Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 18 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wir westlichen Juden haben Interesse zu erfahren, wie sich die Zukunft der russischen Juden nach der Umwälzung gestalten wird,' denn eine Entrechtung der Judenheit Rußlands berührt die westlichen Juden nicht nur als Stammesgenossen, als Brüder, sondern Kat eine gewisse Rückwirkung auch auf ihre Rechtsverhältnisse, ja auf ihre gesamte Stellung. Grund genug für ein reges Interesse! Und fürwahr, das Interesse ist groß, sehr gryst — und doch hieße, es prophezeien, wollte man schon jetzt die Zukunft der Juden näher umschreiben. Vorausgesetzt, daß der Zarismus in' seinem despotischen, alten Gestalt für immer abgetan ist — was, man Mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen darf —, auch dies vorausgesetzt, kann män schwerlich sagen: So und so wird sich die Zukunft der russischen Juden gestalten. Rußlands Massen sind zum weit größten Teil Analphabeten.' Cs. heißt, Mer e nski sei Führer der Bauern, T s ch e i dse Führer der Arbeiter, — doch jeder halbwegs Gebildete weiß, welchen Wert die Führerschaft analphabetischer Massen für die D a u e r haben kann und hat. Ueberdies hat die Revolution so vielschwierige Probleme aufgeworfen, deren Lösung fast unmöglich scheint und — ungelöst — nur Chaos hervorzurufen und Rückschläge nach sich zu ziehen geeignet sind. Das alte Rußland, das. Rußland einer zarischen Despotie, kannte nur ein einziges Problem: „das Problem des Beherrschens" und die Lösung: „im Zaum.halten" bei Anwendung der Allheilmittel: „Knute, Galgen und Deportation", Bon all dem, was Fortschritt bedeutet — wie Menschenrechte, individuelle Freiheit, nationale Entwicklung und dergl. mehr — wußte das zarische Regime so gut wie nichts. Rußland.wurde zum großen Zuchthaus, zum .lebendigen Friedhof, und wenn von Zeit zu Zeit dumpfes Schreiten gespensterhafter Schatten und Kettengeklirr vernehmbar imirde uild es für einen Augenblick scheinen mochte, als ob eine Bewegung zur Sprengung der Kassemattengräber im Entstehen begriffen sei, so war es. nur Schein, denn gar bald ward alles still, todesstill.' ... Nun kam der lange, weltzerstörende Krieg, Die Lebendigbegrabenen standen plötzlich von ihren Kassemattengräbern auf. Im Nu wurden die Ketten zerrissen, die Tore des großen Zuchthauses gesprengt! Alles steht da, Millionen Gemarterter, Verhungerter schreien nach Brot, nach Leben, nach Friede, nach Freiheit, nach absoluter Freiheit! 160 Millionen Stimmen sind im Chör, darunter 80 Nationalitäten! ifflafn bedenke, welche unendliche Schwierigkeiten sich da für eine Regierung auftürmten, die wach drei Jahren eines mörderischen Krieges die Verwaltung des verwahrlosten, verpesteten zarischen Rußland angetreten hat, um diesen hungrigen, nach Brot, Leben und Freiheit lechzenden Massen wennauch nur halbwegs zu genügen! Welche Fülle von Berufs!- und Stände-Gegensätzen, welche ungeheueren sich kreuzenden Interessen müssen da im Spiele sein! Fürwahr, für den „treuen" Freund und Bundesgenossen England, das in den Krieg zog, um seine zwei größten Rivalen, Deutschland und Ruß- Mud, Unschädlich, zu machen, ist das schwierige Problem einfach, sehr einfach,— und zwar dermaßen: Das große und stets auf Kosten anderer größer werdende Rußland soll zu einem weit verschlechterten Oesterreich degradiert werde n. Doch was für den treuen Verbündeten England gar zu einfach scheint, ist für Rußland selbst, das. weiter leben und stark zu sein gedenkt, schier unlösbar! Allerdings, einstweilen ist die Sache weniger, kompliziert, indem man nach der Methode vorsichtiger Eltern gegenüber ungezogenen, plötzlich im Kupee wild gewordenen Kinder verfährt, da heißt es: .alles nachgeben, damit ja vor der Welt kein Skandal entsteht. Einstweilen, da man die niedeizgeworfene Reaktion noch fürchtet, da die Schwierigkeiten turnlhoch sind, und die Revolutionäre, dank der Umstände, am meisten zu sagen haben, jetzt lautet die Parole: Alles und allengewähren, auch der noch so kieinen Partei, der noch so kleinen und kleinsten Nation! Jetzt gesteht man selbst den sonst vogelfreie-n In den kulturelle und nationale Autonomie zu. -Za, einstiveilen! Doch der Krieg wird Nicht ewig dauern, der. Hunger wird nicht immer an die Tür pochen, und der Chaos hlerbt nicht ewiglich; sob ald aber die Verhältnisse sich ei nigermaß^n konsolidiert haben, werden sich die Rückschläge von selbst einsteklen. Und dies, einzig und allein dies, ist es, was uns Juden interessiert. Die Frage ist:: was die Juden bei ^einer Kpnsolidieruiig der Verhältnisse zu.erwarten haben? Uns dünkt, daß man von den Liberalen Ruß- - larrds vom Schlage Gutschkow, Miljukow, die durchweg imperialistisch und zunt guten Teil panslavistisch mit einer kleinen Beimischung der Moderne sind, .für die Juden nichts Gutes zu erwarten hat. Woihlgemerkt. Pogrome und Ghethis hat man selbst von einem Gutschkow nicht zu erwarten, allein was nationale Rechte betrifft, — und darauf fiofmntt .es .uns in erster Linie an — werden die russischen Liberalen nicht zu haben sein. Aufgehen — in diesem Falle Russisizierung — war noch immer, was den Juden be-' trifft, die Parole der Liberalen allerprts. Und gerade dies bedeutet für die russischen Juden eine große Gefahr! Der Slave ist vvr allem Gefühlsmensch, offen, weitherzig und gutmütig. Unter einem.solchen Volk ist bei politischer und bürgerlicher Gleichberechtigung die Gefahr des! Aufgehens gegeben. Bei einer Gleichstellung fällt nicht nur der Schntz der gemeinfamen Ghettos, der gemeinsamenNot weg, sondern auch der Schutz, der kompakten Masse. Denn was bedeuten vier Millionen Inden, die zerstre nt in demweiten und breiten Rußland lebe n! Wo bleibt also ein Ausweg, wo die Rettung? Die n ff t t o n a l e Schule ist der Schutzengel vor .der bevorstehenden Gefahr der Assimilätion. 'Damit darf keine Minute län ger gez ö gert werden. Die russischen Juden müssen ä^les andere beiseitestellen und an die Gründung von hebräischen .Schulen gehen. Jetzt, da die provisorische Regierung.jn schwerer Bedrängnis lebt und. die Hände mit. der B e r u h k - ÜNNg und Beschwichtigung voll M, 'bietet sich die günstige Gelegenheit hierfür, und dieses Moment darf nicht verpaßt werden. Glücklicherweise stehen an der Spitze der.nationalen Juden tatkräftige und kluge Männer wie Ussischkin und Tschlenow, die uns die berechtigte Hoffnung auf einer gründliche und rasche Arbeit geben. Hoffen wir also! __ 0* H> M—tfc. „Die Guge »es RttualgesetzeS." Immer wieder und wieder, wenn ich zu Neuerscheinungen aus dem jüdischen Büchermärkte greife, fällt mir die Behauptung von ■ der „Enge des. Ritualgesetzes" ins Auge. Es istendlich einmal an der Zeit, das Gedankenlose, ja das schwere Unrecht dieses Ausdruckes sestzunageln. Leute, die mit der Befolgung des jüdischen Gesetzes gebrochen haben, wollen so diesen Bruch »och als eine Heldentat feiern, denn — sie haben doch Ketten gekrochen, haben den Sprung ins Freie gewagt. Manches Buch ist mir einzig durch diese unwahre Behauptung verleidet worden, während ich es sonst gern weiter empfohlen hätte. Wird hier doch die gewaltige Welt- und Lebensanschauung, die die Gesetzgebung des jüdischen Volkes durchzieht, zu einer Konfession mit Ritualbeobachtungen verengt. , Mese Irrungen wären vor sündig Jahren verständlich gewesen; — in unserem, stzialen Zeitalter sollte man jedoch für die sozialen und ethischreligiösen Gesetze. des. jüdischen Sabbats mit ihrer eisernen Disziplin — denn um diese handelt es sich heute im Wesentlichen — volles Verständnis haben. Der gegenwärtige Krieg hat gezeigt, welchen gewaltigen Wert' eiserne Di^iplin bedeuten kann. Er hat auch recht drastisch gelehrt, daß. die Gesamtheit ein Recht und die Pflicht hat, sich um die Ernährung der einzelnen Glieder zu kümmern. Vorher hatten wirdies in unserem modernen Staatswefen schon durch die Gesundheitsgesetze Fleischbeschau usw.) gewußt. Die jüdischen Speifegesetze werden aber von den Juden, die sie nicht beobachten wollen, einfach mit dem Wort „Rituatgesetz" abgetan. Derade hinsichtlich der Ritualien, d. h. derjenigen Formen, die mit der religiösen Betätigung im Zusammenhang stehen, gewährt das' Judentum dem Einzelnen einen Spielraum. Hat. er keinen Wein zur Heiligung des Sabbats, so tut's auch Brot. Hat er keine Zeit, die üblichen Gebete mit Ruhe sagen zu können, so genügt auch ein Bruchteil der Gebete. In Wirklichkeit hat auch niemand im Judentum 'etwas gegen die Ritualien. Die Familienfeier «jines Sederabends, der Freitagabend mit Wein und Sabbatbroten, das Kaddifchgebet upo. sind religiöse Einrichtungen, nach denen sich sogar noch die Flüchtlinge aus dem Judentume sehnen. Die Phrase von der „Errge des Ritnalge-' setzes" gilt den Unbequemlichkeiten der Sabbat- und Speiseverordnungen, die neben den Ehegesetzen im Golus leider pur noch vor der jüdischen Gesetzgebung als verpflichtend bestehen blieben. Sie ist recht verständlich, denn in Schule und Gotteshaus wird das Judentum als eine Konfession gelehrt, und eine Konfession kennt neben dem Glauben im Denken nur Ritualien in der Betätigung. In Konfessionssachen erlaubt sich übe; jeder die Freiheit persönlicher Meinung, auch wenn der Mangel an jeglicher näheren Kenntnis der Konfession gar Mn Recht dazu gibt. - Und welche unglaubliche