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Neue jüdische Presse · 1917-02-02 · Heft 5 (2.2.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 5 (2.2.1917)
Date
1917-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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'Die jüdische Presse Deutschlands ist voll von Staunen und Ueberraschung ob einer „neuen" Entdeckung, die sie „plötzlich" gemacht hat, und zwar —, daß Gelehrsamkeit nicht vor Antisemitismus schützt! Der Sachverhalt ist folgender: Prof. Schmollet, Exzellenz, nahm im letzten Hefte seines Jahrbuches (Band 40) Stellung zur Judenfrage. Unter dem Titel ,'Obrigkeitsstaat- und Volksstaat" behandelt er die von Preuß in seinem Buche „Das deutsche Volk und die .Politik" erhobenen- Klagen - über Ausschließung von Lrtaatsbürgern . von der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung wegen ihrer Abstammung und ihres religiösen Bekenntnisses, und macht dabei die Bemerkung, daß -.viele Leute fänden, diese mißhandelten. Staatsbürger erschienen da und dort in diesen oder jenen einflußreichen < Stellungen schon säst als herrschende Elemente". Auch verflieg er sich zu der sonderbaren-Ansicht, daß der Berliner kommunale Freisinn ans „semitischer Millionärbasis" beruht,' Der Artikel erregte in weiten Kreisen Anstoß und, wieProf. Schmollet fetzt in-der „Tagt. Rundschau" vom 16. 1. 17 mitteilt, brachte, ihm eine Flut von Zuschriften, darunter angreifenden Inhalts, ein, Aus den ergänzenden Ausführungen Schmollers in der „Tägl. Rundschau" entnehmen wir folgendes: * „Seit 1818—1870 Hirt die Assimilation der obersten . Judenschichten in Deutschland große Fortschritte gemacht; unter dem Einfluß der humanitär-liberalen Ideen, des begnrnenden Konnubiums zwischen Germanen und Semiten, deA wachsenden Uebertritts der assimilierten oberen Schichten des Judentums zil einer der christlichen Konfessionen. Mer die Assimilation ist noch weit entfernt, vollendet zu sein; sie wird immer wieder gehindert durch -Judenhetzen der geschäftlich von der Judcnlonknrrcnz getroffenen Deutschen'üud durch die stete Zuwanderung nicht assimilierter östlicher; Judenelemente, durch die noch vorhandene Mschließung Sec jüdische^ Kreise unter sich (besonders der mittleren und unteren . Judenschichtcn, wie sic. in Polen ja noch ganz getrennt von. den Christen unter sich leben). Die Assimilierung .ist in Frankreich und England viel leichter gewesen; weil die Zahl der Juden dort so sehr viel kleiner war und ist und die dortigen Juden von einer Judenaristokratie stammen, die teilweise schon seit Jahrhunderten iu 'Italien, Portugal und Spanien ganz oder halb sich" assimiliert hatte, während die deutsche Judenzuwanderung. aus dem Osten stammt und in den paar ersten Generationen vielfach noch jeder Assimilation widerstrebt , . Die Assimilation! vollzieht sich durch gleiche Schulen, gleichen Universitätsbesuch, durch die Einwirkung der geselligen Verkehr, endlich .am intensivsten durch das Kon- Literatur, die herrschende allgemeine Gedankenwelt, b»rd) 'uubium. Wenn man sich nun fragt/was soll heut-geschehen, so ist die erste Vorfrage: was ist erreichbar, dann erst kommt die zweite: was ist wünschenswert? Eine Austreibung aller Juden aus "Deutschland ist unmöglich, wäre eine Barbarei, wäre auch ein-Schaden für unsere Kultur. Alle höhere Kultur, der heutige Bestand der höchst stehenden Völker, beruht auf Rassenmischung. Nicht jede . Rassemnischüng freilich - schafft gutes Menschenmaterial. Die Mischung von sehr hoch, und sehr niedrig stehenden Menschen.erzeugt unausgeglichene Charaktertypen oft der /' schlimmsten Art, Menschen, -welche die schlechten Eigenschaften der beiden gemischten Rüssen haben, Mer die Mischüngeinigermaßen sich/ nahestehender Typen von Menschen darf nach unserer heutigen Rassenlehre als - eine Ursache der körperlichen und geistigen Hebung der Eigenschaften gelten. Wir haben also keine Ursache, die Existenz von 615 021 Israeliten unter 60 Millionen Menschen in Deutschland für bedenklich oder gar schädlich zu halten. Ja, es scheinen, mir triftige Gründe für das Gegenteil zu sprechen. . Ich halte ' zumal das westdeutsche Judentum, vollends daS assimilierte, für eine glückliche Zugabe zur - germanischen Rasse. .Es gibt uns Geisteskräfte, die uns : mehr oder•: weniger' fehlen, oder wenigstens früher fehlt»n; f? - hat die deutsche BolkÄvirtschaft sehr gefördert. Aber es schließt die Gefahr in sich, daß es durch seine geschäftliche Ueberlegeicheit (?), die es oft noch und zwar maimigfach durch zweifelhafte Mittel ausnützt, viele innere soziale Verstimmungen und Kämpfe erzeugt. Die Neigung deS Juden, wo er in eine einflußreich« herrschende Stellung kommt, die Germanen und Christen zu benachteiligen, ist noch so mannigfach vorhanden, daß Rückschläge in. der .jndeiifreundlicheu Stimmung aller Liberalen immer wieder Vorkommen, und daß die Verstimmungen konservativer, bäuerlicher, kleingewerblicher, hausindustrieller Kreise heute noch nicht so weit verschwinden können, wie in Westeuropa. Es ist daher im Interesse der Juden selbst, daß ihre Vorherrschaft in gewissen Stellungen, Bernsen, Aemtern nicht zu sehr, nicht zu sichtlich sich geltend mache. Starke Verstimmungen müßten kommen, wenn es den Anschein gewinnt, eine Stadt wie Berlin sei wesentlich in ihrer Verwaltung durch Inden beherrscht. Daß dieser Beherrschung ihre Spitze abgebrochen wird durch einen Oberbürgermeister wie Wermnth, sehen die Fernstehenden nicht so ivie den Einfluß der jüd'schen Führer. Die lleberlegenheit des jüdischen Geschäftsmannes mag sich heute vielfach beschränken auf gewisse ländliche - und kleingewerbliche Kreditverhältnisse; der Wucher auf dem Lande mag stark abgenommen haben. Aber vorhanden ist. er immer noch, nnd. das Volk glaubt daran, fühlt sich mehr getröstet dadurch, daß an anderen Stellen dem Inden mich noch nicht volle Gerechtigkeit »viderfährt. Das ist gewiß der Fall iu der jüdische» Offiziersfrage. Die" Nichtwahl von tüchtigen Juden in die meisten Regimenter zum Reserveoffizier ist getoiß ein Verstoß verfassungsmäßig garantierte Rechtsgleichheit. Mer es fragt sich, ob es heute schon angezeigt wäre, das freie Wahlrecht des Offizierskorps aufzuheben, ob,, wenn bloße Ernennung von oben her entschiede, das Offizierskorps nicht dadurch geschädigt würde, viel von seincc wünschenswerten Einheitlichkeit " und Harmonie verlöre. Wenn heute der betreffende Osfizierskandidat sich taufen läßt, so wird er in der Regel, gewählt. Das empört die Gefühle aller freier Denkenden.. Aber es darf auch" nicht übersehen werden, daß die strengen und orthodoxen Christen eben heute noch glauben, daß der getaufte Christzu Gott durch' die. Taufe iu ein ganz besonderes, ihr: innerlich umbildendes Verhältnis komme. Das glaubt der Freidenker nicht, er findet mit Recht, daß meist die charakterlosen Juden es sind, die sich aus ärrtzerlicheu Gründen taufen lassen. Wer wer auf mystischs-orthodoxem Standpunkt steht, wie ein Teil unserer östlichen Landaristokratie, ein großer Teil unserer Offiziere,, kann nicht so urteilen! Uebrigens weiß, ich aus zuverlässiger Quelle, daß neuerdings vielfach und gerade in Berlin Wahlen von jüdischen Reserveoffizieren zum Leutnant stattfanden. Es soll schon ettva 200 solche geben. Und ich hoffe, das wird so bleiben, und sich ausdehnen. . Diese Hoffnung wird sich indem Maße realisieren, als die religiösen Gegensätze . sich mildern, als der, inneresittliche Gehalt der christlichen und der jüdischen Religion mehr als das Dogma und die Mystik zur Hauptsache werden: als die Juden selbst da, wo sie die macht haben, ebenso duldsam und gerecht gegen die Nichtjudeir werden, wiesie es von den Christen verlangen. Hätten wir nur Nathan-Naturen unter unseren 600 000 deutschen Juden, so gäbe cs überhaupt heute ' Shhlock-Naturen und die Mehrzahl der Juden steht vielkanm eine Judcnfrage mehr; aber wir haben auch noch leicht zwischen diesen beiden Extreme» in der Mitte. Ganz ebenso ist es ireilich auf christlicher Seile. Peccatur Intra muros et extra; . Die christlichen un& Die jüdischen Nathan-Naturen müssen sich die Hand reichen, um die jüdischen Shylock- Naturen und den christlichen germanischen Rasfenstolz .und die althergcbrmhten Vorurteil«, die Sitten, die zur Unsitte.geworden sind, zu.bekämpfen. Dazu wird sicher der Krieg wesentlich "beitragen. Ml Derartiges braucht aber Zeit. Ich bin sicher, daß in 100 Jahren das meiste, was die besten Männer auf beiden Seitcir heute beklagen, beseitigt, oder so. gemildert ist, wie wir es wünschen . müssen. Mer von heute auf morgenlassen sich bestehende Massenüberzeugungen und die entsprechenden Sitten nicht ändern." . - Schluß folgt. Referat über jüdisch-uatiouale Erziehuus gehalten am ziouistrschen Delegiertentag von Dr. Martin" Bub er. (Schluß.) .. ' Für uns alle ist das Wichtigste, wie einerseits die Schaffung einer Einheit zwischen Palästina und Diaspora, so andererseits die Schaffung Äner Einheit'in der Diae spora selbst durch die Herstellung eines lebendigen Kontakts zwischen östlichem und .westlichem Judentum. Dieser Kontakt ist durch mancherlei Dinge erschwert, vor allem durch den westlichen und den östlichen Hochmut. Der. westliche Hochmut ist im Mnehmen: wir haben hier heute schon tveit weniger Zionsisten, die sich dünken, durch ihre Zivilisation den anderen überlegen zu fein. Ter östliche Hochmut ist imZnnchmen: die östlichen Inden meinen, weil sie eine geschlossene Kultur besitzen, Line höhere Spezies zu sein und die westlichen Juden vernachlässigen zu dürfen. Tiefen doppelten Hochmut gilt es zu überwinden. Wir müssen selbst zusammenkommen, wenn wir wollen, daß die Jugend zusammenkommt. Und zuletzt noch; eins. Nationale Erziehung ohne menschliche ist eng und unfruchtbar. Ties«, die menschliche Erziehung der jüdischen Jugend, ist bisher zu wenig berücksichtigt worden. Unsere nationale Erziehung war bisher allzusehr eine nationalistische. Es handelt sich darum, daß wir auf alle Interessen, auf alle menschlichen Bedürfnisse eines jungen Brenschen eingehen. Anfänge dafür Pud da. Ein guter Blau-Weiß-Führer etwa hält es für seine Mfgabe, nicht bloß jüdische Parolen herauszugebcn und jüdische Kenntnisse mitzuteilen, sondern sich "mit allen Jungeniuteressen, mit allen die Knabenseele bewegenden Fragen, auch den itimsten nnd scheinbar uubesprechbarsten, in der rechten Weise abzugeben; dadurch wird er erst in Wirklichkeit zum Führer. Solche Führer sind das, was uns am meisten nottut; nicht Füh> rer, die der Jugend etwas aufoktroyieren wollen, die Bescheid wissen und fertige Weisheiten von sich geben, sondern Führer zur Selbsterziehung. Und das kann mau wahrhaft nur. dann werden, wenn man alle menschlichen Interessen eines jungen Menschen umfaßt, wen,? man ihn zugleich menschlich und völkisch. erzieht, s» daß ihm sein menschliches und sein jüdisches Ideal zu einem verschmelzen: zur Vollendung des eigenen We- Bisher ist auf dem Gebiet einer so anfgefaßteu nationalen Erziehrmg fast nichts' geschehen. Wir müssen der Aufgabe mit allem Ernst ins Auge blicken. Tenndieser Moment, in dem wir darüber sprechen, ist nicht ein Moment' wie alle die früheren, in denen von Kultur gesprochen wurde, und unsere Beratung.am heutigen Tag« ist, obgleich an Umfang nnd Art wesentlich bescheidener, etwas spezifisch anderes als alle Kulturberatungen .der Kongresse. Cs ist ein ganz besonderer Augenblick, den wir heute durchleben, und wenn es srühep nur Arbeit auf»- gehalten hat, wenn es nur jüdisch! unerfüllte Jahrgänge hat aufwachsen lassen, wäre eS heute ein ganz besonderer Schaden, wenn wir von dieser Tagung, wieder nur mit Resolutionen njid Kommissionen von dannen gingen. In diesem Augenblick wird von unseren Zionisten etwas ganz Bestimmtes gefordert. Nicht nur wir selbst, sondern die jüdische Umwelt, die "jüdische Peripherie fordert, die Tat von uns. Die Peripherie, der Kreis um der» Zionismus.herum, der Teil des Judentums, der innerlich! nahe ist, ist ungemein" gewachsen,. nnd die Lehren der neunnndzwanzig Monate, die.wir zuletzt erlebt Haben- Haben tief gewirkt. Wir sehen es vielleicht noch nicht konkret vor mtS, aber der Tag ist hoffentlich nicA ferir^ wo wir es überraschend, und überwältigend vor nnS anfstcigen werden sehen können, der -Tag. ba die znrnckkehrende Schar uns znrufen wird: Gebt uns Brot des Geistes, gebt »ms Leben, Lebt uns ein lebendes Ideal. ES gibt große nick» kleine Symptome dieser Entwicklung. Ich darf etwas Persönliches sagen. Ich habe im letzten- Jahre immer wieder von unbekannten Menschenaus dem Felde Briefe bekommen, die prich mehr als. irgend etwas anderes in diesen erschütternden Jahren erschlittert haben. Und ans allen spricht dieselbe "Frage:- Was soll mit uns werden? Es ist das Gefühl eines Preisgegebenseins nnd das Verlangen nach Festigung, nach" Richtung, nach Halt. Und Nichts anderes bedeuten jene; noch undeutlichen, dennoch unverkennbaren-Stimmen/die; ans Tagungen wie die der neutralen Jugendvereine laut geworden sind. Sie werden, meine Damen nnd Herren/ mich gewiß nicht des Opportunismus zeihen. Mer »venu ich jemals das Gefühl hatte, daß es eine Forderung der Stunde ist, die vitalen Kräfte des Judentums zusammenzufässen, so habe ich es jetzt Wenn Menschen, die sonst in ihren Aeußernngen vorsichtig zu sein pflegen, sage», daß man "ohne den Monismus nicht arbeiten kann, so brauchen.' wir kaum zu ergänzen, was gemeint ist: Ohneden idealen Hält, ohne den idealen Lebenskern, den der Zionismus gibt order richtiger, den er geben kann, geben soll. Jetzt ist der Augenblick La, der nnvertagbare, unaufschiebbare dem wix uns gewachsen zeigen müssen. /Wir müssen nunmehr positiv zu schaffen: beginnen. Das improvisierte -Arbeiten, oas Arbeiten von Fall zu Fall unter der Diktatur -

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