Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-10-27 · Heft 41 (27.10.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 41 (27.10.1916)
Date
1916-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2693015--09646-2704887
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich am Freitag. Srrna-pr-is pnr JTiertrljaljr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— srer inS Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frer ms HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. c> — Einzel-Nummern kosten 10 Pfg. J RrLaKtion und Expedition: Frankfurt s. M. :: Cangcftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. HeeausgeVer: Kaks ^sis. I Infertiouspreis für die fünfgespaltme Petitzeile SS Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate, Heirats- Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene PettsteUe ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoneen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 14 Jahrgang. Freitag, de« S6. Tiscliri 5v77 (27. Oktober 1916) Rr. 4L Das Jahr 5676. Iilr Während das jüdische Leben des vergangenen Jahres in allen europäischen Ländern infolge der - verheerenden Wirkungen des Krieges einen stagnierenden Charakter zeigte, im Osten sogar unter denr Zeichelt einer furchtbaren Krisis stand und alle Energie und Mühe lediglich darauf verwandt werden mußte, einen Teil wenigstens der unabsehbaren Schaden des Krieges zu heilen, darf die Judenheit N o r d a m e r i t a s auf das letzte Iaht als auf eines der positivsten, erfolgreichsten Uno ruhmvollsten ihrer Geschichte zurückblicken. Niemals noch >var das innerjüdische Leben in Amerika so stark, so fruchtbar, von so machtvollen, lebendigen Impulsen erMlt wie gerade während des Krieges. Das Bewußtsein der außergewöhnlichen Bedeutung .und der großen Mission, die die amerikanische Judenheit gerade in diesen Kriegsmonaten für das gesamte Judentum besitzt, hat sich als eine Kraftquelle von ungemein wirksamer und produktiver Energie erwiesen und hat die breiten jüdischen Massen der Bereinigten Staaten, die vordem vielfach indifferent un8 passiv ihren jüdischen Ilusgaben gegenüberstanden, zu eifriger jüdischer Betätigung emporgerüttelt.. Die günstige ökonomische Lage, die der Krieg für Amerika herbeigeführt hat, hat in dieser Hinsicht gleichfalls günstig und fördernd gewirkt. Zwei Fragen beherrschten das jüdische Leben in Amerika. Die eine war das Hilfswerk für die jüdischen Kriegsopfer in Polen, Rußland ' und Palästina. Sehr viel ist auf diesem Gebiete bereits geschehen, wenn auch int Verhältnis zu der Größe der Not und zu den reichen ökonomischen Mitteln, die der amerikanischen Judenheit zur Verfügung stehen, noch lange nicht genug. Starke Mängel aber weist das Hilfswerk vor «allem in seiner Organisierung auf. Einen sehrgroßen Teil der Hilfsgelder hat der „Hilfsverein der putschen Juden" in -seine Verwaltung bekonnnen, und seine Verteilungsmethodenscheinen -- nach all den vielen Klagen und Beschwerden zu urteilen, die aus dem okkupierten Gebiete kommen — recht viel Grund zur Kritik zu geben. Gerade jetzt -ist von Amerika eine Kommission nach Europa gesandt worden, die eine gerechte und unparteiische Verteilung der Kilfsgelder in die Wege leiten soll, und hoffentlich wird sie dafür Sorge tragen, daß die bisherigen Mängel und Fehler endlich beseitigt werden. Nicht minder große Bedeutung als dieser Frage des Kilfswerks. kommt auch' der anderen Angelegenheit zu, die im vergangenen Jahre das innerjüdische Leben in Amerika beherrscht hat: der j K d i s ch e n K o n g r e ß b e w e g u n g. Sachlich handelt es sich bei dieser Frage um die Einberufung eines jüdischen Kongresses, der über die Mittel rmd Wege beraten soll, die zu ergreifen sind, damit beim künftigen Friedensschlüß auch die wichtigsten jüdischen Interessen berücksichtigt werden und die großen Forderungen des jüdischen Volkes ihre Erfüllung finden. Es kam, wie bekannt, in dieser Frage zu einem Streite zwischen der kleinen Schicht der New Iorker Mischen Plutokratie, die im „American Jewish Committee" ihre Vertretung findet, und den großen denrokratischen Organisationen. Wahrend das ^American Jewish Committee" nur die .Einberufung einer engen Notahelnkonferenz wollte, forderten jene die Veranstaltung eines großen, von pllen amerikanischen Juden beschickten Kongresses. Der Streit um diese Frage griff über sein eigentliches Objekt über iuti> gestaltete sich zu einem heftigen Kampfe der demokratischen nationalen Volksmassen gegen die exklusive plutokratische Assimilation. Der Kampf wurde mit ungewöhnlicher Schärfe geführt und bewirkte eine ungeahnte schnelle Nationalisierung der jüdischen Massen und ihre Organisierung unter dem nationalen Banner. (Damit war auch die vordem bestehende Vorherrschaft der New Yorker Notabeln gebrochen, und das „American Jewish Committee" mußte schließlich nachgeben, so daß es vor kurzem zu einer Verständigung beider Grllppen kam. auf der Basis der Einberufung eines allgemeinen demokratischen Kongresses. Dieser selbst wird «demnächst stattfinden, und selbst wenn man über seine unmittelbaren konkreten Resultate skeptischer urteilen mag als seine Initiatoren jenseits des Ozeans, die große Bedeutung, die der Kongreßgedanke . für die Nationalisierung des amerikanischen Judentums, für die Stärkung und Steigerung seines jüdischen Bewußtseins gehabt hat, gehört-der Geschichte an und verleiht ihm bleibenden historischen Wert. Mit ihm beginnt ein neues Kapitel der Entwicklung der amerikanischen J udenheit: die Epoche lebendigen jüdischen Nationalbewußtseins und tatkräftiger Arbeit an den großen jüdischen Ausgaben der Gegenwart, von der man für die Zukunft Großes und Bedeutsames erwarten darf. Gerade für die Zeit nach dem K-riege, da die Heilung der jüdischen Kriegsschäden so große Energien erfordern tvird, wird die amerikanische Judenheit ein Zentrum des gesamtjüdischen Lebens werden, von dem reiche Kräfte und Impulse überall hin ausstrahlen werden. Im Anschluß an.Amerika, das Land der stärksten unmittelbarsten jüdischen Gegenwart, sei noch ein Rückblick auf das Land der jüdischen Zukunft geworfen, auf Palästina. Welch unheilvolle Wirkungen der Krieg für die jüdischen Positionen in Palästina gehabt hat, ist zur Genüge bekannt. Das letzte Jahr brachte eine gewisse Beruhigung und Stabilisierung nach der ersten Krisis; und wenn der Abschluß des Landes, die Unterbindung seines Kandels, die unmittelbaren Wirkungen der vielen militärischen Einberufungen, das Versiegen der Chalukahgelder und vieles andere mehr noch immer schwer und. schädigend auf dem Lande lasten,^ so ist es doch vor Krisen, wie sie die erste Zeit brachte, verschont geblieben, und die Mische Kolonisation, das jüdische Schulwerk konnten durchweg aufrecht erhalten werden. Damit muß man aber schon sehr zufrieden sein; und wenn das jüdische Palästina im wesentlichen heil und ungebrochen aus dyn Kriege hervorgehen wird, so wird, dies ein Erfolg sein, dessen Größe nur der beurteilen kann, der die Schwierigkeiten kennt, die ihm entgegenstehen, und dessen Bedeutung nur der ermißt, dem Palästina nach wie vor d as einzige Mittel zur Regenerierung unseres«Volkes, zur Gesundung und Befieiung des Judentums ist. - Das Verdienst, die wichtigsten jüdischen Positionen in Palästina im wesentlichen gerettet zu haben, trägt neben der jüdischen Bevölkerung Erez- Jsraels in erster Reihe die zionistische Organisation. Von allen Mischen Weltorganisationen ist sie einzige, die im Kriege ihre Einheit bewahrt hat und in der Lage rist, ihre Arbeit! fortzusetzen. Naturgemäß unter großen Schwierigkeiten, unter Ermangelung vieler Kräfte, die ihr der Krieg. entzogen hat, aber alles in allem doch konsequent und ungebrochen auf ihrer Basis verharrend. Nicht alles ist geschehen, was hätte, geschehen müssen; manche Frage ist von zionistischer Seite nicht mit jener Energie und jenem Verständnis in den Kreis 'ihrer Arbeit gezogen werden,, wie wir es gewünscht hätten, aber alles in allem ist es doch ein Bedeutsames, daß die Organisation fortbesteht und die wichtigsten Aufgaben ihr§r Tätigkeit erfüllen kann. Es gibt wenig Dinge, die so sehr für die innere Kraft des Zionismus sprechen, wie diese Tatsache, daß das Band, das seine Glieder in allen Ländern der Welt vereint, durch den Krieg nicht gesprengt werden konnte, daß es in all seinen Institutionen stark und lebendig fortbesteht, wovon beispielsweise die diesjährige Einnahme von einer Million des Nationalfonds zeugt, was dem Höchstbetrag entspricht, den er vor dem Krieg erreicht hatte. Daß der Krieg für den Zionismus bedeutsame Wirkungen nach sich ziehen wird, ist selbstverständlich. Sowohl für seine Arbeit in Palästina wie auch füjr seine agitatorische Werbetätigkeit in den Diasporaländern wird der Krieg mancherlei Aendernng der Methoden herbeiführen uni» ihn in verschiedener Hinsicht zum Umlernen zwingen. Daß dies nicht ohne innere Kämpfe abgehen wird, versteht sich' von selbst; und mancherorts werfen diese Kämpfe ihren Schatten bereits voraus. Mer solche Kämpfe haben dem Zionismus nie geschadet und zeugen nur von der starken inneren lebendigen Kraft, die die Bewegung durchflutet. Und so darf der Zionismus trotz aller Schäden, die der Krieg auch für ihn im Gefolge hat, mit berechtigten^ Optimismus in die Zukunft sehen. Der Krieg hat ihm eine außerordentliche Aktualität verschafft; er wird heute dauernd in allen Ländern erörtert und ist zu einem gewichtigen internationalen Faktor geworden. Immer breiter werden die führenden politischen und intellektuellen Kreise Europas, die ihn als die einzig mögliche Lösung der Judenfrage betrachten. Auch innerhalb des Judentums wird die Schar seiner Anhänger immer größer; die innere moralische Stärkung und Vertiefung des jüdischen Bewußtseins, die her Krieg für die Judenheit des Ostens bewirkt hat, die steigende Nationalisierung der amerikanischen Inden wird ihm in starkem Maße zugute kommen, und daß er auch im Westen, vor allem in Deutschland, dauernd Anhänger gewinnt, davon zeugt der sichtbare Fortschritt seiner Jugendorganisationen, zeugt der große Erfolg der in diesem Jahre neu gegründeten zionistischen Monatsschrift: „Der Jude". Gerade' in der furchtbaren Krisis, die der Krieg für das jüdische Volk darstellt, hat es sich zeigen müssen, wo die wahren Kräfte der Mischen Zukunft liegen. Und daß von allen jüdischen Organisationen die zionistische die einzige ist, die sich im Kriege stark und heil erhalten hat, daß von allen jüdischen Parteiprogrammen das zionistische das einzige ist, das auch heute fortwirkt und neu wirbt, beweist, daß hier der . Weg einer aussichtsreichen Mischen Zukunft gegeben ist. Und alles berechtigt zu der Erwartung, daß' nach dem Kriege die Zahl derer, die diesen Weg gehen werden, größer sein wird denn je, und daß ihre Energie und Tätigkeit auf dieser Bahn mehr Erfolg haben wird als je. Und so darf denn darüber hinaus das gesamte Mische Volk guten Mutes in die Zukunft schauen. Der Krieg konnte uns verwunden, aber nicht töten; uns erschüttern, aber nicht brechen; er konnte uns äußerlich schädigen, innerlich find wir in ihm stärker noch geworden. Unsere unbeugbare Kraft, unsere unzerstörbare Vitalität, die uns seit Jahrtausenden unserem Schicksal trotzen läßt«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.