Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 40 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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+ 1 + + 1 + Erscheint wöchentlich am Freitag, ffengsprtts pro Nirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 — stet ins Haus. Bei der Post abonniert so Pfg-, stei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Lander Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 18 Pfg. -4 Redaktion nnd GXpedition: Frankfurt a. M. r: Cangcftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Heeansgever: Hals cheis. a - — ■11 Inlertionsprris für die fünmespaltene Petitzeile S» Pfg., für dieRellamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender I Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, MohnungSinserate. Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sech'gespaltene Petitzeile ahne I jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. I Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Nureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4864. I J========™M==a=a=n====a=i==«^===*™c=a 14. Jahrga«s. Mittwoch, Den 14. Tisch«! 56<7 (11. Oktober 1916) Nr. 46 UM" Infolge der Feiertage fällt die nächstwöchenttiche Nummer aus. Das Jahr 5676. II.. Die Entwicklung des jüdischen Lebens in Ruß- Hund im vergangenen Jahre zeigt dieselbe Grund-- teüdeuz, wie ivir sie an der Judcnheit der okkupiertet russisch-polnischen Gebiete feststellen konnten: die Tendenz allmählicher Erholung und Gesundung von den Wunden und Schlägen der vorangegangeneu Kriegsercignissc, den Beginn innerer Sammlung und Stärkung nach der in ihrem Höhepunkt bereits überwundenen Katastrophe. Die großen Evakuierungen, die zur Zeit der deutschen Offensive ijin vorigen Sominer ganze große jüdische Gemeinsten ,'über Nacht zerstört hätten, bedeuteten ja zuschchiien mit dem großen Flüchtlingsstrome für die russische Judenheit eine Krisis, voit der man sich sorgend fragen mußte, wie sie Überstunden werdeir würde. Glücklicherweise waren alle Sorgen und Aengste diesmal unbegründet; das russische Judenttyir hat in dieser Zeit höchster Not eine innere Kraft uub Größe bewiesen, daß selbst derjenige, der schon vordem vor seiner außerordentlichen moralischen Stärke und vitalen Energie überzeugt gewesen ist, für kauin möglich gehalten Hütte. SDtit einer Opferfreudigkeit, die geradezu grandios zu Uchimen ist, und einer inneren Solidarität und -Organisationsfähigkeit, von höchstem Ränge nahm die russische Judenheit das große Werk der Flüchtlingsfürsorge in Angriff und überwältigte diese so überaus schwierige Ausgabe in der glänzendsten Weise. Die Geschichte dieses großen Werkes, die, nojch .geschrieben werden muß, wird eines'- der schönsten und erhebendsten Kapitel der gesamten jüdischen Diasporageschichte bilden. Man kann die Größe des hier Geleisteten ermessen, wenn man bedenkt, daß über eine.Million Flüchtlinge in neue Wohnsitze geleitet und daß dies alles von den jüdischen Hilfskomitees allein geleistet werden mußte, da die Regierung wohl hier und da geringe Geldunterstützungeu gewährte, sich aber inr übrigen um das /Ganze nicht weiter bekümmerte. Durch die bewundernswerte Organisation des Hilsswerks durchl däe jüdischen Komitees und Organisationen ist es denn gelungen, die jüdischen Evakuierten vor jeneir Katastrophen zu bewahren, denen die Flüchtlinge der anderen '^Nationalitäten (Polen, Letten, Litauer) meist zujm Opfer gefallen sind. So ward diese furchtbare Krisis, die oas russische Judentum in seinen Grundlagen . zu erschüttern drohte, glücklich überwunden >nnd des» Hnnderttauseuden all. ihrer Habe beraubten, über Nacht bettelarm gewordenen Flüchtlingen infolge einer klugen .Verteilung in ihren nenen 'Wohnstätten ausreichende Existenzmöglichkcit geschaffen; die angeborene jüdische Kunst, sich neuen hkmständen schnell anzupassen,, tat ein übriges, und Iso lauten denn jetzt alle Nachrichten dahin, daß die ökonomische Lage der Evakuierten im allgemeinen befriedigend sei, i Inr Zusaurmenhang.mit diesem materiellen Hilfswerk ergaben sich dann von selbst eine Anzahl dringender kultureller Aufgaben und Probleme, die eine Lösung*verlangten. Im wesentlichen betrafen sie die Organisierung des neuen Schulsystems, das im Zusammenhang mit der Umsiedlung der Evakuierten errichtet wurde. Es erhob sich da die alte, das russische Judentum schon, seit Jahren bewegende Sprachenfrage zu konkreter,, aktueller Bedeutung. Daß cs hierbei zu einem heftigen Kajnipf zwischen den Jiddischesten und Hebraisten kam, war nur jciifiverständlia); ersteulich -nid bedeiutsam ist es, daß in diesem Streite die hebraistische Richtung durchweg den Sieg dävontrug und' in allen neugegründeten Schulen vor allem auch auf das gründliche Studium vou Bibel und Talmud gvoßer Wert gelegt wird. Naturgemäß n>ar es trotz aller Opfcrfreudigkeit und organisatorischen Kunst unmöglich, auch nur den kleinsten Teil der ungeheuren ökonomischen Schäden, die der Krieg dem russischen Judentum zugefügt hat, wieder gut zu machen; und es ist schon eine wunderbare Leistung, daß das Allerschlimmste, Katastrophale überwunden werden konnte. Ws alle materiellen Schäden ganz behoben sein werden, werden noch Jahre vergehen müssen. Aber 'man braucht i,i dieser Hinsicht nicht allzn pessilmistisch in die Zukunft zu schauen, wenn nur die iuicere ncoralische Kraft der russischen Judenheit durch den Krieg nicht geschwächt worden ist. Und dies darf Man mit Gewißheit behaupten. .Dtehr als dies: innerlich hat der Krieg eine außerordentliche Kraftsteigerung für sie herbeigeführt. Die Solidarität, das nationale Selbstbewußtsein, die Aufopferungsfähigkeit,. alle moralischen und jüdischen Tugenden des russischen Judentums haben im Kriege eine bedeutende Stärkung erfahren, und die Judenheit Rußlands steht sittlich und moralisch heute stärker, geschlossener und selbstbewußter da als je zuvor. Traurig und besorgniserregend ist hingegen brach bvie vor ihre politische Lage. Die brutale Bergewaltigmigspolirik der Regierung uird der Militärbehörden nimmt unausgesetzt ihren Fortgang; und die Aufhetzung der Massen gegen die Juden durch Verleumdung, Spionagemärchen und die ähnlichere bekannten Mittel dauert fort, Alle Hoffnung ajuf eine günstige Einwirkung seitens Englands 'nrrd Frankreichs in dieser .Hinsicht war vergeblich und eitel; Rußland ist seiner Judcnpolitik auch im Kriege drrrchaus treu geblieben, ja die Brutalität und Rücksichtslosigkeit seitens der Regierung ist Noch zynischer gervorden. Und so muß man auch besorgt der Zukunft-^entgegenblicken, die vielleicht stoch Wiederholung der Ereignisse des vorigen Jahres bringerr kann. Das Traurigste hierbei ist, dgß Man diesen drohenden Gefahren gegenüber durchaus ohnmächtig und Passiv gegenüberstcht und Mir Juden keinerlei Mittel haben, uns hiergegen zu Mehren nnd sicherzustellen. So bleibt denn nur die Hoffnung übrig, daß das russische Judentum vor stllzu Schlimmem verschont bleiben wird . und. das Vertrauen auf seine innere Kraft, die es befähigen wird, olle, auch noch so brutalen und heimtückischen Schlüge seiner Fciüdc zu überwinden. Im Zusammenhang mit Rußland sei auch noch Rumänien erwähnt, dessen jüdische Bevölkerung am 'Ende des vergangenen Jahres eine traurige Ueberraschung erfuhr durch den Eintritt Ruinäniens in den Krieg. .Für das rumänische Judentum-bedeutet dies den Beginn unabsehbarer katastrophaler Gefahren; denn daß im Zusammenhang mit den "kriegerischen Ereignissen in Runiänien eine Reihe neuer Judenverfolgungen anheben wird, ist für jeden Kenner der rumänischen Verhältnisse nur selbstverständlich, und verschiedene Nachrichten melden bereits von Ausschreitungen und behördlichen Maßnahmen gegen die Juden. Und leider muß hnan sich für die Folge noch auf weitere traurige Nachrichten dieser Art gefaßt machen. Vom jüdischen Leben in Frankreich und England ist für das vergangene Jahr nicht viel zu berichten. In Frankreich, dessen Judenheit nie sehr viel jüdische Eigenart bewiesen hat, ist diese in der allgemeinen nationalen Verbrüderung gchiz' nntergejnnken und hat auf jedes. jüdische Eigenleben verzichtet. Von der starken russisch-jüdischen Bevölkerung, die in Paris vor dem Kriege lebte, ist nur ein geringer Teil zurückgeblieben, die Mehrheit ist entweder zum Eintritt in die Armee oder zum Verlassen Frankreichs bereits im vorigen Jahre im Zusammenhang mit den bekannten unerhörten Vorgängen in der freiwilligen jüdischen Legion gezwungen worden. In E n g l a n d war das jüdische Leben stärker. Bor allein der Zionismus machte dort starke Fortschritte, und auch in der allgemeinen Presse zeigte sich ein lebhaftes Interesse für die Lage des jüdischen Volkes. Das Bündnis mit Rußland jedoch verhinderte jedes energische Aufrretcu gegen die Verfolgungen der russischen Judenheit, die man vielanchr mit Stillschweigen überging. Welch unheilvollen Einfluß dieses unselige Bündnis aber schon aNf England auszuüben beginnt, hat sich vor einigen Wochen in der Frage der Zwangsrekrutier ung der in England wohnenden russischen Juden gezeigt, da die englische Regierung allen Ernstes an eine zwangsweise Ausweisung der jüdischen Flüchtlinge nach Rußland dachte. Es be- . durfte erst des energischen Protestes angesehener liberaler Politiker im Lande selbst sowie vieler angesehener Männer aus dem neutralen 'Auslände, stör allem aber auch des erbitterten Widerstandes der russischen Juden selbst, um eine Verwirklichung dieser brutalen Maßregel vorläufig zu verhindern. Ganz geregelt ist die Frage aber noch nicht, und 'man muß noch. mancherlei Komplikationen befürchten. Jedenfalls, das hat auch diese Angelegenheit wieder gezeigt: daß auf ein Eingreifen Eilands zu Gunsten einer Besserung der jüdischen Lage nicht zu rechnen ist., Darüber hinaus aber, hat die Entwicklung der jüdischen Lage im Kriege überhaupt bewiesen, daß jegliches Vertrauen auf die europäischen Regierungen und auf die „Kulturnrenschhckit" durchaus unbegründet und eitel wäre. Nur aus eigener Kraft kann unser Volk sein Schicksal gestalten. Glücklicherweise zeigt die Entwicklung des jüdischeil Lebens in den neutralen Ländern, vor allem in Amerika, daß auch dort, wo der Krieg nicht unmittelbar das Judentum beeinflußt und schädigt, eine klare Erkenntnis unserer großen nationalen Aufgaben sich Bahn bricht und damit zugleich der Wille, sie energisch und tatkräftig zu erfüllen.' Der Weltkrieg, und Die JuDensrage. Dieser Tage erscheint im Verlage B. G. Teubner in Leipzig eine Schrift: .Der Weltkrieg uns die Judenfrage" von Dr. Max Simon. In überaus fachlicher Weife frei von jedem Pathos nnd aller Rhetorik erörtert der Verfasser die wichtigsten jüdisch-politischen Probleme der Gegenwart in ihrem Zusammenhang mit - dem Weltkrieg. Er gelangt dabet zn dem ^Ergebnis, daßdas jüdische Interesse einen Sieg der 'Zentralmächte erfordert. Die sehr aktrcelle nnd lesenswerte Schrift, deren möglichst weite Verbreitung in jüdischen nnd nichtjüdischcn Kreisen im Interesse einer klaren. Er- . fajsnna der Lage des jüdischen Volkes im Kriege nur sehr erwünscht erscheint, enthält muh reiches Tatsachenmaterial über inszenierte furchtbare Judenverfolgungen in Rußland wie auch über den Antisemitismus, der sich als Folge des Bündnisses mit RnsNand während des Krieges in England nnd Frankreich gezeigt hat. Aus den Aushängebogen, die uns der Verlag freundlicherweise zur Verfügung stellt, bringen wirin,solgendcm einen sehr interessanten Albdruck über Tnmptome des englischen Antisemitismus. Im übrigen werden wir ani die verschiedenen 'Gedankengänge der Schrift noch im einzelnen znrückkommen. . .