Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1917)
- Date
- 1917-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zeichnet Kriegsanleihe! das Kommando, um unseren Brüdern draußen in Ost und West, auf der See und m der Lust neue Kraft zu verleihen und den Feinden zu zeigen, daß wir auch finanziell nicht niederzuringen sind. Infolge der Feiertage fällt die nächstwöchentliche Rümmer ans.. Pessach. Für kein Voll haben seine religiösen und nationalen Feste eine solche Bedeutung wie für - das jüdische; keinem Volke sind seine Feiertage - eine solche Quelle ypr Stärkung, Tröstung und Befruchtung wie uns Juden. Tenn uns müssen unsere Feste einen großen Teil dessen geben, was - anderen Völkern ihr - alltägliches Leben, ihr normales Dasein gewährt. Ta cs uns an einer . eigentlich nationalen, schöpferischen Gegenwart seit Jahrhunderten fehft, sind wir genötigt, die" stärksten Energien unserer Erhaltung und Existenz aus der Vergangenheit zu schöpfen, und dies jst ja nnt der Sinn und die Bedeutung unserer Feste, das; sie uns die Erinnerung an die Vergangenheit so machtvoll und suggestiv, so konkret und lebendig immer von neuem wicdcrgeben. Und so kommt es, daß jedes unserer Feste für uns eine Art von Oase in der oft so ■ oben uiiö qualvollen Wüste unserer Golusexistenz darstellt, die uns stärkt und erfrischt und neue Kraft z<>r Fortsetzung unserer Wanderungen spendet. Und darum sind uns unsere Feste nie willkoiginener, . nie notwendiger, nie beglückender als gerade in Zeiten besonders großer Not und doppelt schwerer Qual; niencals noch erschienen uns denn auch die jüdischeil Feste schöner, 'trostreicher und weihevoller als in' den Monaten der Katastrophe, die wir nunmehr im dritten Jahre schon erleben. Kein jüdisches Fest ist, von diesem Gesichtspunkt gesehen, reichhaltiger und bedeutsamer als das Pessachfest. Es ist nicht nur/ das« tiefst nationale von allen, weil cs dem Ereignis getveiht ist, 'mit dem die Bolkswerdung des Jndentmns erst anhebt, sondern es verkörpert auch i'.l sich -konkreter und erschöpfender als jedes andere » den innersten Sinn der jüdischen Geschichte llud der jüdischen Existenz. Die Befreiung ans Aegypten ist als das erste große .Ereignis der jüdischen Geschichte zugleich auch ihr bedeutsamstes und typischstes geblieben, und die ganze Entwicklung des Judentums ist eigentlich nur? eine fast un-. 1 unterbrochene Kette von Befreiungen doll Knecht- , schuft und Unterdrückung, eine einzige Befreiung aus -ägyptischer Tyrannei und Entlvürdigung. Ulld nicht nur die Tatsache der Befreiung selbst ist der charakteristische Grnndzng der jüdi- , scheu Geschichte geblieben, auch die Art der Be- - sreiung ist typisch für unsere Historie. Immer vollzog sich unsere Errettung wie in Aegyptew im Augenblick der höchsten Not und immer in der Art eines Wunders. Immer sind wir dann erlöst und befreit worden, rvemr die Rettung am fernsteil schien, und stets war diese Errettung dann etivas schier 'unmöglich Geglaubtes, etwas Wunderbares. Es ißt dies die Eigenart unserer Geschichte, die sie mit dam stärksten von der aller anderen- Völker unterscheidet und ihr ihren einzigartigen Charakter verleiht, der sie über das Normale, Gewöhnliche emporhebt und bis zur Sphäre des- Metaphysischen, Mystischen trägt. Ein Wunder ist unsere ganze -tausendjährige Existenz als Ganzes, und ein Wunder sind all die verschiedenen Phasen unserer Erhaltung und Crrettuilg in all ihren Einzelfüllen. Es ist ein . tief beglückendes Bewußtsein, diese große Lehre des Pessach festes, diese .Kardinalidee unserer Geschichte und Existenz sich gerade in diesen Monaten, vor Augen zu halten. Denn ivieder leben wir in einem Aegypten der grausigsten. Art, ivieder steht unser Volk in-einer Krise, die eine Katastrophe unvermeidlich zu machen scheint, und. wieder möchte man fast verzagen, wenn wir uns nicht. sagen dürften, daß gerade die Zeiten unserer größten Not auch stets die Zeiten nnserer Erlösung waren, lind schon beginnt sich dieses dauernde Gesetz nnserer Entwicklung auch jetz: geltend.'zu machen, die russische Revolution, für alle so unerwartet, hat den Millionen unserer Brüder, für die das Leid am stärksteil war und die .Hilfe am ferilsten zu sein schien, über Nacht Froheit und den Beginn einer strahlenden Zukunft gebracht, lind darf man angesichts dieser plötzlichen, fast wie ein Wunder ainnntendeu Aendernng der Lage - der russischen Huden nicht die .Hoffnung hegen, das; dieser Krieg auch der Gesnmtheii unseres Volkes eine jähe und heute unwahrscheinlich dünkendc- Blenderung und Uingejtal tnlig ihres Daseins bringen wird? Ob man aus Grund der gegenwärtigen Verhältnisse bei püchterner Erwägung und Beurteilung das ihnuehmen luill oder nicht, aus Grurrd des Entwicklungsgangs der jüdischen Geschichte muß man daran glauben. Das Pessachfest stärkt diesen Glauben und gibt lins die .Hojfnuiig, daß wie jetzt das „Mizroim", iir dem nur als Volk leben, schlimmer und unerträglicher ist als je, so die „Geulah", die Erlösung ans diesem Aegypten naher ist als je. Und so werden wii/ dies Jahr Pessach. feiern nicht nlir als das hehrste Fest der Erinnerung an die große ferne Vergangenheit, sondern auch . vor allem als. das Fest der Hoffnung ans eine nahe große Zukunft. Die jüdische Kullurkousereuz. Bericht ' unseres Korrespondenten. Die erste jüdische Kulturkonferenz in Warschau wurde am 26. März in Anwesenheit von 136 Delegierten, darunter 60 von den Provinz-. städten, feierlich erössilet. Nach einer Begrüßungsrede des.Vorsitzenden, N. Prikutzki, entwickeln sich scharfe Debatten, die sich nur die Kompetenz! der Konferenz drehen. Ein großerTeil der Delegierten wünscht, daß die Versammlung, da sie nur von. der „Volksgruppe" ohne Mitwirkunganderer Organisationen zusammengerusen wurde, als eine Vorbereitung s konferenz angesehen werde, die . den Boden für - eine allgemeine Konferenz ebnen soll. Ans Vorschlag des Vorsitzenden wird die Frage aus die letzte Sitzung verschoben. Herr I. S t u p n i tz k i hält in der Nachmittagssitzinig ein Referat über die „A ufgaöe n der jüdischen K n lt n rb ewe g u n g". Er soidert die Stärkung des jüdischen Lebens und der jüdischen Sprache. Am zweiten Tage sprechen unter anderem Ing. Esron über die Sch ulfrage, dann Prilutzki und Hillel Zeitlin. Es werden Resolutionen angenommen, einen allgemeinen jüdischen Schulrat zu bilden und der hebräischen Sprache in der jüdischen Volksschule einen dreiten Raum zu lassen. Referaten über „jüdische M u s i k" und „j ü d i s ch e B i b l i o t h e k e n" folgt eine lebhafte Debatte. In der ersten Sitzung des dritten Tages spricht ,H. Nomberg über die „jüdische Literat u r', L. K it h a n über das „j ü d i s ch e Theat er wesen". Man nimmt verschiedene Beschlüsse hinsichtlich dieser Fragen an. Die letzte Sitzung der Kulturkonserenz nimmt einen spannenden Verlaus. Die Frage, ob die Versammüingen eine Vorkonferenz oder eine Konferenz seien, erregt sehr die Gemüter. Den Sieg trägt die zweite Richtung davon, worauf die Opposition sich von einer weiteren Mitarbeit lvssagt. Hieraus wird die Wahl eines provisorischen Zenrralbüros »orgenommeu. Gewählt werden u. a. P r i l u tz k i, Nomberg, L. Kahan, Stnpn i tz t i und D i n e s o h n. Nach eitlem 'Schlußwort des Vorsitzenden.wird die Konferenz geschlossen. . Wenn auch die Notwendigkeit einer organisierten Kulturarbeit unstreitig vorliegt, so ist doch das einseitige Vorgehen sehr zu. bedauern. Hülseusrüchte am Pessach.k> Von Oberrabbiner Dr. Lern er, Altona. (Schluß.) Im 'Jahre 185-1, als großer Mangel an Nahrungsmitteln in Rußlank! entstand, erklärte der berühmte Gaon R. Jakob M. Padwe, Rabbiner in B r i s k, einer der hervorragendsten Gemeinden.des Ostens, daß man zwar einen Minhag> der als Schutzmittel sür ein göttliches Gesetz dient, nicht anfheben dars. Eine Zulassung für eine bestimmte Zeit, in der Nahrungsmittelknappheit herrscht, die zu Hunger und Gesetzesvcrletzuiig führen kan», darr nicht als Aufhebung eines Minhag gelten. (Bergt. Temai 3 I Ernbin 1.10.) . M. Rabbi S.- Elcha » an Spektor in Kowno, eine der großen rabbinischcn Autoritäten in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, hat tu Zeiten großer Rot die Zulassung von Hülsenfrüchte» an Pessach gestattet. (Bergt. Toldot Jizchok.) IV. R. Natansohn, Oberrabbiner in Lemberg, einer der phänomenalsten, in ganz Israel anerkannten Autoritäten, hat in einer Zeit der Mißernte, großer Teuerung, enormer Geschäftstrisen, in welcher es fast unmöglich war, der armen jüdischen Bevölkerung Mehl aus dem 5 ’®cp treidearten zur Mazzebereiruug in hinreichender Weise zu gewähren, Hülsenfrüchte gestattet, ans welchen Bedürftige MazzoS herstellten. V. Der berühmte S. Eg er in Posen hat, wie mir der R e k t o r D r. Hoff in a » » in Berlin berichtete, in Zeiten großer Rot Hülsenfrüchte gestattet. Zn diesen Weltautoritäten kommen hervorragende Gaonim der -neuere» Zeit, wie der Verfasser des Am »in de Esch, des D ivre Malkiel, des Che sch ek Sch lau mau, H-echodosch, des Lew C h a s i m , des M >" oreh Am n. v. A. Oberrabbiner Koppel Reich-Budapest machte noch ans den Verfasser „Mischnah Bernra" aufmerksam, der tz 153 erklärt: „Es ist bekannt, daß.Chachmeh Hadorot wiederholt'in Notjahren Hülsenfrüchte erlaubt haben und hinznfügt: „Wie ich von glaubwürdiger Seite hörte, war dies auch hier schon der Fall." Gleich Herrn Oberrabbiner Koppel Reich stimmt auch Oberrabbiner Akiba Schreiber, mit Beziehung auf Chok Jakob, O. Ch..!53 mir bei mit dem Bemerken, daß die Erlaubnis von den Ortsverhältnifien abhängt und der Beurteilung des Ortsrabbiners unterliegt. Meine diesbezügliche Bekanntmachnng, welche in den Altonacr Stznagogen aushängt, lautet: >' Wie alle anderen Minhagim müssen wir auch den religiösen Brauch, H ü l s e n f r ü ch t e am Pessach nicht zu *) In der vorigen Rümmer Zeile 35 soll heißen: Rasche 11 f* s. v. Loh, zu tz 3 Zeile l l: Korehß, Zeile 33 oßn, Zeile 33 An, zu tz 4 Zeile 1t hinzufügen: das, Zeile 13 Rabed, Zeile 23 Chenied, Zeile 29 Denn, Zeile 31 keiner. Zeile 32 merwowo. "