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Neue jüdische Presse · 1917-07-06 · Heft 25 (6.7.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 25 (6.7.1917)
Date
1917-07-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nachdem durch die russische Revolution die -Gleichberechtigung der russischen Judenheit verkündet worden ist, ist Rumänien heute das! einzige Land, in dem diese elementarste Forderung des jüdischen Volkes noch nicht - verwirklicht ist.. Rumänien bildet schon seit einigen Jahrzehnten 'den dunkelsten Punkt in dem jüdischen Leben der . - Gegenwart; es -ist bas Land, das seine jüdischen Untertanen entwürdigender und brutaler behandelt als andere; selbst in den schlimmsten Zeiten 'deS russischen Zarismus, war' die Lage der russischen Judenheit besser als die der rumänischen. Durch jene ebenso niederträchtige wie verlogene Art der staatsrechtlichen Bezeichnung der Juden -als „Fremde" hat Rumänien nicht nur die Bestimmung des Berliner Vertrags, die den Juden die Gleichberechtigung gewährleistete, umgangen, sondeni dadurch die Lage seiner jüdischen Untertanen schlechthin haltlos und jeder Willkür .preisgegeben gestaltet. Es ist bekannt, durch welche' unehrlichen. Methoden die rumänische Regierung dann stets von neuem versucht hat, sich ihrer moralichen Pflicht den Juden gegenüber zuentziehen, und wie sie zuletzt noch im letzten, Balkankrieg ihr feierliches Versprechen, allen jüdischen Soldaten die vollen Bürgerrechte zu verleihen, schnöde gebrochen hat. Solange die russische Judenfrage existierte, trat ganz naturgemäß die rumänische an Umfang und Bedeuturig dahinter zurück. Nun aber, da das russische Judentum seine Emanzipation feiern darf,, wird die Lage der rumänischen Judenheit zu einer brennenden Frage der jüdischen Gegenwart, muß sie als eine, dauernde Beleidigung des gesamten jüdischen Volkes empfunden werden, als . die schlimmste Beleidigung, die uns heute : von irgend einer Regierung dauernd angetan wird, und muß das gesamte Judentum mit aller Energie auf eine Beseitigung dieses schmachvollen Zustandes hinwirken. - Es gewinnt auch den Anschein, als ob schon der Anfang vom Ende der rumänischen Judenfrage gekommen sei. Die Niederlagen, die Rumänien in diesem Kriege erlitten hat, beginnen auch dort allmählich zu wirken, wie die russischen Niederlagen in Rußland gewirkt haben; Das Land befindet sich in revolutionärer Gärung. Der. mächtige Eindruck der russischen Revolution hat diese Gärung noch sehr verstärkt, und seit einiger Zeit bereits gelangen aus Jassy, dev.i Sitze der rumänischen Regierung, Nachrichten von Bauernunruhen und Heftigen politischen Kämpfen; und schon hat chie Regierung eine baldige Demokratisierung des Landes in Aussicht stellen müssen.' Denn analog des zaristischen Rußland herrscht auch in Rumänien bis heüte die Reaktion, und nirgendwo ist die rechtliche, politische und ökonomische Lage des Bauern ungünstiger als dort. Hand in Hand mit dieser beginnenden Denrokratisierung des Landes geht nun auch der Prozeß einer Revision der jüdischen Lage; Allerdings ist noch .nichts Definitives erfolgt, und wenn es vorn Willenoer gegenwärtigen rumänischen Machthaber abhistge, so würde auch wohl in Zukunft sehr iverng nur. oder nichts geschehen. Aber der Zwang der Zeit-erweist sich auch hier stärker üs der Widerstand kurzsichtiger Reaktionäre, und so sieht sich die Regierung gezwungen, ihren jüdischen Untertanen Versprechungen auf baldige .Gleichstellung zu Machen. Einen mächtigen Bundechgemjsen Hat das rumänische. Judentum hierbei an der russischen Regierung und vor allem an der russischen Demokratie, wie sie im Arbeiter- und Soldatenrat ihre Vertretung hat, gefunden, die auf Rumänien einen starken Druck zur baldigen Aushebung der Judengesetzgebung ausübt. Wie wirksam dieser Druck ist, und wie notwendig er auch angesichts des Widerstrebens der rumänischen Regierung ist, geht aus folgenden Nachrichten über digse Frage hervor, die jüngst - russische Blätter mitgeteilt haben: „In derselben Zeit, wo für das russische Judentum die Freiheit kam, feiert im benachbarten, nichtbesetzten Rumänien der wildeste Antisemitismus wahre Orgien. Der Deputiertenrat der Arbeiter und. Soldaten in Petersburg erhielt von der rumänischen Front ausführliche Angaben über Mißhandlrmgen der Juden durch rumänische Militäritnd Zivilbehördcn nnd von dem Versuch einiger rumänischer antisemitischer Professorenzwischen den russischen Truppen eine Judenhetze hervorzurusen. Die Ausschreitungen nahmen schließlich so arge Formen an, daß der frühere russische Minister . des Lleußern, Miljukow, intervenieren mußte: er veranlaßte in den setzten Tagen seines Amtes eine telegraphische Anfrage bei dem russischen Gesandten - in Jassy, Poklewsky Kosell, um einen authentischen Bericht über die antisemitischen Vorgänge in Rumänien zu erhalten. Mitte Mai traf der Bericht des genannten Gesandten' ein, in. dem ausgeführt wird, daß gegen die rumänischen Juden von Seiten verschiedener Behörden Gewalttaten verübt wurden, namentlich in der Zeit des Rückzuges der rumänischen Armee. Der gegenwärtige russische Minister deS Aeüßern, Terestschenko, hat im Aufträge der Provisorischen Regierung sofort die rumänische Regierung wissen lassen, daß die russische Regierung es nicht dulden könne, daß im bundesgenössischen Rumänien die Juden außerhalb des Gesetzes gestellt werden und" daß er bedauere, daß die russi- Regicruug auf das Empfinden der erneuerten russischen Demokratie so wenig Rücksicht nehme. Zum Schlüsse erklärt die russische Regierung, daß sie den Versuch der Entwicklung einer Judenhetze unter den russischen Truppen hart an der rumänischen Grenze unter allen Umständen unmöglich machen wird,, da fie darin die Gefahr der Entstehung von dunklen Mächten und einer Contre-Revolution erblicke. Das Eingreifen der russischen Regierung scheint auf die Regierung in Jassy Eindruck gemacht zu haben. Die rumänische Regierung hat unverzüglich der russischen Regierung eine Note zugestellt, in der eine günstige Lösung der Judenftage in naher Zukunft in Aussicht gestellt, wird. Herr Bratianu selber eilte sofort nach Petrograd, um die Presse zu beruhigen. ÄuArdem entsandte die rumänische Regierung einen Emissär, einen gewissen Dr. Lupu, der im Arbeiter- und Soldatenrat einen „beruhigenden" Bericht über die Lage der Juden in Rumänien gab und erklärte, die rumänische Regierung werde allen Juden, die sich an dem gegenwärtigen Kriege beteiligen, die volle Gleichberechtigung erteilen, 'Der Vorsitzende des Arbeiterats, Tscheidse, erklärte jedoch, daß die russische Demokratie für solche bedingten Privilegien keilt Verständnis habe und schlug eine sehr scharfe Resolution vor, die vom Arbeiterrat angenommen würde. Hierauf erklärte der Emissär, daß schon beim Beginn der nächsten. Parlamentchierhandlungen in Jassy „die Judenftage zur Verhandlung konrmen würde." >: Nr. 25 Man ersieht aus diesen Mitteilungen, >vie sehr sich noch die rumänische Regierung dagegen sträubt, die jüdische Gleichberechtigung durchzuführen. Daß sie früher oder später dazu gezwungen sein wird, darf schon heute als sicher gelten. Aber nöttg ist es, daß das gesamte Judentum darauf mit aller Energie hiwoirkt und vor allem durch dauernde Aufklärung der öffentlichen Meinung aller Länder über die gegenwärtige, den elerneittarsten Forderungen der Menschlichkeit hohnsprechende Lage der rumänischen Juden den moratischeir Zwang für die rumänischen Machthaber verstärkt. Aber auch dann, wenn dieser Zwang seine Wirkung getan haben und hie rumänisch Regierung zur Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung veranlaßt haben wird, wird höchste Aufmerksamkeit noch nötig sein, damit sich nicht das betrügerische Spiel der Zeit nach dem Berliner Kongreß wiederhole und die formelle Erklärung diesmal auch faktisch realisiert werde. ' Für das deutsche Judentum hat die rumänische Judenftage jetzt ganz besondere Bedeutung, da ja der größere Teil des Landes von den Zentralmächte okkupiert und damit auch das Schicksal 'eines erheblichen Teiles der rumänischen Judenheit augenblicklich in die Hände der Mittelmächte gelegt ist. Es wäre vom allgemein humanen. und auch vom politischen Standpunkt sehr zu wünschen, daß Deutschland diese Situation nicht ungenutzt läßt, sondern den Juden der von' ihm . okkupierten rumänischen Gebiete die Gleichberechtigung erteilt; es. würde damit nur eine ihm auferlegte moralische und völkerrechtliche Pflicht als Signaturmacht des Berliner Kongresses erfüllen und zugleich in den weitesten Kreisen des neutralen Auslandes eine» sehr, günstigen Eindruck machen. Eine solche Erklärung Deutschland würden auch aus die rumänische Regierung natürlich nicht ohne Wirkung bleiben können und den Prozetz, der Emanzipation des gesamten rumänischen Judentums sehr beschleunigen. Daß aber, so oder jo, diese Emanzipation kommen und der Weltkrieg auch hier eine dauernde Besserung in der Lage deÄ jüdischen Volkes herbeiführen wird, darf heute schon als sicher angenommen werden. Unsere Aufgabe ist es nun, die Herbeiführung der Emanzipation der rumänischen Judenheit durch enegische Vertretung dieser Forderung in der breitesten Oefsentlichkeit zu beschleunigen und für ihre konkrete, faktische und volle Realisierung Sorge zu tragen. JüSische Wohltätigkeit. Wie stark noch daZ jüdische Herz schlägt und das Gemeinsamkeitsbewußtsein besteht, erhellt dev Bericht, den Dr. Artur Kuranda auf . der Generalversammlung der österreichischen Israel. Allianz erstattete. Cr führte nämlich u. a. „Der überaus strenge Winter hat die Maßnahmen zum Schutze der von den Fotzen des Krieges bettoffenen ärmsten jüdischen Bevölkerung in den Flüchtlingslagern, in ganz Galizien und in den von Unseren Truppen okkupierten Gebieten Russisch-Polens vor Hunger und, Kälte immer schwieriger gestattet. Dem unermeUichen Jammer gegenüber war uns glücklicherweise bei unserer Hilfstatigkeit die Hochherzigkeit unserer Glaubensgenossen in den neutralen Ländern ein mächtiger Stützpunkt. .Wetteifernd mit der NoH imd gleiche dieser stetzend, gewährten «ns insbesondere di«;

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