Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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EeKe 2 :: Stt-Kii!HKiilmi »gegenüber dem beueral-AiJzejgtjr -j~ Vornehmes Familien-Kaffee' ■V Nachmittags u. Abends Konzert. WB uralten Prager Familie, von einer Schaffnerin aus der Elektrischen gewiesen,indemsie einfach erklärte, Dr. Liehen sei galizischer Flüchtling. Die g«l-. lizischen Flüchtlinge müssen, wenn sie d-ie Stadt «uch nur auf einen Tag verlassen wollen, eigene Pässe Haben und sind der Willkür und dem Spott jeder BaHnkaffenbeamtin ausgesetzt. Die furchtbarste Wiickung dieser unglaublichen Verfügung ist jedoch, die, daß diese unglücklichen Flüchtlinge sich nicht' einmal zur Erlangung von Lebensmitteln anstellen dürfen und sich glücklich fühlen «müssen, wenn der Hausbesorger oder jemand anderes gegen ein gutes Honorar, das die meisten Flüchtlinge nicht bezahlen' können, sich ftir sie anstellen. -Wie aber diese sanitäre Maßnahme in Wirklichkeit dürchgeführt wirdgeht daraus hervor, daß in einem Hause, in welchem ein Flecktyphussall festgestellt wurde, derbetreffeickie kranke Flüchtling und .einige Stockwerke höher wieder ein Flüchtling zur Jsogierung gebracht wurden, während der im selben Hause befindliche gichtjüdische Bäckermeister mit einem, großen Kundenkreis und Parteieirverkehr seinen. Betrieb ungestört fortführen durste. Bloch's „Oesterr. Wochenschrift" erhält aus Prag folgende Mittellungen: Im Hause Nr. 50, Prag I., .Langengasse,«' «wurde gegen Ende Januar der Fall eines Flecktyphus konstatiert, aber nicht bei einem galizischen Flüchtling, sondern bei. einem aus Ungarn zugereisten, Juden, der kein Flüchtling war, her sich aber'bei einem Flüchtling aufhielt. Nach achttägiger Krankheit diagnostizierte der Arzt Dr. Fisch l eine Lungenkrankheit; der Erkrankte kam ins Spital, wo man ihn für am Flecktyphus' erkrankt hielt, er wurde aber nach 14 Tagen gesund entlaßen. Dus Haus aber wurde gesperrt, jedoch nur für jüdische Flüchtlinge, während die christlichen Einwoyner dieses Hauses verschont geblieben sind. In demselben Hause befindet sich eine Bäckerei' und eine Wäscherei, allerdings mit christlichen Inhabern, und trotzdem, in diesen Geschäften ein stärker Verkehr stattfindet, wurden die Inhaber nicht behelligt', auch dem Hausbesorger wurde die Freiheitsbewegung nicht gestört, nur die jüdischen Einwohner wurden von der harten Maßregel betroffen, denen selbst die Verpflegung recht erschwert wurde, södäß sie von der Güte und der persönlichen Laune eines diensthabenden Wachmannes abhängig waren, ob' ihnen Nahrung zugemittelt werden.durste. Der erkrankte ungarische Jude wurde acht Tage früher aus dem Spital gesmrd entlaffen, ehe das Haus, in dem er erkrankte, freigegeben wurde. Nach einigen Tagen erschien ein Sanitätswagen vor diesem Hause, und unter dem Zulaus des Straßenpöbels wurden oie Mischen Einwohner jenes Hauses in den Wagen gebracht und zur Entlausungsanstalt geführt; man kann sich denken, welchen Eindruck das auf die naive Bevölkerung. gemacht hat und welch' dezimierende Stimmung in jüdischen Kreisen das chervorrief. Nach der erfolgten Prozedur in jener Anstalt wurden die Leute entlassen, sie erhielten aber trotzdem nicht die Erlaubnis, mit der Elektrischen nach Hause zu' fahren und mußten die nahezu >4 Kiloineter lange Strecke zu Fuß zurücklegen. . Durch die Behinderung, die. öffentlichen Verkehrsmittel zu-benützen, leiden unsäglich hie jüdischen Flüchtlingskinder, welche in den Vororten oder in. den nächstgelegenen Dörfern zur Schule kommen sollen. Bei 23 Grad Kälte wurden arme Kinder bei den -Ohren von der Elektrischen heruntergezerrt und mußten die weite Drecke zu Fuß — z. B. von Smichod und Visotschane usw. nach Prag — marschieren. 54-solcher Fälle 'sind durch Professor Dr. Engel in Prag protokollarisch festgestellt worden.. Das Berbpt der Eisenbahubeirützung erließ der ' Direktor der Franz Josefsbahn in Prag, während die anderen Direktronen zu solch harter. Maßregel keine Veranlassung fanden. Frankfurter Jsra,litischeS FamÜienbkatt. Dem Andenken von Ahron Marens s.A.*) An: 1. Adar ivar ein Jahr verflossen, daß Aron Marcus uns verliest. Die Sorge und Not des Tages hat veranlaßt, daß. des einzigartigen »Mannes! nicht, in. Äer^ Weise-, gedacht,-wurde,, wie es ^seiner Bedeutung gebührt. Me Leser.dieses iBlättes 'kennen -aus den Artikeln über „FlMus-JosePhus und seine Zeitt^ die Eigenart seines schriftstellerischen Talents. Sein Hirn nmspännte einen ungeheuren Tell des Wissens unserer Zeit, . soweit' es die geistig-religöse Entwicklung der Menschheit betrifft. Ueberzeugt von der Auserwähltheit. des jüdischen Volkes,'gruppierte sich in seiner. Auffassung das gewaltige Tatsachenmaterial so, daß überall die Göttlichkeit unserer Sendung, die Treue des'Berichtes unserer heiligen Schriften bis aui jedes , .,Uekez schel Jud" nno jede Regina und das. Hervorbrechen des prophetischen Geistes iu Israel zu Zeiten der Not sich erweist. In seiner umfassenden Kenntnis und stets lebendigen Anschauung des gesamten jüdischen Wissensbereiches und. vieler sie berührenden Disziplinen, seiner Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, seiner Sprachwissenschaften, war bei seiner Gedankenschärfe mrd .blitzartiger Konzeption sein Geistesinhalt ein gewaltiger Organismus; das Anschlägen einer Taste in einem Gebiet löste sofort eine Aktion in einer scheinbar fernen Gedankenprovinz aus, eine Assiciation, die nur durch äußerst komplizierte Geisteswege möglich war. Daraus ergibt sich allerdings eine Schwäche seiner Darstellung, die unübersichtlich wird. Der Leitgedanke seiner verschiedenen Werke, verwischt sich. Und infolge Aususerns des (an sich höchst wichtigen) Beiwerks wuchssn die Werke über den durch, die Verhältnisse gegebenen Rahmen hinaus, mrd die meisten mußten unvollendet^ bleiben. Daß man daraus, bei seinem ungeheuren Arbeitsgebiet eine Reihe kleinerer und größerer Jrrtümer (bei dem Scharfsinn liegt der Irrtum!) Nachweisen kann, beeinträchtigt den Wert seiner Forschuilgen aber ebensowenig wie der Mangel der äußeren Vollendung. / Marcus kann in seiner ganzen Auffassung und Fühlen als Antipode von.Houston Steward Chamberlain bettächtet werden. Und wenn wir garnicht unser jüdisches Empsurden fragen, garnicht an. -die Einzelkritik seiner Thesen, sondern nur die Tatsachen der Geschichte, so haben diese bewiesen, „wer. Gottes ist mrd wer der Heilige, und wen Gott erwählt hat". „Wenn aber die Erde ihren Mund geöffnet hat und sie verschlungen har", jene gepriesene - arische Kultur und ihre Vertreter, „so erkennet, daß diese Männer den Ewigen erzürnt haben". „Ihr aber, die Ihr dem Ewiglu, Eurem Gott, anhänget, lebet alle heute". Ahron Marcus kann mit Recht ausrusen: „Wer Gottes ist, zu mir!" In „Hartmamrs induktive Philosophie im Chassidismus, 1889—90" (2 Hefte) weist er Hartmann die Brüchigkeit seiner Unterlagen .für sein neues Religio usgebäude nach. Nach, einer glänzenden Darstellung der Tatsachen der Hypnose und des Somnambulismus, der Kritik des Mesmerismus und der Auffassung Du Preis kommt ec zur Kritik der Hartmannschen Auffassung des Unbewußten und seiner, dramatischen Spaltung in Einzelindividualbewußtseine und weist ihm nach, daß die Kabbalah,. der Sohar und S. Chain: den Atar (1696—1743, Marokko), darin weit voraus sind. Hartmann behauptet, 'daß dem seiner Natur nach stationären Judentum der Begriff der immanemen Entwicklung fremd ist, und ruft sein Wehe über die seichte Aufklärerei und den greisenhaften Rationalismus der Wolf-Mendelsohn-Nicolaischen Aufklärerei. Darauf antwortet Marcus: „Wir, die halbwilden Chassidimsöhne, fühlen etivas wie menschliche Mitleidsregung in unserer rauhen Brust . ob der Fußtritte, die dem toten Löwen im märkischen Sande versetzt werden. O über Deinen sträflichen Leichtsinn, Du Schwester von der Spree — aber rächen wollen wir Dich, wie ein Simeon und Levi ihre Schwester an dem Sohne Anwrs." Er weist dann nach, wie. der angebliche Entdecker des nwdernen Entwicklungsgedankens, Leibniz, aus kabbalistischen Quellen geschöpft hat, wie die Entwickelung der Welt zur Vollkommenheit hin durch katastrophale Rückfälle, schewiras Hakelim, durch Zerstörung wertloser Welten von R. Abahn im Unlieb verspätet. " ' ~;.Hl.' 10. Talmud, von den Midraschim, von R. Josef. Karo im Magid Meschorim und schließlich iu prachtvoller Klarheit von R. Mose. Chaim Luzzato im Klach pischei Chochmo gelehrt, worden 'ist, ..Den. letzteren excirpiert er ausführlich, in - eleganter:- llebtzrsctzrmg. ..; . ]■. , m ■j Sodann kommt Marcus zu reiner Kritik der Bibelkritik auf Gruiü> der Arbeiten von Hommel, Faulmänn, Lepsius usw.„ die vieles Neue auswüst und sehr anregend geschrieben ist. - ' In den beiden Jahrgängen, der Krakauer jüd. Zeitung 1899—1900, die er fast allein geschrieben hat, sind die Aussätze Kadmuyniaus besonders lesenswert. Sie befassen sich wiederum mit den keilinschriftlichen Juden, sodann mit der Paläontologie, bewerten die Versteinerungssunde in der Familie der Huftiere, -besonders der Pferde -und Schweinesorten und erweisen, wie die Tier- und Vogeltafeln der Tora mit der Auffassung Cuviers und Agassiz und die Theorie der Kabbalisten, besonders Luzzatos zusammenpaffen. Er ist glücklich über -die Entdeckung der Lehren Luzzatos', „des großen politischen Weltweisen, die. Schrappnells ■ von außerordentlichen Tragweite und Spreugttaft siud". „Luzzato hat dem aus der Tiefe hervordringendcn sog. Zeitgeist die Kette um den Hals geworfen." Zn dem biogenetischen- Grundgesetz Höckels sagt er: „Hackel hat die Stenographie der Geschichtsschreibung, welche die Schöpfung gebraucht, nicht gekannt. Nach dem Sohar zu Tauldaus trägt der Mutterleib einen kinematographischen Apparat (quasi) bei sich, der alle Geschlechter, die hintereinander lebten, nebeneinander stellt (Saud hoibur)". — Die Zeitschrift enthält auch sehr wichtige Aussührungen über die nervenphysiologischen Kenntnisse des „Rawed genannten Jezira-Kommentars und Uebersetzungen von psychologischen >Abhandl:mgen der Luwawitscher chabadäischen Chassidimrichtung. In dem groß angelegten „Barsilai, ebräisches Wurzclwörtcrbuch" stellt Marcus nach einer glänzenden sprachpsychologischen und physiologischen Einleitung mit dem spanisch-jüdischen Gelehrten Bartilai und Saadia Gaon den Lehrsatz ans: die Sprache ist die Schrift der Psyche, in welcher die Tasten des Gehirns die in der Unsatzröhre der Sprachorgane entstehenden Töne den Gestihlen und Gedanken entsprechend in Bewegung setzen. Siehe dazu dieses Blatt 19l7, Nr. 7/ S, 3, Spalte 2. Die nähere Ausführung hier würde zu weit führen. Me Theorie ist .sehr interessant, oft geradezu, in der Beweisführung frappierend, aber von hervorragenden Fachgelehrten bestritten« Angesichts mancher Ueberraschungen, die wir in der Wissenschaft erlebt haben, möchte ich die Marcus'sche Theorie als mindestens höchst wichtige/heuristische Hypothese einschätzeu. Auf Grund der urepräischen bekannt gewordenen Sprach reste und der jüöisch-aramäischeu Literatur stellt Marcus 13 'jüdische Sprachepochen auf. — Leider ist das höchst interessante und lesenswerte, auch glänzend gedruckte Werk ein Torso. Hoffentlich wird es durch, den Druck der handschriftlichen Nachlässe bald ergänzt. Im „Chassidismus" hat Marcus eine in vielen Teilen höchst interessante Geschichte dieser jüdischrnationalen Gegenresorm geschrieben, die nebenbei wertvolle Dibre Tora, kulturelle und literarische Studien in Menge enthält. Marcus hat in seiner an Seelenkänrpfen reichen Jugend seinen eigenartigen - Weg von Hamburg in die chassidische Bewegung gesunden. Die Besonderheit seiner Art, die einzigartige Umfassung der esoterisch-kabbalistischen Literatur mllr der :nodernen Wissenschaft verdankt er, , verdanken wir dieser eigentümlichen Schicksalsfügung. * Marcus hat seine Forschungen in den hebräischen Schaalaus uteschuwaus min haschomajim, den . hebräischen Kadmauniaus Und Kesses hasaufer, peirusch al tenach niedergelegt.. An dem letzteren schrieb er bis zum letzten Atemzuge. Mit ihm hoffen wir, daß das zum größten Tell erst handschriftlich vorhandene Werk der jüdischen Jugend in Polen ein guter-Wegweiser in die Moderne sein werde. - Markus war ein Völljude. Voller Anerkennung für nichtjüdische Größe, Chochmas Edanm sah er in' der'Tora das eigentliche Erbteil und die Geliebte der Gemeinde Jakobs. Die Reinheit dieses Liebesbundes verteidigte er mit oem Feuer seines Herzens und der-Schärfe seiner Feder. Für das Wohl und Wehd -der-Jakobsfamilie ttater . rücksichtslos Ms. So 'schloß er sich dem. -Zionismus