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Neue jüdische Presse · 1917-07-13 · Heft 26 (13.7.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 26 (13.7.1917)
Date
1917-07-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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ST- ■ . V Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreichs Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1, Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. - — " ' .-T- ' ' - Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. r: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. -:==£=*■- Herausgeber: Sali; Heis. Insertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohimngsinserate, Heirats-Annoncen 20 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Aerbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4384. 15. Jahrgang. Freitag, den 23. Tarnus 5677 (13. Juli 1917) Nr. 26 Beräulatzt durch zeitweiligen Papiermangel, men die vorliegende und die Seiden nächft- »geuden Nummern ausnahmsweise nur vier- «ig erscheinen. I Geschäftsstelle I des Frankfurter Israel. Familieublattes. Ir. Paul Rohrbach über die Judeufrage. I Tie „Neue jüd. Nachr." bringen folgende Icußerungen Dr. Paul Rohrbachs,: I Meiner Ueberzeugung nach liegt das entschei- »nde Moment sowohl im jüdischen.als im nicht- »dischen, insbesondere mitteleuropäischen Interesse »rin' cirthälten, daß Rußland beinr Friedensschluß «nötigt werden muß, die rechtliche und tatsäch- «>e Gleichstellung der Juden mit allen übrigen «mvohuern des Reichs zu garantieren. Gegenwärtig ist als Folge der Revolution die Miuder- »rechtigung der Juden in Rußland aufgehoben, «lö ich will nicht bezweifeln, daß es> den Macht- «dcrn oder doch wenigstens den Führern der linken wie Miljukow, Kerenski und den Sozial- »'nokraten ehrlich Damit ist. Schon der rechte «lügel der Kadetten ist aber nicht frei von Antirmitisinus, und dasselbe ist bei den Oktobristen In Fall. Bei den noch weiter rechts stehenden pnteien versteht es sich von selbst. Ausgesprochen »denfeindlich ist ein großer Teil der . russischen tauen: im Wester: und Südwesten, und die Popen inv Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirche sind I-, fast durchweg, ja, sie sind es sogar noch in tmz mittelalterlichem Sinne. Es darf auch nicht vergessen werden, daß Judenverfolgungen in. Rußlange Zeit ein beliebtes Mittel der Behörden pveseu sind, um das Mißvergnügen der Massen p eine Richtung abzulenken, die für die Regierung Imgefährlich war. Es wäre also gar zu optiknstisch, ivollte man alle diese Schwierigkeiten und gefahren als durch den ersten Schwung der Rerelution für immer beseitigt ansehen. Im Gegenleil, Sicherungen sind nottvendig, und wenn irgendpp, so gilt jür die Inden das Wort, in diesem Kriege müßten die Menschlichkeit und die Rechte p schwächeren Völker triumphieren. Nur wird p nicht ganz leicht sein, solche Sicherungen für Pie russischen Staatsbürger jüdischer Nationalität m den Friedensvertrag aufzunehmen, denn sie pürden immerhin ein gewisses Aufsichtsrecht von reiten der übrigen vertragschließenden Mächte beäugen oder ein Recht der Einmischung, falls die Gleichberechtigung verletzt wird. Vielleicht ist die Schwierigkeit doch nicht unibcrwindlich, denn die Verhältnisse werden in iiußland noch dein Kriege.wahrscheinlich in jedem Hille wenig stabil sein und die dauernde Wach- 'nukeit der Nachbarn herausfordern. Wird die Gleichberechtigung der Juden'wirklich durchgesetzt uw erhalten, so ist es klar, daß sie in dem gewaltigen Lande mit seinen zahlreichen, noch unzenügend ansgenützten Möglichkeiten und seinem ausgesprochenen Bedarf nach Kräften, die nicht nur in gewöhnlichem «sinne geschäftstüchtig, sondern auch beweglich und organisatorisch veranlagt sind, su bedeutender: Leistungen berufe:: und ihm sicher icl'i' nützlich sein tverden. Die Hauptsache aber ist, daß, wenn sich den östlichen Juden — denen, die beim Friedensschluß in den dann festzusetzenden Grenzen Rußlands verbleiben wie denen, die etwa nach Polen fallen - - Freiheit des Lebens und Arbeitens in Rußland c öffnet, der sonst sicher zu erwartende Drang r:ach Westei:, namentlich nach Deutschland, nicht aufkommt. Die Judenfrage in Deutschland wird vermutlich durch den Krieg ihren: Ende ein großes Stück nähergebracht werden — in dieser Beziehung möchte ich z. B. ans die Aeußerungen des Botschafters Grasen Bernstoff verweisen, die in der Schrift von Max Simon „Der Weltkrieg und die Judenfrage" jB. G. Teubner, 1916) aus Seite 11 bis 12 wiedergegeben sind und die in folgender Aeußeruirg des.Botschafters gipfelten: „Ich bin fest überzeugt, daß, soweit Deutschland in Betracht komrnt, der Antisemitismus als abgetane Sache betrachtet werden kann."—, würde aber sofort wieder verschärft werden, wenir sich rrach den: Kriege §ine starke Tendenz der Ostjuden zur Abwanderung nach Deutschlaird eirrstellte. Das qllcs würde sich sehr erleichtern, wem: ein.natürliches Gefälle für der: Abfluß der in Poleir und Westrußland zu stark gestauten Juden r:ach Osten stattnach ..Westen hergestellt werden könnte. Tie zweite wichtige Frage ist die, ob eine starke 'Abwanderung der östlichen Juden nach Palästina erstrebt werden soll. Dieses Problem ist, so sehr nran von: allgemein menschlichen und kulturellen Star:dp::nkt n:it den dahirrgehenden Wünschcn der Judenheit sympatisieren muß, .doch ,von: praktisch-politischen Gesichtspunkt aus gesehen schwierig. Es begegnet Schwierigkeiten sowohl wirtschaftlich-geographischer, als auch politischer Natur. Ich gebe nach dem, was ich von den jüdischen Ackerbau-Kolonien irr Palästina kenne, gern zu, daß die Juden, wo sie als Ansiedler auf eigene Füße gestellt worden sind und keine Rothschild'sche oder sonstige Unterstützung erhalten, sich als.gute Kolonisten bewähre::. Sie können sicher in breitem Umfang wieder zu Bauern gemacht werden, wo die Verhältnisse günstig sind. Doch soll man sich nicht verhehlen, daß es schwierig ist, Palästina in absehbarer Zeit der Hauptsache nach mit Juden zu bevölkern, da gleichzeitig das Problem der Unterbringung der halben Million Araber, die jetzt in Palästina leben, gelöst werden müßte. Man kann jedoch immerhin neben der arabischen Bevölkerung noch eine große Zahl jüdischer Kolonisten und Ansiedler nach Palästina bringen, namentlich wenn auch. die Jndustriealisierung des Landes betrieben wird. Während dessen wäre ein friedliches Beieinanderwohnen und Miteinanderarbeiten der Araber und Juden denkbar. Ohne Zweifel brächte die wirtschaftliche Ausschließung Palästinas durch neue jüdische Ansiedler auch der einheimischen arabischen Bevölkerung Vorteile. Das Beispiel der um die jüdischen Kolonien herunrliegenden arabischen Dörfer beweist das zur Genüge. Die politische Schwierigkeit besteht in der .Haltung der türkischen Zentralregierung, die, wie man weiß, der Kolonisation nichtmohammedanischer Elemente mit einer gewissen Vorsicht. im Hinblick auf mögliche separatistische Tendenzen derselben gegenübersteht. Doch halte ich diese Schwierigkeit nicht für so groß, wie die physikalisch-geographische. Die Zuführung neuer Bevölkerungselemente ist für die Türkei eine der dringendsten Notwendigkeiten der Zukunft und sie ist eine der Voraussetzungen für eine machtvolle wirtschaftliche kulturelle und politische Regeneration des Landes. Dabei können den Türken die jüdischen Ansiedler von größtem Nutzen werden, ihre politische Loyalität als selbstverständständlich vorausgesetzt. Nach allen bisherigen Erfahrungen ist an ihr auch , kein Zweifel zu hegen. Tie Türkei ist durch alle Jahrhunderte hindurch für die Juden aller Länder eine Zufluchtsstätte gewesen, die sie auch in den Zeiten der schlimmsten Judenverfolgungen mit Wohlwollen und Toleranz behandelt hat, und es würde ihr auf die Dauer nur nützen, auch in Zukunft von dieser ihrer Haltung nicht abzuweichen. . Deutschland als Verbündeter der Türkei, der alles Interesse an einer schnellen und starken Regenerierung derselben hat, hat allen Grund, jüdische Einigralions- und KolonisationsbestrebungLN unter dem Gesichtspunkt zu begrüßen, daß sie für die wirtschaftliche .Hebung der Türkei nützlich werden. Insofern können die palästinensischen Bestrebuugen der Juden in der breiten deutschen Oeffentlichkeit alle Sympathien finden. Mir .scheint, daß von diesen Gesichtspunkren aus die palästinensischen Bestrebungen der Judenheit von Mitteleuropa aus mehr zu erwarten haben als von der Entente, wenn auch verschiedene Zeitungen und Politiker dieser Seite gerade in letzter Zeit den Juden in dieser Hinsicht große Versprechungen nmchen. Ich glaube nicht, daß ein Sieg der Entente und eine Austeilung der Türkei, die Palästina in den Machtbereich Englands oder Frankreichs bringen würde, den jüdischen Interessen dienlich sein könnte. Diese haben von der Realisierung der imperialistischen Ideen Englands, die auf die Gründung eines großen mohammedanischen Reiches von Aegypten bis Indien hin tendieren, nichts für sich zu erwarte::. Palästina als englischer Besitz würde nur den Platz, für die endgültige Austragung des Kampfes um die Beseitigung der englischen Weltherrschaft abgeben. Bleibt hingegen Palästina türkisch, und bleibt die Türkei. in der politischen Konstellation, in der sie heute steht, so scheint mir die Möglichkeit einer systematischen und ruhigen Realisierung der palästinensischen Wünsche des jüdischen Volkes unter dem Banner der Türkei und auf der Grundlage vollkonnnener Loyalität der jüdischen Bürger des türkischen Staates vorhanden zu sein. Die Misrachi-Kousereuz in Warschau. Die Konferenz d e s „M i s r a ch i", die vom 2. bis ö. Juli in W a r s ch a u getagt hat,, bedeutet einen erfreulichen Schritt nach vorwärts in der Bewegung. Ter „Mlsrachi" des Ostens lrat hier zun: ersten Male während des Krieges zufantmeu, um sich über seine Nächstliegenden Ausgaben klar zu werden und die Richtlinien der weiteren Arbeir festzutegen. In den letzten Jahren war in der fortschreitenden Entwicklung des „Mlsrachi" leider ein Stillstand eingetreten. Tie Tatenlosigkeit herrschte vor, der Erfolg entsprach dem geringen Kraftaufgebot. Die Ursachen lagen auf verschiedenem Gebiete. Vollends der Krieg legte die Arbeit des „Misrachi" gänzlich nieder. In den kriegführenden Ländern war eine kraftvolle Tätigkeit von vornherein ausgeschlossen. Anders in Amerika, wo die „Misrachi"-Jdeen Schritt für schritt Raum gewannen, eine Erscheinung, die insbesondere den umsichtigen Führern, wie Rabbi Meir Berlin, zu danken ist. Doch bald öffnete .sich ein a:ck>eres Arbeitsgebiet: die besetzten Gebiete. Dort boten sich dem „Misrachi" breite Aussichten: ist doch jener Boden für die Ausnahme der misrachistischen Ideen wie geschaffen. Tie ersten zweieinhalb Jahre aber blieb der „Misrachi" noch immer tatenlos. Tann aber, in den letzren Monaten, begann die Bewegung stärkere Wellen zu schlagen. Eine Reihe Vereine wurden gegründet, Anhänger, darunter angesehene

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