Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1916)
- Date
- 1916-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Keine Frage: Tie Tatsache tleUt in der Geschichte verzeichnet, daß im Oktober 1916, nach mehr als zwei Jahren des . große,r Krieges, der Hanshaltsansschuß des deutschen Reichstags den Beschluß gefaßt hat, in den Kriegsgesellschaften eine konfessionelle Statistik vornehmen zu lassen. Was konfessionelle Statistik bedeutet, ist klar; wenn in Deutschland jemand nach seiner Konfession gefragt wird, so ist fast stets damit die Frage gemeint, of>. er Jude sei; die „konfessionelle Statistik wird denn auch im ganzen Lande nicht anders benannt; deutlicher, offener, brutaler: sie heißt die I u den zähl ung. Und unter diesem Namen wird die Geschichte die Tatsache registrieren und bewahren. Nicht nur die jüdische Geschichte. Für sie ist die Tatsache ohne große Bedeutung; ein Fall mehr zu tausend anderen, ein Symptom mehr zu unzähligen anderen, eine neue Aeußeruug des Antisemitismus zu den unendlich vielen, von denen sie auf jeder Seite zu erzählen weiß. Mit der inneren Stärke und moralischen Ueberlegenheit eines Volkes,, das seit Jahrtausenden den heimtückischsten Anschlägen einer. übermächtigen Welt von Feinden stand gehalten hat, wird das Judentum auch noch diesen Nadelstich, gelassen hinnehmen können. Einen weitaus bedeutsameren Platz wird hingegen, wie wir glauben, der Fall in der deutschen Geschichte einnehmen. Ihr wird er ein sehr vielsagendes Symptom sein für die seelischen und sittlichen Wirkungen des Krieges; wenn sie vom „Burgfrieden" erzählen wird, unter dessen Zeichen das deutsche Volk in den Krieg gezogen ist, wird sie diesen Beschluß der Reichstagskommission nicht gut verschweigen dürfen, und der spätere objektive Historiker wird nicht bestreiten können, daß es nach 2 Kriegsjahren nicht mehr sehr weit her war mit dem „Burgfrieden", wenn solcher Beschluß in solcher Körperschaft gefaßt werden konnte. Was von der historischen Bedeutung dieser Angelegenheit gilt, trifft, wie uns scheint, für ihre unmittelbare, aktuelle Einschätzung zu. Sie scheint uns fast mehr eine allgemeine deutsche Frage zu sein als eine spezifisch jüdische. Uns Juden gibt sie keinen Grund zu außergewöhnlicher Erregung, oder höchstens doch nur jenen, die in schwächlichem Selbstbetrug und in feiger Angst vor der klaren Erkenntnis der Wirklichkeit sich zu Beginn des Krieges eingebildet haben, nun sei. jede Spur von Antisemitismus in Deutschland für immerdar und allezeit ausgelöscht;, für jene Blinden, die nicht , erkennen wollen, daß solange es ein jüdisches Volk in seiner jetzigen anormalen und entwürdigenden Lage geben wird, auch der Antisemitismus existieren wird. Für alle diese bedeutet der Beschluß , des Haushaltungsausschusses einen schtveren Schlag, der ihnen aber nur gut tun wird, da er geeignet ist, sie aus eitlem Wahn und gefährlichem Hoffnungsdusel zu rütteln. Ml jene deutschen.Juden jedoch — und wir hoffen, es ist bereits die Mehrzahl die sehend, erkennend den wirklichen Verhältnissen gegenüberstehen und die wahren, tiefen Ursachen des .Antisemitismus erfaßt haben, kann der Fäll nicht sonderlich erregen; höchstens wird es sie überraschen, daß die antisemitische'Strömung,. die in letzter Zeit wieder so frech ihr Haupt hochhebt, so schnell und an solcher unerwarteten Stelle einen Erfolg davontragen konnte;. da sie. aber die Strömungen und Tendenzen selbst, von deren Wirksamkeit der.Beschluß, ein Symptom ist '— und seine ganze Bedeutung rühr ja in seinem symptomatischen Charakter — sehr wohl kennen, wird er sie nicht weiter ans dem Gleichgewicht bringen. Ernster, wesentlich ernster muß der Vorfall vom deutschen Standpunkt angesehen werden. Die alte Erekuntnis, daß letzten Endes der Anlisemitismus den Wirtsvölkern mehr geschadet hat als. den Juden, bestätigt sich auch hier. Für die innere Politik Deutschlands ist der Beschluß der Judenzählung ein sehr vielsagendes Symptom für die künftige Perspektiven ihrer Entwicklung. Für alles, was in Deutschland fiir die Forderung einer Neuorientierung eintritt, muß der Fall ein Signal sein — dafür, in welcher Weise die mächtigen Gegner solcher Neuorientierung sie zu hintertreiben, zu hemmen versuchen lverden. Eine Aufhetzung der antisemitischen Instinkte als Blitzableiter für die Forderungen der Massen nach Gleichberechtigung und Demokratisierung, diese Aussicht wäre getviß kein Vergnügen ftir das deutsche Judentum; aber weitaus schlimmer und unheilvoller wKre sie doch für das deutsche Volk. Es würde eine Mlcnkung der großen Volksfordcrnngen nach Demokratisierung des Staatswesens in häßliche, rohe, demagogische Hetze bedeuten, würde eine neue Zerklüftung des Landes herbeiführen und die großen inneren Gewinnmöglichkeiten des Krieges in Schäden und Nachteile verwandeln. In dieser feiner symptomatischen Bedeutung für die innere deutsche Politik ruht.die Hauptbedeutung des Beschlusses, und einsichtige Politiker der Linken wie Scheide mann haben dies denn auch sofort erkannt und ausgesprochen. Und gerade unter diesem Gesichtswinkel ist es so bedauerlich, daß dieser Beschluß gefaßt lverden konnte, daß ein solch unverhüllt antisemitischer Antrag im Hauptausschüß des Reichstages eine Mehrheit finden konnte durch die Unterstützung der .Nationalliberalen. Der Mgeordnete S t r c s e m a n n hat die Haltung der Nationalliberalen zu verteidigen versucht und erklärt, sie hätten dem Antrag im Interesse der Juden zugestimmt, um auf Grund der statistischen Zählung. den Gerüchten von der Drückebergerei der Juden entgegentreten zu können. Auch für den Fall, daß dieser Gedanke das einzige Motiv gewesen sein sollte, das die Nationalliberalen zur Unterstützung des Antrags bewog, so sind doch Herr Stresemann und seine Parteigenossen politisch klug genug, um zu verstehen, daß die Motive der Antragsteller ganz anderer Natur waren und daß sic durch ihre Zustimmung den Antisemiten nur wertvolle Unterstützung geleistet haben lind vor allem: die Aufnahme des Beschlusses in der linken Presse, vor allem auch in den Kreisen der deutschen Jndenheii ließ keinen Zweifel darüber, wie der Fall verstanden, und gedeutet wirks; hätte es da nicht für die Nationalliberalen selbstverständlich sein müssen, null, da es offenbar wurde, daß ihrer Absicht durch solchen Beschluß nicht gedient ist, die Annullierung des Beschlusses durchzusetzen? Statt dessen wird gemeldet, daß in verschiedenen Kriegsgesellschaften die konfessionelle Statistik bereits ungeordnet, in manchen sogar schon beendet ist. Aus. alledem geht zur Genüge hervor, daß die Haltung dev Nationalliberalen in jedem Falle äußerst befremdend ist, für diejenigen, die in dieser Partei noch immer eine liberale Partei sehen, geradezu unbegreiflich. Mer auch dies ist mehr eine Frage der. inneren deutschen Politik Äs eine solche der jüdischen. Daß wir Inden nicht uninteressiert an der Angelegenheit Vorbeigehen dürfen, ist klar; schon die Ehre gebietet hier wie gegenüber allen Musterungen des Antisemitismus ein mannhaftes Auftreten und eine energische Abwehr. Ob etwas und was in dieser Richtung geschehen ist, lvissen wir nicht; ob, falls etwas unternommen worden ist oder unternommen werden sollte, es von positivem Erfolg begleitet sein wird, möchten wir bezweifeln. Das Wichtigste und Würdigste, was wir Inden diesem Fall gegenüber zu tun vermögen, ist, aus ihm die Lehre ziehen, daß alle Hof fnung auf ein Verschwinden des A ntiseiuitismus eitel und die stärkste innere Solidarität gegenüber allen Feinden notwendig ist; darüber hinaus aber, gilt es, die Lehre zu ziehen, daß wir, was auch immer komme, stets in unserer jüdischen Eigenart verharren und von den anderen in unserer Sonderheit empfunden werden und es für uns nur einen West gibt, . den Stolz und Ehrgefühl weisen, diese unsere Sonderart mit Selbstbewußtsein zu pflegen Und zju wahren. Immer und ^überall bewirkte der Antisemitismus im letzten Ende nur eine innere Erstarkung des jüdischen Volkes. In diesem Sinne wird der Beschluß der Judenzählung auch diesmal viele deutsche Inden in ihrem jüdischen Bewußtsein stärken und wird — so hoffen wir — die angeordnete Frage nach der Konfession der Juden in den Kriegsgesellschaften von der gesamten deutschen Judenheit mit einem stolzen Bekenntnis zum Judentum beantwortet werden. Die Gemeiudesrage iu RuUaud. D i e E i u f ü h r u n g v o n 4 f le i schjl o s e n T a g en hat die j ü d i i,ch e n Gemeinden Rußlands in eine ,kritische finanzielle Situation versetzt. Mit Ausnahme von Polen und Kurland bestehen in Rußland eigentlich keine legalisierten Jndengemeinden mit Steuerrechten. Die Gemeindefnnktionen werden von den sogenannten Wirtschafts-Vorständen der Synagogenvercine . erfüllt. Die Hanpteinnahmequclle zur Deckung der Gcnieinöeausgaben — wie Erhaltung von Kranken- und Waisenhäusern, Greiscnasylen, Bezahlung von Rabbinern usw. — bildete die Steuer auf koscheres Fleisch, die so» geiianute Kistensteuer (koropke). Die außerordentlich« Einschranknng des Flcischgenusses infolge. der fleischlosen Tage und der allgemeinen Tcuernng 'und Verarmung hat diese Einnahme derart vermindert, daß die Juden Rußlands nicht imstande sind, ihre Grmeindeanstalten zu erhalten und ihre Beamten zu bezahlen. Die Situation hat einen geradezu katastrophalen Eharakter angenommen. Zwar hat die Steuer so bedeutende Erträge geliefert, daß beträchtliche Fonds für Gcmeindezwecke noch zur Verfügung stehen sollten. 2lber die Verwalter der Kistensteuer waren die russischen Gouverneure, und das erklärt ihren raschen Verbrauch. Die jüdische Fleischstener war für die russische Regierung eine unerschöpfliche Quelle - zur Deckung der Ausgaben sür Polizei, Gendarmerie und ähnliche staatliche, und Gemeinde-Organe, die mit dem jüdischen Gemeindeleben nichts zu tun haben. Run stehen die jüdischen Gemeinden Rußlands völlig mittellos da. Die Oefscntlichkeit bespricht darum in der letzten Zeit sehr lebhaft die Frage der Schaffung bezw. Legalisierring der jüdischen Gemeinden (ähnlich wie in Polen> mit dein Rechte der direkten Besteuerung ihrer-Mitglieder, um sür die hinfällig gewordene Fleischsteuer Ersatz zu finden und die Gemeindcanftalten erhalten zu können: Die Frage wurde auch bei der letzten Konferenz der jüdischen Hilfskommitees in.Petersburg diskutiert und die Einsetzung einer Konnnission zur Ausarbeitung - eines Planes der Gemeinde-Organisation beschlossen. Möglicherweise werden die jüdische» Deputierten in der Duma einen Jnitiativ-Antrag in dieser Sache einbringeik. Zahlreiche jüdische Gemeinden appellierten telegraphisch auch an das Ministerium des Innern und verlangten das Eingreisen der Regierung. Die Stellung des neuen Ministers des Innern, des Oktrobistcn Protopov. in der Judenfrage ist wahrscheinlich nicht günstig, trotzdem er als Deputierter sich nach der Rückkehr der Reichsdmna-Deputation aus England und Frankreich für eine Kursänderung ausgesprochen hat. (I.?f. K-f