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Neue jüdische Presse · 1917-06-22 · Heft 23 (22.6.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 23 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Juni 1917; Nr. m Das jüdische Ratioualbewutztsein. 9 Langsam dringt bei den Völkern die Erkenntnis durch, daß das jüdische Volk eine nationale Einheit darstellt. Die infolge der Assimilation entstandene Bewertung des Judentums als bloße Religion hat durch' die großen Weltgeschehnisse — infolge Erscheinungen sowohl in der Judenheit als auch im gesamten Völkerleben — den Todesstoß erfahren. Das unzerstörbare Solidaritätsgefühl, das dieeinzelnen jüdischen Volksglieder an den Tag gelegt haben, hat die Nationen, ob willig oder nicht, der.Anerkennung auch der Juden als Nation.nähergebracht. Aber damit allein war es nicht getan. Es mußte die Aufklärung über die jüdischen Wünsche und Forderungen einsetzen. Das war aber nur durch positive Tatsachen möglich. Die Judenheit Amerikas verstund sogleich die Bedeutung ihrer Rolle: sie organisierte sich zu einer geschlossenen Körperschaft, sie berief einen Kongreß — alles auf nationaler Grundlage — zur Aufstellung eines nationalen Programms. Ebenso die Judenheit des eben befreiten Rußland: unter Voraussetzung eines nationalen Willens des jüdischen Volkes faßt sie sich zusammen, rüstet sich für den nahenden Zeitpunkt, da über Geschicke und Zukunft der Völker entschieden »»erden wird. Unter , den Juden der anderen Länder beginnen sich ebenfalls derartige Bestrebungen geltend zu machen. Das größte Verdienst hat hierbei die zionistische Bewegung, die es verstand, das schlummiernde - Nationalvewußtsein der jüdischen Massen zu erwecken.- Wie es in.Amerika Zionisten waren, ,die den Kongreßgedanken , anregten und dann kraftvoll an seiner Verwirklichung mitarbeiteten, so in Rußland, so in Oesterreich. Dort nähern sich die verschiedenen Parteien dem Helsingsorser Programm der Zionisten (nationale Autonomie in der Diaspora wie in Palästina) — der assimilatorisch angehauchte ^,Bund" sieht sich zur Forderung einer national-kulturellen Autonomie . genötigt —, hier erweckt eine zionistische Zeitung den Plan eines österreichisch-jüdischen Kongresses. Führende Männerwie Senator Winawer, Grusenberg. ^nd letztens I. Schiff bekennen sich zum Nationalismus. Den zionistischen Führern gebührt das .Lob: sie sind unermüdlich für . die nationale Sache tätig — mit großem Erfolg. Me positiven Wirkungen bleiben nicht aus. Die französischen Sozialisten setzen in ihr Programm für die Konferenz in Stockholm das Selbstbestimmungsrecht der Juden. Die. sozialistischen Poale-Zion werden von der .Internationale zur Beteiligung an der Konferenz aufgefordert: damit hat sich die Internationale, die sich stets die Juden als Nation cürzusehen sträubte, von diesem Standpunkt losgesagt. Das sind bedeutsame Fortschritte, über die wir uns recht freuen dürfen. Der Sozialismus, der in Europa immer mehr Macht gewinnt, kann uns, wenn wir in ihm Stütze finden, einen starken Rückhalt geben. Haben wir Juden nun unser Pflicht genügt? Die Antwort gibt uns die amtliche Erklärung der russischen Regierung, die wir in unserer vorigen Nummer zum Abdruck brachten: „Dem jüdischen Volke ist es Übermasse n, nach Belieben zu bestimmen, ob es sich als eine konfessionelle Einheit ' oder Nationalität »> betrachten muß." . - ' Wie könnte uns das Gebot der Stunde eindringlicher zu Gemüte geführt werden als durch diese Worte? Jedem von uns muß es klar sein, daß die Zukunft unseres Volkes in unseren Händen liegt. Es ist an uns, fest, und deutlich unseren Willen kundzugeben, unserem nationalen Streben zum Ausdruck zu verhelfen. Der Zeitpunkt ist. günstig, die Entscheidung naht. Verstärkt gilt der Ruf: „Schart Euch enger um Euer Volk zusammen, gebt E u r e u Willen kund, bekennt Euch zu dem, was Ihr seid, zur Nation! . » ben Jephune. Uuiversitätsstatistrk. Geheimrat Professor Dr. v. Schmoller, Ordinarius der .Nationalökmwmie an der Berliner Universität, hat Ende vorigen Jahres .in dem von ihrü heraus,gegebenen Jahrbuch in einem Aufsatz „Obrigkeitsstaat und Volksstaat" über die Juden folgendes gesagt: „Wie rasch haben die jüdischen Privatdozenten, und Professoren zugenommen, wie rasch haben die Juden es erreicht, daß an einzelnen Kliniken jahrelang nur jüdische Assistenten angestellt wurden, wie bewahrheitete sich in manchen Fakultäten die Prophezeiung, daß der erste jüdische Ordinarius in 10 Jahren 8 und mehr andere Juden nach sich ziehe. Die Benachteiligung der Juden im preußischen Staatsleben ist heute fast schon dem Verschwinden nahe uud macht bereits dem Gegenteil da und dort Platz." Auf Grund der Personälverzeichnisse der deutschen Universitäten vom Wintersemester 1916 bis 1917 sind die Verhältnisse von neuem festgestellt worden. Da hat sich nun folgendes ergeben: An den 21 deutschen Universitäten, die reine Staats instittlte sind, waren 1265 ordentliche Professoren tätig. Davon waren 13, d. h. 1 Prozent, Juden. Die Verhältnisse haben sich also für die jüdischen Universitätslehrer in sechs Jahren um 60 Prozent verschlechtert. Welche Illustration zu der von Herrn v. Schmoller gestellten Prognosel Wenn man andererseits die absolute Gesamtzahl der jüdischen Ordinarien in Deutschland von 1910 mit 1916 vergleicht, so fst sie von 25 aus 13 gesunken, also auch von diesem Gesichtspunkt aus eine Verschlechterung von mehr als 50 Prozent. Es soll nicht geleugnet werden, daß hierbei Zufälligkeiten eine gewisse Rolle spielen mögen, aber die Höhe des Rückganges ist so beträchtlich, daß sie nicht lediglich Zufall sein kann, sondern ein bewußtes' Wollen erkennen läßt. Die Tatsache des Rückganges allein zeigt schon, wie oberflächlich Herr v. Schmoller seine Behauptung hingeworfen hat, ohne die Verhältnisse einer Prüftmg für wert zu erachten, etwa so, wie sonst nur Ungebildete bisweilen eine Behauptung aufstelten, nur um damit Sensation zu machen. Nach diesen aUgemeinen Feststellungen möchten wir aus der von uns ermittelten -Statistik noch einige besonders, interessante Tatsachen hervorheben. .Von den 21 deutschen Universitäten haben 11 überhaupt keine ordentlichen jüdischen Professoren. Von den 9, die solche haben, sind München Mit 3, Bonn mit 2, alle übrigen nur mit je einem vertreten. Eine einzige Ausnahme, die in der obigen Statistik nicht.mitgerechnet ist, bildet die neugegründete Universität Frankfurt a. M., wo sich unter 53 ordentlichen Professoren sechs jüdische befinden. Das erklärt sich aber hiev dadurch, daß diese. Universität die einzige in Deutschland ist, welche stistungsgemäß auf anderer Grundlage aufgebaut ist, als alle übrigen deutschen Hochschulen, das heißt die Stadt hat bei der Besetzung der ordentlichen Professuren das Vorschlagsrecht. Was nun die Klinik-Assistenren betrifft, so sind von 1103 Assistenten der medizinischen Institute an den deutschen Universitäten nur 83, d. h. 7,2 Prozent, jüdisch. Es gibt kein einziges unter den vielen Dutzenden medizinischer Institute, lvelches nur jüdische Assistenten hätte. Es .gibt aber unter dorr 21 Universitäten 5, an denen überhaupt keine jüdischen Assistenten angestellt sind! An den meisten übrigen Universitäten ist ihre Zähl verschwind.eud inr Verhältnis zu den .christlichen Assistenten, so z. B. Königsberg 4 unter 29, Greifswald 2 unter 25, Breslau 4 unter 34, Kiel 4 unter 46, Halle 5 unter 52 usw. Besser liegen die Verhältnisse nur an zwei Universitäten, nämlich in Berlin, wo sich unter 221 klinischen Assistenten 38 jüdische befinden und in Straßburg 11 unter 56. Dazu kommt noch die neue Universität Frankfurt a. M. mit 25 unter 81. Es sei schließlich noch erwähnt, daß noch wesentlich geringer als an den Universitäten die Zahl der jüdischen Professoren und Assistenten an den technischen, den tierärztlichen und an .hen landwirtschaftlichen Hochschulen Deutschlands ist. Wie unser? Ermittlungen. ergeben haben, besitzen von dieser Gruppe deutscher Hochschulen nur einige wenige überhaupt einen jüdischen Lehrer oder Ge- Aus aSev Weü. Rußland. Freiheit und Tradition. Eine neue jüdisch-orthodoxe Partei entstand in Moskau. Die neue Organisation,'die sich Chofesch Umessora" (Freiheit und Tradition) nennt, will die demokratischen Ideen' auf Grundlage der Tradition vereinigen. In der Gründungsversamrnlnng unter dem Borsitz von R. A. Gotz. hielt Rabbiner M. N. Nurok eine programmatische Rede. Der neuen Partei traten etwa 200 Personen als Mitglieder bei. (Die Persönlichkeit von R. A. Gotz, der als orthodoxer und nationaldenkender Jude bekannt ist, gibt uns die Gewähr, daß die neue Partei von wahrem traditionellem Geiste getragen sein wird. D. Red.) Konferenz des hevräischen SprachverbauSes. Am 23. April hat in Moskau eine Konferenz des hebräischen Sprachverbandes .Chowewe Sfath Ewer stattgesilnden. Es referierten Herr Hillel Slatopolsky (Programm des Sprachverbändes), Ch, M. Bialik (Nation und Sprache). Dr. Joseph K l a u s n e r (Jüdische Erziehung außerhalb der Schule), Dr. M. Glücksohn (Hebräische Presse), Zemach (Hebräisches Theater), Dr. Mohilewer (Hebräisches .Lehrerseminar); eint Reihe anderer Referenten behandelte die Frage der Organisierung hebräischer Schulen, Herausgabe hebräischer Mnderliteratnr nsw. Der bekannte Moskauer Industrielle Herr S. Persitz berichtete über die Organisation des hebräischen Sprachvereins und seine finanziellen Hilfsmittel- Ferner wurde behandelt: die Frage der Organisierung eines hebräischen professionellen Lehreri-Berbandes und die Einrichtung von Äbendkcirsen und Sabbatschnlen. Jüdisches Allerlei. Ter Arbeiter- und Soldatenrat hat ein engeres Büro gewählt, das die Aufsicht über alle Kommissionen des Rates führen und ihn bei der Regierung vertreten soll. Unter den.24 Mitgliedern des Büros befinden sich 6 Juden: Ehrlich, der frühere 'Tumaabgeordnete B r a m s on, M. Gotz, Lieber, Schapiro und I. Golden- Anf einer am 13./27. Llpril in Petersburg stattge-- sundenen Versammlung, an der nach „Rjetsch" M. M. Winawer, Landau und der Bundist Soslvwski teilnahmen, wurde über die Festlegung eines Programms des jüdischen Kongresses in Rußland beraten.' Man beschloß, dahin Kr wirken, daß den Perhand langen des Kon-

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