Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 20 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. I T-ITräm <w»M Ialserbelstr.14 a//«i* Art Harren- und Damenhfkte. -- Abholung, und Lieferung frei ins Haas. I Jahre nach dem sie die Anstalt verlassen hatten, kamen die Mädchen mit ifjicn großen nnd kleinen Sorgen zn der treue« Fahrerin ihrer Kindheit, und stets sanken sie ein williges Ohr, ein mitfühlendes Herz, einen guten Rat. Nun sind sie von neuem verwaist; noch! sind sie zu betäubt von hem plötzlichen Schlag um völlig zu begreifen, was sie verloren, aber bitter ist der Schmerz und kaum ausfüllbar schjeint die Lücke, die der nnettiittliche, grausame Tod hier geyssen. . Doch" das Andenken des Gerechten bleibt gesegnet. Der Keim des.Edlen und'Guten, den die teure Verblichene in. so viele jugendliche empfängliche Herzen gelegt, er wird zu herrlicher Saat sich entfalten, zu köstlicher Frucht reifen: so wird sie Segen spenden noch lange, lange, nachdem sie von Ans gegangen. Kletue Rottzea. Der Verein Mvntefiore hat auf vielfache Wünsche hin die Einrichtung von Ruberabenden aufgenommen. Näheres darüber im Büro. Moutefiore-Bereiu. Der Vortrag des Herrn S. Horowitz über die Kriegsschrift „Deutschtum und Judentum" von Herman'Eohen erörterte die Coheuschje Schrift in.Anlehnung-au die Kantschje Philosophie. Er wies nach, daß Hohen in seinem philos. System die Einheit unseres Weltbildes als auch unseres Kulturshstems, als grundlegende Idee hinstellt. Dieses System der Einheit ist Cohen so in Fleischünd Blut übcrgegangen, daß er cs auch auf sein politisches Denken übertragen hat. Aus dem Dualismus von Deutschtum und Judentum sucht er ebenfalls eine Einheit herauszubilden. Es ist 4ms allenwohl bekannt, daß Deutschtum und Jlldentum äußere Schicksalsähnlichkeiten ausweiseil. Die äußere Schicksalsgleichheit dieser beiden Völkerschaften besteht in dem analogen Geschichtsprozeß, die beide durchgcmacht haben. Verachtung, Neid nnd Haß waren die gemeinsamen Erträge, die beiden Völkern von der Mitwelt zuteil worden waren. Allein diese äußere Schicksalsgleichh'cit genügt Cohen nicht. Er sucht nach einer inncrn Wesensverwandtschaft. Diese glaubt er auf geistig kulturellem Gebiete zu finden. Die Juden haben einen ansehnlichen Beitrag, zur deutschen Kultur geliefert. Den Einwmrd von alldeutscher und zionistischer Seite, daß die beiden Anltursysteme wesensfremd miteinander, seien, sucht er unter folgender Begründung znrückznweisen: . Die geschichtliche Voraussetzung für alle europäische Kultur ist das Christentum. Dieses aber ist aus dem Judentum hervorgegangen. Folglich sei letzten Endes die Grundlage aller europäischen Kultur, das Judentum. Die Behauptung von der Wescnsfrcmdheit des Judentums mit europäischer Kultur sei demnach ganz hinfällig. Dieser Theorie zufolge köime man eigentlich' mit demsclben Rechte von einer Wcsensverwandtschaft des Judentums, Uiit romanischer, britischer und slawischer Kultur sprechen. Weshalb aber sprechen wir von einer besonsondern Wesensgleichheit des Judentums mit dem' Deutschtum? Diese Frage beantwortet Cohen folgendermaßen: die deutschen Dichter und Denker des IS. Jahrhunderts Ware» Apostel des Humanismus. Und im Humanismus treffen die Grundideen - des Judentums mit denen des. Deutschtums aufgemeinsamem Boden zusammen. Im H umanismus liegt also die Geistesverwandtschaft des Judentums mit.dem Deutschtum. Der Redner schloß seine-Ausführungen: Wir müssen die Eigenart der jüdischen Kultur, wenn sie nicht in unabsehbarer Zeit in die deutsche völlig aufgehen soll, auferhalten. Bedenken wir doch daß die jüdische Kultur, die Einheit Gottes, die Einheit des Universums, die Einheit des Menschengeschlechts und die Einheit der Geschichte verkündet. Eine solche Kultur verdient wohl als voranleuchtende und selbstständige Kultur dazustehen. 'Nichtsdestoweniger aber, müssen wir ihr Zusanimenwirken mit dem Deutschtum fördern - Die Geschwister. Eizählung aus . dem fünfzehnten Jahrhundert von Ben-Avigdor. (Förtschnng.) „Das Leben eines jeden Juden in Spanien ist ein Gewebe von Geheimnissen und Wundern," sagte sic, als er geschlossen hatte, „das ist eine Frucht der Tyrannei in diesem Laude. Aber mein Lebe» ist nochreicher ö» Abenteuern und seltsamen Vorkommnissen. In inaiichc» Punkten ist cs fast dem Ihrigen gleich.": ' Miguel bat sie, ihm ctivas von ihrer Vergangenheit zu erzählen, die er gerne kennen zu lernen wünschte. „Dazu wurLen tausend und eine Nacht nicht hinreichen," versetzte Emilia, „aber Einzelnes will ich Ihnen gerne Mitteilen." „Meine Eri,inerung", hob Einilia rrach ciucr Pause wieder an, „reicht bis zum sechsten Lebensjahr zurück. . AW -frühere ist längst aus meinen GÄächtnis entschwunden. Damals brachte mich mein Großvater nach einem großen Haufe, das am Abhänge eines Berges lag,lind aus dessen Dach ein hoher Turm ragte. Es war von einer hohen Mauer umgeben, und eine Menge dichter Bäume umschattete es. Au der Psorte empfing mich eine weißgekleidete Frau, die auf dem Kopfe eine Haube von derselben Farbe trug." „Das war also ein Kloster?" unterbrach sie Miguel, „auch Sie lebten also einmal als Christin?" „Jal Das Kloster hieß St. Dominicüs, es'liegt nicht weitvon Barcelona. Damals kannte ich selbstverständlich weder den Namen noch die Bestimmung dieses Hauses. Eine alte Frau, welche ich später als die Priorin kennen lernte, nahm mich bei der Hand und sagte zu mir: „Hier, mein Kind, wirst du lernen, beten und dich zu einer frommen Schwester heranbildcn, die die weltlichen Freuden verachtet und sich dem himmlischen Leben weiht." Ich verstand nicht viel von ihren Worten und entnahm daraus nur soviel, daß ich hier lernen und beten würde. Darauf brachte man mich in euren großen Sayl, wo . ich einige größere Mädchen fand, die alle lange, weiße Kleider trugen. Darunter Ivar, eine ältere Frau, die Aufseherin der Novizinnen. Auch.ich legte ähnliche weiße Kleider an, und so ward ich eine Novizin. Anfangs verstand ich nichts von allem, ivas um mich her vorging. Die Aufseherin lehrte ynch einige Gebete und.führte mich täglich zur Früh- und Abendmesse. Dünn lehrte sie mich lateinisch und spanisch lesen. Später wurde ich zum Unterricht zugelassen, den uns' ein Mönch erteilte. Als ich etwas älter wurde, lehrte mau mich Religion und Kirchengcschichtc. Ich war von den vernommenen Lehren ganz hingerissen. Sie können sich selber von meinen damaligen Ansichten über Religion mrd Leben einen Begriff machen. Ich entfremdete mich dem Leben, noch bevor-ich es gekannt hatte wrd lernte es verachten, bevor ich es gekostet. Ich hörte, daß draußen, außerhalb der Klostermauern ein anderes Leben gelebt wird, ein Leben voller Lust und Arbeit, ein Faniilienlcbc», — hatte aber ßav keine Sehnsucht danach. Meine Lehrerinnen und die Schwestern lehrten mich jenes Leben' verachten, es als nichtig und eitel anzusehen und zwar nach dem himmlischen Leben mich sehnen. Als nachahmenswertes Ideal wurde Uns die heilige Jungfrau hingestellt, wie sic sollten wir alle heilig nick» weltabgeschieden werden. Ich wurde von diesem Leben durchdrungen, fastete und kasteite mich viel; betete nnablässig, und, so gewann ich die Anerkennung der Briorin und der Schlvestcrn. Alle prophezeiten mir, baß ich einst eine Heilige werden wurde. Ich hegte einen glühenden Haß zu allen Bekenner» anderer Religionen, obwohl ich noch, nie einen von ihnen gesehen hatte. Besonders aber haßte ich die Juden, ich konnte sic mir nicht anders denken, als in Gestalt von Mördern und Teufeln. So verflossen sieben Jahre. Mein Großvater pflegte mich häufig zn besuchen, mid war immer über meine; große Frömmigkeit und Neigung zum Klosterleben hocherfreut. Aber als er mich zu meinem dreizehnten Geburtstage besuchte, merkte sch gleich, daß mit ihm eine ' tiefgreifende Aendcrnng vortzegangen sein mußte. Er war sehr niedergeschlagen und seufzte allemal schwer. Zn meinem großen Erstaunen hörte ich von ihm, baß. die katholische Geistlichkeit in letzter Zeit schlimme Wege cingeschlagen hätte und unschuldiges Blut vergieße. Einmal als ich allein im Kloster zurückgeblieben, da trat zu wir ein Mönch, den wir „Valladolidaner" nannten uiid der uns Borträge Aber die Pflichten und Helligkeit des Klosterlcbens hielt. Er begann mir Schmeicheleien zu sagen, wie ich sie nie LNvor gehört hatte. Ich traute anfangs meinen Ohren nicht und starrte ihn an. Er begann aber ganz unwürdige Reden zu führen. Ich raffte »lich auf und lief davon, wandte .mich aber um und rief ihm zu'r. „Schäme dich. Unwürdiges! Ist dies die Verwirklichung der Lehren, welche du vorträgst?" Seither hatte sich in mciiic Seele der Zweifel eingcschlicheii. . , . . - Zn derselben Zeit trat ins Kloster eine neue Schwester, namens Luisa, die sich sehr bald alle Herzen durch ihre Liebenswürdigkeit und Sanftmut gewann. Ich schloß mich ihr an, und wir hatten uns bald , sehr lieb. Luisa pflegte - vor mir zuweilen Ansichten zu äußern, die mir anfangs sehr befremdend verkamen. Sie beurteilte das klösterliche Leben nicht sehr günstig und suchte mich zu überzeugen,. daß lmr die übrigen. Frauen, die"in der lebendigen Welt ein anderes Dasein .führen,' nicht zu verachten berechtigt sind, da jene aus ihre Weise ' und vielleicht gottgefälliger als wir., ihre» Beruf'erfüllen. * „Warum bist du also ins Kloster getreten?" fragte ich sie. : „Well ich im Leben viel Ungemach und Herzeleid erfahren habe," antwortete sie traurig. „Ich flüchtete mich ins Kloster, um hier von den Mühen des Lebens auszurnhen. Aber du, so jung und lebensfroh, ivarum willst, du dich hier einmauern? Dir lächelt das Leben, und cs ist.eine Sünde, sich davon zu entfernen!" Solche und ähnliche Gespräche crrxgten in meinem Herzen einen heftigen Sturm, die Sehnsucht nachdem früheren Weltleben wurde in mir wach, und die Grundfesten meiner bisherigen Ucberzeugungen erfuhren eine starke Erschütterung. Luisa brachte mir auch neue Ansichten über die Andersgläubigen bei. Sie lehrte mich, daß alle Menschen Gottes Kinder sind, und daß man keinen wegen seiner Religion hassen dürfe. Eines Tages lustwandelten wir beide im Klostergarten. Da ergriff Schwester Luisa meine Hand und sagte zu nrir: „Emilia, ich Ivill dir ein großes Geheimnis entdecken!" ° Ich blickte sic gespannt an und war ganz- Ohr. „Wisse also Einilia, daß ich Jüdin bin!" Jch schauderte nnd trat einige Schritte zurück. Ich starrte sie einige Augenblicke sprachlos an, und dann stieß ich mühsam hervor: „Dü — Jüdin?!" Luisa näherte sich mir, und ergriff mich mit beide,, Händen nnd rief: „Und auch du, Emilia, bist Jüdin!" Sie, Miguel, können sich keinen Begriff von meiner ^Betäubung machen. Als Sie Ihre Abstammung erfuhren, waren Sie im Geiste längst Jude, dachten und Ifühltcn jüdisch, konnten dies Volk achten und schätzen. Dazu lvaren Sie schon erwachsen. und konnten selbständig urteilen. Ich aber ivar gläubige Christin, Nonne, dazu jung und ohne selbständiges Urteil, auch hatte man mir eine unüberwindliche Abscheu, zu diesem Volke cingeflößt. Welch eine tiefe Kluft trennt eine katholische Nonne von einer Jüdin! „Was sprichst du!" rief ich heftig, „ich bin Jüdin, eine Tochter dieses abscheulichen Volkes?" „Dieses Volk ist-nicht abscheulich, obwohl cs andere' verabscheuen und mit Kot bciversen", antwortete Luisa besänftigend. Ich konnte mich nur schwer von meiner Betäubung erholen. Darauf erzählte mir Luisa, woher sie stamme und was sie mir sei. Sie war die Nichte meines Großvaters. Anfangs mit einem Christen verheiratet, tvnrde isie später von ihm^verstoßen, da er eine andere liebte. Darauf kehrte sic zu ihren Eltern nach Segovia zurück: Mein Großvater, sagte sie, ist einer von den Ncuchristen. Anfangs Ivar er, wie die andern, im Geheimen der jüdischen Religion treu gewesen. Dann aber war in ihn ein anderer Geist gefahren. Er sagte sich von seinen Freunden los und wurde ein eifriger Katholik. Daher brachte er mich ins Kloster und wollte mich zur Nonne werden lassen. „Wie heißt ihr Großvater?" unterbrach sie Miguel plötzlich, und eine Ahnung tauchte' in ihm auf. „Julian de Castro!" antwortete Emilia. Miguel war wieder beruhigt. Emilia erzählte, weiter: „Später aber bekehrte sich »nein Großvater tvieder znm Judentum. Er bereute seine Verirrung schwer nnd war über mein Los untröstlich. , Er sann auf ein Mittel, wie mich aus dein Kloster zu nehmen, und als Luisa wieder nach Segovia gekommen war, übeimah'm sie cs, dieses Vorhaben aysznfiihrcn und trat zu diesem Zwecke ins Kloster. Mein Großvater hatte, ihr ein Schreiben zu einem Jngendfrenndc, dem Mönche von Lnccna, gegeben, der ebenfalls im Geheimen Jude ist. Dieser sollte »ns die Flucht erleichtern, da er das Gebäude, kannte nnd von einem geheimen Ausgang wußte, der ins Freie führte. Luisa wollte zuerst die nötigen Anstalten treffen, und nicht eher die Flucht unternehmen, als bis sic meine Anschauungen in vielen .Punkten geändert und mich sin die neue Religion vorbereitet haben würde. Nun, da ihr dies gelungen war, wollte sic an die 'Ansführnng des Planes schreiten. Wie mir dabei zu Mute war, kann-ich nicht beschreiben. Es ist kein Leichtes, den Glaube», der »ns Kaffee Ruhland 38 - Kaiserslrasse T>6 Kaiserstrasse .56 Täglich erstklassige. PF*. Unterhaltungsmusik j *5 _ _ ■Einlagen..11 *