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Neue jüdische Presse · 1916-12-01 · Heft 46 (1.12.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 46 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 46 .! Eltern, Lie auf-. Flücht ihre Kinder: verloren' hähewurA» vor Schmerz' siH odek'jE MrdM Kinder, Lmen die Eltern gemordet oder verschleppt wordensind, Meyschen, denen Familie, Heimat, Hab- und ''Gut entrissen ward, Bresthafte, Geistesgestörte, Bettler- Dirnen,, alles durcheinander, wie es - eben der große Pflug des Krieges in blutigen Furchen pflügt. Und alles Juden! — Eine würdige.Aufsichtsdame, die tapfere soziale Arbeit. leistet, übernahm die Führung durch den Irrgärten LS Unglücks: In einem der Säle lief ihr ein Kind nach: ein abgezehrter, magerer, dunkeläugiger Knabe von zehn, bis elf Jahren:- Er hängt« sich an den Rock der gütigen Frau und rief unausgesetzt mit einförmiger, aber greller Stimme: „Gib mir Broid (Brot) . . . gib mir Broid!" . . . Und die Führerin erklärte: „Der kleine Jainkef (Jakob) hat bei der Vertreibung aus seinem Heimatort Eltern und Geschwister verloren, hat viele Meilen barfüßig ohne Nahrung laufen müssen, teilweise in der Kriegszonc, durch den Feuerregen. Äls er in dieses Haus gebracht wurde, chatte er schon den Verstand verloren, ivär verstört und still und wiederholte immer die gleichen Worte: „Gib mir .Broid!" Der Junge ist unheilbar blödsinnig und spricht nie etwas anderes als Liese Worte. Er spricht eigentlich überhaupt nicht mehr. Aber — er singt. Und wenn er singt, so' immer — pon Sonnen, Blumen und Frühling. . ." Mit linder Geberde strich die ivarmherzigc Frau über den armen Knabenkopf, hinter dem das gestorbene Gehirnchen schlief. Hinter uns her aber gellte der mißtönige Schrei des kleinen Jainkef: „Gib mir Broid!" Och ne Bart. - „Ein deutscher Militärarzt sprach aus hygienischen. Gründen dem Schermesser das Wort und schlug vor, Len polnischen Juden im Zwangswege den allgemein Üblichen, wild wuchernden Bart abnehmcn zu lassen, weil er Len Hauptsitz für Ungeziefer und alle möglichen Krankheiten bilde. Da die Bärttracht der 'Polnischen Juden aber einer ehrwürdigen Ueberlieferung entspricht, entgegnet« ein Rabbiner, der ebenfalls besuchsweise in Polen weilte, daß solche Maßregel wohl undurchführbar sein dürfte, und er zählte zum Beweise folgenden Fall: Ein frommer alter Mann Gatte eine Flechte oder eine andere Hautkrankheit bekommen und sollte sich aus ärztlichen Gründen den Bart abnehmcn lassen. Der Ortsrabbiner selbst erteilte ihm Dispens und sagte ihm, daß die Abnahme des Bartes in diesem Sonderfall ein Gott wohlgefälliges Werk sei. Der Mann aber schrie, weinte und flehte, man möge ihm den lBart lassen. Als alles nichts nützte, riß er sich den Rock auf, zerfetzte das Futter und brachte zum Vorschein siebenhundert Rubel, von deren Vorhandensein niemand etwas gewußt hatte. Es war Lrs Vermögen, das er sich in f^chöig Jahren erspart hatte. Er opferte dieses Vermögen, opferte mehr als das — sein Geheimnis, um den >Bart zu retten. Es nützte natürlich nichts; er wurde ins Krankenhaus gebracht und ihm der .Bart dort abgenommen. Als er wiederhergestellt war, ging er zum Arzt und fragte, ob er ihm nicht einen „Gesichtsverband" machen kömce. Das geschah. Der Mann trug aus Scham, sich ohne Bart von seinen Glaubensgenossen sehen zu lassen, den Gesichtsverband so lange, bis ihm wieder ein Bart gewachsen war . . ..." Der alte Guttmann. „Auch im Armenhaus zu Lodz war ich. Auch hier lauter Unglückliche, die im Krieg Hab und Gut, Menschen und Heimat eingebüßt haben. Ein Saal war bevölkert mit lauter Greisen. Der jüngste mochte fünfundsiebzig Jahre zählen, der ältesw, „der alte Guttmann", über hundert. Ein fleischloses Gerippe, ganz ausgemergelt, lag er zusammengerollt in der Sonne. Geist und Gedächtnis Hatten ihn verlassen. Stumpf brütete xr-vorisichlhrN.; Nur ab und ftu erschien auf seiner Lippe ein rätselvolles Stammeln. Eime alte Frau, die auf der Landstraße bei der Flucht ihre Familie verloren hatte, - betreute ihn, wohl in einem letzten, nicht erstorbenen, unsterblichen LiebesbchÜrfnis. . Die Angestellten des Hauses '— Aerzte, . Pfleger, Schwestern, Verwalter, — neckten sie: „Na, wie alt ist-wohl Ihr Schatz?" — „Nu, nu, er wird wohl beiläufig an neunzig fern". — Der führende Beamte er- Mrte: „Diese Neckerei kehrt ständig wieder, weil alle sich an der auch immer gleich bleibenden Antwort freuen. Die Frqn weiß natürlich ganz genau, wie alt der Guttmann'M, aber sic 'macht ihn. aus — Zärtlichkeit junges — Ein anderer Greis ivar.da, über den schon üer Todseine erlösende Hand hielt. Er hieß Nebenzahl, war aus Warschau, besaß vor- Ausbruch des- Krieges andertr; Frankfurter Israelitisches - Fcunilienblatt. halb Millionen:- Rubel. Auch- Hep- Millionär mußte in 'überstürzter- Hast'.-'über das -Schlachtfeld von 9h,.. ' im. Granätregen flüchten. Er'verlor seine Familie, ertränkte.-tätlich ülü» ward ins — . Armenhaus zu Lodz -gebracht. Bor zwei Tagen ist er auf beiden Augen erblindet. Das Entsetzlichste aber — für den Außenstehenden — war," daß dieses Mannes Hautfarbe — wohl infolge seiner Erkrankung, — in ein tiefes, gespenstisches Grün übergegängen loar. Wie er so da lag, lang, hingestreckt, bewußtlos, das grüne Äesichts-znit den offenen erloschenen Augen von einem wüsten schwarzen. Bart umrahmt, wirkte er wie ein unwirklichem Schattenreich Entstiegener. Sein Leid war nicht mehr von dieser Welt..... Die gesunden Greise saßen sämtlich neben einander auf einer langen Bank und „lernten". Schlugen Seite für Seite ihrer abgegriffenen Bücher ccm, und wenn sie zu Eide waren, fingen sie wieder vom neuem an. Es waren strenggläubige Männer, die aus ihrenc Leben hinausschritten, wie sie als Kinder —- mit fünf Jahren kommen sie in die Vorschule (den „Cheder") — hincingctreten: „lernend", nichts als „lernend". — Ein sterbender Sonnenstrahl sing sich gerade in dem zerknitterte», wie in rissigem Leder gesitteten Gesicht des alten Guttmann. Der aber richtete sich auf seinem Lager auf. Sein halb gebrochenes Auge rührte nicht an das schreckhafte Antlitz des im Armenhaus endenden Millionärs; wohl aber sog cs sein, letztes Lebensflämmchen aus dem Anblick der „lernenden" Stammesbrüder. Wieder rang sich ein mühseliges Lallen vott seiner .hilflosen Lippe. Dieses Mal aber formte es doch vernehmbaren Laut: „Schema Israel — Höre Israel!" Die heiligste Beschwöricngsformel seines Volkes flatterte von der Lippe des Hundertjährigen auf. Dann sank er zurück. In die Arme der treuen Schützerin, deren letztes die Sorge ».'nt ihn war. Die Aerzte bemühten sich -um den entseelten Armenhäusler Nebenzahl, dessen Millionen der Krieg gefressen. Die frommen Greise „lernten" weiter. Niemand mertte, daß „der alte Guttmann" im Begriff war, zu seinen Vätern einzugehen." I n d e r T a l m u d s ch u l e, „Man vergesse die europäischen Begriffe und stelle sich keine Schule vor, wie sie bei uns genannt und gekannt Wird. Vielmehr: einen düsteren, fensterlosen Raum, der nur von der Decke aus durch einige Luken spärliches Licht bezieht, dessen Wände mit lauter vergilbten Pergamenten bekleidet sind, und der den Eindruck einer Zauberwerkstatt Hervorrust. An den Seiten laufen Bänke entlang, auf denen die Lernenden sitzen. Zwischen ihnen der Lehrende, der sogenannte „Behelfer". Alle murmeln unverständliche Laute; und dieses einförmige Auf und Nieder eines fremdartigen Klangmaßes, das nur zuweilen von einem gellen, kreischenden Ton zerrissen wird, steigert die Vorstellung des Unheimlichen. Im Hintergründe, dort, wo der Raum sich zu einer bauchigen Nische vertteft, gewahrt man einen undeutlichen Schattenriß. Man tritt Hinzu und vermeint eine riesige, vermummte Gestalt mit einem Hont auf dem Kopf zu erblicken. In Wahrheit ist es der Rabbiner, dem im Dämmerlicht der wallende Gebetsmantel und die. Gebetsriemen auf dem Haupt ein so phantastisches Aussehen leihen. Aber auch näher betrachtet, wirkt er durch seinen schwer herabfließendcn Bart und seine lodernden . Angen wie ienr vorweltlicher Magus, dessen sich rastlos bewegende Lippen rätselhafte Beschwörungen hüten. Ein Priester, Lehrer und Schüler, die einzudringen trachten in die Gebote ihres Gottes und in die geheiligten Schriften, die ihnen der Gesetzgeber ihres Volkes hinterlassen und die Weisen ihres Stammes gedeutet haben: — das ist die Wirklichkeit; - eine Stätte des Bösen, wo verruchte, weil unirdische Kräfte ihr spukhaftes Wesen treiben: — das ist die Vorstellung, die zuweilen die nüchterne, oft genug feindliche Umwelt von der fronimen Schule davonträgt. Weil das harmlose Sein üblen Schein nicht jimmer tzu vermeiden weiß, treffen Wahn und Wirllichkeit oft hart auf.einander." Bei den Stohlers. „Darm war da noch ein dunkles Arresthaus, wo allerlei lichtscheues Gesindel hinter fester Sicherung wohnte. Einbrecher, Gauner, Hehler und Schieber von der leichtesten bis zur schwersten Art saßen bunt durcheinander. Der polnisch-jüdische Volksmund nannte die Einwohner dieses Hauses kurzweg die „Stohlers" (Diebe). Und tatsächlich hatte ja auch fast jeder von ihnen — „VICTORIA“ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hania Tel.- 2002. GutiCUtSlraSSO 18. Hanaa Tal 2002. Spezialität r Kragen, Manschetten nnd Hemden. Seite 5. vom kleinen rothomrigen Jüngchhen an mit"den Zügen des angeborenen Lasters im siechen Kindergesicht bis zum stattlichen Alten mit den fettigen Schläfenlocken und dem abirrenden Blick verschmitzter Unterwürfigkeit, dem Alten, in dem man eher einen. Patriarchen als einen ^Verbrecher vermutet hätte —, tatsächlich hatten sie alle ja.irgendwann-und irgendwo einmal dem Begriff des Eigentums ein SchnipMen geschlagen. Auch in diesem Hans der Geächteten waltete eine würdige Matrone ihres Amtes als Vorsteherin. Sie tat es mit Güte, Hingabe und — zuweilen wortreicher Trauer. Auch ihr hatte der Krieg ein schweres Schicksal auf die Schultern gebürdet. Sie hat bessere Tage gekannt, ivar einer geistigen Adelssamllie — höchster Ruhm der jüdischen Volksgemeinschaft — entsprossen und hatte ein ansehnliches Bürgerlebcn geführt. Der Krieg hätte dieses friedvolle Frauendasein vernichtet, wie alles, was zwischen seine zermalmenden Eiscnzähne gerät. Und nun ging die würdige Matrone schlüsselllirrend mit stillen Bewegungen durch das düstere Gebäude, wo die Söhne des Dunkels in tierischer Sttcmpfheit oder grelles Schamlosigkeit einem letzten^ Fetzen Leben nachhingen. Kam aber ein Besucher in das gastfemdliche Haus, dann entzündeten sich in den Augen der Vorsteherin die heiligen Lichter der Erinnerung; der Mund floß über von wehmütigem Bericht und zitternden Fragen: „Mein Vater war der berühmte Rabbi S.in Kowno; haben Sie von ihm gehört? Ein Bruder von mir war der große Schristgelehrtc S.in Wilna; wo mag er heute sein? Ein anderer Bruder von mir lebte als angesehener Kaufmann in Warschau; vielleicht kennen Sie ihn?" Und der Kehrlaut aller dieser Erzählungen und belveglichen Kläger: hieß immer wieder: „Es ist mir an meiner Wiege gewiß nicht gesungen worden, daß ich einmal im Haufe der „Stohlers" mein Leben beschließen würde." Mit einer mutlosen und traurigen Gebärde fuhr sich dabei die Frau, die weder die Vergangenheit vergessen, noch die Gegenwart überwinden konnte und der keine Zukunft mehr blühte, über den silbernen Scheitel. Hinter ihr her aber grinsten, roh und verbissen, ihre Pfleglinge, die „Stohlers". v_' lOOfenSHcavr llrucfcnm-ft Haaßel I IflinblSh L ■, Telefon 123. (Anschluss mitFrankftut).» I ewihrteste Tapplsliralnl Bang (100,000 qm jährlich)! I sowie unQhartrofians Bettenn. Battfadarnralnl-1 Ibhb! gung mittelst Druckluft nnd Weaeerdampf. naaJr HjaQensltainOel. Samstag, den 2. Dezember (— 7. Kislew.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 20 Min. . in Berlin 4 Uhr 55 Min. Wochenabschmtt: Waj eizei. — Jakobs Flucht aus dem Elternhause. Er dient seinem Onkel Laban nur dessen Töchter Rahel nnd Leah sieben Jahre. Labans Wortbrüchigkeit. Jakob flieht mit Frauen nnd Kindern. Laban setzt ihnen nach; sie schließen ein Bündnis. Wochengottesdienste in Frankfurt a. M. Morgens: 7 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindan 7'° Uh-r, Hauptsynagoge, Königsteinerstr. 77r Uhr). ßtbends: 4 Uhr in den meisten Synagogen (Hauptsynagoge 4 Uhr, Königsteinerstr. 7 Uhr). VereinS-Saleirder. M ontesior «--Verein. Freitag Abend: Gesellige Zusammenkunft. Montag: Literarischer Kursus: Paul Heyse (Dr. Plotke). Mittwoch-: Borttag. Jüdische Franen-Bereinigung. Dienstag, den'5. Dezember abends 87s Uhr: Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Raphael Breuer, Aschafsenburg: Die religiöse Bilanz des Krieges, Loge zum Franksurter Mler, Seilerstt. 22. Mekor-Chaji in. Freitag: abends nach Schluß der Synagoge im Hörsaal: „Mikroh-Bortrag": Herr Josef Rosenbanm. 87a Uhr int Bereinslokal: „Elemeutar-Kursus" anschl. „gemütliche Zusammenkunft". Samstag. 12 Uhr, „Sefer Melochim": Herr Prof. A. Weyl. (Hörsaal.) 37? Uhr: „Ajin Jakob": Herr S. Schachnowitz. L-onntag: nachmittags '6 Uhr, „Jecheskiel": Herr Dr. Jos: Breuer. T a l m n d - T h o r a - B e r e i n. Sonntag, den 3. Dezember 1016, nachmittags 6 Uhr in der Synagoge am Börneplatz Börttag des .Herrn Rabbiner Dr. Nobel über Jesaja. Freitag Abend: Vortrag des Herrn H. Schwab. Araukfurter Geb o r e u. Eine Tochter: S. Freudenreich (Goldschmidt), Bilbelerstt. 25. Barmizwohs. Otto Mainzer, Mndmühlstr. 5. Gestorben. Ludwig Strauß, 39 I., i. Feld. — Frl. Simonette hldler, 72 I. — Frau Lina Hetz. geb. Roos, 81 I. — Leo Wallach, Sandweg 108. — Emil Hirschseld, 60 I. — ' *n3U) artige Familiemrachrichte» Geboren. Ein Sohn: Max Guggenheim und Frau (Stern), .Worms. — Dr. pW. F. H. Aatz (Fürth), Ber-

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