Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tie Kriegsopfer für alle Völker abzukürzen, hat Kaiserliche Großmut angeregt. Nun die Friedenshand verschmäht ist, sei das deutsche Volk aufgerufen, den verblendeten Feinden mit neuem Kraftbeweis zu offenbaren, daß deutsche Wirtschaftsstärke, deutscher Opserwjlle unzerbrechlich sind und bleiben. Deutschlands heldenhafte Löhne und Waffenbrüder halten unerschütterlich die Wacht. An ihrer Tapferkeit wird der frevelhafte Vernichtungswille unserer Feinde zerschellen. Deren Hoffen auf ein Müdewerden daheim aber must jetzt durch die neue Kriegsanleihe vernichtet werden. Fest und sicher ruhen unsere Kriegsanleihen aus dem ehernen Grunde des deutschen Volksverinvgens und Einkommens, auf der deutschen Wirischasts- und Gestaltungskraft, dem deutschen Fleiß, dem Geist von Heer, Flotte und Heimat, nicht, zuletzt auf der von unseren Truppen erkämpften Kriegslage. Was das 'deutsche Volk bisher in kraftbe wußter Darbietung der Kriegsgelder vollbrachte, war eine Großtat von weltgeschichtlich strahlender Und wieder wird einträchtig und wetteifernd Stadt und Land, Arm und Reich, Gros; und Klein Geld zu Geld, und damit Kraft zu Kraft fügen •— zum neuen wuchtigen Schlag. Unbeschränkter Einsatz aller Waffen draußen, aller Geldgewalt im Innern. Machtvoll und hoffnungsfroh der Entscheidung entgegen! Gefährliche Bestrebungen. Wir sprachen jüngst cm dieser Stelle von der Tätigkeit der beiden 'Vertreter der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", der Herren Rabbiner Dr. Kohn nnd Dr. Carleb ach in Warschau. Unter voller'Billigung des ihrer Arbeit zu Grunde liegenden Leitgedankens, die orthodoxen Massen des polnischen Judentums. zu organisieren und ihnen damit politische Bedeutung und Aktiouslrast zu geben, mußten :oir doch unseren Bedenken und Befürchtungen Ausdruck geben im Hinblick auf den Geist dieser Arbeit, auf die Tendenz, die diesen Organisationsbestrebungcn verliehen wird, nnd die uns auf den Versuch einer Verpflanzung von Prinzipien und Anschauungen der deutschen Trennungsorthodoxie nach. Polen hinzu deuten schien. In den letzten Wochen haben nun die diesbezüglichen Benciihungen und politischen Arbeiten der beiden Herren konkretere und deutlichere Gestalt angenommen. Durch die Gründung eines eigenen Organs, der Tageszeitung' „Das jüdische Wort" ergab sich die Notwendigkeit von selbst, klare Farbe' zu bekennen .und zu den wichtigsten politischen Fragen, die das polnische Judentum bewegen, eindeutige Stellung zu nehncen, vor allem zu der entscheidenden Frage der Forderung der polnischen Judenheit nach Anerkennung und. Sicherstellung ihrer nationalen und kulturellen Eigenart. Leider hat diese Stellungnahme in vollem'Maße die Befürchtung bestätigt, die wir am Schlüsse unseres erwähnten Aufsatzes geäußert haben; sie hat gezeigt, daß die beiden Herren und die-von ihnen geführten Kreise kein Verständnis haben für die nationalen Ansprüche der polnischen Juden; ja, sie haben sich nichr gescheut, als offene Gegner derselben aufzutreten. Ter erste, nach außen hin' sichtbare Schritt auf. diesem Wege erfolgte durch die Ueberr e i ch u n g einer A d r e s s c seitens der. von den Herren Dr. Kohn und Carlebach gegründeten und geleiteten „A g u d a s hoorthodoxi m" a n den provisorischen polnischen Staatsrat. Wir wollen nicht darüber streiten, ob es an sich angemessen und mit der Würde des polnischen Judentums ganz vereinbar gewesen ist, eine solche Huldigungsadresse zu richten, nachdem die Polen feit ihrer Befreiung, von der russischen Herrschaft sich in dauernden Exzessen der schlimmsten Art den Juden gegenüber ergehen; ob es nicht würdevoller gewesen wäre, erst irgendwelche Aeußerung des Staatsrats zur Judenfrage abzmvarten. Denn mau vergesse doch nicht, daß/wie die Verhältnisse heute liegen, der Staatsrat einstweilen weder das volle Vertrauen der deutschen Regierung noch des gefamteir polnischen Volkes besitzt. Welcher Anlaß bestand du für eine jüdischorthodoxe Organisation, die Repräsentantin der jüdischen Massen sein will, sich so sehr zur Ablegung des Trengelöbnisses zu beeilen, ehe von Seiten des Staatsrats irgendwelcher positiver Schritt getan" worden ist, der geeignet wäre, das berechtigte Mißtrauen, mit dem die polnischen Juden den polnischen Parteien gegenüberstehen müssen, zu zerstreuen? Doch wie gesagt, wir wallen der „Agudas hoorthodoxim" die Ueberreichung der Adresse selbst nicht zum Vorwurf machen; wir können cs verstehen, daß sie damit den Versuch machen wollte, wieder normale Beziehungen zwischen Juden nnd Polen anzukuüpfen, ein Unternehmen, dem man nur ans vollstem Herzen Erfolg und Glück wünschen will. Aber eine Voraussetzung haben alle Bemühungen in dieser Richtung: sic müssen die jüdischen ''Ansprüche laut und klar zum Ausdruck bringe,!, müssen die Ehre des Judentums in vollste,n Maße wahren und dürfen nicht aus Opportunitätspolitik auf irgendwelche berechtigte jüdische Forderungen verzichten. .Und das ist geschehen. Fn der langen Huldigungsadressk! ist mit keinem Worte der nationalkulturellen Minoritätsansprüche der Juden Erwähnung getan; lediglich von Gleichberechtigung und religiöser Toleranz ist die Rede, beides Forderungen, denen die Polen — wenigstens nach außen hin — niemals Widerstand entgegengesetzt haben. Im übrigen ergeht sich die Adresse in immer wiederholten Ausdrücken der- Treue und Ergebenheit zun, polnischen Vaterlande, Tinge, die so selbstverständlich sind, daß sie nicht solcher Betonung erst bedürfen. Mit d i e s e r A d r e s s e h a t also die „A g u d a s hoorthodoxi gezeigt, d a ß i m K a,n p s e der polnischen Judenheit u m ihre nationale n R echte auf 'sie nicht zu rechnen ist, daß die erste Organisation der Orthodoxie in Polen in der Vertretung der wichtigsten jüdischen Interessen und Rechte versagt. Wer hier noch Zweifel hegen könnte, dem werden diese durch die Haltung des Organs der „Agudah", des „jüdischen Wortes", genommen. Seit dem ersten Tage ihres Erscheinens ninimt diese Zeitung den Polen gegenüber eine Haltung ein, die geradezu würdelos zu nennen ist; kann sich nicht genug tun in Beteuerungen der Ergebenheit, und ist außer sich vor Freude, wenn irgendwo ein Pole ein judenfreundliches Wort gesagt haben soll. Es ist für jeden Juden von' Stolz und Selbstbewußtsein im höchsten-Grade peinlich, diese Haltung der Zeitung zu verfolgen; und unwillkürlich wird man durch sie an die Zeiten des „Majoftsjudentuins" erinnert, das ja auch bei aller Unterwürfigkeit den polnischen Schlachzizen gegenüber unbedingt „thoratren" war. Es tut „ns leid, das harte Wort gebrauchen zu müssen, aber es ist gut, die Dinge beim Namen zu nennen; denn was hier geschieht, im Namen einer angeblich 23 00l> Mitglieder zählenden Organisation" geschieht, ist geeignet, die Ehre und die heiligsten Interessen des polnischen Judentums auf das stärkste zu schädigen und alle Bemühungen um die Erfüllung' der berechtigten Minoritätsansprüche der polnischen Juden zu durchkreuzen. Daß es sich bei alledem nicht aber um Entgleisungen und Zufälligkeiten, sondern um ein konsequentes, bewußtes politisches System handelt, beweist die Stellungnahme" des Blattes zn den nationalen Richtungen. Offen und unzweideutig erklärt es sich als Gegner dieser Bestrebungen, und wenn es hinznsngt, selbstverständlich sei jeder orthodoxe Jude auch national, nur sei es notwendig in manchen Momenten von der Betonung des nationalen Gedankens?lbftand zu nehmen, so weiß man sehr wohl, was man davon zu halten hat. Mit den beiden Prinzipien, die das „jüdische Wort" als die Leitgedanken seiner Politik bezeichnet: Treue zur Thora und Treue zum Vaterland, ist für die Sicherstellung der nationalen und kulturellen Eigenart der polnischen Judenheit noch nicht das geringste getan. Mit diesen Heiden Prinzipien allein — deren Berechtigung und Notwendigkeit neben den anderen ganz selbstverständlich ist — gelangt man schließlich zu den jüdischen Zuständen Westeuropas. Und hier scheint lins in der Tat der Kern des Ganzen zu liegen: die Herren Dr. Kohn nnd E a r l e b a ch arbeiten aus eine Verpflanzung der deutsch-orthodoxenWeltanschauung nach Polen hin. Aus allem, was sie bisher getan haben, geht dies klar hervor, und konnten bislang noch Ztveisel in dieser Hinsicht bestehen, so müssen diese nach den Vorgängen der letzten Wochen schwinden. Es ist in einem gewissen Sinne nur gut, daß endlich hierüber Klarheit geschaffen wordett. ist; denn nun weiß das polnische Judentum, um was es .sich dreht. Und daß es keineswegs gewillt ist, die Politik der Trennungsorthodoxie mitzumachen, scheint uns sicher. Weite Kreise der Orthodoxie in Polen stehen der „Agudas hoorthodoxim" ablehnend gegenüber: fast alle Rabbis haben sich geweigert, ihr ihre Zustimmung zu erteilen. Manche angesehene Orthodoxe, die ihrer Leitung bisher angehört haben, sind nach den Ereignissen der letzten Zeit ausgetreten. Und schon wird gemeldet, daß von namhaften führenden orthodoxen Männern die Gründung einer anderen orthodoxen Organisation in die Wege geleitet wird. All oies zeigt, daß man innerhalb der Orthodoxie in Polen zn erkennen begimtt, ivohin der Weg führt, den die Herren Tr. Kohn und Dr. Carlebach sie zn führen gedenken, -und daß man keineswegs Lust und Neigung hat, ihnen zu folgen.. Aufgabe aller nationalgcsinnten, für die Anerkennung der L-onderart und freien Entwicklungsmöglichkeit der polnischen Judenheit kämpfenden, um oie Ehre des Judentums besorgten Kreise in Polen wird es nun sein, die Erkenntnis von den wahren Zielen der „Agudas hoorthodoxim" noch stärker zu verbreiten und für die Organisierung der orthodoxen Massen aus dem Boden der Wahrung und