Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 16 (27.4.1917)
- Date
- 1917-04-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' Wir . haben in der letzten Nummer einen Briefwechsel zwischen Herrn Paul Nathan, dem Leiter des. „tzilfsvereins", und dem Grasen Rani ker, einem der führenden. Männer der polnischeir Aktivistenpartei, publiziert. Herr Dr. Paul Nathan hatte in seinem Briefe den polnischen Politiker um seine Ansicht ' über die polnische Judensrage gebeten, und Gras Roniker erwiderte mit der Beteuerung der üblichen liberalen Phrasen van Toleranz und Humanität, mit der polnische Politiker ihren Standpunkt in der Judenfrage stets zu umkleiden pflegen,.'uyd die in ihrer vagen Allgemeinheit und. verklausulierten Unverbindlichkeit so gut wie nichts besagen. Der Briefwechsel als solcher enthält fast nichts des Neuen und ‘ Interessanten: denn sowohl die Ansichten des Herrn Dr. Paul Nathan wie auch die des Grafen Roniker, der hier nur als Typus für fast alle anderen polnischen Politiker erscheint, sind seit langem bekannt und können kaum noch die jüdische Oessentiichkeit interessieren. Wichtig und näherer Betrachtung wert wird Her Briefwechsel, dem Dr. Paul Nathan durch Versendung an Zeitungen möglichst starke Publizität zu geben versucht, lediglich durch seine symptomatische Bedeutung als Teil einer systematischen und' wohlberechneten Politik, die Herr Dr. Nathan in der polnisch-jüdischen Frage-zu treiben sich bemüht / Daß 'er : diese Absicht schon seit, einiger Zeit hat, wissen wir sehr wohl, und mehrfache Reisen, die er nach Warschau unternommen, sowie verschiedene politische Aktionen, die er dort einzuleiten sich bemüht hat, gaben auch den maß-- gebenden politischeil Kreisen des polnischen Judentums Kunde von dieser Absicht. Man darf heute ruhig sagen, daß-alle Versuche, die Herr Dr. .Paul Nathan in Warschau unternommen hat, gescheitert sind. Angesichts seines bekannten Standpunktes, der sich mit der bürgerlichen Gleichberechtigung und religiöseil Freiheit begnügt und auf alle nationalen und kulturellen Rechte Verzicht leistet, kailn der Fehlschlag .seiner Bemühungen ja auch nicht weiter wundernehmen. Dieser Fehlschlag hat ihn aber scheinbar nicht bewogen, von weiteren Versuchen, in der poülisch-jüdischen Frage aktiv aufzütreten, abzustchen, sondern ihn dazu verführt, sich.bei seinem Vorgehen Bundesgenossen da zu suchen, wo er sie voll vornherein zu finden hoffen durfte, und mit denen zusammen er nun die Politik machen will, deren Symptom sein Briefwechsel mit Graf Roniker darstellt. Da er sah, daß alle nationalen Kreise seine Mitwirkung und politische Hilfe ablehntey, richtete er sein Auge auf. jene orthodoxe Griippe, die von den Herren Rabbinern Dr. Kohn und Dr. Gar leb ach gegründet ward, in der Annahme wohl, daß diese beiden Herren als deutsche Juden seinem anationalen . Standpunkt mehr Verständnis entgegenbringen würden, als dies von seiten der wirklich polnischen Juden, an die er vorher herangetreten, geschehen war. Seine Annahme war ganz richtig, und in der „Agudas hoorthodoxim" fand er den Bundesgenossen innerhalb des polnischen Judentums, ohne den sein politisches Auftreten in der polnisch-jüdischen Frage von vornherein fiindanlent- und ivirrungslos erschienen wäre. Daß diese. Bundesaenosfenschaft besteht, dafür! haben wir natürlich keine, Dokumente -und schriftliche Abmachungen zum Beweis; doch zeugen soviele eindeutige Symptome für ihren Bestand, daß ein Zweifel nicht möglich ist. Die Adresse der „Agudas hoorthodoxim" an den provisorischen Polnischen Staatsrat, die dieselben Forderungen aufstellte, die Herr Dr. Paul Nathan vertritt, die unwürdige Haltung, die das Organ der „Agudoh", das ,"Jüdische Wort", den Polen gegenüber einnimmt, das Schreiben des Herrn Dr. Nathan an dem Grafen Roniker und — als bezeichnendstes Symptom — der sonst unverständliche Lobgesmtz, den er in seinem vor zwei Wochen'im „Berliner Tageblatt" veröffentlichten Artikel über die polnischjüdische Frage auf die „Agudas hoorthodoxim" anstiinmt, - all dies sind ganz klare und sichere Beweise für diese Bundesgenossenschaft. Diese Bundesgenossenschaft aber ist das weitaus Interessanteste und Bedeutsamste an denr ganzen jüngsten Auftreten des Herrn Dr. Paul Nathan und an seiner Politik in der polnischen Judenfrage. Diese Bundesgenossenschaft macht seine Politik erst wichtig und gefährlich. Träte er allein auf, sein Standpunkt müßte als der eines einzelnen deutschen Juden ohne jede Wirkung bleiben. So aber kann er jederzeit behaupten, daß die „stärkste .jüdische Organisation" in Polen, die „Agudas hoorthodoxim", mit chren 23fÖ00 Mitgliedern seine Auffassung teile und unterstütze und kann sich damit den Anschein geben, als spräche er wirklich im Namen der jüdischen Massen in Polen und als sei er in der Tat legitimiert, für sie und über ihren Kopf hinweg mit den polnischen Politikern über die Judenfrage zu verhandeln. Daß er dazu keinesfalls berechtigt ist, braucht jedem, der die Verhältnisse nur ein wenig kennt, nicht erst gesagt zu werden. Zunächst ist die Größe und Stärke der „Agudas hoorthodoxim" eine Sache von. sehr problematischem Charakter. Mag sogar sein, daß 23000 Mitglieder in ihren Listen eingetragen sind; aber wer weiß, wie solche Eintragungen zustande kommen und was sie bedeuten, wird verstehen, daß diese Mitgliederzahl allein die „Agudoh" noch ' durchaus nicht zur stärksten oder gar einflußreichsten jüdischen Organisation in Pole:: macht. Und außerdem: auch die „Mitglieder" der Agudoh" selbst würden sich in ihrer großen Majorität sehr davor hüten, Herrn Dr. Paul Nathan mit ihrer Vertretung zu betrauen, würden sie über seinen.Standpunkt richtig aufgeklärt und würden sie überhaupt um ihre Meinung befragt werden. Aber das ist ^a das Gefährliche und Verwerfliche an dieser ganzen Angelegenheit: daß einige deutsche Juden sich hier.zusammentun, um „im Namen" des polnischen Judentums über feinen Kopf hinweg und gegen seinen Willen seine Rechte zu vertreten, richtiger gesagt, es preiszugeben. Denn daß die Polen ein solches Auftreten des Herrn Dr. Paul Nathan'gemeinsam mit der „Agudas hoorthodoxim" für ihre Zwecke weidlich ausnützen werden, um darauf .hinzuweisen, daß die polnischen Juden selbst ja gar keine nationalen Rechte fordern, ist selbstverständlich. Wie unnatürlich und deswegen doppelt verwerflich dieses Bündnis zwischen Herrn Dr. Paul Nathan und der Gruppe der extremsten Orthodoxie ist, brauchen wir nicht erst aufzuzeigen. Der liberale Politiker und Freigeist in einer Front mit dem „Gerer Rebbe" und den Vertretern der „Freien Vereinigung" ist wirklich ein Bild, das zum Lachen reizte, wäre es nicht so traurig infolge der gefährlichen Folgen, die dieses Bündnis nach sich ziehen kann. Im Grunde wiederholt sich hier das typische Bild, das man schon seit langen Iah-, ren innerhalb des polnischen Judentums beobachten konnte: das Bündnis von der extremsten Assimilation und extremsten Orthodoxie, der Dickstem und Natanson mit dem „Gerer Rebbe" und seinen Gefolgsleuten. Diesmal sind es nur deutsche Inden, die die Leitung bei dieser Konrödie übernommen haben; zur Entschuldigung der, polnischjüdischen Orthodoxie, soweit sie an diesem unwürdigen Spiel beteiligt ist, sei dies gesagt. Gegen diese ganze „Politik" aber bei Zeiten energisch Front zu machen, ist Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, vor allem in Polen selbst. Denn andernfalls kann sie, trotz aller Erfolglosigkeit im Positiven, zu der sie von vornherein verurteilt ist, doch negativ sehr unheilvoll und gefährlich wirken. Bericht aus Rutzlaud. In Petersburg fand znm ersten Mal eine große zionistische Volksversammlung statt; als Redner traten auf: Rosow, Grünbaum, Drujanow und andere. Man nahm eine Resolution an, der zufolge jeder organisierte Zionist in Rußland, seine Hilfe der provisorischen Regierung, die der russischen Judenheit bürgerliche und natonale Befreiung zusagt, leihen müsse. Tie zionistische Organisation in Minsk veranstaltete am 6. März einen großen Straßen-Umzug, an dem eine tausendköpsige Menge unter Borantraaen der jüdischnationalen Fahne und dem Absingen zionistischer Lieder teilnahm.' Die Demonstration wurde von der Bevölkerung warm begrüßt. Die Stadtverwaltung hat die Minsker Zionisten auf-, gefordert, zwei Delegierte in das provisorische Stadtkomitee zu wählen. In Moskau fand in einem Riesensaale ein großes öffentliches jüdisches Meeting statt, einberusen von einem Komitee der vereinigten jüdischen Organisationen. Dr. Jchiel Tschlenow, der zum Bo stzenden gewählt wurde, gedachte in seiner Rede der Opfer des alten Regimes und begrüßte dann die. Freiheit a.ler „po itischen Ve.brecht, ferner die Reichsduma, das russische Pro etariat und die Armee. Es sprachen dann die Bert eter der verschiedenen jüdischen Or -ani.ationen. Ve schiel ene Forde ui ge.i wueden aufgestellt; in einer Sache a.ec waren .ich ane einig: in der Forderung nationaler Rechte für das: russische Judentum. Die Tagung nahm die folgende Resolution an: „Die jüdische Bolksvers'mmlung in Moskau beg'üßt in großer Freude die Freiheit. Wir sind ganz davon überzeugt, daß die Gründnngsversammlung, die ans Grund des freien Wahlrechtes gewählt werden wird, in Rußland vollkommene Bolksverwal ung he stellen wird und daß dem jüdischen Bolle, wie allen anderen Böllern in Rußland, außer der bürge.lichen Freiheit auch nationale Rechte, nationale Selbstverwaltung und freie nationale Enrwicklunggesichert werden wird. Die Be s. mmlung besch ießt, einen allgemeinen jüdischen Kongreß in Rußrand eiuzube- Um eine Zusammenarbeit der versch'edenen zionistischen Organisationen Herbeizuführen, ist in Moskau am 1. März, ein zionistisches Exekutivkomitee gegründet worden, dein Mitglieider des Großen A. C., des Zentralkomitees, des Moskauer Stadtkomitees, per ,Ze!re Zion", der zionistischen Studenteuorganisation „Hechawer" und Vertreter der . zionistischen Zeitschriften angehö.en. Auch die jüdisch-sozialistischen Parteien haben eine wirkungsvolle Arb.it ausgenommen So hie.ten in Moskau die „Poale-Zion" am 3. März, der Bund am 8. März, am 15. die jüdischen Sozialisten („Seemöwzes") und Sozialisten-Ter.i.orialisten (S. S.) Be.sammlungen ab, in denen verschiedene wichtige Fragen, besonders der näheren Fühlung. miteinander behan.elt wurden. Die Poale Zion beschlossen in ihrer Sitzung vom 5.: ein jüdisches Par eiorgan „Der jüd'she Sozialdemokrat" h^auszugeben wie auch ihre alte Zeitsch.isr in russycher Sprache „Jewrejskaja Rabotfche Chronika". Di: Mischen Soz'alistenpartein s'nd im Arbeiter¬ und Soldatenrat verrieten. Es befinden sich 8 Inden im Aus.ührungsiomitee des Arbeit r- und Soldaten.» es. Davon haben der „Bund" 3 Vertreter, die -„Poale Zion" ebenfalls 3. die jüdische sozialistische Partei (S. S.) und die jüdischen Sozialisten (Seemowzes) je einen in das Komitee delegiert. -