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Neue jüdische Presse · 1917-04-20 · Heft 15 (20.4.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 15 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i. " , . " ' """ "V Erscheint wöchentlich am Freitag. Senkgspreis pro Niertetjahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr« 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. KerausgeVer: Kals cheis. •-' Insrrtianspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen »Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen»Bureans. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4864. - ■ ■ — ... . — > - ' 15. Zahrtzaug. Freitag, den 28. Nissan 5677 (2t). April 1917» Nr. 1s. Neuorientierung? Wir .leben im Zeitalter der Neuorientierung, und da ist es wohl nicht verwunderlich, daß. die „Allg. Ztg. b. Indent." plötzlich zu der Einsicht kommt, wie wenig.Wert die staatliche Anerkennung für den inneren Halt der Jüdenheit besitzt. Sie schreibt nämlich in einem Wiener Bericht: „Während die Säule der Wohltätigkeit stolz in die Höhe ragt, kann man dies von den Heiden, anderen traditionellen Säulen des Judentums (Thora und Gottesdienst) mit Bezug auf die Großgemeinde hier nicht gerade behaupten. In der kürzlich abgehaltenen,bewegten Budgetdebatte des. Gemeindevorstandes klagte Hofrat Dr. Löwner — ein von den besten Intentionen beseeltes, der Resorm zuneigendes Mtglied des Knltnsvorstandes —, ,daß der Religionsunterrich t sehr im argen liege. Er berief sich auf das Zeugnis eines der Gem inte äbbimr. w lcher zuzlnch Inspektor für den Religionsunterricht ist, wonach die Schüler im Gymnasium das wenige Hebräisch, das sie in der Volksschule mühsam erlernt hatten, »trotz des obligatorischen weiteren Unterrichts ganz vergessen. Merkwürdigerweise hat erst in einer der jüngsten Nummern der „Neuen Indischen.Monatshefte" ein deutscher Rabbiner wieder darüber geseufzt, daß in Preußen deni jüdischen Religionsunterricht, dem .Rabbineramte, der jüdischen Äilitärseelsorge der amtliche Charakter fehle. Bei uns in Oesterreich aber wird das Judentum von der außeramtlichcn Anerkennung^ geradezu erdrückt, es geht an ihr zugrunde. Der'Religionsunterrich t ist nicht nur obligatorisch und staatlick bezahlt (die Professoren sind im Staatsdienste bcjt anderen vo.lkoimnen gleichgestellt), sondern bildet dni ersten Gegenstand in jedem Schulzeugnis. Das hindert aber nicht, daß mit Ausnahme derjenigen 'Schüler, die aus religiösen Familien, stammen und zu Hause hebräisch lernen, die Jugend nach vieljahrigem bis in die oberste Gymnasialklassen zweimal wöchentlich genossenen und mehrmals im Schuljahre zum offisicllen Prüfungsgegeilstande gemachten Religionsunterricht in judaicis vollkommen unwissend ist undxnlch ohne inneres Interesse für die Religionsgemeinschaft die Schule veläßt. Die besten Lehrer müssen beide Äugen zudrücken und sich zufrieden gehen, weim in jeder Klasse sich ein paarernsterveranlagte Schüler finden, die frcitvillig etwas lernen — die aber auch in einem nichtobligatorischen Kursus dasselbe oder viel mehr sich aneignen würden. Der Rabbiner hat in Oesterreich die volle staatliche Anerkennung. Das hindert nicht, daß er in der Gemeiirde zumeist ganz ohne Einfluß ist. Die jüdischen Militärseelsorger sind in Rang und Gehalt vollkommen den anderen gleichgestellt. Wer mit.Neid 'schauen manche bei uns auf die lediglich durch ihre, innere Bedeutung zur Anerkennung gelangte seelsorgensch: Tätigkeit der Reichsdeutschen Feldrabbiner, deren' Berichte von der Front von Zeit zu Zeit erscheinen. Mehr kann' derzeit darüber nicht gesagt werden." Religionsunterricht obligatorisch, staatlich bezahlt und der erste Geaeststand in Zedern Schulzeugnis, — und trotzdem' die Schüler vollkommen unwissend und ohne inneres Interesse für die Religionsgemeinschaft i Der Rabbiner staatlich anerkannter Beamter, — und trotzdem in seiner Gemeinde zumeist .ganz ohne Einfluß! Was braucht man bei dieser Erkenntnis noch nach einer staatlichen Organisierung der Jüdenheit zu rufen? Ist es da nicht vernünftiger, das Schwergewicht. . der Arbeit auf die innerjüdischen Zustände zu legen? Gerade unsere sogenannten Liberalen, die ja die „Allg. Ztg. d. Judent." vertritt, haben von jeher cmes Heil für die Zukunft des Judentums in seiner staatlichen Organisierung gesehen. Zangwill kehrt zum Zionismus zurück. Wie deni Indischen Korrespondenzbnreau inr Haag aus- London berichtet wird, hat Israel Zangimll in einer Rede, die er am 1. April in einer Versammlung anläßlich der russischen Revolution hielt, sich. für . den.Zionismus erklärt. „Durch die Umwälzung in-Rußland", sagte Zangwill, „ist die Jndensrage keineswegs gelöstworden. Die Jutzen werden jetzt als freie Menschen pir ihre nationale Befreiung kämpfen können. Ich hoffe,' daß die Freiheit auf die russischen Juden nicht den Einfluß haben wird, den sie auf die Juden Westeuropas hatte, die ihr' Judentum verleugneten uns nur eine schlechte Kopie ihrer Nachbarn sind." In seinem Schlußwort wies er darauf hin, daß der Augenblick der Verwirklichung des zionistischen Ideals sehr günstig sei. „Ich war", erklärte Zangwill, „gegen Palästina, weil ich die Errichtung eines jüdischen Staates unter türkischer Verwaltung als unmöglich erachtete. (Warum nicht? D. Red.) Jetzt aber, wo Palästina frei und vielleicht an die Juden abgetreten werden wird, bin ich der erste, der den Zionismus mit Wort und Tat unterstützen wird." Diese Erklärung Zangwills wurde mit gewaltigen Zustimmungskundgebungen begrüßt, die einige Minuten anhielten. > Die russische« Juden in der Revolution. Wie das „Jüdische Korrespondenzbnreau" im Haag meldet, telegraphierte, der Times-Korrespondent am 10. April an sein Blatt: Das republikanische Organ „Rußkaja Wolja" hat das Komitee der Arbeiter- und Soldatendelegierten wiederholt ausgefordert, an das Tageslicht zu treten. Es fordert die Bekanntmachung der Namen der Personen, welche sich die Leitung annraßen und den Chaos sortdauern, lassen, der zu einem Bürgerkrieg und einer schmählichen Niederlage Rußlands leiten könnte. Das Komitee be- , harrt aber in seinem Schweigen. Der Führer des Komitees, ein jüdischer Advokat namens Jtjekl o f, hat ebensowenig das Recht, im Namen Rußlands zu sprechen, wie sein Kollege Tscheidse. Winawer und Grusenbe rg, zwei angesehene jüdische Advokaten, haben die Annahme einer hohen Funktion, die man ihnen anbot, verweigert. - Der Times-Korrespondent fügt hinzu, daß es höchste Zeit ist, daß die russischen Juden sich öffentlich von den Demagogen trennen. Diese tendenziöse Nachricht der Times .läßt darauf schließen, daß man nach altem Rezept versucht, die wachsenden Schwierigkeiten, mit welchen die provisorische Regierung zu kämpfen hat. auf das Konto der Juden zu setzen. Es scheint, daß die russischen Juden auch in dieser Revolution zwischen Hammer und Ambos geraten sollen. Die an: 3. April erfolgte Emanzipierung der Inden rechtfertigt allerdings die Erwartung, .• daß die Regierung dieser Hetze fernsteht und es sich lediglich! um Treibereien unverantwortlicher Kreise handelt, die durch Entfesselung von Judenverfolgungen kaum die Stärkung der neuen Regierung, vielmehr die Rückkehr desalten Systems zu erwirken hoffen. Briefwechsel zwischen Dr. Paul Nathan*) «uv Graf Rouiker.**) Warschau, den 3. Februar 1917. Hochgeehrter Herr Graf. In Anknüpfung an die vielfachen politischen Unterredungen, die ich den-Vorzug hatte, mit Ihnen und Ihren Freunden zu pflegen, erlaube ich! mir, die nachstehenden Pimkte unserer Erörterungen als die wichtigsten festzustellen Endgültige Klarheit über diese Fragen zu schaffen, erscheint mir von entscheidender Bedeutung; eine günstige Lösung würde, wie ich zuversichtlich annehme, die har- *) Ehrenamtlicher) Geschäftsführer des Hilfsvereins der deutschen Juden. **) Eine der führenden politischen Persönlichkeiten Polens. ... manische. Zusammenfassung all« Kräfte des polnischen Landes gewüprleisten, was auch, im internationalen Jnterefle ühermis erwünscht sein müßte. Auf Grund der besten Traditionen polnischer Vergangenheit darr ich voraussetzen, daß Sie und Ihre polifischen Freunde meinen Glaubensgenossen die volle und uneingeschränkte bürgerliche Gleichberechtigung mit der christlichen Bevölkerung des Staates zu gewähren und in der Praxis durchzuführen bereit sind. 'Diese politische Gleichberechtigung wird in segensvollster Weise ihre Früchte tragen, wenn meinen Glaubensgenossen in her Betätigung ihrer traditionellen religiösen Ueberzeugungen seitens des Staates Schwierigkeiten nach keiner Richtung hin in den Weg gelegt werden. Insbesondere darf ich darauf'Hinweisen, baß die Erhaltimg .der Sabbathruhe fiir die erdrückende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Polen vom religiösen Standpunkte aus als. unumgänglich erforderlich erachtet wird. Die Beibehaltung des feigen Zustandes, die es den Juden ermöglicht, am Sonntage während bestimmter Stunden des Tages, natürlich unter strengster Berücksichtigung der religiösen Empfindungen der christlichen Bevölkerung, ihre Geschäfte offen zu halten, erscheint dringend geboten, soll nicht eine schwere wirtschaftliche Schädigung der Juden herbeigeführt werden, die in bestimmten Stadtgebieten katastrophal wirken könnte. Die Lösung« der Schulfiage in Polen für die Gesamtheit der Bevölkerung bietet zweifellos Schwierigkeiten. Wer auch diese Schwierigkeiten lassen sich, wie ich nicht bezweifle, lösen. Es erscheint selbstverständlich, daß die Kinder sämtlicher Bürger Polens, zu welcher Religion sie sich auch bekennen, in ihrem eigenen, wie im Staatsinteresse, der polnischen Sprache in Wort und Schrift beim Brassen der Schule mächtig sein müssen. Es wird auch verlangt werden müssen, daß der Gesamtheit der Kinder i» Geschichte und Geographie der Unterricht in polnischer Sprache vermittelt wird aus bekannten Gründen, über deren Berechtigung in den bei weitem meisten zivilisierten. Staaten Ueüereinstimmung he.rscht. Darüber, hinaus aber sollte, wie mir scheint, den einzelnen jüdischen Gemeinden in Polen die Freiheit gewährt werden, den Unterricht gemäß ihren eigenen Bedürfnissen und gemäß den ihnen eigentümlichen religiösen Uebe zrugungen zu gestalten. Die innere Entwicklung. Polens in der Vergangenheit hat dazu geführt, daß innerhalb des Judentums verschiedene Richtungen mit besonderer Innigkeit an besonderen religiösen Disziplinen 'oder falber an der hebräischen .Sprache oder über am Jüdischen hängen. Eine weise Schonung dieser Eigentümlichkeiten würde die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung veranlassen, umso treuer dem polnischen Staats- Wesen anzuhängen. Daß der polnische Staat schließlich ein Aussichtsrecht über alle Arten jüdischer Schulen für sich, in Anspruch -nimmt, ist selbstverständlich. Wenn ich als deutscher Jude mit hervorragenden polnischen Politikern in eine Erörterung dieser Fragen eintrete, so bedarf das einer Erklärung. Es wäre naheliegend, daß Inden, die polnische Staatsbürger sind, sich in erster Linie dieser Pflicht unterziehen. Das ist schwierig, tveil innerhalb der Inden Polens es vielfach von einander abweichende Richtungen gibt, und dieses Auseinandergehen der Anschauungen erschwert es vorläufig, die gemeinsamen Bedürfnisse, zu einheitlichen Wünschen znsämmenzufassen. Einem Außenstehenden ist das weniger schwierig. Sodann aber darf ick. mich darauf berufen, daß ich nicht erst neuestens, sondern seit langer Zeit in Deutschland für eine Regelung der polnischen Frage eingetreten bin, die es dem Polentum ermöglicht, .wieder zu einer selbständigen nationalen Entwicklung jn gelangen. Als Jude wie als Deutscher liegt es mir daher gleichmäßig am Herzen, daß das neue polnische Staatswesen vor innerer Zerklüftung möglichst bewahrt wird. Das entspricht, wie mir scheint, dem Interesse Deutschlands wie Polens, dem Interesse einer friedlichen europäischen Entwicklung und der Humanität, die erfordert, vermeidbaren Reibungen zwischen Christen und Inden vorzubeugen. Dr. P. Nathan. Warschau, den 4. Februar 1917. Sehr geehrter Herr Doktor. Im Besitze Ihres werten Schreibens vom 3. d. M-, in welchem Sie' die jüdische .Frage bei uns in Polen behandeln, bin ich gern bereit, Ihnen meine Meinung in dieser Sacke zu äußern. ' Stuf Grund der besten Traditionen der polnischen Vergangenheit wird der polnische Staat meiner Meinung nach bereit sein, Ihren Glaubensgenossen die volle, bürgerliche Gleichberechtigung mit der christlichen Bevölkerung zugewähren und dnrchzusühren. ~

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