Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 50 (29.12.1916)
- Date
- 1916-12-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. ' -- ^Skizze aus Sem russisch-jüdischen Lebcn^ von Ben-Avigdor. Aus bem: Hebräischen übersetzt. : ,Weh mir! Ein Unglück!" jammerte Leah; jj/meine Fische! Mein Schweiß nnd Blut! Mente tnk, der einzige Hausrat!" „Stefan! Kosma! . Brasil!" rief der Wächter ind winkte den Hausmeistern der nahen Häuser; lugs waren die zur Stelle; umringten die Verkäüse-- nnnen, schlugen, stießen und zerrten sie, und trieben sie in die nächste Sackgasse, wo sie. hart beieinander zu stehen kamen. Dieser Ort, wohin sich kein Mensch serirrte, war der von ihnen von Amtswegen zugewiesene Flüche, Klagen, Geschrei und Schimpfwörter krönten von allen Seiten, daß die Gasse erdröhnte. „Mörder! Das Geld gib uns zurück!" „Saufbold! Daß Dich Gottes Fluch treffe!" „Daß Du zur Hölle fährst!" . „Daß Dich kein Arzt Heilen könne!" . „So laß mich doch die Fische zusammenlesen!" „Wir gehen ja, warum schlagt Ihr uns! Mörder!" „O, mein Kopf!" ' „Mein Gesicht blutet!" „Meine Hand!" „Meine Schulter ist ganz zerschlagen!" IV. «SB In diesem Augenblick kam der Viertelrichter zur -^Stelle. Der Wächter stellte sich in Positur und erhob;xhie Rechte salutierend zur Mütze. „Was ist das für ein Lärm?" fragte jener. K „Die Fischerinnen habe ich verjagt!" „So? Warum erst jetzt? Warum .hast Du so -/lange gewartet?" — „Ich ... ich . . ." stotterte Marecll und blickte . zur Erde, „ich habe sie schon früher davon gejagt, aber ' sie kamen wieder." „Lüge nicht!" totes ihn der Viertelrichter zurecht. „Dü weißt, ich dulde keine Lüge. Bei mir kommst -Du mit der Wahrheit und der Gerechtigkeit am besten fort. Sie haben Dir gewiß, etwas zugesteckt . . ." m Mareell schwieg. vj?. „Nun, ich will Dich. ja nicht unglücklich machen. " Ich habe Dich früher öfter getvarnt, Marcell; nimm Dich ' sit acht! . . . Aber — mein Teil . . dabei blickte /;tr ihn forschend an. „Auf Ehre," beteuerte Mareell, „Magdalena, der Teufel hole sie, hat mir alles abgenommen." . „Was klingt denn da in Deiner Tasche?" fragte >sder i Viertelrichter und schüttelte die Rockschöße des ^Wächters. ag& Einige Kopeken habeil sie mir jetzt gegeben, das Wst alles," antwortete Mareell beschämt, „hier haben DSie es," und er gab ihm dreißig Kopeken von seiner -Beute. fc. „Höre, Marcell," sagte der .Biertelrichter, indem vver das Geld in seine Tasche gleiten ließ, „ich gehe / eben, um Mierels Handlung dort an der Ecke zu ^schließen, da ihre Konzession schon seit drei Tagen zu //Ende ist. Geh' Du voran und laß es sie wissen, da^ ^mit sie diejenigen Waren fortschaffe, die sie zum / Verkauf nötig hat, bevor ich chinkomme. Verbanden? Du hast doch Oel im Kopfe. Die dumme .KJüdin weiß nicht, daß die Konzession schon seit einem /-Monate auf dem Amte liegt. Jeden Tag kommt sie //gelaufen und macht mir den Kopf voll: Das Papier, /das Papier! Laß sie laufen. Inzwischen wird sie /nicht undankbar sein..." j&S „Gut, Herr, ich gehe schon!" dabei winkte er //Anton, ihm zu folgen. fM!Bald darauf sah man in der Gasse eine Menge Man Männern, Frauen und Kindern, die damit bewaren, aus Mierels Handlung Eisenstäbe, lechkisten, Nägel zu entfernen, um sie in die bcnächrten Höfe und Handlungen zu tragen. Marcell und Anton halfen eifrig mit. Der Biertelrichter kam, und Er er merkte, daß die Arbeit noch nicht zu Ende war, Moandte er sich ab und rief: „Schnell, macht ein Ende, enn der Viertelrichter kommt, das Gewölbe zu. ließen!" Als ihm der Wächter xin Zeichen gab, das Werk vollendet sei, schritt er langsam und vitätisch auf das Gelvölbe zu, um seines Amtes zu ilten; er drückte ein großes Siegel auf die Tür/ 'erschloß sie und steckte den Schlüssel zu sich. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Mierel zeigte sich natürlÄh nicht undankbar; ein Kassenschein verschwand in der Hand des Richters und Marcell ließ eine Menge blanker Münzen in seiner Tasche verschwinden, auch der hilfbereite Anton ging nicht leer aus. „Jetzt können wir nis Wirtshatts gehen!" rief Anton, „Dü hast nun hinreichend Geld, um uns gehörig die Gurgel zu befeuchten. Auch Imbiß hast Du schon." „Ja, aber l wenn der vermaledeite Richter mir nicht die dreißig Kopeken äbgenommen -hätte, so hätten wir noch mehr gehabt," bedauerte Marcell. „Glaubst Du, daß er mir heute zum ersten Mal den Streich spielt? Er kommt, so oft es ihm beliebt und plündert mich pus, der Schuft. Der Teufel hole ihn mit meiner Magdalena zusammen!" „Ich werde mich auch um eilt Straßenwächteramt bewerben," sagte Anton, „man kann es ja dabei zum reichet: Mann bringen!" „Bah, nicht alle Straßenwächter haben es gleich," belehrte ihn Marecll, „in den anderen Gassen, wo es keine jüdischen Verkäufer und Verkäuferinnen gibt, da fällt nichts ab. Die Juden sind ein einträgliches Material, eine loahre Milchkuh; ich kann sie pressen, so viel ich Lust habe, intmer presse ich 'was heraus. Wer wird es mir verwehren? Niemand. Gott , erhalte sie; wären nicht diese schmierigen Jüdinnen und Juden, ich würde bei schmaler Kost leben.und Branntwein, den würde ich nicht einmal riechen. Wenn nur nicht dieser Hallunke, dieser Nimmersatt von einem Viertelrichter wäre, der mich aussaugt und beraubt, mdn könnte aufatmen." Unter solchen Gesprächen tiahten sich die beiden Freunde dem Schanklokale, wo sie alsbald verschwanden. V. , Nach einer Viertelstunde kehrten die Fischweiber zurück und nahmen jede an ihrem Platze Aufstellung. Auch Leah war darunter. Aber sie hatte das Herz voll Kttmmer und Betrübnis, Welch' einen bittern Tag hat sie hettte! Die Krankheit des Mannes ist gefährlich. Jeder. Augenblick brachte ihr neues Leid. Die Losung heute ist kärglich; sonst pflegte sie jeden Freitag einige Rubel zu verdienen, die für die ganze Woche reichten, und heute hatte sie keinen Heller. Sie und die Kinder sind hungrig; hungrig, doch wenigstens gesund .... vor Hunger stirbt man nicht t . . aber er? . . . Leahs Haare standen zu Berge .... Der Wein tut ihm so not und sie besitzt keinen Heller, um welchen zu kaufen. Dazu hat sie der Wächter so mißhandelt und beraubt. . . sechsundvierzig Kopeken, ein ganzes Vermögen, hat er ihr entrissen, einen Korb kleiner Fische ftuf die Erde verstreut und zertreten, die Bank, die letzte von ihrem Hausrat, zerschmettert... . nun hat sie nicht einmal, wo sie sich mit ihrer Ware hinsetzen konnte. Wer ioeiß, wie es, chrem Manne geht! Vor zwei Stunden hat sie ihn so schwer krank zurückgelafsen. Er war eingeschlummert, nun ist er gewiß crlvacht und: hat nicht einmal eine Erquickung. Wie sehr möchte sie jetzt bei ihm sein; aber wie kann sio mit leeren Händen heim kommen? Und die Kinder, die des Brotes Harren?... „Was kostet ein Pfund von diesen Fischen?" fragte eine junge, reichgekleidete Frau die Verkäuferitt, in-, dem sie auf einen ihrer Körbe zuschritt. „Dreißig Kopeken!" antwortete Leah voll Hofft nung, einen guten Fang zu tun, denn die Frau sah aus, daß sie mehrere Pfund kaufen könnte. „Dreißig Kopeken?" versetzte jene skeptisch, „zwanzig gebe ich." „Ich habe ja selber fünfundzwanzig Kopeken das Pfund bezahlt; kann ich denn verlieren?" ^erwiderte Leah bitter. „DaZ ist unmöglich, die Fische sind ja nicht ein- ' mal frisch," . „Wie können Sie das sagen, Madame!" versetzte Leah vorwurfsvoll. „Die Fische sind heute gefangen, sie sind nur erstarrt, sonst würden sie zappeln." „Nein, mehr als zwanzig bekommt Ihr nicht, sonst gehe.ich zu einer anderen." Leah ward wütend- Sie, die reichen Damen leben in Ueberfluß und Wohlstand und begreifen nicht, was in der Seele einer armen Frau vorgeht. Sie sind' herzlos und haben kein Erbarmen mit Kranken und Hungrigen. , . Wie sie unersättlich sind und von der Not der armen Leute sich bereichern wollen! Würde sie verarmen, wenn sie ihr die elenden dreißig Kopeken bezahlt hätte? Hat sic etwa mehr als billig gefordert? . /. . Seite $ „Wenn Ihr mir das Pfund für zwanzig Kopeken nicht geben wollt, so gehe ich zu einer anderen," wiederholte die Frau. „Mein! bitter Masel*) über Euch!" gab Leah zornsprühend zurück. Äe Frau ward verwirrt und blickte sie erstaunt an; ohne ein Wort zu sagen, ging sie davon. Augenblicklich entpfand Leah tiefe Reue und Beschämung über ihren Schritt. „Warum habe ich ihr geflucht? Kann ich sie zwingen, mir den Preis zu zahlen, den ich wünsche? Gott, welche Sünde habe ich begangen, einen Menschen zu beschämen. Was ist mit mir? Ich vergesse ja, wessen Tochter und wessen Frau ich bin, und daß ich nicht den anderen Fischweibern ähnlich sein darf. . . Wird nicht, Gott behüte, mein Mann für mein Vergehen büßen.?" Hätte ihr die Frau die Beleidigung zurückgegeben,, Leah wäre beruhigt gewesen. . . Aber jene gehörte offenbar zu denen, welche auf Beschimpsimgen nicht antworten, llnd dies bedrückte Leah um so mehr. Sie wollte ihr nach und sie um Verzeihung' bitten, aber wie sie sich umwandte, ward sie andern Sinnes. Zippe, die Kinderlose, hatte ldie Käuferin herbeigerufen und bot ihre Fische, das Pfund zu zwanzig Kopeken; schon begann sie die Ware ztq wiegen. Bei diesem Anblick stieg Leahs Erbttterung aufs höchste. Wie, diese Zippe, die keine Kinder zu ernähren hat, hat heute schon beinahe zwei Rubel verdient, und alles ist für sie zu wenig; jetzt reißt sie ihr den!Bissen aus dem Munde, ihrem kranken Hanne und ihren hungrigen Kindern! „Dü!" stürzte sich Leah wütend auf ihre Revalin, „Dü tvirst mir den Bissen aus dem Munde nehmen?! Du. . ." und sie begann ihre Gegnerin mit Faustschlägen zu bearbeiten. Augenblicklich wurden die beiden von den übrigen Weibern umringt und auseinander gerissen. „Leah!" sagte zu ihr eine vertraute Freundin, „was ist Dir heute? Dü bist ja wie umgetauscht. Ich erkenne Dich nicht mehr! Du machst Dich ja zum Spott der Leute!" ' „Ich bin sehr unglücklich," flüsterte Leah und ein Tränenstrom brach aus ihren Augen. Zippe nahm die Mißhandlung still hin, denn sie wußte, swie! Leahs Gemüt heute verbittert war. Vielleicht hatte sie auch recht? Leahs Leid ging ihr sehr zu Herzen. *) Schicksal. (Fortsetzung folgt.) Literarische Chronik. ' Ein Schriftsteller-Jubiläum- Der bekannte hebräische Schriftsteller Dr. I. C. Katzen elson (Buki ben Jogli) in Petersburg, hat kürzlich seinen 70. Gebtrrtstag gefeiert. Aus diesem Anlaß wurde ein Jubiläumsausschuß gebildet, der neue Werke des Jubllars herausgebeu soll. Auch die Memoiren an deren Ausarbeitung Katzenelson beschäftigt ist, werden nächstens veröffentlicht werden. 78 Jahre „Jewish Ehrtmiele". Die bekannte bedeutendste jüdische Zeitung Englands „Jewish Chronicle" feierte unlängst ihr 75jährigcs Bestehen. Die Zeituug. ^dic sich großen Ansehens erfteut und ziemlich einflußreich ist, gab zu Ehren beS Tages eine Jubiläumsnummer heraus, die einen Ueberblick über den Gang und das Werden der „Jewish' Chronicle" gibt. Die Nummer enthält außerdem Bildnisse berühmter jüdischer Männer Englands der letzten Dezennien. 2» jähriger Todestag S. PiuSkerS. Vor einigen Wochen, am 20. Kislew, waren 25 Jahre verflossen, seit dem Todestage Pinskers, des klassisch gewordenen, in deutscher Sprühe geschriebenen Zionisten- Werkes Autoemanzipatton, dessen Wahlspruch ist: Nimm dein Schicksal in deine eigne Hand und werde frei! Literarische Notizen. Neue Zeitschrift«». Eine neue jüdische Wochenschrift in russischer Sprache begann unter dem Namen „Jewrejskaia Wjefti" (jüdische Nachrichten) zu erscheinen. * > Am 1. Januar 1917 beginnt in Berlin eine tägliche jiddische Zeitung zu erscheinen. Die Leitung liegt nt den Händen des ftüheren Redaktetrrs des hebräischen Blattes „Hasman" in Wilna M argul in. I Offenbaeber Druckluft- A wlage I Offanbash a. E Telefon 123. (Anachhiaa mitFrankfm t). I bewährteste Tapplshralnloai]0 (100,000 qm jShxfich) ■sowie undbertroflana Battanu. Bettfadarnralnfgong mittelst Druckluft nnd Wasssrdampf. Woche»-Sale«der. Samstag, den 30, Dezember (— 5. Tewes). Sabbat- Anfang in Franksiirt a. M, 1 Uhr 10 Min. Sabbat- Ausgang in-Frankfurt a. Atz, 5 Uhr 25 Min.