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Neue jüdische Presse · 1917-03-30 · Heft 13 (30.3.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Cs gibt nichts Sicheres als die deutsche Kriegsanleihe.__ Infolge des aus nächsten Freitag fallenden Feiertages erscheint die nächste Nummer bereits Donnerstag. Schluß für Inserate Mittwoch vormittag 9 Uhr. Alte Borurteile. Die öffentliche Debatte über die polnische I u d e n f r a g e ist noch immer nicht zum Abschluß gekommen, und es ist dies nur natürlich, denn die Frage selbst hat ja atttf) noch nicht ihre Lösung .gefunden. In oem Maße aber, als sich das neue polnische Staatswesen entwickelt und konsolidiert, wird die Lösung der Frage dringender und notwendiger, denn ohne eine solche ist eine wirkliche Stabilisierung und dauernde Ordnung der inneren Verhältnisse des neuen Polen unmöglich. 'Wie notwendig - aber die Fortsetzung der öffentlichen Erörterung der polnischen Judenfrage noch ist, wie viel noch in dieser Frage zur 'Aufklärung der öffentlichen Meinung getan werden muß, dies zeigen die vielen Mißverständnisse und Unrichtigkeiten, denen man in den Aeußerungen zum polnisch-jüdischen Probleme noch immer wieder begegnet. Dieser Tage erst hat das „Berliner Tageblatt" einen Aufsatz des Freiherrn von Rechenberg -über die „Miu.oritäten in Polen" veröffentkkht, der beweist, wie sehr sich noch weite nnd maßgebende Kreise gegen eine richtige Auffassung der Frage sträuben. Der Aufsatz ist typisch für das Verhalten weiter Schichten zur Judenfrage überhaupt, zur polnischen Judeiijrage im bcsonveren. Es ist, als wenn in dem Moment, da diese Fragen aufgeworfen werden, das logische Denken auf. einmal versagt, und, statt folgerichtig, sachlich und vernünftig das Problem durchzudenken, nur alte abgestandene Vorurteile und Plattheiten wiederholt werden. Freiherr von Rechenberg .stellt sich in der Grundfrage der Minoritäten in Polen auf einen sehr richtigen lind vernünftigen Standpunkt; , bei aller Betonung des polnischen Charakters des neuen Staates fordert er im Interesse der inneren Ruhe' und freien Entwicklungsmöglichkeit des Landes die Anerkennung der Sonderrechte der Minoritäten, ihrer Ansprüche auf Wahrung und Sicherstellung ihrer Eigenart, ihrer nationalen Sprache und Kultur. Er akzeptiert als Mittel, die Minoritätenfrage in befriedigenver Weise zu lösen, die bekannten Vorschläge — die zumeist vom österreichischen Politiker Karl Renner gemacht würden — des nationalen Matrikelsystems, das jeder Nationalität das Recht und die Möglichkeit zur Gründung und Leitung ihrer Schulen in ihrer eigenen Sprache gibt, und... geht sogar so weit, selbst in der Festsetzlnrg der Amtssprache weitgehende Zugeständnisse an ' die nationalen Minoritäten zu fordern. Man sollte also meinen, daß Frhr.'v. Rechcnberg auch in der Judenfrage zu . den richtigen schlüssen gelangen würde; er brauchte ja nur seinen allgemeinen Standpunkt des Schutzes der Minoritikken und der Einführung des Kuriensystcms, den er den Litauern, Ruthenen und Deutschen in Polen gegenüber einnimmt, juitf) auf die jüdische Minorität — die quälitativ und quantitativ bedeutsamste von allen — anzuwenden,, um die allein befriedigende Lösungssorm gefunden zu haben. Statt dessen macht das Denken des Freiherrn von Rechenberg, das bis dahin so folgerichtig und klar war, hier plötzlich ein halsbrecherisches Saltomortale und lehnt die Gewährung nationaler Rechte an die Juden ab. Und der Grund? Die alte Phrase, die Juden seien ..keine Nation, sondern nur. eine Religionsgemeinschaft. „Zum ersten Male" — meint Freih. von Rechenberg — „tritt hier das Bestreben auf, für' eine Religion die Rechte der Nationalität in Anspruch zu nehmen. 'Alte übrigen Religionen: Christentum, Islam, Buddhismus, Zoroasterglaube usw., kennen ein nationales Moment für ihre Angehörigen nicht." Man staunt über die Weisheit dieser Sätze und fragt sich, wo das. logische Denken eines Mannes ^bleibt, der das Judentum mit Buddhismus und Zoroasterglaube in eine Reihe stellt, der nichts aus der Geschichte weiß, aus der täglichen Erfahrung begreift, daß pie Inden außer durch ihre Religion noch durch vieles andere verbunden und verknüpft .sind: durch gemeinsame Abstammung, gemeinsame politische Vergangenheit, durch Sprache und Kultur, durch tiefste Eigenart und Wescnsstruktckr, kurzum durch alle Merkmale einer Nation. Man sollte glauben, daß heute, 20 Jahre nach dem Beginn der zionistischen Bewegung, ein Mann, der das öffentliche Leben verfolgt Ujid nur über Dinge spricht, die er einigermaßen kennt, nicfjt mehr die Parallele von Judentum und Zoroasterglaube ziehen würde; aber man sieht hier wieder einmal, wie tief Vorurteile verwurzelt und' wie schwer sie zu entwurzeln sind. Daß angesichts dieser Grundauffassung, die Freiherr von Rechenberg vom Judentum hat, auch seine sonstige Kenntnis in jüdischen Dingen nicht sehr groß ist, kann nicht wunder nehmen; eher muß schon die Sicherheit erstaunen, mit der er darüber schreibt. So crckärt er mit absoluter Seelenruhe: „Diese Bewegung — die nationale Rechte, beanspruch: — findet ihre hauptsächlichen Förderer weniger unter den in Polen ansässigen Juden, als unter den deutschen oder österreichischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens"; und er hat keine Ahnung davon, daß all die Forderungen nach nationalen Rechten der polnischen Juden, die . von „ihren Förderern" in Deutschland und Oesterreich erhoben werden, sowohl an Intensität wie an Wucht nur ein schwacher Abklatsch der Ansprüche des polnischen Judentums selbst sind; weiß nichts vor: der Existenz der Zionisten, der „Volksgruppe" und anderen nationalen jüdischen Organisationen in Polen, hat nie etwas vernonimen von den großen Erfolgen der nationalen Richtungen bei den Stadtratswahlen in Warschau und Lodz. Es berührt wirklich eigenartig, von einem Mitglied des Reichstags die Versicherung zu vernehmen, daß die Forderung nationaler Pechte für die polnischen Juden gar. nicht von ihnen selbst, sondern nur von. ihren „Förderern unter den deutschen oder österreichischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens" erhoben werde. . Ebenso bewandert wie in diesem ' Punkt ist Freih. v. Rechenberg auch in der Frage des- Jiddischen. Daß er es für einen „verdorbenen Dialekt!" hält, es mit der Verbrechersprache der Gauner und Landstreicher in Verbindung bringt, setzt nicht weiter in Erstaunen. Woher soll er etwas, von der wirklichen Art und dem Charakter des itoit Miiet Kriegsanleihe Nieder Unk, |iEi)itgeiiö(|mm, Iarkrasse, KMMrWMMMMMMM. Jiddischen wissen? Woher aber schöpft er unter solchen Umständen das Wissen und den Mut, die Behauptung auszustellen, seit den achtziger Jahren habe das Jiddische zwar nicht in Polen oder Rußland, wohl aber unter den nach Amerika aüsgewauderten Juden eine beachtenswerte Literatur - „auszuweisen".' „Zwar nicht in Polen oder Rußland", es klingt erheiternd, wie? Mendele mocher Sforim, Schvlaum-Aleichem, Perez, Schalom Asch, aber Freihvon Rechenberg weiß es scheinbar besser: „zwar nicht in Rußland oder Polen". Für die Sache selbst sehr belanglos, aber ,sür das Maß der Kenntnisse des Freiherrn in Mischen Dingen und vor allen: für das Maß seines Verantwortungsgefühls, das ihn dennoch so sicher und bewußt über diese Dinge schreiben läßt, ist diese originelle These von der Entwicklung der jiddische,: Literatur nicht uninteressant. Wer es scheint, als ob er das Schwache und innerlich Widerspruchsvolle seiner Situation verspür: hätte, und so fand er es für nötig, seinem Standpunkt in der Judenfrage noch eine längere Begründung zu geben, in der Form eines eindringlichen Hinweises auf die Entwicklung, der deutschen Judenheit. Er sucht nachzuweisen, wie wohltätig aus diese die Preisgabe ihrer Sprache und Kultur seit der Emanzipation gewirkt hat, und ' will es so fast als ein Verbrechen an den polnischen Juden hinstellen, wenn man sie durch Zuerkennung nationaler Rechte in einer „bleibenden Ausnahmestellung" verharren läßt, und „sie auf diese Weise gezwungen werden, sich von der übrigen Bevölkerung abzusondern und eine eigene Nation zu bilden". Ja, warum galt aber dies Argument nicht bei den anderen Nationalitäten; warum befürwortet Freih. hon Rechenberg die Ausnahmestellung für die Ruthenen und Litauer und Deutsche, warum will er diese zwingen, „sich von . der übriger: Bevölkerung abzusondern und eine eigene Nation zu bilden"? Das alte typische Blld: Sowie es zu der Judenfrage, kommt, versagt die Logik; was bei Ruthenen und Litauern als selbstverständlich erscheint, gilt bei den Judenals Frevel und Torheit. Und was den Hinweis auf die deutschen'.Juden betrifft, so weiß Freih. von Rechenberg wohl nicht, daß weite Kreise der deutschen Judenheit selbst über das „Glück", das ihr durch ihre Assimilation widerfahren ist, wesentlich anders denken als er. Und die Hauptsache: Selbst wer an dieses Glück glaubt, hat noch nicht das Recht, es den polnischen Juden gewaltsam aüfvrängen zu wollen. Ueber diese Methoden der Volksbeglückung sind wir doch heute hoffentlich schon hinaus. Ob die Beibehaltung des Jiddischen ein Segen oder ein Fluch für sie polnischen Juden sei, darüber mag jeder denken, wie er will. Nieinand aber hat. das Recht, gegen den Willen ver polnischen Juden selbst sie zu beglücken. Wird das Jiddische sich als ein Hennnnis ihrer Entwicklung..erweisen und verschwinden, so wird dies nur natürlich sein; es durch Beschränkung der jüdischen Rechte gewaltsam zu ertöten, wäre aber ein enchörendes Unrecht. Freiherr von Rechenberg und alle anderen, die mit ihm durch Nichtgewährung der nationalen Rechte, die sie allen anderen Nationalitäten zuerkennen, die polnische Judenheit mit den Methoden „aufgeklärter Despotie".' in eine ihnen als heilsam erscheinende . Entwicklung hineinzwängen wollen, mögen es sich

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