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Neue jüdische Presse · 1916-11-10 · Heft 43 (10.11.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 43 (10.11.1916)
Date
1916-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Proklamierung des polnischen Königreiches, die bereits seit einiger Zeit erwartet lpurde, ist nunmehr erfolgt; ein historischer Akt von unabsehbarer Bedeutung ist damit vollzogen. Das polnische Volk, so lange seiner.staatlichen Selbständigkeit.und Freiheit beraubt, hat seine Unabhängigkeit gefunden; und im Staatenbilde Europas erhebt sich von nun ab als erstes Ergebnis des Krieges — das neue Staatgebilde: Polen. Denn dies darf man mit Bestimmtheit annehinen, daß die jetzt erfolgte Proklamierung einen dauernden Zustand schafft; die Entente, die die Freiheit der kleinen.Nationen auf ihre Fahne geschrieben hat, wird nicht umhin können, beiin Frieden die Unabhängigkeit Polens anzuerkennen, und davon abgesehen: soviel Vertrauen, darf man in die Einsicht und politische Klugheit der verantwortlichen Leiter Deutschlands und Oesterreich-Ungarns setzen, daß man annehinen kann, sie würden diesen Schritt nicht getan haben, hätten sie dainit rechnen müssen, daß ihn der Friedensschluß rückgängig machen würde. Für die polnische Nation bedeutet die ProUamierung ein Ereignis von nicht hoch, genug einzuschätzender Bedeutung: der Traum langer Jahrzehnte, die sehnsüchtigste Hoffnung ganzer Generationen, das große Ideal, für das sie so lange, so zähe und unermüdlich gekämpft und so oft geblutet .hat, ist nunmehr erfüllt, und seit langer Zeit dürfen ihre Söhne heute sagen: Wir sind frei. Wir Juden verstehen ihre freudig-erhobene Feiertagsstimmung, die heute das Polenvolk beherrscht, voll und ganz; verstehen sie als selbst leidendes und unselbständiges Volk mit ganzer Seele und freuen uns aufrichtig, daß eine Nation aus den langjährigen Fesseln ihrer Knechtschaft erlöst ward. Und wir wissen auch, daß vor allem unsere Brüder in Polen selbst an der Freude des Volkes, in dessen Mitte sie seit Jahrhunderten leben, in dessen Land sie so großes und Bedeutsames geschaffen und vollbracht haben, ehrlichen und vollen Anteil nehmen. Aber damit allein ist unsere Stellungnahme als Juden zu diesem historischen Ereignis noch nicht erschöpft. .An diesem Tage», da' ern bisher unterdrücktes Volk seine Freiheit erlangt hat, regt sich auch in uns stärker als je die Sehnsucht nach nationaler Freiheit, nach der Möglichkeit, frei und ungehemmt irach eigener Art leben und eigene Kultur schaffen zu können. Wir wissen, daß uns noch nicht so schnell und leicht die.Erfüllung unserer nationalen Hoffnungen winkt'; der Weg, cher uns zu diesem Ziele führt, ist noch lang und schwer. Mer die Tatsache,, daß jetzt ein anderes, seit langem unfreies Volk sein Freiheitsideal verwirklicht sehen kann, ist uns ein Beweis mehr für unsere. Ueber- . zcugung, daß auch uns ein solcher Tag kommen wird, Ivenn wir nur unerschütterlich und unter Anspannung aller nationalen Energien ihm zustreben. Neben dem Gedanken an dieses letzte, größte Ziel unserer Zukunstshoffnungen lenkt die Proklamierung des polnischen Königreiches unseren Blick aber auch zu Näheren, unmittelbareren Zielen und . Hoffnungen. Im neuen Königreich lebt ein großer Teil unseres'Volkes; das Schicksal Zweier Millionen Juden ist mit dem Geschick Polens eng verknüpft. . Und nun, da das polnische Volk am lang ersehnen Ziele seines nationalen Strebens steht, erhebt sich in uns stärker als je der Wunsch, die Hoffnung, die Forderung, daß diese Befteiung der Polen quch ein Freiheitstag für das polnische Judent u m werden und die Erfüllung der polnischen Wünsche auch eine solche der jüdischen zur Folge haben möge. Seit langen Jahrhunderten lebt das polnische Judentum im Polenlande; es hat an all seinen Nöten gelitten, hat an seinen: Fortschritt und seiner Entivicklung aus ganzer Kraft mitgearbeitet und den höchsten Anspruch auf volle Bürgerschaft in ihn: erlangt. Es ist daher nur eine selbstverständliche, elementare Forderung, ein Gebot der Grundprinzipien der Gerechtigkeit und Humanität, daß auch der polnischen Judenheit die Befteiung Gesamtpolens zugute komme und auch für sie -eine neue Zukunft beginne, die ihnen freie Entwicklungsmöglichkeit auf allen Gebieten ihres Lebens bringt. Die gleiche Erwartung und Forderung gilt aber auch gegenüber der deutschen und österreichischen Regierung. Sie, die Gründer des neuen polnischen Staatswesens und die Mitgestalter seinen Verfassung, tragen siiir das Schicksal dar polnischen Judenheit gleiche Verantwortung wie die Polen. In dieser Stunde, da die Regierungen der Zentralmächtc in solch großzügiger Form ihr Versprechen an die Polen zu Beginn des Krieges eingelöst haben, muß auch an die Proklamation erinnert werden, die die Heeresleitungen der verbündeten Armeen unter der jüdischen Bevölkerung Polens dein: Ueberschreiten der Grenze verbreitet haben. Es wurde ihr darin die Befteiung vom russischen Joche und die Sicherstellung ihrer fteien wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungsmöglichkeit versprochen. Es wäre unbegreiflich, sollte an dieses Versprechen jetzt nicht mehr gedacht werden. Mit aller Entschiedenheit muß jetzt gefordert werden, daß bei der Gestaltung der polnischen Verfassung die Zentralmächte die jüdische Minorität voll und ganz berücksichtigen. Bon den Polen aber hoffen wir, daß sie gerecht und weise genug sein werden, um die Berechtigung dieser Ansprüche auf volle bürgerlichpolitische Gleichberechtigung und nationalkulturelle Autonomie der jüdischen Minorität zu zuerkennen und ihre: Erfüllung sich nicht zu widersetzen; gerecht genug, um gern und fteiwillig den jüdischen Ansprüchen entgegenzukommen, weise genug, um zu verstehen, daß die Nichtberücksichtigung dieser .Ansprüche die innere Ruhe des Landes gefährden müßte. In allen Betrachtungen über die Proklamierung des polnischen Königreiches wird die grundlegende Bedeutung dieses Ereignisses darin gesehen, daß es die Trennung Polens von Osteuropa und seinen endgiltigen Anschluß an Mittel- und Westeuropa darstellt. Hier, an der Lösung der polnischen Judenftage, vor allem wird das polnische Bolk zeigen müssen, ob es solchen westeuropäischen Geist in sich ausgenommen hat, ob es politisch und kulturell die Reife besitzt, welche die Voraussetzung seiner Selbständigkeit bilden muß. Wir hoffen, daß das, Vertrauen, das die Zentralmächte durch ihre Erteilung der Freiheit an die Polen in ihre politische und kulturelle Reife gesetzt haben, auch für uns Juden^ sich als berechtigt erweisen wird; daß das Judentum der gesamten Welt stets Grund haben wird, die Befteiung des polnischen Volkes fteudig begrüßt zu haben; daß die Hoffnungen, die diese Befteiung in den Herzen unserer Brüder in Polen selbst erweckt hat, sich ganz erfüllen werden; daß die Tat der Proklamierung des Königreiches Polen auch für das polnische Judentum der Beginn einer neuen Epoche ihrer Geschichte werden wird, einer Epoche freier Entfaltung und rastloser, politischer, nationaler und kultureller Gleichberechtigung und Freiheit. Die Judeuzählnug und der Reichstag. In der Reichstagssitzung v. 3. ds. Mts. brachte Oberst von Wriesberg als Vertreter des Kricgsministeriums die Judenzählnng in der Armee zur Sprache. Er führte aus: Vom Kriegsministerium, ist ieine Verfügung. ergangen, nach der die Zahl und die Verwertung der Inden in der Armee festgestellt werden soll. ES soll statistisches Material gesammelt werden, um gegen die Juden erhobenen Vorwürfe Stellung zu nehmen. Antisemitische Absichten liegen dieser Verfügung nicht zn Gründe. Es erwiderten: Heine (Soz.): Die Judenzählnng soll den antisemitischen Treibereien entgegen wirken. Gut gemeint, aber sehr ungeschickt! Man weiß, daß die jüdische Bevölkerung körperlich der, übrigen Bevölkerung nicht gewachsen ist. Das ist nicht anders zu erwarten. Diese Statistik kann also kein klares Bild geben. Das Schreiben des Kriegsministerinms kommt aber auch in die Hände des Kompagnieschsteibers und wird zur Folge haben, daß jeder Jude daraufhin angesehen und der jüdische Vorgesetzte geradezu unmöglich gemacht wirb. Mit welcher Begeisterung sind nicht auch die jüdischen Freiwilligen hinansgczogen? Ilber immer mehr macht sich' draußen der erbärmlichste Antisemitismus breit. Denn erbärmlich! ist es, Ivenn in dieser Zeit der höchsten Erhebung ein Kämpfer den anderen aus seinen Glauben hin ansieht. Das geht aus von Leuten, die Wert auf Religiosität legen. Legt der Jude seine Religion ab, so ist er mit einem Male wert, Offizien zn werden. Ist das der sittliche .Ernst .unseres Offizierskorps? Sorgen wir dafür, daß nicht die Lebenden die Toten beklagen, während wir hier einen Kampf um Kleinigkeiten führen. Haas (Fortschr. Volkspartci)!: Die Zählung der jüdischen Soldaten. Ich spreche dazu, weil ich Jude bin, und weil ich nicht wünsche, daß der Eindruck entsteht, als ob ich mich scheue, dazu zn sprechen.. Der Erlaß hat in den weitesten Kreisen der deutschen Inden und weit darüber hinaus lebhaftes Befremden erweckt. Er hat Befremdenerregt auch dort, wo man der Meinung ist, daß man. jetzt die innere Gelassenheit noch dringend notwendig habe. Es. ist dringend notwendig, daß wir jetzt alle Volks kraft ein-' heitlich und geschlossen zusammenfassen. Es' ist erklärt worden, der Erlaß sei nicht böse genieint gewesen, man habe Vorwürfe nachprüfen! wollen ans Grund des statistischen Material. Ich nehme die loyale Erklärung des Kriegsministeriums loyal auf. Aber ungeschickt war der Erlaß. Militärisch war der Erlaß gründlich verfehlt. Den Soldat braucht seine Ehre, man darf ihm nicht seine Ehre nehmen. In welcher Lage befindet sich .der jüdische Soldat mich vorn im Schützengraben, wenn nun der Kompagnieschreiber mit dem Erlaß kommt? Der jüdische Kamerad fühlt sich bedrückt und gedrückt, außerdem untergräbt der Erlaß die Autorität jüdischer Vorgesetzter. Ich habe eine Fülle von Briefen bekommen, und es sind Briefe darunter, Tränen können einem kommen, und es geht durch die Briefe hindurch: Nun sind wir gezeichnet! Einige schreiben: „Nun hat man uns Offiziere zn Soldaten 2. Klasse gemacht." Die Statistik wird sehr häufig dumm gemacht Einer hat mir geschrieben, er sei dreimal verwundet gewesen, habe sich schdn in den ersten Tagen des Krieges, als das Eiserne Kreuz noch etwas bedeutete, das Eiserne Kreuz erworben. Jetzt sei er Schreiber in einem Büro, weil er nicht mehr selddienftfähig ist, und mm schreibt er mir, er .sei gezeichnet. Es gibt ja doch nach dem Kriege so unendlich viele gemeinsame Arbeit. Sie können in einzelnen Fragen stehen, wie sie wollen, darüber find wir uns alle klar: die Arbeit nach dem! Kriege wird von uns allen miteinander geleistet werden müssen, imd wir ertragen es jetzt und nach dem Kriege nicht, daß man mit allen Gewalt das deutsche Volk ans einanderreißt. ffif wirken denn diese Dinge im neutralen Ausland? Wir legen gewiß keinen großen Wert darauf, was man im Ausland über uns denkt, aber in der Zeit nach dem Kriege werden wir Weltpolitik treibe» müssen. Aber das ist nicht möglich ohne Toleranz, und das ist einer der Vorwürfe, der gegen uns immer wieder erhoben wird, daß wahre Toleranz im deutschen Volke keine Stätte finden könne. Ich weiß, daß dieser

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