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Neue jüdische Presse · 1917-02-09 · Heft 6 (9.2.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die diesjährige Hauptversammlung des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", über die wir eingehend berichteten, verdient behindere Beachtung. Sie ist. außerordentlich charakteristisch und bezeichnend für die innere Situation, in der sich das liberale deutsche Judentum, in der sich die Assimilation besindet. Die Tagung-war von einem. Grundton beherrscht: von der Resignation. Alle Redner.wiederholten sich in der Erklärung, daß der/ Krieg 'dem deutschen Judentum eine schwere Enttäuschung gebracht habe: von einem Verschwinden des Antisemitismus könne keine Rede sein., vielmehr sei er int Verlauf des Krieges beträchtlich gewachsen, und die „Judenzählung" — mögen ihre Motive welche, immer auch gewesen sein — mit all dem Trum und Dran, mit der Aufnahme, die .sie in den weitesten Kreisen der deutschen Oeffentlichkeit gefunden hat, war ja. ein genügend deutliches Anzeichen dieser antisemitischen Welle, die der Krieg, gchracht hat. Und für die Zukunft, darin waren sich alle Redner einig, dürfe man nicht allzu optimistisch .sein. „Wir gehen schweren. Zeiten entgegen", erklärte Herr Rabbiner Dr. Werner-München, und Herr Geh. Justizrak Dr. Fuchs hielt es für seine Pflicht, vorzugroßen Hoffnungen und Erwartungen zu . warnen. Kurzum: alle waren sich in dem Zugeständnis einig, daß die in -bew Zentralverein typische Auffassung des Antisemitismus als einer bloß aus Bosheit fließenden Erscheinung, die früher.oder später verschwinden müsse, wieder einmal Bankrott gemacht hat. . Für alle, die, die Judenfrage tiefer und historischer aufsassen als die Vertreter des Zentralvereins. war .es von vornherein klar, daß dieser Bankrott. eines Tages kommen würde; denn für sie ist der Äntisemitismus nicht eine Erscheinung, die nur im Uebelwollen der Zeitgenossen begründet ist und durch die Propagierung liberaler Dogmen beseitigt werden Tann, sondern ein Phänomen, oas seine letzte Ursache in der anormalen jüdischen Lage hat und nur mit der radikalen Wandlung derselben wird-wirklich ganz verschwinden können. Die Vertreter dieser tieferen Auffassung vom Wesen der Judenfrage haben daher, auch nicht jene große Enttäuschung erleben müssen, die den Kreisen des 'Zsenträlvereins beschieden war, und waren nicht jenen seelischen- Rückschlägen ausgesetzt, die in diesen Kreisen als uirvermeidliche Folgen dieser' Enttäuschung wahrzunehmen sind: vor allem einem übermäßigen Pessimismus und einer inneren Verbitterung und Verärgerung. Fast alle Redner haben zügeben müssen, daß in weiten Kreisen-des deutschen Judentums solche Stimmungen gegenwärtig herrschend seien und haben eindringlich davor warnen müssen, diese Stinunungen noch weiter um sich greifest zu lassen.' Solche Warnungen erscheinen ^uns recht angebracht und vernünftig; aber , wichtiger als dies ist .die Frage, ob die Herren des Zentralvereins aus den Erfahrungen des Krieges, aus dem erneuten Bankrott ihrer liberalen Anschauungen vom Wesen .des Antisemitismus gelernt habest. Leider ist die Antwort, die die Tagung ‘ erteilt,- negativ. Gelernt haben. sie nichts. Die Reden' sind wieder von der üblichen Phraseologie der billigenliberalen Prinzipien getragen; alle Hoffnungen haben die .Herren - wiederum auf den „Sieg ^der Wahrheit, des Rechts und der Gerechtigkeit"' gesetzt und haben sich lediglich mit der Konstatierung begnügt, daß dieser Sieg nicht, wie sie geplant haben, inr August. 1914 bereits errungenworden sei. Und mit der Phraseologie ist naturgemäß auch die innere Psychologie — deren gedanklicher Ausdruck die Phraseologie ja nur ist — dieselbe geblieben, die Psychologie,' die immer nur auf das sieht, was die anderen .sagen könnten und nicht Mut genug haben zu entschlossenem, männlichem Handeln. Diese Psychplogie dokumentierte sich ja. schon in der Art und Weise, wie der Zentralverein zu der Judenzählung Stellung genommen hat. Er machte Eingaben, bat um Audienzen, hielt Konferenzen ‘ ab und erzielte auch manche Erfolge. Abtzr warum unterließ er jede öffentliche Protesterklärung?, Warum.wagte er es nicht, der starken Erregung, die die Zählung innerhalb des gesamten deutschen Judentunis ausgelöst hatte, Ausdruck zu geben? Diese Frage wurde scheinbar auch in weiten Kreisen der Mitglieder des Zentralvereins selbst gestellt, und Rabb. Dr. Kälter-Danzkg hat dies offen ausgesprochen. Er hat. aber selbst gleich hinzuzufügen sich' beeilt, daß dieses Erstaunen' nur eine Folge mangelnder Kenntnis »der Gründe gewesen sei, die 8en Vorstand zu seiner Haltung bewogen hätten. Jetzt aber wüßte er die Gründe und sei vollauf befriedigt.'Und Herr Rabb. Dr. Werner dankte gar der Leitung für all das, was sie nicht getan Habe. Nun, wir haben aus den Reden der Vertreter des Vorstandes nicht ersehen können, welcher Art diese Gründe waren. Will sich der Vorstand auf den „Burgfrieden" berufen? Nun, war die Zählung nicht der denkbar stärkste Bruch des Burgfriedens? Und warum konnten Zeitungen wie das „Berliner Tageblatt" und die „Frankfurter Zeitung" so. scharf gegen die ^Anordnung protestieren, ohne daß ihnen dies als böswölliger Bruch des Burgfriedens ausgelegt wurde? Der Zentralverein härte das deutsche Vaterland durchaus nicht geschädigt und hätte dem Ansehen der deutschen Judenheit nur genützt,, hätte er Mut genug zu einem mannhaften, selbstbewußten Protest gehabt. Aber ihn hinderte eben die Psychologie seiner Fi'chrer, die nicht in erster Reihe danach fragten, was dje Würde des Judentums verlange, sondern was die nichtjüdische Oeffentlichkeit sagen könnte. Und diese Psychologie machte sich auf oer Tagung selbst noch stärker bemerkbar. Man hätte erwarten dürfen, daß dort, wenigstens von Seiten der Leitung den Empfindungen, die die Zählung ausgelöst hatte, voller Ausdruck verliehen wurde. Statt dessen war die einzige Antwort, die die Herren fanden, eine erneute Beteuerung ihrer Treue zum Vaterlande. Daß die'Treue des deutschen Juden: zum deutschen Vaterlande durch Äiwrdnungen von der Art der Judenzälstung und anderen Aeußerungen des Antisemitismus nicht im geringsten berührt wird, ist doch ganz' selbstverständlich, und, eszeugt nur von innerer Unsicherheit'und dem steten Eingestelltsein auf die Meinung anderer, wenn diese Treue immer wieder pathetisch neu > bekundet wird. Solche elementare Gefühle, wie es die Vaterlandsliebe ist, solche unbedingten moralischen Selbstverständlichkeiten wie die Pflicht, das Heimatland in der Stunde der Not zu verteidigen, gewinnen durch pathetische Wiederholung gewiß nicht an Wucht und Größe. Und zumal hier, wo es sich nicht um die Vaterlandsliebe., der deutschen Juden handelt, die durch nichts ins Wanken gebracht werden kann, sondern um die Zurückweisung eines Angriffes gegen die Ehre des.Judentums ist die Beteuerung des Patriotismus als Antwort auf diesen Angriff ebenso - unmännlich in der Gesinnung wie typisch für die Psychologie des Assimilationsjudentums. Hat so dieser erste Punkt der Tagesordnung schon gezeigt, wie unhaltbar die ideologische Grundlage der „Weltanschauung des Zentralvereins" — von der der Redner sprach — ist,. wie sehr sich aber die Vertreter dieser Weltanschauung jeder Aenderung ihrer Anschauungen verschließen, so trat dies noch deutlicher fast in der. anderen Frage zu Tage, mit dev sich die Hauptversammlung beschäftigte; sie betraf die „Aufgaben des Zentralvereins in .und nach deyr Kriege",, drehte sich aber <!e facto in der Hauptsache um dje Bekämpfung der nationaljüdischen Bewegung, des Zionismus. Es zeigte sich hier dasselbe wie bei der Erörterung des 'Antisemitismus. Zunächst war man sich einig in dem Zugeständnis. Der Mederlage. Beide Referenten, Herr Rabb. Dr. Mix Goldmann-Oppeln und, Geh. Justizrat Dr. Fuchs, erklärten, daß der Zionismus immer - größere Fortschritte mache, immer stärkere Erfolge aufweise und man nicht energisch genug dieser Gefahr entgegentretcn könne. Vor, allem Rabb. Dr. Goldmann konnte gar nicht drastisch genug die Gefahr an die Wand malen. Die Zionisten beherrschen die allgemeine Presse; sie gerieren sich überall als die alleinigen Vertreter des Judentums; sie organisieren Jugendvcreine, Wandergruppen, sie agitieren innerhalb der akademischen Jugend und haben überall Erfolge. Und was dagegen tun? Die einzelnen Ortsgruppen des Zentralvereins zu ener- . gischer Arbeit auftufen, die „Weltanschauung" des. Zentratyereins überall vertreten und propagieren, Jugend- und Wanoervereine gründen, die akademische Jugend beeinflussen, riet' Herr Rabb. Dp, Goldmann, und Geheimrat Fuchs wiederholte es besonders: die „Ideen" des Zentralvereins positiv darlegen und propagieren. Dies ist alles schön gesagt, und wird schon seit Jahren gesagt, ohne aber daß es ausgeführt wird. Warum wohl? Weil; es eben keine Weltanschauung des Zentralvereins gibt, die zu propagieren wäre, weil die Ideen des Zentralvereins eben solche sind, .daß sie weder die nichtjüdische Oeffentlichkeit — die sie sehr wohl kennt — beeinflussen kann in ihren wachsenden Sympathien für den Zionismus noch, die jüdische Jugend, die Sehnsucht hat nach positivem, lebendig, gem Judentum. Es wiederholt sich eben in der Stellungnahme zum Zionismus dasselbe wie in her ' Auffassung des. Antisemitismus: man'treibt Scheu-; tlappenpolitik und will die Wirklichkeit nicht sehen. Der Zionismus macht solche Fortschritte, nicht in- . folge der Verbitterung, mancher .jüdischer Kreise ob., des Antisemitismus, wie Herr Rabb. Dr. Felix. f Goldmann meint, auch mH nur, weil seine Anhänger so eifrig agitieren, wie Herr . GeheimratZ Fuchs glaubt, sondern weil er eben eine große machtvolle Idee vertritt, die sich ihren Weg bahnt und in immer steigendem Maße alle objektiv urtei-. lenden Nichtjuden und alle positiv jüdisch empfindenden Juden für sich gewinn? Und der Zentral- ' verein mag .seine Organisation noch so sehr aus-Z, bauen, mag Korrespondenzen .herausgeben, Flug-Z schristen verbreiten, Versammlungen einberufen und sogar Proteste publizieren, den Siegeslauf des Zio- ,.' nismüs wird er nicht aufhalten können, nach .dem' . Kriege weniger noch als bisher, denn die Idee, der' ” Geist siegt immer. Daß aber in der diesjährigen^ Hauptversammlung die Tatsache vom wachsenden j Fortschritte des Zionismus so offen zugegeben -., wurde und die Führer des Zentralvereins solche

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