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Neue jüdische Presse · 1916-12-01 · Heft 46 (1.12.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 46 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dezember 1S16) Nr. 46 Die Bedeutung der „Judeuzahluvg"^ Die Erregung, die die Anordnung der „konfessionellen Statistik", richtiger gesagt der „Judenzählung", in allen Kreisen des deutschen Judentum^ und weit darüber hinaus ausgelöst hat, ist noch nicht geschwunden. Im Gegenteil. Die Angelegenheit hat inzwischen immer weitere Kreise Mögen; es hat sich erwiesen, daß. der bekannte Beschluß der Budgetkommission, des Reichstag nicht der erste Versuch in dieser Richtung war, sondern daß einige Zeit vorher schon das preußische Kriegsministerium eine Verfügung erlassen hat, die die Zählung der Juden in allen Truppenverbänden, Etappen, .militärischen Büros usw. anordnete, also eine Zählungdie weit über den Rahmen der von der Büdgetkommissivn beschlossenen Statistik hinausging, Es. ist nun selbstverständlich, daß. eine solche Anordnung das gesamte, deutsche Judentum in lebhafte Beunruhigung, ja in heftige Erregung versetzen mußte. War doch die natürliche Schlußfolgerung unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Verfügung die, daß Hier von oberster Regierungsstelle versucht wird, eine Sonderstellung der jüdischen Kriegsteilnehmer amtlich zu statuieren, was gerade in dieser Zeit des Burgfriedens besonders verletzend' wirken mußte. Dennoch darf die berechtigte. Erregung nicht zu einer-falschen Beurteilung der Sachlage verleiten. Es. darf vielmehr nach Prüfung der Verhältnisse mit Gewißheit behauptet werden, daß der Erlaß des Kriegsministeriums keinesfalls -antisemitischen Motiven entsprang, sondern die offiziell gegebene Begründung, wonach er den Zweck habe, Material zur Zurückweisung und Widerlegung der - vielfach aufgestellten Behauptungen von der Drückebergerei der Juden zu gewinnen, auch wirklich die innere Ursache für die Verfügung gebildet hat. Es . mag diese Erkenntnis zur Berichigung ein wenig beitragen, vor allem auch zur gerechten Beurteilung der Haltung des Kriegsministeriums in dieser Frage führen; dennoch verliert der Erlaß dadurch nicht seine Bedeutung, ja er erhält vielmehr gerade nach Kenntnis dieser Umstände eine viel weitgehendere und prinzipiellere Bedeutung. Denn nunmehr, da man weiß, daß er nicht in antisemitischen Tendenzen seinen Grund hat, son- ° dern vielleicht eher zum „Schutze" der deutschen Juden gedacht war, wird der Erlaß zu einem überaus wichtigen und lehrreichen Symptom der allgemein herrschenden Psychologie der deutschen öffentlichen Meinung in allen die Juden betreffenden Angelegenheiten. Er zeigt nämlich, wie außerordentlich tief die Neigung zum Mißtrauen gegen die Juden verwurzelt ist, wie selbstverständlich für sehr weite Kreise die stete Scheidung von Juden und Nichtjuden auch in rein sachlichen Fragen ist Dadurch, daß das Kriegsministerium in seiner, gern geglaubten, judenfreundlichen Absicht diese Zählung anordnete, hat esnämlich mittelbar die antisemitischen Verleumdungen und Beschuldigungen der Juden. als berechtigt, jedenfalls als verständlich ' und natürlich anerkannt, weswegen eß. nach Mitteln gesucht hat, ihnen in diesem Falle entgegenzutreten. Hingegen hätte die von einem wahrhaft toleranten, von jeder unbewußt antisemitischen Tendenz wirklich freien Standpunkt aus all diesen Verleumdungen gegenüber gebotene Haltung Nur .die fein dürfen, sie auf das schärfste zurückzuweisen, ihnen von vornherein und! grundsätzlich jede Spur von Berechtigung 'abzusprechen und sie demgemäß zu ignorieren. Indem aber das Kriegsministerium sich veranlaßt gesehen hat, diesen Beschuldigungen durch positive Widerlegung entgegenzutreten — wozu es.die Zählung angeordnet hat — hat es prinzipiell die Berechtigung jener Auffassung zugegeben, die stets zwischen Juden und Nichtjuden trennt und wollte uns sagen: In diesem Falle halten wir die Anklagen für unberechtigt und grundlos; daß aber an sich jene Gedankenrichtung, die stets nach besonderen Fehlern und Vergehen der Juden schnüffelt, im Grunde begreiflich und berechtigt ist, wird unbewußt, aus innerster Gesinnung, durch den Erlaß zugestanden. So muß die Judenzählung aufgefaßt werden, als Symptom nicht einer konkreten antisemitischen Absicht, die nicht vorliegt, sondern als das einer tiefer zu Grunde liegenden intoleranten instinktiv' judenfeindlichen Gesinnung. Der Empfang der Abordnung der Münchener und Nürnberger jüdischen Gemeinde durch den bayerischen Kriegsminister hat diese unsere Auffassung bestätigt. Der Kriegsminister versicherte in unzweideutigen Worten, daß der Erlaß nicht irgendwie antisemitisch gedacht sei, sondern gerade im Gegenteil nur den Zweck habe, den antisemitischen- Borwürfen entgegenzutreten. Es besteht nicht der geringste Grund, an der vollen Aufrichtigkeit dieser Erklärung irgendwelchen Zweifel zu hegen; und es darf — wie gesagt — als sicher angenommen werden, daß das preußische Kriegsministerium in dieser Frage ganz denselben Standpunkt einnimmt. Wollte man also die ganze Angelegenheit nur in ihrer unmittelbaren konkreten Einzelbedeutung nehmen und bewerten, so wäre kein Grund zur Unzufriedenheit vorhanden; im Gegenteil, wir müßten dem Kriegsministerium für die hier an den Tag gelegte Bereitwilligkeit, den antisemitischen Vorwürfen entgegenzutreten und ihre Unhaltbarkeit nachzuweisen, nur Dank wissen. Dennoch aber bleibt die Anordnung im höchsten Grade bedauerlich; dennoch, hat sie mit Recht innerhalb der deutschen Judenheit tiefste Erregung und Enttäuschung hervorgerusen. Nicht nur weil der Erlaß viele Nebenwirkungen nach sich ziehen muß, die wohl vom Kriegsministerium nicht beabsichtigt waren, die aber dem deutschen Judentum sehr. schädlich werden und dem Antisemitismus Vorschub leisten, müssen; wir erwähnen von diesen Wirkungen nur die Ausnahme des Erlasses in den weitesten Kreisen der deutschen Oeffentlichkeit, die ihn als amtliche Bestätigung der jüdischen Drückebergerei aus" legten; wir erwähnen weiterhin den sehr unangenehmen Eindruck, den er auf alle untergeordneten militärischen Stellen, die die Zählung durchführen, machen muß, die ihn vielfach. als Wink zur möglichst geringen Verwendung der jüdischen Soldaten in der Etappe und den Büros auffassen; wir erwähnen endlich die Wirkung, die der Erlaß in der Armee ausüben muß, wo er zur Verstärkung der stellenweise vorhandenen antisemitischen Strömungen .dienen pird. Aber — wie gesagt — wir. wollen bei der prinzipiellen Stellungnahme zum Erlaß von diesen Nebenwirkungen absehen; wären nur sie zu berücksichtigen, man könnte sich damit abfinden und sagen, daß bei aller guten Absicht eben eine. Ungeschicklichkeit und die Anwendung eines ungeeigneten Mittels seitens des Kriegsministeriums vorliegt. Was weitaus wichtiger als; all diese Nebenwirkungen ist,, und dem Ganzen erst seine große grundsätzliche und symptomatische Bedeutung, verleiht, ist jedoch — es. kann nicht genug betont werden — die in ihm unbewußt ausgesprochene Anerkennung und- Rechtfertigung der antijüdischen Grundgesinnung, die stets nach Sondervergehen der Juden fragt und schnüffelt. Deswegen in erster Reihe muß das deutsche Judentum hen Erlaß aufs tiefste bedauern, deswegen vor allem muß es die in ihm zum Ausdruck kommende Gesinnung aufs schärfste, zurückweisen. Bei aller guten Wsicht im konkreten Einzelfall, durch die Anordnung der Judenzählung hat das Kriegsministerium dem deutschen Judentum einen schlechten Dienst erwiesen; aber nicht nur ihm. sondern dem gesamten deutschen. Volke. Denn jene judenriecherische Gesinnung ist ja nicht nur uns Juden schädlich, sie bildet eine Gefahr für das gesamte öffentliche Leben Deutschlands, und mit Recht hat daher auf der letzten Generalversammlung des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" der Mgeordnete Maldstein erklärt, daß es sich hier viel weniger um eine Frage antisenritischer Gesinnung als um eine solche politischer Moral handle. Dies ist die allein richtige Auffassung der Angelegenheit, diejenige, die sie in ihrer ganzen grundsätzlichen Bedeutung erkennen läßt. Allein von diesem Standpunkt müssen wir Juden sie beurteüen und zu ihr Stellung nehmen. Die Durchführung der Statistik selbst kann uns nicht schaden; im Gegenteil, wenn sie richtig und gründlich vorgenommen wird — was man als ganz selbstverständlich erwarten muh — kann sie in der Tat nur die völlige Grundlosigkeit der gegen uns erhobenen Anllagen erweisen. Sachlich also könnte uns die Anordmmg recht gleichgültig, ja sogar erwünscht sein. Wogegen wir uns aber wenden müssen, ist die in ihr zum Ausdruck gekommene Grundgesinnung, die wir nicht gleichgültig hinnehmen dürfen. Dagegen hätte das deutsche Judentum einmütig und energisch Stellung nehmen müssen, nicht nur durch, die Erregung und Entrüstung seiner einzelnen Glieder und Gruppen, sondern in geschlossenem, einheitlichem Auftreten. Wir bedauern außerordentlich, daß eine solche öffentliche Stellungnahme — über deren Form noch zu sprechen wäre — nicht erfolgt ist Die führenden jüdischen Organisationen, die ihre Hauptaufgabe doch in" der Abwehr des Anttsemitismus erblicken, haben'damit gezeigt, daß sie irr ent-- scheidenden Momenten nicht einmal dieser Aufgabe voll und ganz gerecht zu werden vermögen. Sonst hätte sich trotz Kriegszeit und trotz aller selbstverständlichen Einhaltung des Burgfriedens eine Form finden lassen, die ohne jeden Angriff, und ohne jede Polemik doch die mannhafte, einmütige Zurückweisung jener intoleranten, judenriecherischen Gesinnung, die dem Ganzen zu Grunde liegt, ermöglicht hätte. Auf jeden Fall aber muß für die Zukunft das deutsche Judentum entschlossen sein, gegendiese Gesinnung und Denkrichtung, die meist ganz unbewußt und instinlliv vorhanden ist, energischaufzutreten und ihre Beseitigung anzustreben; nicht nur im.eigenen Interesse, sondern ebensosehr im Interesse des öffentlichen Lebens in Deutschland, für das diese Gesinnung ein gefährliches Gift ist, und dessen politische Moral durch die Vernichtung dieses Giftstoffes sehr viel gewinnen wird. Die Reform der jüdische» Gemeinde ro Pole«. Die von der deutschen Behörde erlassene Verordnung bezüglich der Organisation der jü di schen Religionsgefellschaft bedeutet^im

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