Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 47 (8.12.1916)
- Date
- 1916-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' . Erscheint wöchentlich am Freitag. Seruaspreis pro Nirrirljahr: In Frankfurta. M. Mk. 1.— srer mSHaus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel»Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. M. rr Langeslr. 7. Fernsprecher-Amt Hansa 2903. Keransgevee: Kaks Geis. Insrrtionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile W Ps»., für die Reklamezeile ML I.—. Bei Wiederholungen entsprrchend« Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirat s. Annoncen 15 Pfg. die sechSgesPaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annonren-Annahme bei der Exped. und iaa.Amwncen»BureauL Konto bei demPostscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. 14. Jahrgang. Freitag, Den 13. EMew 5677 (8. Dezember 1916) Rr. 47. Be« Avigdor «vd Mehalach hechadasch. (Ergänzende Betrachtungen zu unserem Artikel „Ben- Avigdor" im August dieses Jahres anläßlich des 25jährigen Jubiläumsfestes am 14. Kislew.) Mit Ben-Avigdor setzte der „Mehalach hechadasch" (neuer Kurs). in der hebräischen Literatur ein. Und wie war der „Mehalach hajaschan" (alter Kurs) beschaffen? Er bot das Bild eines Tohu- Wabohus: Roinautik und Realismus neben- und durcheinander, und während die Fornr — Sprache und Stil .— ganz Romantik, war der Inhalt — Realismus oder umgekehrt; oder auchnach Inhalt und Form beides zugleich. (Schon Lilienblum keunzeichnete in seinenr trefflichen Werke „Chatath Neurim" die damalige hebräische LüeMür als chaotisch, und so sah man Idealismus neben Utilitarismus, Weltbürger t um neben Chauvinismus, Hypermoderntum neben Batlonns (Boheme entum), Weltfremdheit nebeit Umst u rz u n d Nih i l i s in u s. Dieser Chaos ist nicht etwa bei der Reproduktion einzelner Schriftstellen vorzufinden, sondern dies war mit geringer Ausnahme das Ges am tb i l d Von A- B. L e b e n s och n b i s,a u s S m o - lenski, ja bis weit über die 90er Jahre hinauf. Waren doch einerseits die meisten Schriftsteller jener Zeiten Aut o d i d a k t e n, die aus einer autodidaktischen Schule der Halbb i ldung und! W e l t f r e m dhei t, aus - der Schule Pisardws, andererseits aus der „Jeschibah" hervorgegangen. Und inmitten dieses Chaostrat ein Mann der Wirklichkeit, ein Schriftsteller, der mit Klarheit, Einfachheit, Präzision, Menschenu n d W e l t k e n n t n i s s e ausgestattet war, auf. Dies war eine Sensation! Merdings hätte er Ntanche Vorläufer; so z. B. Dr. I.: L., K a n t o r, der schon im Jahre 1886 mitder Herausgabe einer täglichen Zeitung, „H ajo m", zu Petersburg begann, und. ebenfalls eine klare, einfache, präzise Sprache,"eine Sprache des Lebens, des Alltags, führte. Auch „A ch a d - Haam" machte um jene Zeit seine Anfänge und" noch einige „Schibalim boddoth", allein jene waren, abgesehen von i F r i sch m a n rr, 'Publizisten, aber daß man in. der hebräischen Literatur natürlich,- ungespreizt und ohne-Schwulst erzählen kann, das war neu! Waren doch selbst die realistischen Erzählungen von Smolensk i, G o rdon, Gotlober und Braudes fern von Knappheit, Einfachheit uiid Präzision! ' ' Doch noch mehr. Die Literatur von A. B. Levisohn bis auf Kantor, Ben-Avigdor — ein Zeitabschnitt von 50 Jahren — war vornehmlich mit dem Kampf der „Modernen" („Maskilim") gegen die „Finsterlinge", die Orthodoxen, ausgefülltr ' Dieser Kampf bildete den Hauptstoff der Publizistik, wie. auch der Belletristik. Selbst in . den 90er Jahren, als der nationale Gedanke — „Chibath Zion" '4v®i Stelle der „Haskälah" (Aufklärung) trat, zitterte - dieser- Kampf noch nach, doch während er früher der'Aufklärung galt und im Namen der NAtz l i chk eit geführt ward, wurde er jetzt im Ngmett. des damals noch ungeklärten nationalen GedgMns betrieben. - ' ..' Wäzu känr.noch ein weiterer.Grund ftir diesen Dampft. und (zwar: Im Namen der M o d e r n i s i t * runu) d;er hebräischen Sprache.und des Ssti-ichs.-.'.Jene, die einen modernen Stil besäßen sie waren klein an Zahl — kämpften gegen die „M e l i z a h" (bombastischer, gekünstelter Stil). Also Kämpf auf der ganzen Linie! .Ben-Avigdor war der erste, der, statt zu kämpfen, positiv zu arbeiten begann. „Meuachem Hasofer" war zwar etwas, des Stoffes halber, polemisch, doch zum größten Teil positiv gehalten. Und wie tat er es? Auch hierin ging er seine eigenen Wege. Mit seiner volkstümlichen Ausgabe: „Sifrei Agoroh" (Köpekenblibliothek) betrat er ein unbeackertes Feld. Als echter volkstümlicher Künstler richtete er sein Augenmerk auf bis dahin ganz abseits gelegenes Gebiet: das' der breiten Masse, nicht etwa auf das. der sogenannten „besseren Stände", oderidealistischer „Baale Batim" (Mittelstand), und „Jeschibah Bachurim" (Zöglinge der Jeschibah), sondern auf den dritten oder vierten Stand der Wasserträger („Anijim meuscharim" (glückliche Arme), der M a r k t - und F i s ch e r w e i b e r (Leah mochereth hadaginr") und dergleichen mehr. Er wußte, er sah es init seinem psychologischen Künstlerauge, daß von jenen Niederungen verstaubtes Gold, beschmutztePerle.u in Masse zu hol an sind; er wußtedaß die größte Armut den Juden nicht erniedrigt, wie es gewöhnlich bei den anderen der Fall ist, sondern sie läutert und erhebt. Und so zeigt er — ohne dabei eine besondere Tendenz zu verfolgen — von welcher Beschaffenheit die Steine zum Unterbau des Hauses Jacob, des Hauses des -gesamten jüdischen Volkes im Lande seiner Väter sind; ein jeder sah — da man es ohne . weiteres zu sehen vermochte, denn die Erzählungen Ben-Avigdors zeichneten sich im Gegensatz Zu seinen Vorgängern durch tiefe psychologische Schilderungen aus —, d aß jene Steine wahre' Ecksteine sind, und daß das Gebäude, welches auf sie gestellt wird, von ewiglichem Bestände ist! Doch welches war der Gesamtplan Ben-Avigdors bei seiner Herausgabe der Kopekenbibliothek? Er ging auf das Ganze/ er nahm sich vor — mau erzählt, Haß dieser Lieblingsplan ihm schon in seiner frühesten Jugend vorschwebte — seinem Volke eine ansehnliche, moderne Literatur zu geben. Und ist ihm dies.gelungen? Zum-größten Teil ja! Es würde zu weit führen, wollten wir alles inr einzelnen aufzählen — es ist ja eine ganze Literatur! — Und dabei darf nicht vergessen werden, daß-dies alles-ohne' namhafte Mittel geschaffen wurde, nur durch bloße Energie und Tatkraft, und was besonders zu beachten ist, auch durchgroßen Idealismus und Selbstlosigkeit! Denn der Realist Ben-Avigdor ist als echter Sohn seines Volkes gleichzeitig ein grenzenloser Optimist und Idealist! Ist das geschaffene Werk Ben-Avigdors lückenlos? Keineswegs, ein Werk, das von einer Gesamtheit, zu vollbringen, von einem Einzigen, und dazu noch ohne nennenswerte Mittel, geschaffen ist, kann unmöglich lückenlos sein! Doch eins steht fest: Das Werk Ben-Avigdors ist bedeutend und von bleibendem.Wert.. Schalmon. Tagebuch für jüdische Wanderer. Unter diesem Titel' erscheint in wenigen Tagen, ein Buch!, das sowohl ^nes unmittelbaren Nutzwertes wie auch seiner symptomatischen Bedeutung wegen, lebhaft zu begrüßen ist. Es ist bestimmt ftir die große Zähl jener-jüdischen -Wanderer, deren -Zahl sich in den letzten Jahren in imitier steigendem Maße vermehrt hat, und: die. zum größten Teil in den ,/8lau-Weiß"-Büchern ihre organisatorische Zusammenfassung gefunden haben. Was diese Bewegung ftir die positiv jüdische Erziehung der jüdischen: Jugend in Deutschland bedeutet, was sie an ErfolMU und positiven Werten bereits gebracht , hat, läßt sich in wenigen Sätzen nicht darstellen. In ihr wächst eine der stärksten Kräfte heran, die innerhalb des deutschen Judentums an der Regeneration des jüdischen Volles ' arbeiten, und die Zukunftsmöglichkeiten, die. dieser Bewegung erwachsen, können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dieses „Tagebuch .für jüdische Wanderer"- (herausgegeben von Dr. Joses Markus, erscheinend im Verlag von R. Löwit-Wien), ist ein kleines Symptom des Umfangs und der Stärke der jüdischen Bewegung, die die Herausgabe eines solchen.Buches 'bereits notwendig erscheinen läßt. Es verfolgt neben der rein praktischen L-eite — als Tagebuch und Notizheft zu dienen —- beit jungen jüdischen Wanderer über die bedeutsamsten jüdischen Einrichtungen und Werte aufznklären, sein jüdisches Bewußtsein zu stärken und sein jüdisches Wissen zu bereichern. Im Anschluß an den jüdischen Kalender, der es einleitet, bringt es u. ä. eine Anzahl kleiner Betrachtungen über die jüdischen Feste, verfaßt von Dr. Albert Baer; der Geist stärkster Liebe zum Judentum, tiefste Pietät für seine Vergangenheit und stolzester Öffnung auf seine große Zukunft, der diese Kleinen, schlichtinnigen Aufsätze durchdringt, ist charakteristisch für den Geist, der die gesamte jnngjüdische Wanderbewegung beherrscht; wir bringen nachstehend aus dem uns freundlich zur Verfügung gestellten Aushängebogen den Aufsatz über Sukkoth. Sukkoth, das Fest der Hütten! „Denn in'Hütten habe . ich die Kinder Israels wohnen lassen, als ich sie aus Aegypten. führte." Unsere Ahnen lebten, als sie Aegypten verlassen hatten, als Nomaden in der Wüste; das waren sie schon gewesen, als sie nach Aegypten kamen und blieben es auch dort in Gosen, wo sie Viehherden weideten; ihre Herden waren ihr Reichtum; was sie sonst besaßen, fand jm Kamel» sattel Platz; mit ihren Herden zogen sie von Ort zu Ort in der Wüste, da war keine Zeit, ein Haus zu bauen; wie's der Seßhafte tut; der Beduine schlägt sein Zelt! ans, seine Hütte; so taten's imsere Ahnen, und so lebt "noch heute wie vor Jahrtausenden der Beduine in der tzsyriicke» Wüste und im Ostjordanlände. Schnell ist das '-Zelt hergerichtet; die Zeltdecke, ein Gewebe von Tierhaaren oder mts Fellen, Wer Zeltstangen gespannt, die au Pflöcken ' Mit Seilen befestigt sind; schnell ist's mtch Wznbrechen, denn Ueberfall der Feinde droht Ms in der Wüste; sä kämpften mich unsere Ahnen Tag für Tag trat- Wasserquellen und Oasen, um Raum und Nahrung; so wurden sie ein starkes Geschlecht, das Kanaan erobern konnte, stark durch die Einfachheit ihres Lebens, durch die stete Vers bindnng -mit der Natur ln der Wüste- In Kanaan machten sie sich seßhaft und svurdeu Bauern! Der Bauer lebt nicht mehr im einfachenZelt.. das keine Bequemlichkeit gestattet; er baut feste Häuser,' mögen es ärmliche Lehmhütten sein oder Bauten aus Ziegeln und Blöcken. Ist es auch einfach, der Bauer bräuHks ) nicht anders, ist er doch zumeist draußen auf dem. Acher; und gar in der Erntezeit! Da gibt's Arbeit den gaWerr Tag, das Haus aufznsnchen, ist nicht Zeit; da richtet sich der Bauer auf Wiesen und Aeckern und Weinfeldern seine leichtbeweglichen Hütten aus Bäumzweigen, um draußen zu wohnen. So taten's unsere Ahnen, als sie Bauert? waren, zu Sukkoth, in der Erntezeit. Sukkoth,*) ist der Abschluß der Ernte; was gemäht und gepflügt ist, wandert inDmueu und Kelter; da ertönt Jubel am.Tage bei der Mbxit/..uiü^ ( in die mondhelle Nacht erklingen die ftöhliche» Swber; in der Freude -Wer den Segen des Landes Mmückv'der Bauer sich und sein Heim mit Früchten uni^Blumen: aus- Myrthen, Palmen Und Weiden bindet er den Feststrauß.**) Und dann wallfahrt er zum Heiligtum, um seinem : Gotte, dem Spender des Erntesegens zir danken, i« stillet» Gebet allein- und in Fröhlichkeit und Jubel» mit Gesang und Fackeltanz, bei feierlichen Opfern und Nmzügen zusammen mit seinen Landsleuten. So mit dem Lcmd verwachsen wurde auch her judäische Bmter ein starker Held, wie der Ahne her Wüste. - In späterer Zeit im Außhlutz au SÜkkoth wurh^ <$£-: zweiter Tag des Schlußfestes (schemini^ereth) das Fest der Gesetzesfteude (Simchath thaura) gefeiert; die Vorlesung der Thora, die an diesem Tage beendet pmrde. begann - von neuem; die Ahnen sollten immer wieder Wk Vorhildetf) spätesten Geschlechtern dienen und jedes neue GeschleM/ an das vorhergeheWe anknüpfen, tnit dem ftarfeu Wtllctr.I: das Judentum zu bewahren. *) Chag haaUf -— das Fest der Einsammüuta, - **) Der Ethrog, her ParadreMpftL!W reina Aflfrtutzt;.