Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 48 (15.12.1916)
- Date
- 1916-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692975-2693022--09709-2704957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
'- Erscheint wöchentlich am Freitag. : > .Oeruäspreis pro JHtritljnljr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei tnS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat-mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.80, für Publand' 1 Kllubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.—; :4Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. - - Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr.7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Aalg H>sis. Insertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für - die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirat s-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen»BureavS. Konto hei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4364. 14.Jahrga»g. Freitag» de« 20. Li8l6>v 5677 (15. Dezember 1916) Rr. 48.' Ruf zur Eiuigkeit. Z Zilr polnisch-jüdischen.Frage. . ' Mit 8er Proklamation des Königreichs Polen und dem beginnenden Prozeß der Ausgestaltung des neuen Staatswesens ist. die p o l n i s ch - j ü Lisch e F r a g e in ein neues Stadium getreten. War sie vordem zum großen Teil nur eine Angelegenheit theoretischer Diskussion und prinzipieller Debatte, so hat sie jetzt einen ganz konkreten, aktuellen, praktischen Charakter gewonnen und . gewinnt ihn täglich immer mehr. Jetzt, da die allgemeine polnische Frage von deutscher/Seite ihre grundsätzliche Lösung gefunden hat, ist die reale Grundlage geschaffen für die Regelung? der speziellen polnischen Judenfrage und - ist die Möglichkeit praktischpolitischer Betätigung aus diesen: Gebiete in hohen: Maße erleichtert, die Verpflichtung hierzu seitens all derer, die um die Zukunft der 2 Millionen polnischer Juden sorgen, deutlich verstärkt.. Gleichzeitig ist aber auch für die Polnische . Judenheit selbst der Zeitpunkt - gekounnen, der ihnen die ge- - bieterische Pflicht auferlegt, mitaller 'Energie die Arbeit zur' Erringung, und Sicherstellung " ihrer politischen, nationalen und kulturellen/Rechte aufzunehmen. " •. . ' All diese Arbeit hat aber nur Aussicht auf Erfolg, wenn eine Voraussetzung vorher erfüllt ist: die .Einigung .und Zusammenfassung all der Rich tung en und Kreise inner - halb .des polnischen Judentums, die positiv jüdis.ch geson nen und entschlossen sind, für die Anerkennung der jüdischen Minorität in ihrer Eigenart und ihren-Rechten einzutreten. Diese Richtungen bilden zweifellos die überwältigende Majorität der polnischen Juden; gehen sie einig und geschlossen vor, so stellen sie einen achtunggebietenden Machtfaktor .dar,, mit dem sowohl die Polen wie auch die deutschen Behörden rechnen müssen. Und inan braucht nach 2^ Jahren . Krieg nickst, mehr, erst n.achzuweisen, daß man heute . in Europa' .politische Rechte nur auf der Grundlage politischer Macht / erlangt und das A und O aller politischen Arbeit die Verstärkung der eigenen Machtstellung, ist. - - - Der_erste Schritt zu einem solchen Zusammenschluß, aller 'positivenjüdischen Gruppen in- Pvlenmu'ß in einer Einigung aller.,nationalen Elemente bestehen. Bekanntlich, herrschte bisher im nationalen Lager eine nicht, unbeträchtliche. Zerklüftung, eine Spaltung zwischen' den Zionisten und den Anhängern.'der „Volksgruppe", die ja gerade bei den Stadtratswahlen, so stark in die Erscheinung getreten ist. Wir - haben, des öfteren schon dargelegt, wie schädlich ein solcher. Zustand und wie notwendig seine Beseitigung und die Herbeiführung . einer Einigung ist. Nick mit großer Freude dürfen wir jetzt konstatieren, daß der Prozeß ' einer solchen Einigung bereits einzusetzen begonnen hat. Wie die Warschauer, jiddischen Zeitungen melden, haben verschiedene Verhandlungen in dieser Richtung stattgefunden und ist-bereits eine. Kom- - Mission gebildet worden, in der führende Vertreter beider .Gruppen sitzen, und die beauftragt istein Einigungsyrogr.amm auszuarbeiten. Dies ist eine.'Tatsache. über die . man Ach gar. nicht / genug freuen kann und deren Bedeutung außerordentlich groß ist. Denn durch, eine Verständigung und einen Zusammenschluß beider Richtungen wäre; die Grundlage für eine umfassende Organisation der ' gesamten uätionalgesinnten Judenheit./Kokens.' ge- - schaffen/4 die dann die legitime Vertretung der nationalen und kulturellen jüdischen Forderungen und . Rechte übernehmen könnte. Man darf dann auch mit Gewißheit erwarten, daß die Einigung sehr bald Zustande kommen, und der auf dieser Grundlage zu vollziehende Ausbau einer großen jüdischnationalen -Organisation möglich sein wird. Diese Einigung und Organisierung der nationalen Gruppen gewinnt noch unter -einen: anderen aktuellen Gesichtspunkt erhöhte Bedeutung: iin Hinblick auf die bevorstehende Neuorganisation, der jüdischen Gemeinden. Bor drei Wochen ist die amtliche Verordnung zur Organisation der Gemeinden publiziert worden — wir haben sie eingehend besprochen und beurteilt — und es ist zu erwarten, daß in nicht zu langer Zeit die.Durchführung der Organisation beginnen wird. Welche Bedeutung aber das Ergebnis derselben haben muß, ist klar. Glicht nur daß die Beherrschung der Gemeindenan sich schon von größtem Wert, ist, werden ja die neu gewählten Vorstände und Verwaltuugsräte der Gemeinden auch nach außen hin die natürlichen Repräsentanten des polnischen Judentums sein. Man denke dock) nur an den außerordentlich starken Einfluß, den die kleine Gruppe der Assimilanten in Polen ausübt und zwar in erster Reihe auf Grund ihrer vorherrschenden Stellung in der Gemeinde. Um wie viel stärker wird der repräsentative Charakter der auf Grund der Verordnung neu gewählten Gemeindeleitungen sein, die ja auf der Basis eines demokratischen und gerechten Wahlrechts gewählt werden und so in der Tat einen legitimen-Anspruch haben werden, als Repräsentanten ' der. polnischen Judenheit angesehen zu werden. Mm: versteht so, wie. außerordentlich wichtig es ist, daß bei den bevorstehenden Wahlen die positiven Richtungen,/ die nationalen Gruppen die Majorität haben. -Djes ist aber. nur möglich, wenn ' sie einig Vorgehen, undso Zewinnt. die eingeleitete Verständigung zwischen den Zionisten Und den '„Volksparteilern" gerade in diesem Moment ganz besondershohe, aktuelle Bedeutung, Wird diese Einigung erfolgt sein — über deren Bedingungen uiid Programm wir heute nicht sprechen wollen — so wird die so neu geschaffene .umfassende Organisation der polnischen Nationaljüden sofort vor einer sehr wichtigen . Frage stehen, die in derselben Richtung des Zusammenschlusses aller positiven Elemente liegt: Aar der L-rage des Verhältnisses zu beit ortho'doxen, chaf sidischen Kreisen. Sie besitzen auf Grund ihrer numerischen Stärke große Bedeutung und können bei den Wahlen und in sonstigen wichtigen Fragen oft entscheidend sein. - Beruht doch bekanntlich die bisherige Herrschaft der Assimilanten in der Warschauer jüdischen Gemeinde in erster Reihe auf der Unterstützung der Chassidim. Ter Einfluß der chassiüischen Kreise ist in den letzten Wochen noch stärker geworhen infolge. ihrer beginnenden..Organisierung, die bisher fehlte. Unter der Leitung der in Warschau tätigen. Rabbiner Dr. Cohn und Dr. Carlebach hat sich eine „Vereinigu.ng der Orthodoxen^ gegründet, die schön gleich zu Beginn eine gehr große Zahl von Mitgliedern gewann und /eine rührige Tätigkeit zu entfalten beginnt. Es fragt sich nun, welche Haltung die Orthodoxie. in. .der . Frage , der. jüdischen. Rechte im neuen: polnischen - Staatswesen und in den Wahlen /einzunehmen gedenkt. Wird sie wieder ihrer, alten, / unyätürlichen und nicht stark genug - zu verdammenden. Politik .eines -.Zusammengehens s : - - mit den Assimilanten treu bleiben, oder, der Größe der Zeit sich bewußt, einsehen, daß trotz aller Differenzen ihr Platz an der Seite der nationaler Juden ist und sich mit diesen verständigen. Es hat den Anschein, als ob über die prinzipielle Grundfrage noch keine Entscheidung getroffen ist, und es wäre besonders interessant zu. erfahren, stelche Haltung die beiden führenden deutschen otthvdoxen Herren, vor allem Herr Rabbiner Dr. Cohn, einnimmt. Aus manchen Aeußerungen geht hervor, daß eine Spaltung in.dieser Frage innerhalb der Srthodoxen Kreise besteht; daß die alten, bekannten „Führer" der Chassidin: wieder einem Zusammengehen mit der Assimilation Zuneigen, andere, vor allem die jüngeren Elemente, aber auch manche „Rebbes" hingegen die Forderung einer Verständigung mit den nationalen Gruppen vertreten. Die Entscheidung der Frage kann bestimmend werden für den Ausgang der Wahlen, und sehr wichtig für die ganze Frage der Anerkennung, der jüdischen Rechte in Polen, Eine Einigung der nationalen Kreise mit der Orthodoxie gäbe den positiven Gruppen absolutes Uebergewicht und wäre von größtem Segen. Hoffentlich erkennen die Führer der Orthodoxie, wie wichtig und geboten es von: positiv jüdischen Standpunkte ist, in dieser kritischen und entscheidungsvolle:: Zeit sich mit den Nationaljuden und Zionisten zu einigen, und sind bereit, über die großen, dringenden gemeinsamen Bedürfnisse der Stundender trennenden Differenzen zu vergessen. Die nächste Zeit wird für all diese Fragen die Entscheidung bringen. Es wird sich zeigen, ob die bevorstehende Einigung der nationalen und, zionistischen Gruppen die Einleitung bilden wird für den weiteren Zusammenschluß aller positiv.'gerichteten Kreise, und ob. das' polnische Judentum sich - so würdig und reis der. großen. bedeutunAvollen Situation zeigen wird,- in-deres sich, gegenwärtig befindet. Denn — mit dieser Erwägung muß alle Betrachtung der polnisch-jüdischen Frage beginnen und schließen — nur die Einigkeit aller positiven Richtungen, die eine Erhaltung der-jüdischen Sonderart, der jüdischen Traditionen und Werte erstreben, und ihr geschlossenes Borgehen gibt Aussicht auf eine Anerkennung und Sicherstellung der jüdischen Rechte. Dies, ist die' Voraussetzung aller politischen Arbeit in dieser Richtung. Von der polnischen Judenheit selbst, .von ihrer politischen Reife Mnd Einsicht, . von ihrer Energie und Entschlossenheit hängt in erster/Reihe die Gestaltung ihres Schicksals und ihrer Zukunft ab. _? - -,/f Der Krieg und die„H«mauitiit"Euglands. In den letzten Jahren ist der Antisemitismus in England gestiegen und langsam gewachsen, 'eine Erscheinung, deren Hauptursache wohl ' in .dem Bündnis mit. Rußland ruht. Anstatt, wie man in den jüdischen Kreisen Englands hoffte, das Zctrenreich in liberalem Sinne zu beeinflussen, ist int Gegenteil England durch den Verbündeten beeinflußt worden, ganz unwillkürlich und allmählich. So ist die chauvinistische und reaktionäre englische Presse demgemäß nichts weniger als judenfrenndlich geworden. Die „Times", ,-Daily Mail".- und die anderen Hetzblätter — d. h. die tonangebend: Norrhcliffe-Presse — haben schon. gär manches Mal.ihre „judenfreundlichen" Absichten durchblicken lassen. Daß sich die„Times" über, die Juden/ist feindlicher Weise - ausgehch'en /W,'. 4