Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 48 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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--Seite 4- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nrs 4i - Laisvrstrassv 56 XrässrstrüWS 56 ILxUed «rsfUasslge .HF* UnterbaUmigfaDiiBik ^>G!:■ ,;—— -Opgangs Einlagen, r—— - •' Diese Bestinnnuug ist auf Grund der vom den -Mazzoslieferanten gelieferten Nachweise dahin abgeändert worden, daß in größeren Städten, die Kosten des Transportes vom Lieferanten zum Verbraucher von dem letzteren getragen werden müsse», und daß nach! Orten ohne Bahnstation von auswärtigen Lieferanten lediglich frei zur nächsten Bahnstation' zu liefern ist. Leah Skizze aus dem russisch-jüdischen Lebe» von Ben-Avigdor. Aus dem Hebräischen übersetzt. Eine jü>e brachte ihr Scherflein, keine.verweigerte es. : „Gott gebe Dir Glückt" dänve hie Einsammlerin. „Ich wünsche Dir einen Verdienst von hundert Rubeln!" „Mir würden drei genügen!" antwortete-die eine skeptisch. . ' „Und mir einer!" warf eine andere ein. ,Zch gebe nichts!" rief eine dtüsseverkäuferin der Einsamrnlerin zu, „ich habe noch kaum einen halben Rubel i verdient, ich kann nichts geben!" „Wenn Tu Almosen gibst, hilft Dir Gott. Du kannst heute noch viel Geld verdienen. Gott kann alles." ' „Für eine arme Braut habe ich heute gegeben, dann für eine kranke Wöchnerin, heute jmittag speist lein Jeschiwa - Bocher bei mir, — Gott weiß es, ich kann nicht mehr." . . ■ „Vielleicht hast Du in diesem jSechus den Halben Rubel verdient?" ließ die Einsammlerin nicht locker. ,-Laß sic!" sagte 'eine Nachbarin, „wenn sie sich weigert, 'dann kann sie gewiß nicht." ,-Leah, Du fromme Seele!" wandte sich jetzt die Einsammlerin an eine Frau, die ihr soeben ihre Gabe gebracht hatte. „Gott segne Dich, Du. verweigerst nie -eine Gabe." , - „Wemt ich nur könnte, wie ich so gern möchte; vielleicht würde Gott sich meiner Lrbarmen und meinen Mann gesund machen," erwiderte Leah traurig, und Dränen rollten über Äste Wangen. ' „Weine nicht!^ riesen zugleich, während sich ihnen ^selbst die Äugen feuchteten,- mehrere Frauen. „Weine -nicht! Gott ist groß undsgut! Tein Mann wird gesunden, Meb Solomon ist ein nmhrer Zadhik, er darf nicht krank sein!"; „Mögen Deine Worte in Erfüllung gehen!" sagte Leah. „Wer kenP die Frömmigkeit und Gottesfurcht Weines Mannes besser als ich? Auf dem Krankenlager wird er nicht müde, Thora zu lernen, sobald ihm etwas leicher wirtd. Er lernt auswendig, alle hcÄigen Bücher kann er auswendig." Und wie sanftmütig er ist! Niemals beklagt er sich über seine :!Kvan8hett, nur weil er nicht gehörig inder Thora lernen ünd Gott dienen kann. . . Ach, und wie gut -er, »st! Er murrt nicht und. ist niemals übellaunig, -er. Lagt niemals über feine Schmerzen, obwohl er! schrecklich leidet. Nur darüber grämt er sich, daß ich mich plage mit Frost und Wetter und draußen sitzen .muß. Oftmals bat. er mich, ich möchte ihn ins Krankenhaus bringen, um cs mir leichter zu machen!..Aber! ich kann's nicht Wer mich bringen... Es schneidet , mir, ins Herz, zu sehen, welche Qualen er ausstchen muß. Heute ist ihm sehr schlinun, schlimmer als sonst, er ist ganz entkräftet. Ach, Ribbono schcl Oleun, wie -gern möchte ich für ihn krank sein! Er ist ein ge- - rechter und gottessürchtiger Mann und ich nur ein sündtzes.Weib! . . ." "„Nicht doch, Leah!" protestierten einstimmig die -umstehenden Frauen. „Choliloh, Gott bewahre, wer wird so etwas sagen! Bleibe Du gesund, und Deinen Mann wird Gott Herstellen!" „Amen, barmherziger Vater!" ' - : „Wlllst Dü, Leah, nicht Mitkommen, um auch bic§l nürl mit mir eilten Rundgang. durch die Gewölbe zu machen?" sägte' die Sammlerin, die öfters in Leahs Begleitung -dort die Almosen einsammellc. - „Sehr gern!" antwortete Leah, übertrug die , Obhut über ihre drei mit Leinen Fischen . gefüllten Körbe einer Nachbarftr nnd1 trat ' in Begleitung der Einsammlerin ihren Rnndgang zu den Ladnerinnen an.;; . Und in der Straße! rauschte es unaushörlüh -wxitcr. - ' H.äMer und' Hänvllrinnen sehrtten chra '^Kren tritt Stentorstimme in die Menge ^nein/ die sich, drängie und flutete, als gelte es ein langersehntes Ziel zu erreichen. _ ' > __ . , - - „Maasses, schöne Maasses- Tausend und eine Nacht, Buwe - Maasse, Mädchen, kauft!" schrie ein Greis, vor dem ein großer Haufen interessanter Leftüre aufgeschichtet lag, den die vorübergehenden Mädchen mit begehrlichen Blicken verschlangen. „Neue Schuhe, soeben aus der Werkstatt!" hauchte ein alles Mütterchen, welches mühevoll den mit grünxm schimmeligem Schuhwerk angefüllten Korb fortbewegtc. „Gold! pures Gold! zehn Kopeken das Pfund! Kleine -Fische hundert auf das Pfund, kauft, Frauen, kaust!" ‘ '! II. „Guten Morgen, Marccll! Wie geht's!" grüßte den Straßenwächter ein junger Mann mtt plattem, gerötetem, blatternarbigem! Gesicht, in einem gelben Schafspetz, den ein rotes Tuch wie ein Gürtel zu-' sammenhiell. „Danke, Anton!" versetzte der Angeredcte und drückst Antons dargkbotene Rechte. „Du zttterst ja vor Kälte, .Marccll! - Gehen wir doch lieber in eine Schenke, um uns bei einem Gläschen zu erwärmen. Hast Du heute unter Deinen Juden, denn nichts cingeheimst? Heute ist's doch Freüag, Jahrmarkt in der Judengassc, und da pflegt's für Dich Erntctag zu sein. Ach Du, Knauser,, daß Dich der Teufel hole!" „Der Teufel hole mein Magdalenchen! Die kommt jeden Augenblick zu mir und nimmt mir alles ab; hörst Du, Anton? Jeden Augenblick! Nichts läßt sie mir zurück; daß sie die Hölle habe! Heute habe ich schon zwei Rubel abgezapft, und alles hat die Hexe weggenommen. Bei Gott, zwei ganze Rubel!" „Eine kluge Frau, Deine Magdalena. Ha, ha, hä, wirklich ein geschettes Weibchen, sie weiß offenbar, was für ein Nimmersatt Du bist.. Aber einige Silberlinge sollte sie Dir doch lassen." „Keine Kopeke hat sie mir gelassen, Anton!" beteuertdex Wächter wütend Uno ballte die Faust. „Warum gibst Du ihr denn alles?" „Ihr werde ich etwas verweigern? Du hast gut reden, Altton, da Du nie ihre Schläge gekostet. Wenn ich etwas angeheitert üach Hause komme, so haut sie mich windelweich. Und glaubst Du, daß sie hier, auf der Straße viele Zeremonien machen würde? Unlängst -wollte ich ihr einige elende Silberlinge vorenthalten, da!>.. so" — hier,"machte Herr Marcell eine bedeutungsvolle Handbewrglistg, die smit einer Maulschelle bedenkliche Achnlichkett hatte. „Mit der ist nicht zu spaßen. Glücklicherweise ' ging kein Vorgesetzter vorbei. . ." „Du hast cm tapferes Weib, Marcell; na, ich gratuliere!" .rief Anton belustigt. „Aber Du bist ganz starr vor Kälte, und auch ich möchte mich erwärmen." „Ich sage Dir doch, daß ich keinen Heller habe, und der Schankwirt will rnir nicht borgen." . „So schäme Dich doch; heute, am Freitag, kannst Du, der Wächter, der Judengassc, nicht einige elende Kopeken für cm . Maß Branntwein auftreibcn? Versuche do'ch einmal, durch die Gasse zu spazieren und Deine Juden und Jüdinnen, anzuzapfen. Du bist sonst, nicht so zimperlich, wenn cs gllt zweimal nacheinander zu fordern. Wo bleibt denn Dein Mut?" „Gelt, Du hast Recht, Freundchen!" .schlug Marcell ein. „Komm, und Du sollst sehen, welch' eine Furcht ich den Jüdinnen einjage, wenn ich durch die Straße schreite, welche Püffe ich rechts und links allsteile, und welche Ordnung ich gleich mache. Du wirst Deine Freude haben." „Zippe, bring den Kohlentopf hinein!" rief eine ■ Ladenfrau dem Mädchen zu, das draußen saß und sich die Hände an einem Fcucrtopf wärmte, „Er geht. . . rasch!" ' Das Mädchen versteckte rasch den Feuertopf unter der Schurze und stürzte der Tür zu. „Zippe, schönes Küid!" sagte Atarcell, indem er auf sie zukam und sie am Kinn zu streicheln suchte. „Fort, Marcell, lvie kannst Dü nur so frech sein!" 'schrie Zippe und stieß ihn mit der Hand von. sich. „Frech?" lachte Marcell höhnisch. „Was kaiylst Du mir tun/ wenn ich doch frech sein will?" und dabei kniff er ih'r lachend'in die Wallge. „Weg, Dü Schuft!" rief das Mädchen und stampfte mit dem Fuß, Wer und über rot vor Zorn, „sonst beschwere ick) mich bei dem. Viertclriichter." „Beim, sä?" erwiderte Marcellgedehnt. „Und was versteckst Du denn-'daunterder- Schütze? - -Laß doch -?nial ^selstn!" Dabei griff er nach dem Kohläräopschnd hog ihn! an» Tageslicht hervor.';;rj;-/! „Ein Tops voll glimmender Kohlen!" donnerteer, „brennende Kohlen auf der Straße! Kennst: Du die I- Vorschrist? Gleich wirst Du Strafe -zahlenl/Strüfel- Strafe! -lärmte er unaufhörlich. . „Lieber Marcell," mischte sichdieLadenfranin den Strett, „nimm zwei Kopeken und schere'Äich zunr Teufel, denn Dy störst mir die Losung." ' - - „Nein, zwei ist zu wenig, vier her!" versetzte.der Hüter der Ordnung.; " „Hast Du drei, aber packe Dich!" sagte die Krämerin rmd steckte ihm eine Kupfermünze zu. ' ' „Der Anfang ist schon gemacht," lachte Marcell/ . „Du bist ein Mordskerl -und verstehst.das/Geschäft," sagte'sein Frcuiid voll Bewunderung und- Lopfte ihm aus. die - Schulter.'. ,Mü sollst jchpK''.ich'^käW,"^.AÄö»y tviderte Marcell und! blickte üm^ sich,. nne /üw 'em nÄes' Opfer auszuspähen. ' ' " . „Pesje!" rief er einer jungen Frau zu, die an der Tür ihres Butterladens stand, „gib mir einen „Einen Käse? Warum soll ich Dir einen Käse geben? Glaubst Dü, ich bekomme meine Käse geschenkt? Makkes möchte ich Dir gern geben!" „Gut!" sagte Marccll, „gib nur her, ich esse für mein Leben gern Käse, ganz gleich welchen!" „Nein!" rief, die Händlerin standhaft, „Du bekommst nichts. Jedes. Stück kostet mich Blut. Ich kann nichts schenken!" Aber schon streckte Marcell seine Hand aus, und ohüe auf die Flüche und das Geschrei der abwehrenden Krämerin zu achten, schob er sie mit einem heftigen Ruck ~ "beiseite, und ein großer Käse verschwand in seiner Tasche. „Das wird einen guten Imbiß nach dem Branntwein geben," sagte er schmunzelnd zu seinem Begleiter, und die beiden setzten ihren Weg fort. - „Anton, möchtest Du nicht eine Zigarre rauchen?" „Welche Frage!" ' * „Warte nur, gleich bekommen wir Zigarren." , „Jentke!" rief Marcell einer Atlichen Frau zu, indem er in ihren Laden trat, „gib mir zwei Zigarren!" Und ohne die Antwort abzuwarten, nahm er das Gewünschte und entfernte sich. „Es ist heute das dritte' Mäl, daß er von mir Zigarren nimmt," klagte die Krämerin einem Kunden! „Warum gebt Ihr denn? 'Warinn lasset Ihr Euch Minden?" 'l,Ü, „Was ist da zu machen? Seft einem Monat ist! meine Konzession zu Ende, und trotz vielfacher Bemühung ist die Erneuerung derselben noch nicht oa. Er könnte mir ja jeden Augenblick den Laden schließen.^ „Siehst Du, Anton, daß ich in dieser Straße Selbstherrscher bin. Ich mache mit meinen Juden, 'was ich will." „Du bist beneidenswert, Marcell," sagte der Gefährte und betrachtete ihn mit neidischen Blicken. „Siehst Du dort den Sack Getreide, der vor dem Laden steht? Das ist wider die Vorschrift; gehen wir dorthiir." . i „Warum stellst. Du den Sack dmußen vor den Laden?" brüllte Dtarcell den Verkäufer an und stieß mü dem Fuß gegen den Sack, so daß dieser umstürzte .und her Inhalt sich verschüttete. . - . „Ach, Marcell,-Du bist verrückt? was hast Du mir getan!" klagte dcr'Krämer. ' - ' . „Rasch mit dem .Sack hinein! Hier darf er niicht stchen!" _ „Sei doch vernünftig, Marcell, der Sack ist doch mein einziges Aushängeschild!" „So? Gib also zehn Kopeken her, und ich lasse Dich ungeschoren." ' . „Zehn Kopeken?. Soviel habe ich -heute noch nicht verdient. Vier werden genügen." - „Her damit!" Und sie setzten ihre Wanderung fort. „Glückspitz! Du Hast ja ein Paradies!" rief Anton begeistert. Ihm lief das Wasser im Munde zusammen. In diesem AugeWkick wurde eine Passantin von einem Haufen Ladenmädchen umringt; eine, jede wollte sie zu stch in die Handlung ziehen. Marcell hätte nun Gelegenheit, seine Macht in vollem Glanze zu entfalten. Er begann die Drängenden zu zerstreuen, wobei es ans die Köpfe und Schulterir der Mädchen nach allen Setten Püffe, Stöße uild<^ Schläge regnete, während-Marcesl aris vollem Halse schye : - -,K- - . „Ach, 'üerdammte Judeichrnt! Wird lein Menfth .die Ga^e ,rnhig:!Hässiereü können?" . (Fortsetzung folgt.) . .-'s! ----- . - -3E-.;!- A~:?<■ i ..