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Neue jüdische Presse · 1917-06-08 · Heft 21 (8.6.1917) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 21 (8.6.1917)
Date
1917-06-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr?1. _J__ > ■!-' _ ■ ' „Wir warm wie betäubt. Von der Inquisition I/atten wir längst vernommen, und wußten, was uns erivartet. Wir wußten. Laß niemand je lebendig aus dieser Mörderh'öhle zurückgekehrt ist und machten unS auf den Tod gefaßt." „Das ijt fürchterlich!" rief Miguel entsetzt. „Schweigend und ohne Widerstand ließen wir uns fortführcn. Aber als der Balladolidaner auf mich zuschritt, mich höhnisch angrinstc, indem er rief: „Wart', jetzt wird sich deine Unschuld erproben, frommes Täubchen!" da konnte ich nicht mehr an mich halten und schrie: „Schurkeich habe noch dein Treiben im Kloster plichr vergessen. Ich kenne dich!" Er knirschte mit den Zähnen und zischte: „Mit deinem Blut sollst du dies bezahlen, verfluchte Jüdiy!" ZDie Henkersknechte legten uns Fesseln an Hände und Füße, warfen uns in einen schwarzen, allseits verschlossenen Wagen, und so ivurden wir zur Inquisition geschleppt." ' - ' „Alles, was ich Aber die Inquisition bis dahin gehört hatte, ivar nichts im Vergleich mit dem, was sich meinen eigenen Augen darbot. Es gibt in der Welt nichts' Schrecklicheres als die Inquisition. In den Unterirdischen Räumen der 'Inquisition hocken Hunderte von Menschen in kleinen, engen Lochern, deren Luft ver- (pcftct ist. . Ihre Absonderungen verursachen einen ekelerregenden Geruch. Sie sind an Ketten gefesselt, zer-. schlagen und zerfleischt. - Dem einen ist der Kopf gelöchert, dem andern ein Fuß oder eine. Hand gebrochen. Biele Räume enthalten, hölzerne und eiserne Folter-' geräte, bei deren Anblick 'einem die Haare zu Berge stehen. Mit Mcnschcnblut äst her Fußboden getränkt, und von allen Seiten hört man das Aechzen Gepeinigter, das Schreien ' Verwundeter und Zerfleischter. Es ist schaudererregend. Und was haben all diese Unglücklichen verschuldet? Sie hielten treu zu ihrer Religion! Und wer sind die Schlachtmcister? Priester, Dimer der Kirche nennen sie sich!- Diese Bluthöhle ist ein Schandsleck auf der Ehre der Menschheit. Sie ist ein Beweis/ wie weit der Mensch in der Verrohung gehen, Ivie sehr er dem Tiere ähnlich "werden kann. Dem Tiere? Nein! Unter dm Tieren giebt es ja keine Inquisition! Einer solchen höllischen Bosheit äst nur der Mensch fähig!" Emilia war sehr erregt. Die Erinnerung an die Schauer der Inquisition hätte sic verbittert. Sic mußte innchälten und Atem.schöpfen.. Dann erhob sie sich, schritt einige Mal durch das Zimmer und nahm darauf ihrm Platz vor Miguel wieder ein. Dieser horchte mit inniger Teilnahme nnd Spannung. ' „Glauben Sie mir, Miguel," sagte "sie nach einer Weile' des Stillschweigens, „daß mich in jener Bluthöhle ein, tiefer Haß zu allen Mmschen erfüllte. Auch schlich sich ein trennender Zweifel in mein Herz über den Wert der Religion überhaupt. Wenn die Religion, so folgerte ich, dem Menschen gegen den Menschen solche Mordwertzeuge in die Hand drücken kann, so ist sie ein Gift und kein Balsam! Aber bald entsann ich mich der Lehren meines Großvaters, daß die eine Religion für die andere nicht einstehen könne, daß man nicht alle Religionen mit einem'Maßstabe messen dürfe. Auch seien nicht alle Bekenner derselben Religion gleich, und man dürfe nicht alle verdammen wegen Vergehen einzelner t . . ." „Im Gefängnisse hatte man mich von mcinenr Großvater getrennt. Ich wurde an demselben Abend vor die .Richter geschleppt. Vier Geistliche saßen,: in ähre Amtskleidcr gehüllt, zu Gericht. Ihre blutgierigen Augen erglänzten aus den Oeffnungen der Maske. Zn beiden Seiten standen die Henkersknechte, jeden Augenblick bereit, auf. einen Wink ihrer Herren sich auf ihre "Opfer zu warfen. Mich, aber hat dieser Anblick wenig eingcschü!chtert. Ja, mein Blut kochte wild, und ich war wütend. Wäre ich nicht an Händen und Füßen gekettet gewesen; ich hätte mich auf meine Peiniger gestürzt." ,-Dcr Vorsitzende begannmein Sündenregister abzulesen. Er warf mir vor, meine.. Seele zur Hölle verdammt zu haben, da ich aus dem Kloster geflohen sei, uin eine „verfluchte Jüdin" zu tvtzrden. > - ,;Wäs geht das Dich an?" versetzte ich wütend. „Wer gibt, dir die Befugnismein Richter zu sein? Ich habe das Klosterleben abgeschuttelt, weil ich so wollte, und habe die Religion gewählt, die mir gefiel! Du lügst, Pfaffe, nicht ich, Ihr seid die Verfluchten!" , - - ‘ „Schweig, verdammte Höllenbrut!" kreischte einer der. Richter, an deren Stimme ich den Balladolidaner erkannte,, „beschimpfe'nicht. Gottes Heilige!" „Heilige?" schrieb ich,. «Heilige? Ihr seid teuflische. Verbrecher, Mörder mnd schamlose Wüstlinge!" Frankstlrter Israelitisches Familienblatt. Seük ö. „Da wurde auf ein Zeichen des Vorsitzeikden der Vorhang vom anstoßenden Raume Ivcggchoben, und ich erblickte die Folter- und Marterivertzcuge. Die Henkersknechte stürzten .sich aus 'mich.'Man schleppte mich fort." Miguel schauderte, in seinen Zügen malte sich Entsetzen. „Ich will Sie 'nicht mit der Schilderung der Marter peinigen," Hub Emilia wieder a/t, „denen man mich unterwarf. Höllenqualen können gewiß nicht grausamer sein. Aber ich hörte nicht auf, die Inquisitoren zu, beschimpfen und ihnen die derbsten Wahrheiten ins Gesicht zu schleudern, bis ich ohnmächtig zusammcnfiel. Da trugen mich die Henker in meine Zelle zurück, verbanden mir die Wunden, um'.mich, als ich mich kaum erholt hatte, von neuem peinigen zu können. Miguel war sprachlos; er hielt seinen. Atem an. „Als ich wieder zur 'Besinnung kani," erzählte Emilia weiter, „dachte ich an meinen Großvater. Ich war jung und. kräftig, er aber ein schwacher Greis. Wie wurde er diese Qualen aushälten können? Wird ihm das nicht den Rest geben? Aber der Tod' ist ja lieber, als so gemartert zu werden. . Ich wäre selber kgern gestorben.", „Äenr Leben hätte ich übrigens längst entsagt." „Aber in der folgenden Rächt ivaren wir gerettet.". „Geschah ein Wunder?" fragte Miguel gespannt. „Einer der Familiären war ein Jugendfreund meines Großvaters. Dieser kannte alle Zugänge des Gebäudes, und als er unter den Deliquenten meinen Großvater erkannte, holte er ihn des Nachts von seiner Zelle ah nnd führte ihn durch einen geheimen Gang atr ein, sicheres Plätzchen. Darauf führte er mich gleichfalls dahin, und von dort begleitete er uns in Verkleidung bis in die nächste Stadt, wo ivir uns trennten. Wir mußten sofort weiter aufbrechen, uni vor Verfolgung .sicher zu sein. " „Merkivürdig, merkwürdig!" wiederholte Miguel erstaunt, „und ivas war mit Ihrem Großvater im Gefängnis geschehen?" „Zufällig war ihm nichts widerfahren. Er war krank geworden, und man verschob sein Verhör bis zu seiner Genesung. Inzwischen hatte Gott ihre Absicht vereitelt." „Aus Furcht vor weiteren Verfolgungen," fügte Emilia hinzu, „beschlossen wir, das katholische Spanien zu verlassen und nach Granada zu gehen." „Haben Sie Ihren Gelicbtcir nicht wiedergesehen?" „Als wir in einer Stadt vor Granada weilten, »begegnete ich ihm. Er iritt in einer Straße einher, denn er war in die Armee getreten und hat es zum Offizier gebracht. Er sprang vom Pferde und kam auf mich zu. Er Heute sich sehr Aber meine Rettung, denn er hatte von unserer Verhaftung gehört und für unser Leben gefürchtet. Er weinte bitterlich und bat mich, ihn nicht zu verstoßen. Aber, ich tvar gegen alle Katholiken so erbittert, daß ich ausricf: Ich will nicht dem, Sohn eines Mördervolkes angehören! Dann trennten wir uns für immer!". ' Emilia» ’ Brust entrang sich ein schtverer Seufzer, und sie fügte hinzu: „Ich kann seine Scelenpein . in jettem Augenblicke nicht vergessen And bereue, ihn durch .meine Worte so schwer gekränkt zu habe». Er war ja unschuldig!",' ' ' „Wir ließen uns in Granada nieder, wo wir zwei Jahre richig lebten und uns offen zum Judentum bekenneir durften. Da lourdc die Stadt von den Spaniern erobert, und wir sahnten, was uns erwartete. Auch'hörten wir' bald, daß der Balladolidaner nach Granada gekommen tvar, tun das Werk der Bekehrung der Mauren und Inden zu überwachen. Augenblicklich verließen tvir Granada, und gedächten nach einer kleinen Stadt unweit von Toledo zu Abersiedeln, wo ein Freund meines Großvaters, wohnt, bei dem hätten wir verborgen bleiben können. . Aber in Cordova erkrankte - mein Grvßvqter und hat sich seitdem nicht erholt." „Das sind merkwürdige Erlebnisse!" ries Miguel, als sie geschlossen hatte. '„Sie sütd eine Heldin, Signora!" „Helden .dieser Art finden sich turter uns in Menge." Es wqr ^»zwischen Mitternacht geworden und Miguel empfahl sich. , . . . . (Fortsetzung, folgt:) Literarische Notizen. Der unlängst verstorbene jüdische Dichter Reb M o r d - ' ch'ai'le (Eh. Tschemerinski) hat ein größeres hebräisches Werk hinterlässcn, mit Namen „Ajarati Motlah" (Mein Städtchen Motlah sein "Heimatsort — im Grodiwcr Gouvernement). ' („Lodz. Tagebl.") Literarische Chronik. Die Jude« im Kriege. Bon der ttnter diesem Titel Heransgegebenen Denkschrift des Jüd. Soz. Arveiterver-bande» Po ale-Z ion an die Sozialistische Internati onäl e liegt murmehr die zweite, wesentlich erweiterte deutsche Ausgabe vor. Diese Auflage wurde noch vor der russischen Revolution sertiggestellt. Der Judenprinz oder das Märchen vom. K o m in i s. Roman von Kurt M ü n z e r. 574 Seiten. München, Georg Müller. _ . Wenn matt vor einem Bilde steht, das nichts als Farbenwirkung ist, durch seine Farben die Sinne des Beschauers reizen will und der Wirklichkeit die verzerrtesten Formen gibt, dann entschlüpft einem unwillkürlich das Wort „Ueberspannt". Auch Münzer schwelgt in seinem neuesten Roman in solchen ungesund geschwängerten Farben, die die Sinne aufpeitschen sollen und wagt so die unwahrscheinlichsten Kombinattonen. Wir können uns besonders bei einem Jrtden eines solchen Schaffens nicht freuen, denn von ihm verlangen wir, daß er nicht seine Kitnft hinabzieht, daß ihm stets ein höherer sittlicher Zweck voranlenchtet. . OffdBbaeber Drncklufft-JLiilage Dümbash a. H. Telefon 123. (Anschluss mitFrankftnt). Bewährteste TsODtchreJnlfllinB (100,000 qm jährlich) sowie unübertroffene BettfederarelnlgunB mittelst Drockluft nnd Wasserdampf. Gocheu-Saleuder. Samstag, 9. Juni (== 19. Siwan). Sabbat-Anfang iit Frankfurt 8 Uhr 4V Min. Sabbat-Ausgang in Frankftirt 10 Uhr 35 Min., in Berlin 10- Uhr 30 Min: Wochenabschnitt: Behaalänscho. — Tie Weihe der Leviten. Der goldene Leuchter. Pessach-Scheini. Die Zugsordtnmg. Mißmut des Volkes. Gräber der Lüsternheit. Moses Demut. - Wochengottesdienst in Frankfurt a. M. Morgens 6% Uhr in den meisten Synagogen (Bockenhernr. Unterlindau 7'Uhr, Hauptsynagoge Königsteinerstraße 7V> Uhr). Abend 8hä Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheinr, Unterlindair 7hr Uhr, Hauptsynagoge 4 Uhr, Königsteinerstraße 7 Uhr). Lereius-Kaleuder Verein Montefiore. Samstag, 5 Uhr: Vortrag Dr. Heiitemann. (Geselliges Beismnmensein.) Montag, 9 Uhr: Sprachkurse, Bibliothek. Dienstag. 9 Uhr: Stenographiekurs. Mittwoch, 9 Uhr: Vortrag Frl. Henny Beyfuß über „Begäbungsnntersthiede bei Mädchen und Knaben". Zionistische Jugendgrnppe: > Mittwoch, S3A Uhr: Eröffnung - des Heimes, T a.ubenstraße 11 Pt. Vortrag Dr. Szamctz: „Von den Auf- ' gaben der Juden im Weltkriege." Kraukfurter FamUieuuachrichle«. Barmizwos. Willi Rüßbaum, Maiirstr. 8, Synagoge Friedbcrger Anlage. Verlobte. Flora ,Landauer, Stuttgart mit Dr. Kurt Frankel, Feldbergstr. 15. Verehelicht. Carl Strauß mit Jda Morck. Gestorben. Heinrich Bondi, 50 F., Rückertstr. 47. — Joh. Heinrich Schottenfels, 67 I., Parkstr. 55^ Auswärtige Familienuachrichte». Geboren. Ei» Sohn Earl Carlebach (R'etheim), Bevernngen. — Jttlius Schwarz (Cohn), Hamburg. — Simon Weickffelbaum (Rothstcin), Posen. Verlobte. Martha Radilctvskh, Pretlzlan mit Rabbiner Dr. Emil Berger, Görlitz. — Berta Neustadt, Salzwedel mit Hermmm BachKrach, Klausa. — Emmy Scheider g, Hannover mit Karl Korn, Offenbach — Mirjam , Tenne,ihauiit mit Josef Löwy, München. Gestorben. Leopold Mtmann, Kattowitz.— Isidor Horwitz, 62 I., Schöneberg. — Julius Blumcnthal, 72 I., Dömitz. — Max Hcppner, 51 I.» Berlin. —Josef Schwarz-, Forst, i. F. :— Wlcier Adler, 65 I., München. — 2lbrahäm Bcswangcr, 52 I., München. — Luise Frcirich, gcb. Erlanger, 71 I., Fulda. — Georg Joseph, 23 I., Crone: a. B.. i. F. >— Hr. Aiax Lehmatyt, 47 J.> Posen, i. F. — -Siegfried Meseritzer, Schöneberg, i. F. — Karl Mar- 25 I., Düsseldorf. — 'Locb Stern, 60 I., Hachenburg. — FriÄerickc Wolfs, gcb. Stern, 9-t I., Wiesbaden. -— Rob. Schwabe, 56 I., Barel. — Nathan Kochmann, 82 I.. Ezarnikmi. — Isidor Bqrnaß, 75 I., Brombcrg. — Oskar Stein, 19 .1., Sulzbach (Obcrpfatz). Spende«. Bei der Iiatioiialfondskommisfwn (Jsac Heimann, Zeit) gingen ein: - - Fritz Memcr atrl. Fahrzeit ein Oelbaum 6.— W. B üHsenl e erirng: Jos. Bachrach 6.—, Fritz Millner 3.43, Pension Wcin-- berg 5,15, Walther Sundheimer 6.11, A. Dorszaun 3.65, M. L. Ettlinger 3.64, Jos- S. Oppenheimer 1.10, Jos. Grüiwlatt 2.10, Frau A. Sekigmcmn 3.48, Georg Freudenstein 6.25, Ferd. Schmidt 2.—, I- Reuhäuser 2.15, B Jsaacsohn 11.35, Friedel Bachrach 10.40, M. Grünebaum 3.—, Dr. Stomp er 2.32, Dr- Schwarzschild 3.59, B- Bam-

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