Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 24 (29.6.1917)
- Date
- 1917-06-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 24. Seite 5. 19. Noch einmal machte die Karamanc halt; noch einmal wendeten sich die Verbannten um und warfen einen letzten Blick auf die Vaterstadt, die sie nie mehr erblicken sollten. Dort hatten sie alles-zurückgelassen, was ihnen, im Leben teuer war: die herrlichen Gotteshäuser, wo sie in brünstigem Gebet ihre Seelen auszugießen pflegten, die Lehrhäusrr, wo sie oft andächtig den Worten ihrer Weisen gelauscht, die Gräber, wo die teuren 'Gebeine Iber Vorfahren schlummerten. Es war ein feierlicher, erhebender Anblick. So weit das -Auge reichte, sah man Tausende der Ausgewiesenen, jeder trug ein Bündel auf den Schultern; die meisten gingen zu Fuß, wenige nur ritten zu Pferd oder fuhren auf Wagen. Viele trugen Bücher, oder Thorarollen in Teppiche gehüllt, andere — Grabsteine, die sie mitgenommen. Was ist der ganze Besitz dieses Volles, wenn nicht die Denkmäler der Vergangenheit und die Bücher, wo seine Zukunft ruht?! Je mehr Miguel dieses Schauspiel betrachtete, desto Imehr wurde seine Seele voll feierlicher Gedanken und lerhebender Gefühle. Eine stille, ruhevolle/ kräftigende pttfagung senkte sich in sein wundes Herz und gewährte »hm Labung. ° I Auch er wandte sich üm und sendete einen Blick in «ie verlassene Stadt. Was hat er dort zurückgelassen? Dein Leben, das alte, gestorbene Leben; jetzt will er rin neues beginnen.... I Und die Erinnerung an den Augenblick der Trennung drängte sich empor, aber Miguel kämpfte sie nieder ■ «nt Macht. Das Bewußtsein, auch ein Verbannter zu lein, erhob ihn in seinen eigenen Augen. Er durste stolz Luf seinen Sieg sein; mit einem so süßen und geliebten Wegner hatte er sich, gemessen -und war nicht unterlegen .... I Aber jeden Augenblick kehrten die Erinnerungen |it Clara und das Vaterland wieder. — Also für immer hat er sich von beiden losgesagt...... Claras Dränen verfolgten ihn und ihre Klage klang wieder «. seinen Ohren irttb es war ihm unendlich Iveh zu «tute. Er erhob die Augen zum Himmel und sah die lerrliche Sonne, die wundervolle Landschaft — wie Ich wer ist doch die Scheidung! Wo in aller Welt findet »ch ein zweiter so herrlicher Himmel, wo solche blaue Berge und das süße Geflüster des sanft rieselnden Duadalquivir? I Was wird Claras Los sein? Sie wird früh ver- «clken, wie eine geknickte Blume, denn ihn vergessen «ird sie nicht! Auch das Land wird hinwelkcn, ver- «immern! ... I „Aber," durchzuckte ihn ein Gedanke, „wenn mein «ater und mein Onkel jetzt von den 'Höhen ans mich »crabblicken — sie können zufrieden sein. Nein, ich bin licht zum Verräter geworden, ich habe mit meinem Rerzblut die Treue besiegelt!" I Und sein Gedanke flog Hin zu Emilia. Auch sie lat er verloren! Wenn sie wüßte, daß er jetzt unter Im Emigranten sich befindet! . . . R Er fühlte sich so einsam, so unendlich verlassen, Ihne Clara und ohne Emilia... es war ihm un- Iidlich bitter, so einsam zu sein, nach so vieler.'Liebe. » „Wo mag sie jetzt sein? Unter den Auswanderern Gewiß, aber wo? Wie glücklich wäre er sie wieder- Risinden!" I Plötzlich erhob er den -Blick und bemerkte von der Rerne einen gebückten Greis, der sich kaum fortbewegic. Im Arme eines jungen, verschleierten Mädchens gestützt. iJch will dem Greis mim Pferd abtrcten und selbst V Fuß gehen!" dachte er. Er brach sich durch die Menge «ahn, um zu der Gruppe zu gelangen, und wie er in Re Nähe kam, bemerkte er, daß es Emilia war! I Freudestrahlend sprang er vom Pferde und schritt Rif sie zu. Aber Emilia Ivartcte nicht ab, sondern warf Ich an seinen Hals und rief freudetrunken: R „Miguel, Miguel, mein Bruder! Oh, wie glücklich » ich!"' ■ Miguel blieb wie versteinert; einen Moment war » sprachlos, denn rfcf er aus: R „Emilia, bist du meine vermißte Schwester? finde « dich wieder, in dieser Stunde?" R „Laß uns zum Großväter hin, und du wirst alles «rat!" 1 „Vater," rief das Mädchen mit von Tränen cr- Rckter Stimme, „hier ist Miguel San-Salvador." R Der Greis umarmte ihn mit seinen zitternden »ndeir und sagte: „Du bist also Miguel, der Sohn «ines Christobal, gegen den ich so schwer gesündigt Rbe! Auch deine arme Schwester hat viel meinethalben Ritten. Aber ich habe auch für meine Sünden - schwer Müßt, und Gott wird mir verziehen! Ich hatte dir Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Schwester gestohlen, aber nun empfange sie aus Meiner Hand wieder und vergib mir!" „Vergeben?" entgenete Miguel bewegt, „ich danke Dir, edler Greis, für den Schatz, den du mir schenkst!" Er uinarnlte und küßte Emilia wiederholt! Sie ließen den Greis das Pferd besteigen, und selbst schritten sie in Gedanken versunken bei einander. Miguel brach zuerst das Schweigen. „Also ich sehe dich wieder, Emilia, und zwar finde ich meine Schwester, wo ich die Freundin verloren zu haben wähnte." „Auch ich verzweifelte, dich je wieder zu sehen!" „Wie kommst du aber nach Toledo?" „Es ivar so," erzählte Emilia. ^Einige Wochen nach deiner Abreise genas mein Großvater: ich erzählte ihm, was ich von dir wußte; denke dir aber meine Freude und meinen Kummer, als er mir sagte: „Weißt. du Emilia, wer dieser junge Miguel war? Kein anderer als dein Bruder, denn du bist Christobal San-Salvadors Tochter, seine früh gestohlene Tochter!" Ich war unendlich beglückt, einen Bruder zu haben, aber dein Entschluß, im Lande zu bleiben und eine Christin zu heiraten, kränkte mich 'tief in der Seele. Wir beschlossen, nach Toledo zu gehen, um dich aufzuftichen. Ich wollte dir von unserer Verwandschaft erzählen, und dachte, wenn du das fremde Mädchen verlassen konntest, so wirst du vielleicht nicht das Herz haben, dich von deiner Schwester zu trennen. In Toledo erfuhren wir' jedoch zu unserer Bestürzung, daß du mit dem Heere nach Granada gegangen warst; dorthin fürchteten wir dir zu folgen, da dort der Valladolidaner die Bekehrung der Juden betreibt; auch konnte der Großvater eine so weite Reise nicht machen. Wir blieben also in Toledo, um deine Wiederkehr abzuwarten, und als ich heute in deiner Wohnung nachfvagte und dich nicht fand, verzweifelte ich schon, meinen Bruder wiederzusehen. Wie glücklich bin ich nun, dich wiedergefunden zu haben." „Siehst du, Emilia, daß ich meiner Religion treu geblieben bin. Heute, morgens, kehrte ich nach Toledo zurück und eilte sofort zu Clara. Es hat mir einen schweren. Kampf gekostet. . . aber ich hab's doch vollbracht. Nun soll mir die Schwester die Geliebte ersetzen und meine Religion mich über das verlorene Vaterland trösten." . (Schluß folgt.) Literarische Chronik. : Ter neue Orient. Halbmonatsschrift für das politische, wirtschaftliche und geistige Leben im gesamten Osten. Berlin W. 50. Inhalt: Politische Rundschau im Osten. — Türkisches Leben (Schräder). — Deutsche Frauenarbeit in der Türkei (Grunwald). — Die Einfuhr asiatischer Arbeiter in Rußland und der altruss. Kongreß der Organisationen des Rats der Arbeiter- und Soldatendeputierten. — Ein Kenner Indiens. — Sun Dat-sen an Lloyd George. — Die externtor. Rechte der Deutschen in China (Dewall). — Kurze Nachrichten aus 'den Ländern des Orients. — Wirtschaftlicher Teil (Seite 193 bis'209). — Kultur- und Geistesleben im Orient (Seite 210 bis 223). — Urkunden, Beilagen. Bertüold Anerbach. In „Nur Erinnerungen" von .Paul Lindau, 1. Band, Seite 265 lesen wir: „Ter gemütvolle, sinnig-weise Schwabe Auerbach, mit dem mächtigen Schädel auf der gedrungenen kräftigen Gestalt, der leuchtenden hohen Stirn und den großen blauen Augen, schon damals' mit den Allüren eines' literarischen Patriarchen, strahlte zu jener Zeit im goldigsten Glanze seines Ruhmes, der viel schneller, als wir Mitlebenden glaubten, dem grausamen Naturgesetz der Vergänglichkeit verfallen ist. Dermalen, in seinen besten Jahren, wie noch später, bis kurz vor seinem Tode, und wie überall so auch in Rodenbergs engem Stübchen, war er bald der Mittelpunkt des Streifes. In hohem Grade war ihm die Gabe zu eigen, die gewöhnliche Unterhaltung auf ein weiteres interessantes Gebiet hinaus- und zu einer gewissen Höhe hinaufzuführen. Er sprach gut!nnd llug und liebte es, in seinen Vortrag Sentenzen einzustreuen, 'die auf seine andächtigen Hörer wie tiefsinnige Weisheitssprüche wirkten. Er hörte sich gern sprechen, und seine naive Freude an sich, die er mit einer den 'Spott entwaffnenden Offenherzigkeit zur Schau trug, zeigte sich auch in seinen Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die sich willig von ihni um einige Semester zurückversetzen ließen und zu den Füßen des Meisters seinem Kolleg ex cathedra lauschten. Bei Rodenberg war's also das erstemal, daß ich ihn so reden hörte, und ich entsinne mich seiner Worte 'noch sehr genau. Er meinte, die wahre Größe des Dichters bekunde sich vor allem darin, daß er Gestalten geschaffen habe, die national typisch geworden seien. Und er exemplifizierte: Schiller habe den dichterischen Typus hes 'deutschen Jünglings für alle Zeiten festgestellt: Ferdinand, Don: Carlos, Max Piccolomini: Goethe das deutsche BürgermäLchdn: Gretchen und Klärchen. „Ja . . Er machte eine Kunstpause. „Und seitdem." fuhr er lächelnd und behäbig fort, „seitdem haben wir eigentlich nur noch einen repräsentativen Typus deutscher Dichtung: das Mädchen vom Lande, das Dvrflind — Lorla, Barfüßele..." . > Er freute sich ehrlich feiner Schöpfung, unbefangen und unverhohlen. Keiner von uns mochte ihm die sonnig kindliche Freude an sich und seinem Genius verargen: wir freuten' uns lieber mit ihm." - Die Agnna-Gcsetze (Bestimmungen über die Wiederverheiratung der Witwen von Verschollenen) von Tr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. 60 Psg. Frankfurt a. M., Kommissionsverlag von I. Kansfmann. „Man versteht unter einer Aguna eine Frau, .der die Wiederverheiratung verwehrt ist, well sie über den Verbleib ihres ManneZ keine sichere Nachricht erlangen kann und deshalb nicht weiß, ob er noch am Leben ist odev nicht. Es handelt sich bei der Erörterung der Aguna- Fragen um einen Ausgleich zwischen zwei wichtigen Prinzipien des jüdischen Gesetzes. Aus der einen Seite muß die Reinheit und Helligkeit der Ehe aufs strengste gewahrt werden, und es kann deshalb eine Wiederverhmratung der Frau nur dann gestattet werden, wenn der Tod des Mannes zweifelsfrei festgestellt ist. Andererseits aber liegt es in der-Tendenz der Thora, den Menschen das .Leben nicht durch unnötige Härten zu erschweren, und es-soll deshalb nach Möglichkeit vermieden werden, daß eine junge Frau ihr Leben einsam vertrauern muß. .Eine Bestimmung, daß jemand durch Richterspruch für tot erllärt wird, ist nach dem biblischtalmndischen Gesetz nicht denkbar: die Tatsache des Todes muß immer durch untrügliche Beweise festgestellt werden. Bei der Führung des: Beweist selbst hüt. man jedoch im Hinblick auf das zweite der erwähnten Prinzipien gegenüber der sonstigen Praxis gewisse Milderungen eintreten lassen." Dr. Unna stellt nun die Bestimmungen dar, wie sie sich aus Talmud und Dezisvrcn ergeben, und greift aus den Gutachten, die Agnna-Fragen zum Gegenstand haben, einige charakteristische Fälle heraus, um daran die praktische Behandlung des Problems zu zeigen. ( Das Büchlein ist so leicht verständlich und flüssig geschrieben, daß es auch jedem Laien empfohlen werden kann. Probe aus „Sit teure in hei t", ein Mahnwort an Israels Söhne und Töchter, Väter und Mütter von Rabbiner Dr. Salomon Carleb ach. 100 Seiten. 1917. Lübeck. - „Liebe führte Gatten und Gattin zusammen, Liebe gründet das Haus, die Familie, Liebe stiftet alle zarten und innigen Bande auf Erden. Liebe umschlingt Ellern und Kinder, Brüder - und Schwestern, Herrschaft - und Dienerschaft, Lehrer und Schüler, Bürger und Landleute. Liebe fesselt an die Schälle, an das Geburtshaus, an die Vaterstadt, das Heimatland, an die Laute der Muttersprache. Liebe vererbt den Besitz der Eltern auf die Kinder, ihren irdischen Erwerb und ihren geistigen Besitz; Liebe verknüpft die ältesten Geschlechter mit den spätesten Enkeln. Ter Allvater liebt seine Menschenkinder, und ein Funken dieser göttlichen Liebe verbindet die Menschenherzen, die Menschenfamllie. Nur der in Unrecht Geborene, er, er allein entbehrt die Liebe! Er hat keinen Vater (höchst selten eine liebende, zärtliche Mutter); er hat keinen treuen Bruder, keine sorgsame Schwester; kein trautes Vaterhaus; er ist losgerissen von allen herzlichen -Banden, die seine Menschenbrüder umschlingen; er ist hinaus ge stoßen unter fremde, kalte Menschen; er ist behaftet mit unverdienter Schande, mit nnvertilgbarem Mckkl; er wird gemieden, sieht sich ausgeschlossen aus allen Kreisen, als Kind, als Gespiele, Äs Jüngling und im späteren Leben. Die Lieblosigkeit verfolgt ihn sein Leben lang. Und der allgevechte Gott sollte denjenigen nicht heimsnchen. Der solchen Jammer verursacht hat, nicht heimsuchen im Leben, im Sterben und nach dein Tode? Gott ist herecht, er bestraft Maß um Matz! Je größer das Verdienst ist dessen, der den Willen Gottes erfüllt, um so schlimmer muß das' Verbrechen sein,, das dem Willen des Weltenschöpfers entgegengesetzt ist. Wenn also die reine Liebe, die Hansesgrnndung nach göttlicher Weisung, die erste und größte aller Tugenden ist, dann muß die verbotene, die unreine Liebe die schlimmste Sünde sein. ' Das zeigt sich auch bin der irdischen Strafe, mit der Gottes Richterarm so manchen Lüsternen heimsucht, bei der Krankheit, der sich jeder Unreine anssetzt und die — wenn auch nicht in ihren schlimmsten Aeußerungen. — hinter diesen Leichtsinnigen verbreiteter sein soll, als man allgemein glaubt. Die Krankheit ist bekannt unter ihrem ftemdsprachigen Namen, und sie richtet bei dem von ihr befallenen Unglücklichen die entsetzlichsten Verheerungen an, die man sich denstn kamr. Es gibt keine andere Krankheit, die in solch abscheuerrcgender, ekelhafter, entstellender Weist: den Bedauernswerten auch äußerlich kennzeichnet, wie diese. Es ist, als wollte Gott durch diese Krankheit dem Sünder zurusen: Du hast den Namen Gottes endweiht im Geheimen, deshalb sollst Du gezüchttgt werden öffentliche vor Aller Augen. Du hast Deine Menschenwürde mit Füßen getreten. Dich unter das Tier erniedrigt, deshalb soll Dein Angesicht, der äußere Ausdruck Deines Menschenadels, der Spiegel Deiner Menschenseele verlustig gehen seiner edlen Formenschönheit und anstveisem die Spuren Deiner Selbsterniedrigung. Du hast Dich entzogen dem Wesen, das auf Deine Liebe Anspruch hatte, und hast ihr Schaden zugefügt, fortwirkend bis in die fernsten Zeiten. Deshalb soll Deine Krankheit erblich belasten Deine von Dir anerkannten Nachkommen und das Schuldbewußtsein Dich bedrücken, die Zukunft Deiner 'Lieblinge-, bis in die fernsten Zetten vergiftet zu haben. Der amtlichen Kunst gelingt tzs pst, dem Fottschreiten der furchtbaren Krankheit Hall zu gebieten und den vom der Ansteckung Ergriffenen vor der Schande zu bewahren^ daß seine Krankheit auch äußerlich sichtbar werte Wer die innere Schädigung bleibt in den meisten FällenAur^ eine zerrüttete Gesundheit ist die Strafe Fast aller, die-nicht; enthaltsam leben. Die Vorsehung weiß es, warum fkedwjetr härter, jenen milder straft. Gottes Gnade, nicht Den» Verdienst ist les, wenn Deine Ausschweifung nicht mitz