Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 21 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ i ♦ +1+ Redaktion und Erpedition:. Frankfurt » M. » Lsngeslr. 7, Fernsprecher Amt Hansa 2903. ' - Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungRnserate^ HeiratS-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datuni-Borschrist ohne Verbindlichkeit. / Annoncen-Annahwebei der Exped.und ina.Annoncen-BureauS., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a-M. unter Nr. 4884. Heransgsvev: Kais cheis? Freitag, den 18. 8wna 5677 (8. Stint 1917) : 15. Jahrgang. , » Hilfe für Palästina. Nach zivei Wochen qualvollster Erwartung und tiefster Sorge, die doppelt gesteigert ward durch die Qual der Unsicherheit und Unwissenheit, wissen wir nun endlich Bestimmtes, Genaueres über die jüngsten Vorgänge in Palästina. Der telegraphische Bericht, den die ,/IW. Rundschau" erhielt, gibt eine züsammenfassende Darstellung dessen, was sich in den letzten Wochen dort ereignet hat.' Danach ist also Jaffa ans militärischen Gründen evaluiert worden, wodurch, auch 8000 bis. .9000 jijdischc Einwohner zum Verlassen der Stadt gezmingen wurden. Jerusalem und die Kolonien sürd nicht evakuiert worden. Durch diese Mitteilungen/wird ein großer Teil der Sorge und Unruh'e - hinweggenömmen, in die man durch die vielen -seit etwa drei Wochen in der' gesamten feindlichen und neutralen Presse verbreiteten Nachrichten aus englischer Quelle versetzt wurde, die vqpr Plünderungen) Verfolgungen und mannigfachen Ausschreitungen gegen die palästinensische. Judenheit zu erzählen wußten. Daß diese Meldungen übertrieben. und zum Zwecke der Stimmungsmache gegen die Türkei und Deutschland aufgebauscht waren, durfte man sich natürlich von vornhereinsagen; dennoch ist es beruhigend und tröstenden erfahren, daß solche, etwa gar behördlich gebilligten Verfolgungen gegen die Juden »licht stattgefunden unddaß vor allem die jüdischen- Koflonien und Tel-Aiwiw unversehrt sind. Eine Erörterung der Ursachen, die dicsinal Djemal Pascha zur Anordnung der Evakuierung Jaffas —. just, nachdem die Engländer vor Gaza zurückgeschlagen wurden— veranlaßt haben mochten, ist jetzt nicht angängig; wir hoffen jedenfalls, daß Vs Gründe rein militärischer Art gewesen sind. Weitaus wichtiger als die Beurteilung der nun einmal erteilten und vollzogenen Befehle ist jetzt zweierlei: mit allen Mitteln dafür zu sorgen, daß die Evakuierung Jaffas, die einzige Maßnahme -dieser, Art bleibt, und die Hilfeleistung für die ans Jaffa'Evakuierten. "; Daß füreine Fortsetzung dieser Evakuierungsnlgßnahmen keine militärische Notwendigkeit besteht, darf, man trotz aller Entfernung von .Palästina auch als Laie annehmen, nachdem ' doch alle- Angriffe der englischen Truppen bei Gaza fruchtlos geblieben sind und mit dem Beginn der'warmen Jahreszeit ihre Lage sehr viel prekärer geworden ist. Welche mannigfachen Gründe .von größter. Bedeutung aber gegen jede Ausdehnung der Evakuierung sprechen, braucht kauni erst dargelegt zu werden. Ganz abgesehen : vom jüdischen Gesichtspunkt, wäre dies allgemein politisch ' vvjn unabsehbarem Schaden. Die außerordentliche Erregung, die die bisherigen Meldun- :gen über die Evakuierung'Jaffas in allen jüdischen und nichtjüdischen Kreisen der /neutralen Länder ausgelöst hat, betveist zur Genüge, welche politischen. Interessen hier auf . dem Spiele stehen. Man darf hoffen, daß gerade auf diese Seite der Mngelegenheit, die Deutschland ebenso nahe berührt wie die ^Türkei, die türkische Negierung von - der deutschen, in unzweideutiger.Weise aufmerksam '/gemacht' werden wird. uns Juden hier aber ist in diesem Klugenblick ' höchste P fl ich t die Hilfe- Heistung für die Evakuierten» Von den ^teilweise katastrophalen Wirkungen, die die Evakuierung »zur Folge .gehabt Haben, muß, kann sich. ^Mer,^7der . die inneren. Verhältnisse der Türkei, vor allem jetzt in der Kriegszeit, und die noch völlig unLntwickelten Herkehrsverhältnisse in Palästina kennt, ein düsteres Bild machen. Der Bericht der „Jüdischen Rundschau" nennt die wichtigsten dieser Wirkungen bereits, und cs ergibt sich daraus, daß Großes schon zerstört, ist und noch Größeres .auf dem Spiele steht. Sofortige und und umfassende Hilfeleistung seitens, der Judenheit aller Länder muß. jetzt einsetzen. Bon Amerika sind Gelder bereits eingetroffen; Rußland, die neutralen Länder werden zweifellos sofort folgen; wir hoffen, daß die deutsche Judenheit nicht zurückstehen, sondern begreifen wird, daß, es sich jetzt um eine Pflicht höchster und heiligster. Art für sie handelt. Es'geht um . die Erhaltung und Rettung der 'heiligsten Werte, die das jüdische Volk heute besitzt, um die Erhaltung der Grundlage, die unser Volk sich jn jahrzehntelanger heroischer Arbeit zum Aufbau einer jteuen Zukunft errichtet hat.- Hier nicht mithelfen, heißt wahrhaft Verrat .am _ Judentum üben. Parteiunterschiede haben ange- 'sichls einer solchen Aufgabe zu verschwinden; es geht nicht um zionistische, nicht um palästinensische, es' geht um die wichtigsten jüdischen .Interessen? Daß sehr große Summen nötig sind, sägtdas Telegramm der „Rundschau"; 12000 Francs täglich und 260000 Francs außerdem zur' Erhaltung' der Pflanzungen. Solche Summen sind nur zu beschaffen, wenn jeder . Jude voll und ganz seine Pflicht tut. Hoffen wir, daß dies geschieht. ' Zukunftsaussichten in Galizien. Am 5. November kündigte ein kaiserliches Handschreiben die Sonderstellung Galiziens an. An dieses. Handschreiben anknüpfend, hat nun der Polenklub einen Entwurf ansgearbei-' te t, der die Rechte des galizischen Landtages auf die gesamte Gesetzgebung und Verwaltung mit Ausnahme des Heereswesens, der auswärtigen und der iHandelsvertragspblitik ausdehnt. y Die galizischen Abgeordneten scheiden aus dem österreichischen.Reichsparlament aus. Der Land-' tag wählt bloß eine Delegation in die zu schaffende parlamentarische Körperschaft zur Erledigung der gemeinsamen Angelegenheiten. Der Landtag besteht aus Mgeordnetenhaus und Senat. Die 228 Mitglieder, darunter 62. Ruthe-» nen (Ukrainer), des Abgeordnetenhauses werden nach allgemeinem, gleichen, geheimen und direktem Wahlrechte gewählt. Die polnischen und ukrainischen Abgeordneten .bilden Zwei nationale Kurien, die selbständig die Wahlen der ihnen.zugewiesenen Zahl von Vertretern in die'vom Landtage einzusetzen- ' den Körperschaften vornehmen. Diese nationalen Landtagslurien beschließen die Ausgaben für ökonomische und kulturelle Zwecke aus den von ihren Natiqnsgenossen erhobenen direkten Steuern. . Der Senat besteht aus 130—140 Mitgliedern, darunter 45 Vertreter ldes Großgrundbesitzes (darunter ein Rnthene), ferner Vertreter der . Selbstverwaltungs-Körperschaften (Kreise und Hachitstädte), der Handelskammern, schließlich 17 Virilisten und ernannte' lebenslängliche und erbliche Mitglieder. Der Entwurf sieht außerdem-Kreise, Bezirke und Gemeinden vor. Der Kreisrat wird durch Bezirksräte gewählr. J!n national . gemischten Kreisen- (mindestens 15'-» der Minderheit), bestehen /auch' im Kreisrat nationale Kurien. Rr. 21. < Jeder Bezirk hat einen Bezirksrat, der von y r den Gemeindevertretungen und dem Großgrundbe- ' > 7^ sitz .gewählt wird. Auch hier sind nationale Kurien ' vorgesehen. ' : »: Die unterste autonome Körperschaft bildet hie y» Stadt- oder Dorfgemeinde. Die Kompetenz »vttp ' .y durch ein Landcsgesetz bestimmt, ebenso die Wahly? orduung. Es steht aber schon jetzt fest, daß Ptrs' / Z Gcmeindewahlrecht nicht gleich sein wird. - Es sei noch erwähnt, daß für Schul- und Erziehüugsangelegenheiten die Schaffung - eines -? „Landes-Edukattons-Rätes" ans Vertretern der oer»?y---^. schiedenen Konfessionen, der Lehrerschaft und de-Iy - S Aerztestandes in Aussicht genommen ist.. H -Der Zusammenhang mit '.-.der- -. .österreichische»y"»Z Negierung wird hergestellt durch ein Ministerium. .-5?; für Galizien in Wien. ■■ . - Amtssprache ist die polnische. Nur in Unter-yd richtsanstalten mit ukrainischer.Unterrichtssprache ish ukrainisch ailch innerliche Amtssprache. Eingaben an die Behörden können in beiden Landessprachen yK -abgefaßt, sein. . Die Behörden müssen ruthenifche Eingaben in rnthenischcr .Sprache, beantworten,' yy wenn in dem betreffenden Kreise röenigstenZ 10°/» 1 Rnthenen wohilen. Ebenjo ist es im Gerichtswesern /( Unterrichtssprache in der Volksschule ist die .ch Sprache der Mehrheit der Gemeinde. Wenn in M ikinem Orte mindestens 40 schulpfttchttge Kinder Ä der nationalen Minderheit vorhanoen sind, dann yH wird eine besondere 'Minderheitsschule begründet^» M sonst ist für diese Kinder in der gemeinsamen" y? Schule der Unterricht ihrer nationalen Sprache zu - ermöglichen, lieber die Gründung von Mittelschulen entscheiden die Regierung und der Landtag. Die..-'.A Ukrainer erhalten eine eigene Universität. -- - Dieser Entwurf ist bzzeichuend. Die Ukrainer yH bilden in Ostgalizien -62»/», die Polen bloß der Bevölkerung; nichtsdestoweniger versuchen siey.8 dnrch diesen Gesetzentwurf ihre Vorherrschaft-/^ gegenüber den Rutheneu zu verewigen. Nicht. nur -im vortoiegend polnischen Westgalizien, son-yI devnauch im ruthenischen Mehrheitsgebiet Ls^ yH galizien soll,die polnische Sprache die . einzigeinnerliche Llmrssprache sein. Bon den 228 Manda--y?/ ten.. sollen die Ukrainer bloß. 62, das sind -27«2o/KG erhalten, trotzdem sie 42°/» der Bevölkerung deS' /D Landes ausmachen. Die .nationalen.-Aurieir--.-bo-.'.L2S deuten keineswegs die Einführung der Sekbstverwalttmg in nationalen Angelegenheiten. Die Grün-. düng von Gymnasien wird der Regierung und bemvy| , Landtag Vorbehalten, die Gründung von Minari--<,H täts-Bolksschnlen soll zwar gesetzlich geregelt wery.H den, doch soll die Durchführung dieser gesetzlichen. H Bestimmung in den Händen der vorwiegend polniy/ schen Verwaltung bleiben. , > d Biel schlimmer verfährt das Projekt mit dew Juden. Diese, 11°/» der Bevölkerung, bildend/^ existieren für die polnischen - Gesetzgeber. überhaupt^ nicht ats Nation. Sie werden einfach nach be- *;*, wahrter Methode der polnischen Nation einverleibt. . - -. -’-CS Von jüdischer Unterrichtssprache für die jüdi-.. y? schen Kinder soll also keine Rede sein. Ebensoivenig von einer Berücksichtigung der nationalen BedSch--öM nisse der Inden in Bezug ans die Amtssprache' der. Behörden. Ein jüdischer Wahlkataster besteht nichrxynH . Die Juden gehören, dem polnischen Kataster an.'.?? Innerhalb dieses wird die bewährte Methode.. de cd.-» Wahkgeometrie wie bis-nun die Zahl der jüdr- \-£ , schlen. Vertreter auf ein Minimgnr herclbörücken. --- Die Judenschafr Galiziens, die durch' - deuy/^ Krieg so unsäglich gelitten hat, steht vor einer» .y?