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Neue jüdische Presse · 1917-01-26 · Heft 4 (26.1.1917) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
15 (1917)
Issue
Heft 4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als der Weltkrieg ausbrach und oie Judenheit der gesamten Welt vor der Frage stand, welcher der beiden Parteien sie ihre Sympathien zuwenden -sollte -idenn wer versuchte in jenen großen, bewegten Tagen des August! 1914 wahrhaft unparteiisch zu bleiben? —' da konnte sie diese Frage lediglich auf Grund von Stimnrüngen, Empfindungen und inneren Gefühlsnwmenten beantworten. Denn noch wußte damalsniemand, um was eigentlich der'Kampf geheil sollte. Der unmittelbare Anlaß — die serbische Frage — stand außerhalb aller jüdischen Interessen, und nie realen Ziele, die die einzelnen Mächte erreichen wollten, waren noch durchausungeklärt. Und so war oie Stellungnahme des jüdischen Volkes, sofern sie nur von jüoischcn, Gesichtspünlten'-rdiktiert war, allein durchoas Gefühl bestimmt; dieses Gefühl aber war bei fast allen Juden das gleiche; es hieß: Haß gegen Ruß- ,'land. Es wax der echzige klare Gesichtspunkt, oer die Haltung der neutralen Juoen, vor allem der amerikanischen Judenheit, 'bestimmte; der Wunsch, daß'Rußland eine Niederlage erleiden'möge. Und so ergab sich aus dieser Stimmung jene bekannte Parteinahme der öffentlichen jüdischen Meinung in Amerika für die bräche der Zentralmächte, weil sie die Gegner Rußlands waren, r Erst allmählich, mit dem weiteren'Fortschritt des Krieges, konnte die jüdische Stellungnahme klarer, begründeter werden.' Denn immer deutlicher .traten im Verlauf. des Kampfes die eigentlichen -Ziele hervor, denen die -beiden Parteien zustrebten und ward es so für das jüdische Volk möglich, auf Grund klarer. Erwägung seiner Interessen und Bedürfnisse seine Haltung zu bestimmen, auf Grund politischer Gesichtspunkte' Stellung zu nehmen. Und das Ergebnis, zu denr^man auf Grund dieser Erwägungen gelangte, entsprach im wesentlichen der ersten gefühlsinäßigen Haltung. - Es ergab sich, daß ein Siegder Zentralmächte die Befreiung von Millionen Juden aus oer russischen Gewaltherrschaft zur Folge haben würde; und es zeigte sich aus der anderen Seite, daß ein. Sieg der Entente die Zertrümmerung der Mrkei und damit die Vernichtung der. Hoffnun-. . gen .auf eine starke jüdische Emigration nach Pal'lästina und die .Entwicklung einer neuen jüdischen Heimstätte und eines Kulturzentrums daselbst bedeuten müßte. ' Diese Erkenntnis, die für die 'jüdisch-politischorientische Stellungnahme der Juden im Weltkrieg -bestimmend sein muß, ist in den letztens Wochen sehr verstärkt worden; denn sie haben eine Klärung der ganzen politischen Situation gebracht, die bislang fehlte, und zum' ersten Male deutlich offenbart, was die bejden Parteien erstreben. Das deutsche Friedensangebot auf der einen, die Antwort der Entente, und vor allem die Note derselbenan .Wilson .aus - der anderen Seite: haben diese Klärung herbeigeführt, /auf Grund deren jetzt für - das jüdische Volk eine klarere, begründetere Stellungnahme möglich ist als bisher. ' - Was die Entente will, sagt sie in ihrer Rate an Wilson mit voller Klarheit: Neben einer-Verkleinerung Deutschlands vor ' allem die Vernichtung Oesterreich-Ungarns und die Z e r t r ü m m e r u n g d e r T ü r k e i. Die' Uealisierung beid'er - Ziele wäre für -uns Juden - von unberechenbarem Schaden. Die Aufteilung der Habsburgmonarchie in.ihre einzelnen Völkerschaften Mrde eine ungemeine Verschlechterung der Lage »er^Juden in den 'einzelnen-neu. entstehenden Kleiny.y. ' '' ” . ' " staateu bedeuten. Die Geschichte der österreichischen Judenheit beweist, daß sie lediglich infolge , der Zusammenfassung der verschiedenen Nationalitäten in der Gesamttnonarchicin der Lage war, ihre Position zu verteidigen,-daß sie in der Wiener Zentralregierung sehr oft den einzigen Schutz gegen die Uebergriffe der einzelnen NatiSnalitäten gefunden hat, und daß ihre Lage nirgends schlechter war als in der Provinz,, in der die innere Autonomie und die Loslösung von der Zentralregierüng am stärksten war: in-Galizien.- Und so waren denn auch von allen Bevölkerungsgruppen der Habsburgmonarchie die Juden stets die treuesten und Opferfreudigsten Träger und Stützen des österreichischen Stäatsgedankens, was sich niemals klarer erwiesen hat als gerade in diesem Kriege. Eine Auflösung der Monarchie und die Schaffung selbstständiger Staaten der einzelnen österreichischen Nationalitäten würde daher ein wahres Unglück fiir die österreichische Judenheit sein, ein doppeltes Unglück, wenn man bedenkt, daß diese slavischen Kleinstaaten ja notwendigerweise unter dem beherrschenden Einfluß Rußlands stehen würden, der sich auf keinem Gebiete schneller und gründlicher geltend-machen würde als in der Behandlung der Juden. Ein gleiches gilt vom anderen beherrschenden Kriegsziel der Enteilte: von der Vernichtung der Türkei: Wir haben diese Frage schon 'des öfteren hier dargelezt und gezeigt, daß eine Annexion Syriens und Palästinas durch Frankreich oder England eine außerordentliche Gefahr für die palästinensischen Kolonisationsbestrebungen.bedeuten würde;' weil sowohl Frankreich wie England kein jüdisches Zentrum in Palästina wünschen können. Alles, was in letzter Zeit in dieser Hinsicht bekannt geworden ist, vor allem die arabische. Politik, die England treibt, und die bereits zur Gründung eines südarabischen Gemeinwesens mit Mekka als Hauptstadt geführt hat, bestätigt diese Ueberzeugung und bekräftigt die Einsicht, daß. eine Vernichtung der Türkei eine' Gefahr für die jüdische Zukunft wäre-. ' So rst die Realisierung beider Hauptziele der Entente vom jüdischen Standpunkt nicht zu wün- ' scheu. Hingegen verläuft das eine große Kriegs-, ziel, das die Zentralmächte in territorialer Hinsicht, verfolgen, die Loslösung der westrussischen Grenzgebiete vom Zarenreiche, durchaus .parallel den jüdischen Interessen. Mögxn sich auch manche der Hoffnungen, die wir Juden an, die Ewberung Litauens und Polens durch, die Zentralmächte geknüpft habeg, bislang nicht erfüllt haben, daß eine endgültige Trennung dieses Landes von Rußland eine Besserung der Lage der jüdischen Bevölkerung^ herbeiführen muß und — in politischer Hinsicht — bereits in vielen, Hinsichten herbekgeführt hat, ist sicher. Zudem hat die Entwicklung der innerrussischen Lebens während des Krieges auch gezeigt, daß ein Sturz der russischen Reaktion und damit eine Besserung der jüdischeil Lage in Rußland selbst auch nur im Falle einer Niederlage des Zarenreiches.möglich ist. Ein siegreiches Rußland, das Polen, Galizien, Böhmen, den Balkan in feinem Machtbereich hätte, das in Konstantinopel herrschte und so die stärkste Macht der Welt wäre, wäre für die Kultur ein ebensolches Unglück wie für die Zukunft der Millionen russischen Juden.. So führen alle nüchternen politischen Erwägungen .zu der gleichen Erkenntnis, daß eine Verwirklichung der Kriegsziele der Entente für uns Juden von unberechenbarem Nachteil wäre und unser Wunsch nur dahin gehen kann, daß' es der Entente nicht gelingen möge, diese Ziele zu realisieren. Von all den ethischen, kulturellen und gefühlsmäßigen Gesichtspunkten, die gerade für uns Juden diesen Wunsch verstärken, soll diesmal nicht die Rede sein. Denn wir glauben, daß in diesem Kriege, in' dem die Macht die allein herrschende Kraft ist, wir Juden uns keinesfalls durch Gefühle und Stimmungen, sondern lediglich durch ^xeale politische Erwägungen in unserer Halttmg bestimmen lassen müssen. Und diese reale politische Erwägung lehrt, daß die Stellung, die der üiberwiegende Teil der neutralen Judenheit seit Beginn des Krieges einnimmt, die richtige und allein mögliche ist. Eine Bolksavleihe zur Rett«»K M jüdlschen BalkeS Von Dr. Schmarjah Lewin. Die „Selbstwehr''' aus Prag brachte äim2. Juni 1916 einen in amerikan:sch-jüdi,chsn Zeitungen veröffentlichten Artikel des Mitglieds des E. A. C. der zionistischen Organisation Tr. Schmarjah Lewin, der seit Beginn des Krieges in Amerika weilt. Da der in diesem Auf,atz gemachte Vorschlag in Amerika, immer mehr Anklang' findet und gar mancher Schritt zu seiner Realisierung getan wurde, so erachten wir es für angebracht, unseren Lesern die Hauptausführungen dieses. Artikels zu unterbreiten. Die jüdische Welt, be,anders in Polen, wurde durch den Krieg zerrüttet nnie verwüstet. Bis jetzt sind unzählige Taufende neuer Witwen und noch mehr neuer Waisen hinzugekommen. Tie jüdischen Eigentümer haben anfgehört, Eigentümer zu sein und die jüdischen Familienväter haben aufgehört, Familienväter zu. sein — hauptsächlich in Polen und Galizien. Dies bedeutet, daß an drei Millionen Juden zur Gänze ruiniert wurden. Tie änderen fünf Millionen in Ittrßland und in Oesterreich sind, auch mehr oder »weniger hart vom Kriege oder wegen des Krieges betroffen worden. Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung in den oben erwähnten Ländern ist auch in den besten Jahren nicht fest gewesen. Ein großer Teil dieser Bevölkerung hat ständig von Wundern gelebt. Für heute hatte man ein Stückchen Brot und.für morgen ein Stückchen Hoffnung, und gar oft mußte die Hoffnung auf morgen den Hunger. von heute stillen? Jetzt fehlt sowohl Brot als guch Hoffnung. Die Glücklicheren in den Kriegsländern streichelt alle ihre Kräfte an, um ihren Brüdern zu helfen. Selbstverständlich wurde mich die jüdische Welt in den anderen Ländern um Hilfe angegangen und selbstverständlich nimmt die amerikanisch-jüdische Bevölkerung den ersten Platz unter. den jüdischen Gruppen ein, welche noch imstande sind, Hilfe zu leisten. Wenn man aber bedenkt, wie wenig verhältnismäßig bis jetzt geleistet wurde, um der Rot ybzuheljen, muß man zu sehr traurigen Ergebnissen kommen. Man muß zugeben, daß im Vergleich zu der Größe der nationalen Katastrophe die HLfe Nein ist — wie ein Tröpfen im Meer. Und das ist kein Zufall, nicht weil man sich keine Rechenschaft über die Größe der Katastrophe ablegt und nicht weil es am Willen zur Hilfe fehlt. Die Ursache liegt viel tiefer. Sie. liegt in der Beschaffenheit, in der Natur des Golus. Das Golüs ist 'nicht für große Katastrophen eingerichtet, ihm fehlt die organisierte BolEkraft. Ihm fehlt der «Schwung, um Antwort auf große Probleme geben zu können. Das Hanptvermögen eines normalen Volkes besteht nicht bloß aus seinen beweglichen und unbeweglichen Gütern, sondern «uh, darin, daß ein normales Volk vollkommen Herr seiner eigenen Zukunft ist. Ihm gehört. nicht bloß das „Heute", sondern auch das „Morgen" und das „Uebermorgen". Und wenn eine Katastrophe eintritt, hat das normale Volk die Möglichkeit, einen Teil seiner Zukunft zu verpfänden. Man nennt dies eine 'Anleihe., - ' " Ich weiß ganz gut. daß uns als einem Golusvolk alle Bedingungen fehlen, welche für Me Anleihe notwendig find. Unser Volk hat nichts zu verpfänden^ weil es kein Bolksvermögen hat. Ich verstehe ganz gut .unsere tiefe Tragik. Bei anderen, Völkern gibt es vielleicht' nicht viel Individuen, denennian große Sinn-

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