Von den gegenwärtigen rumänischen Machthabern ist also nichts zu erhoffen. Schuld daran trägt die Entente. Würden England und Frankreich ebenso energisch wie Rußland von Rumänien die Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung fordern, die rumänische Regierung,, die finanziell und > politisch völlig"von ihnen ’ abhängt, könnte sich dem nicht entziehen. Aber Frankreich und England scheinen keine Absicht zu haben, einzugrcifen. Von Frankreich vernimmt man nichts in dieser Hinsicht; und den Standpunkt der englischen Regierung hat Lord Robert Cec.il im Unterhaus da hin präzisiert, „daß diese Frage innerhalb der Kompetenzsphäre des Kö nigs von Rumänien und der rumänischen Regierung liege". Wie dieser Standpunkt der englischen Regierung zu beurteilen ist, dafür sei hier ein Allssatz der Petersburger jüdischen Zeitung „Jewrejeskaja Ncdelja" wiedergegeben. Das Blatt schreibt: „Eine ausgezeichnete Antwort. Um konsequent zu sein, hätte der verehrte Leiter der auswärtigen Politik Englands noch hinzufügen müssen: Das Schicksal der Posener Polen „liegt innerhalb der Kompetenzsphäre" der Hoheirzollern und der deutschen Regierung, dasjenige der Tschechen und Ruthen«» „innerhalb der Kompetenzsphäre" der Habsburger und der österreichischen Regieinnig, mW die armenische Frage wieder — geht ausschließlich den Sultan der Türkei an. Was bedeuten dann eigentlich: die „Befreiungszicle" und die Interessen der „unterdrückten Völkerschaften?" Die Verletzung der belgischen Neutralität seitens Deutschlands — soll doch bekanntlich die unmittelbare und wichtigste Ursache der englischen Kriegserklärung cm Deutschland bilden. Diese Tatsache wurde wiederholt und in feierlichster Weise in den'Reden Asqnitl/s, Greys, Balfours und anderer englischer Staatsmänner betont. „England habe und werde auch in der Zukunft die Heiligkeit der internationalen.Verträge mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bis zum letzten Blutstropfen nnd bis zunt'letzten Schilling verteidigen." Ausgezeichnet! Steht aber im Berliner Vertrage, der .u. a. Rumänien die Verpflichtung auferlegt, sämtlichen Bürgern dieses Landes ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität gleiche Rechte einzuräumen, nicht auch die Unterschrift Englands? Weshalb also ist die Verletzung der belgischen Neutralität die allergrößte Barbarei, während die augenscheinliche nnd gleichzeitig brutale Verletzung des Berliner Vertrages, wodurch die nicht weniger heiligen Rechte, des jüdischen Volkes geschützt werden sollten, die Ruhe der Vertreter der englischen Diplomatie niemals gestört hatte (und nach den Worten Lord Robert Cecils auch gegenwärtig nichtstört)? Weshalb denn eigentlich? Oder aber soll die Frage der Lage der Juden in Rumänien ihren: Wesen. nach gewisserinaßen als gelöst angesehen werden, und soll vielleicht nur der Korrektheit halber die endgültige Gestaltung, der jüdischen Emanzipation „dem König von Rumänien und der rumänischen Regierung" überlassen werden? Leider rechtfertigt die Lage der Dinge in Rumänien einen derartigen Optimismus in gar keiner Beziehung. Die demokratischen Elemente besaßen in diesem Lande niemals Autorität, ja auch jetzt noch sind dieselben sehr schwach. Rakowski würde noch bis heute im Gefängnis von Jassy sitzen, wenn Rußland nicht interveniert hätte. - In den ersten Tagen nach dem Anschluß Rumäniens an die Koalition Rußlands nnd seiner Verbündeten, als das Kriegsglück den Rumänen anscheinend noch hold war und einige besonders expansionslustige rumänische Politiker sogar die Ueberzeugung aussprachen, daß gerade Rumänien dazu berufen wäre, das SMcksal Europas und des Krieges zu entscheiden, — in diesen Tagen hielten es die verantwortlichen rumänischen Politiker (wie beispielsweise der rumänische Gesandte in Paris, Lahovary) nicht einmal für notwendig, den Juden gegenüber ein Geheimnis daraus zu machen, daß die rumänische Regierung sich überhaupt nicht mit der Absicht trägt, sie zu emanzipieren. „Vielleicht — erklärten sie — wird man eine Ausnahme mit jenen Juden machen, die sich auf den Schlachtfeldern auszeichnen werden." Welche Bedeutung die Inden diesen bedingten Versprechungen beilegen könnten, bedarf keiner weiteren Erörterung. Während des vorhergehenden Krieges (1912) mit Bulgarien hatte die rumänische Regierung in völlig bestimmter Form erklärt, daß sämtliche im Reservehältnisse stehende Juden naturalisiert werden sollten. Aber auch ein solch kategorisches Versprechen wurde nicht eingehalten: Md zwar unter dem iVorwand, .daß es „eigentlich kein richtiger 5krieg war." Die rumänische Regierung war niemals in Verlegenheit nach Gründen in der Mchterfüllung ihrer Pflichten den Juden gegenüber. Man kann selbstverständliche nicht leugnen, daß ein gewisser Stimmungswechsel-sogar in den regierenden Kreisen Rumäniens: zu konstatieren ist. Die über das' Land her» eingebrochene entsetzliche Katastrophe mußte einen Eindruck ans sie ausüben. Sollen sich aber die Verhältnisse in der Zukunft derart gestalten, daß man auch ohne jüdische Emanzipation anskommen köMcn wird, so befürchten wir sehr, daß die Lenker Rumäniens sich wieder nach Vorwänden Umsehen werden. Auch die von Zeit zu. Zeit zu uns gelangenden Nachrichten über antisemitische Ausschreitungen, über Pogromhandlungen solcher Personen wie Jorga usw. können uns von der Besorgnis nicht befreien. Irr Rumänien gibt cs keine solch idealistisch pmanlagte Intelligenz wie in Rußland; dort gibt - es nur ,^8ojaren"söhchh!en, die nichts in der Welt so sehr fürchten, wie die jüdische Konkurrenz auf wirtschaftlichem und die jüdische Demokratie auf politischem Gebiet. Deshalb eben wird matt von der endgültigen Lösung der jüdischen Frage in Rumänien nicht früher sprechen können, bevor ein diesbezügliches Gesetz in einer Abfassung zustande kommt, die keinerlei Hinterpförtchen zur Umgehung desselben offen lassen wird. Lord Robert Cecil ist mit der Lage der Dinge in Rumänien ebenso gut vertraut wie wir, nnd seine Erklärungim Unterhause mußte daher einen niederschmetternden Eindruck auf alle jenen ansüben, denen die „Befreiungszicle" des Krieges wirklich teuer sind nnd für die „die Befreiung der unterdrückten Nationen aus der Leibeigenschaft" kein leerer Schall ist. Es' ist wirklich an der Zeit, sich von der alten Diplomatie loszumachen, die soviel Heuchelei aufweist und die von so geringer Liebe zur Menschheit und zur menschlichen Würde durchdrungen ist." 1$ Diesem ausgezeichneten Artikel ist nichts hinzuznfügen. Er charakterisiert die Haltung Englands in der einzig angebrachten Weise. Wie zur Zeit ver zarischen Regierung in Rußland nicht der geringste Schritt zur Besserung der Lage der russischen Judenheit von Seiten Frankreichs und Englands unternommen wurde mit der Begründung, dip „Frage sei eine innerrussische", so ist auch für die Befreiung der rumänischen Judenheit kaum etwas von den Westmächtett zu erwarten. Me einzige Hoffnung ist auf die Entwicklung der inneren Verhältnisse in Rumänien selbst zu setzeil, die vielleicht zu einem ebensolchen Sturz des gegenwärtigen Regimes führen wird, wie dies in Rußland erfolgt ist, und damit zugleich die Erlösung der rumänischen Judenheit aus ihrer gegenwärtigen trostlosen, '.furchtbaren Lage bringen wird. Eine Rede Tr. Tschleuows. (Fm Auszug.) (Schluß.) Wenn lvir von unserem Volke sprechen, dürfen wir einen bleibenden Wesenszug nicht vergessen. Unser Volk weiß, daß die Existenz seiner Bestandteile in den verschiedenen Ländern nur bei einer absoluten und zuverlässigenLoyalität den Landesinteressen gegenüber denkbar ist. Bon diesenr leitenden Grundgedanken, der dem Volke in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird das Judentum niemals und nirgends abgebracht werden. In den Reihen der türkischen Armee stehen jüdische Offiziere und Soldaten, deren Brust die Auszeichnungen schmücken. Das türkische Judentum vergaß nicht, daß die Türkei es war, die, Rlls Spanien unsere Ahnen vertrieben hatte, ihnen gastfreundschastlich ihre Tore geöffnet hat. Wir lehnen daher von vornherein kategorisch jede Möglichkeit eines Vorwurfes der Illoyalität ab. Dieses Gebäude, das wir Stein um Stein im Lande unserer Väter errichten, errichten wir für nieinand anderes als für uns selbst. Nicht um. die Interessen irgend eines anderen Volkes zu fördern, sondern um dem jüdischen heimlosen Volke sein Heim zurückzugeben, das ihm gewaltsam entrissen wurde. Wir glauben aber gleichzeitig, daß die Verwandlung dieser öden und

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