Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 44 (17.11.1916)
- Date
- 1916-11-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. U Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5 fordern und dem Kommunalvcrband zur Verfügung zu stellen..' ■ Die Shnagogengcineinden sind verpflichtet, rechtzeitig eine Entfchliesouig der Kommunalverbände über das hiernach zu wählende Verfahren herbeizuführen. Den Höchstpreis fiir Mazzos frei ins Haus des Verbrauchers hat die Zentrale auf 65 Pfg. für das Pfund festgesetzt. Dieser Preis darf nirgends überschritten werden; jedoch ist cmzunehmen, daß viele Bäckereien entsprechend ihren Produktionsbedingnngen billiger werden liefern könnend Der Mitgiftdoktor. Eine Erzählung von Clemens Berg. (Fortsetzung.) Mariens Absicht war, ganz und gar nicht zu schweigen. In, Gegenteil, sie Iveinte und klagte mit so durchdringendem Geräusch, daß Onkel Mucha nicht mit Unrecht besorgte, man werde ihr Gejammer bald draußen ans dem Ringe vernehmen. Welch elendes Leben hätte sie. geführt an der Seite dieses mürrischen überspannten Menschen, der ihr nie ein Vergnügen gönnte und sie am liebsten Tag und Nacht bei seinen Büchen, eingesperrt hielt. Obendrein 'gäbe es fromme Seelen genug, die ihr nicht wenig verargten, daß sie, die ans gut katholischem .Hause stamme, sich mit einem Ungläubigen verbunden habe, und sie werde auf ihrem Totenbette es noch Onkel Mücha verübeln, daß er, der nur aus schnöder Gewinnsucht und um dem ihm arg verfeindeten einheimischen Sanitätsrat eine Jntrigue anzuspinnen, diesen Goldmann begünstigt, sie, das arme Opfer, zu diesem unglücklichen Schritt — grad 'herausgesagt — verleitet habe. „Ei nun," bemerkte Onkel Mucha spöttisch, „es hielt nicht schwer. Dich zu locken, Du gingst recht gut- Ivillig voran. Das „Frau Doktor" klang auch gar nicht so übel." „Frau Baronin wird noch besser klingen." Der Apotheker sah erstaunt zu ihr auf. „Ja, wenn man das sicher wüßte," sagte er zögernd. „Natürlich, diesmal heiratet mich Kurt auf jeden Fall." Trotz dieser mit promptester Siegesgewißheit erteilten Versicherung hatte Onkel Mucha „och einen letzten Zweifel zu überwinden: „Und wenn Goldmann der Ueberlebende ist?" „Wie närrisch Du sprichst, Onkelchen, als ob das wohl wahrscheinlich wäre." Onkel Mucha seufzte erleichtert ans. Nein, das war nicht wahrscheinlich. ° „So gehe jetzt nur wieder hinauf in Deine Wohnung und zeige Dich vor keinem Menschen. Mittlerweile will ich hernmhören, welchen Ausgang dieser ärgerliche Handel genommen hat." ' . Sorgenschwer betrat Marie ihr Zimmer. Die Worte des Onkels hallten ihr nach: „ilnd wenn Goldman,, der Ueberlebende ist?" Dann war ihre Lage schlimm — sehr schlimm.—, dann war sie geächtet. Eine von ihre», Gatten verlassene Frau, — wie mitleiderregend, wie erbärmlich! Nein, sie wollte weder verurteilt noch bemitleidet sein. Sie konnte ja auf gerichtliche Scheidung drängen. Aber darüber würden vielleicht Jahre vergehen. Da war es doch schon besser, mußte es durchaus geschehen, daß ihrettvegcn zwei Männer einander ans Leben gingen, daß derjenige siegte, welcher ihr die günstigsten Aussichten bot. Aber wenn Dallwig stürbe? Was war das für eine dumme Angst, die ihr da die Kehle zusammenschnürte? Natürlich würde Dallwig leben; — .Himmel die Aufregung, das viele Denken machte sie ja ganz schwach! —, sic stürzte ein großes Wasserglas voll spanischen Weines hinunter und hatte mit einem Male wie ihr dünkte, eine prächtige Idee. Wie, wenn sie ein Gelübde tat sür Dallwigs Leben? Sie hatte eigentlich schon lange nicht gebetet, nun wollte sie auch wieder fromm Iverdcn, recht fromm. lieber dem Spiegel in ihrem Schlaszimmer hing rin Madonnenbild, zu beiden Seiten des ansehnliche» Trümeaus befanden sich ein paar Wandleuchter. Sie steckte eine dicke hohe Kerze in jeden, zündete die Lichter an, kniete nieder und gelobte der Mutter Gottes eine Wallfahrt nach AnNaberg, wenn sie ihren Kurt unversehrt aus dem Kampfe hervorgchen ließe. — Es klopfte. Marie stand auf, öffnete und empfing ans der Hand des langen Burschen einen Zettel von ihrem Oheim. Beinahe hätte sie laut anfgeschrie». So schnell hatte Maria ihre Bitte erhört. Onkel Mucha schrieb: „Es geht das Gerücht um, Goldmann sei gefallen. Da. Hans Scholz eben mit sehr niedergeschlagener Miene an mir vorüberrannte, nehme ich an, daß es ivahr sei." Und. ganz klein, fast unleserlich, war darunter gekritzelt: „Ich gratnrliere, Frau Baronin." Der Bursche war kaum hinaus, so riß Marie die Tür ihres Kleiderschrankes auf und musterte fieberhaft ihre Garderobe. Nun mußte sie ja doch an die Trauer denken! Ein noch tadelloses fchioarzes Kachemirkleid fand sich vor, ebenso ein geeigneter Hut und Shawl, 'an Handschuhen war kein Mairgel, auch ein hübscher Jetschmuck zur späteren Halbtraner konnte verwendbar sein, aber etwas fehlte,' etwas sehr Wichtiges. Sic lief ans Fenster, öffnete es und rief: „Staß, Staß!" Im Hofe erschien der Bursche und fragte, ivas die Herrin befehle. „Lauf' einmal herüber zum Juden Gabriel und kaufe mir einen langen Kreppschleier, aber reicht lang, hörst Du? Warte, hier ist Geld." Sie eilte an den Tisch, nahm einen der Hundertmarkscheine aus der Brieftasche, ivarf ihm zum Fenster hinaus und bedeutete den Burschen, den Schleier ja unverzüglich herauszubringen. Nach einer, kleinen Weile kam Staß mit einer Rolle zurück, in welcher der Krepp verborgen war. Es war ein tiefschwarzes, dichtes Gewebe. Marie prüfte seine Länge auf ihrer Gestalt, während Staß erzählte, man habe ihn auf der Straße allgemein gefragt, ob es wahr sei, daß der Herr Doktor ganz totgeschossen sei; der Herr Apotheker aber lasse die Frau Doktor dringend bitten, sie möchte um Himmelswillen diesen Abend auf ihrem Zimmer bleiben. „Ja doch, ja!" rief Marie verdrießlich. „Ich werde nicht davonlaufen." Es war doch zu ärgerlich, der Onkel behandelte sie immer noch ivie ein kleines Mädchen. „Wenn Sie hinausgehen, Staß, schließen Sie in Teufels Namen hinter mir ab und geben Sie Onkel Mucha den Schlüssel, daß er beruhigt sei." Der Bursche ging nicht, er hatte augenscheinlich noch etivas auf dem Herzen. „Was gibts noch?" „Ob die Frau Doktorangesichts dieses Unglücks wenigstens jetzt an den Nebelreiter glaube," brachte er fast heulend heraus. „Den Nebelrciter?" Marie sah Staß zweifelnd an. „Es scheint mir jetzt selbst cs sei etwas Wahres an der Sache." Da war Staß beruhigt und ließ die Frau Doktor allein. „Abschließen!" rief ihm Marie nach. Marie hatte den langen, faltenreichen Schleier um ihren Hut geschlungen und trat vor den Spiegel, um sich und die Wirkung ihres Werkes besser zu betrachten. Schwarz kleidet doch prächtig zu blondem Haar. Sie wandte sich nach allen Seiten, beugte sich vor, warf den Kopf zurück, — neigte sich, zog den Schleier vor ihr Gesicht und ließ ihn wieder herab. Sic war zufrieden. So also würde die junge Witwe des Doktor Goldmann aussehen. Eigentlich tat cs ihr doch ein wenig leis um ihren Mann. Max ivar kein schlechter Mensch gewesen, behüte, kein Trinker, kein Spieler, auch kein Lüderjahn. Er hatte es in seiner Art doch immer recht gut mit ihr gemeint. Ein anderer würde ihr nach dem Vorfall mit Dallwig eine Szene bereitet, sie vielleicht geschlagen haben — Max räumte ihr gutwillig das Feld. Und so edel dabei, sein ganzes Hab und Gut hatte er ihr vermacht. Sie empfand beinahe etwas wie Freude, daß sie so traurig um ihn sein konnte. Auch ein paar Tränen blieben nicht aus. Uebermorgen beim' Begräbnis — und es würde ein recht schönes und großes. Begräbnis sein —, da würde sie erst recht um ihn weinen und klagen, und alle Welt würde gerührt sein über ihren tiefen Schmerz — welch zärtliche, liebevolle Frau war sie gewesen. — Doch was ist das? Es flammte etwas über ihrem Haupte, ein heller Strahl. Herr Gott! Bei ihren unruhigen Bewegungen hatte der Schleier an einer Kerze Feuer gefangen und sengte. Erschrocken griff sic danach und versuchte, den lodernden Fetzen abzureißen. Die zitternden Hände fanden die Nadel nicht sogleich, durch welche der Hut im Haar befestigt war. — Hut, Schleier, die reichen über den Nacken fallenden Flechten ihres schönen Haares, der Shwal, ihr Kleid, — in einer Sekunde war alles in Hellen Flammen. „Wasser! Wasser!" Es war kein Tropfen vorhanden. — Sie fliegt zur Tür, die ivar versperrt. Aber der Wein da konnte retten. — Sie versuchte, die halbgeleerte Flasche über ihrem Haupte auszugießen. — Las zischte auf und sprühte in tausend Funken —, der schwere spritreiche Spanier entfachte die Flamme noch mehr, statt sie zu löschen. Die unglückliche Frau wälzte sich auf dem Boden und schrie: „Zu Hilfe! Ich sterbe! . . Ich sterbe!" Dann ein Wimmern noch, und es war vorüber. * * * Unten in dem Verkaufslokal der Apotheke stand Onkel Mucha und hätte ihr gellendes Schreien gehört. Er und Staß hatten alle Hände voll zu tun, denn der Laden ivar gedrängt voll von eingebildeten Kranken. Wie am Nachmittag bei Steinmenger hatte sich auch hier jetzt zur Abendstunde eine Schar sensationssüchtiger Käufer eingefunden, die gekommen war, um recht schaurige Einzelheiten, über des Doktors Tod zu erfahren. Ein Spiel des Zufalls wollte, daß auch nicht einer von ihnen das Märchen ahnte, das die wunderliche Fama den guten Trebanobitzern aufgebunden hatte. Die meisten verlangten Marien zu sehen, angeblich um-ihr zu kondolieren, in Wahrheit aber, um sich selbst durch den Augenschein zu überzeugen, wie die leichtfertige Person sich bei dem Unglück geberden werde und sich im besten Falle das gewissen Naturen unschätzbare Vergnügen zu gewähren: die Heldin einer wirklich geschehenen Tragödie von Angesicht zu Angesicht anzustarren oder wenigstens ihr Wehklagen mit eigenen -Ohren zu vernehmen. Nun — das Geschrei, das hinunterdrang, übertraf selbst die Erwartungen der grausenlüsternsten Seelen — das waren herzzerreißende Wehrufe. „Die arme Frau," sagte der Älpotheker traurig zu seinen Kunden, „hören Sie, so weint und schreit sie um ihren Mann. Sie hat ihn so unendlich lied gehabt —" Und der gefühlvolle Onkel Mucha wischte sich eine Träne aus den Augen. * * Schluß-Kapitel. Zehn Jahre!- Der geneigte Leser ist zu vernünftig, um in dieser unscheinbaren Erzählung eine Darstellung auch nur eines einzigen Bruchteils all' der Ereignisse finden zu wollen, welche das mächtige Element, die. Zeit, im Laufe der Jahre achtzig bis neunzig entstehen und geschehen ließ. Und der Wahrheit die Ehre, weder eine hohe noch eine niedere Politik hat irgend welche erschütternde Berändernngen in den Schicksalen der Figuren unserer Erzählung hervorgebracht. Man schläft in Kronstadt, Trebanobitz und so loeiter noch genau so tief und fest, als man vor zehn, zwanzig, fünfzig Jahren in all den „verstaubten Spielzeugschachteln" (wie Paul Heyse einmal treffend diese entlegenen, von jeglicher Kultur vergessenen Nester bezeichnet) geschlafen hat. In diesen kleinen oberschlesischen Städten scheint das Leben zu sterben, der Fortschritt, der wie alle großen Herren nur in den Metropolen leben mag, der Fortschritt mit feinen langen -Riesenbcinen hat jene kleinen, Hemmnisse überhnpft. In Kronstadt hat sich wenig verändert. Der Ring, hat zwei funkelnagelneue Laternen erhalten, welche legier, leider nicht auch am Tage ihr Licht erstrahlen lassen dürfen, die guten Kronstädter meinen für die gar kurze Zeit, welche jetzt im Juni nur von neun Uhr Abend bis elf die Prachtexemplare von Leuchten offiziell zu brennen haben, hätten die opferwilligen Bürger doch recht wenig sür ihr schweres Geld. Auf der sogenannten Promenade hat der Kronstädter Verschönerungsverein eine lieblich grasgrün angestrichene Bank gestiftet, auf die sich aber bei Leibe keiner der Eingeborenen zu setzen wagt, damit die kostbare Errungenschaft der Stadt nicht vorzeitig abgenutzt oder gar beschädigt werde. Und das ist alles, was der Topograph Kronstadts seinen Lesern Wesentliches zu berichten hätte. Mit den Einwohnern Kronstadts ist Frau .Zeit weniger glimpflich verfahren. Vater Scholz, der gebückt vor seiner Haustür sitzt und mit zitternden Händen sein Pfeifchen hält, weiß des Bösen genug von der heimtückischen Ai acht der einzähnigen, alten Hexe zu erzählen. Und erst ders Herr Amtsrichter von Trebanobitz. Ihm, der eben mit Frau und Kindern in eleganter Equipage vorübcrrollt, ach ihm, dem einst so reich gelockten Seligsohn, haben die Schwingen der Unerbittlichen schonungslos die Mehrzahl seiner Haare hinweggestreift. jSelbst Fräulein Olga, liebreichen "Angedenkens, würde ihren weiland zärtlichen Beschützer nicht mehr wiedererkennen. Mit kleinen Aeuglein, die über den feistere Wangerr und der sanft geröteten Nase fast verschwinden.