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Neue jüdische Presse · 1916-09-27 · Heft 38 (27.9.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 38 (27.9.1916)
Date
1916-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zum dritten Male tvährend des Krieges naht nun das Rausch-Haschonoh fest heran; zum dritten Male rüsten wir uns innerlich zum Empfange dieser hohen Tage. Und wie alles jetzt um uns und in uns inmitten des ungeheuren Geschehens dieser Monate seine besondere, durch die Zeit bedingte Form und Bedeutung erhält, lote wir alles, was seit mehr als zwei Jahren an uns vorüber-, zieht, mit uns geschieht Und in uns ersteht, nur mit Beziehung auf die gewaltigen Geschehnisse der .umnittelbaren Gegenwart erleben, so gewinnt auch das diesjährige Rausch-haschoirohfcft eine spezifische, zeitgernäße Bedeutung. < Gerade. Rausch-Haschonoh ist ja ein Fest, in .dessen Wesen es liegt, stets in Beziehung zum besonderen Zeiterlcben gesetzt zu werden, von jedem in seiner Art und seinem Sinne erlebt zu werden. Nicht. bestimmten, fixierten historischen Ereignissen und Erinnerungen ist es geweiht, nicht bestimmte Gedanken, des jüdischen" Woltsdaseins uno der nationalen Entwicklung soll es verkörperir; vielmehr ist es ein tief persönliches, fast ausschließlich seelisches Fest, gegeben dem Einzelnen zur innigen, beschaulichen, persönlichen Feier. Und so muß und soll es fiir einen jeden eine besondere Form annehmen, von einem jeder: nrit eineur besonderen Inhalt ausgeWlt werden, der der Mederschlag seines Erlebens und Empfindens, seiner Art und; Anlage ist. Ist cs nicht natürliche und notwendig, daß in einer Zeit wie der unseren Rausch- Haschonoh durchtränkt wird durch all däs Große, Furchtbare, Erhebende und Ueberwältigende, das ein jeder in diesen Monaten erlebt? Umso natürlicher undnotwendiger ist dies, als gerade die beiden beherrschenden Grundgedanken des Rauschhaschoiwhfestes es von selbst mit dein Erleben der Gegenwart verknüpfen. Welches sind diese beiden Grundgedanken des Rausch-haschonohfesteH? Der eine, erste, das Wesen des Festes bestimmende ist die I d e e d e r S e l b st - besinnung und Selbstprüfung. Dazu ist vor allem Rausch-Hasch.onoh da: daß ein jeder für eine kurze Weile Halt mache in dem rastlosen Tun und Fortschreiten seines Lebens und Einkehr übe; . sich auf sich selbst besinne und sich prüfe, vor sich und seinem Gotte Rechenschaft ablege Wer das vergangene Jahr und sich klar werde über sich selbst. Einer der größten ewigen Gedanken irnv Postulate des 'Judentums findet in dieser Wesensbestimimmg des Rausch-Haschonoh seinen stärksten intensivsten Ausdruck: der Gedanke der inneren Selbstzucht, der strengen Unterdrückung seiner Triebe und Leidenschaft nnd deren Unterwerfung unter die Geböte der Vernunft und der Erkenntnis und — im höchsten letzten Sinne — der Kjulturgedanke schlechthin, der den Menschen ' dadurch von aller Natur und allen Natuchvesen unterscheiden und ihn mit dem Adel des Menschentums umkleiden will, daß er ihn zum Herrscher seiner selbst, zum freien autonomen Lenker - seiner Triebs Fähigkeiten und Anlagen erhebt. Darum leitet das Jmrentum' den Beginn des neuen Jahres durch das. Fest der Einkehr ein, durch die Mahnung zur Selbstprüfimg und Selbstbesinnung. Wann aber war eine solche Mahnung zeitgemäßer, notwendiger als jetzt, wann entquoll sie . in stärkerem, ursprünglicherem Mäße den großen Erlebnissen und seelischen Bedürfnissen der Stunde? f Denn nie vielleW |at e§ eine Zeit gegeben, da < der Einzelne schwankender, ungesicherter,, hilfloser dastand als heute-; nie eine Zeit, die die Gefahr stärker in sich trug, durch die überwältigende Größe und nicderschleudernde Furchtbarkeit ihres Geschehens und Sichbegebens jeden einzelnen zu vernichten und zu zermalmen. Drum ist von allen Forderungen der Zeit vielleicht diese die höchste, allumfassendste, alle anderen inr gewissen Sinne erst bedingende: sich nichtzu verlieren; standzuhalten gegenüber den Stürmen der ungeheuren Ereignisse, die täglich gegen uns heranbrausen. Widerstand zu leisten gegenüber dem wilden Toben einer rasenden Welt und in diesem Gemisch von tragischer Erhabenheit, unerhörtem Heldentum, irrehäuslerischeur Wahnsinn und weltgeschichtlichem Verbrechertum sich selbst zu bewahren. Nie war es schwerer gewesen, sich treu zu bleiben wie heute; nie so leicht, so naheliegend, so natiirlich gewesen, jeden Glauben an sich, die Welt, die Menschheit und die ewigen Mächte des Guten und Edlen zu verlieren wie heute; und nie war drum die Notwendigkeit strenger Treue gegen sich, harter Selbstzucht und mutiger Selbstbewahrung stärker, gebieterischer als eben jetzt. Und so kommt das Rausch-haschonohfest mit seiner durchdringenden Mahnung zur Selbstprüfung, zur Einkehr wie ein Bote dieser Gegenwart, dessen Mahnung wir mit besonderer Andacht und Ehrfurcht vernehmen und befolgen werden. In innigem Zusammenhang mit diesem einen großen Grundgedanken der Rausch - haschonohtage steht der andere, diesen ersten erst erfüllende und krönende: der Gedanke der menschlichen Begrenztheit uu.d Ohnmacht. Er ist das Ergebnis jener Einkehr und Selbstprüfung, die das Fest gebietet; die Lehre, die lvir aus solcher Einkehr und Selbstbesinnung immer wieder gewinnen: wie begrenzt, ohnmächtig, nichtig und' vergänglich der Mensch ist, wenn er losgelöst wird von den idealen Kräften der sittlichen Idee, die ihm allein Kraft und Stärke verleihen. Diese Erkenntnis von der eigenen Begrenztheit ist die Grundbestimmung der beiden Tage: nachdem man all sein Tim und Wirken des vergangenen Jahres geprüft, nachdem man sich wieder Rechenschaft abgelegt hat über sein Wesen und Leben, gelangt man zur Einsicht, tvie schwach und hilflos man letzten Endes ist und beugt sich ehrfurchtsvoll und bewundernd vor den ewigen Kräften des Guten und Sittlichen, vor Gott. Man erkennt, daß allein von den ewigen Mächten die Entscheidung der wirklich großen Schicksalsfragen der Menschheit abhängt, und das erschütternde Gebet des „Unesane taukef" verleiht diesem Gefühl, dieser Stimmung ihren ergreifenden, unvergeßlichen Eindruck. Und wiederum: Wann war solche Stimmung, ' solche Einsicht zeitgemäßer, zeitbedingter als heute? Wann mußte der Einzelne seine Ohnmacht und Hilflosigkeit stärker, schmerzvoller und tiefer erkennen, als heute? Wann — wenn nicht heute — empfand sich der Mensch in der Tat so ganz, wie es jene ewigen Worte am Schlüsse des „Unesane taukef" an unvergänglichen Beispielen wiederspiegeln, gleich „einem zerbrochenen Glasscherben, einem vertrockneten Grase, einem dahinschwebenden Schatten, einer vergänglichen Wolke, einem wehenden Lufthauch, einem dahingetriebenen Stäubchen imd einem flüchtigen Traum." Täglich neu erleben wir dieses Gefühl der menschlichen Ohnmacht, diese Grundstimmuug alles' religiösen Erlebens, wenn wir nur den ungeheuren Geschehnissen des Tages gegenüberstehen, die einem jeden soviel unendliches Leid und so unerschöpfliche Qual bringen und denen man so hilflos, ohnmächtig preisgegeben ist, nicht imstande, sie zu ändern oder ihnen ein'Ende zw setzen. j So wird das Rausch-haschonohfest, das dieses - s. Gefühl der menschlichen Ohnmacht in so reiner, . j' geläuterter Form in uns' erweckt, auch in diesem « Sinne jetzt gerade uns so nahe und vertraut sein, 4 wird es uns ganz aus der Seele sprechen und ganz in unsere Seele dringen. Und mit den beiden großen Grundideen des Festes werden wir dann' auch X> seine letzte, tiefste Einsicht neu in uns stärken, . % die sein wertvollstes Gut darstellen; die Erkenntnis, sH zu der jeder Einzelne in strenger Einkehr über die Empfindung seiner. Ohnmacht hinweg schließlich gelangt,'daß er im Vertrauen auf die großen Mächte des Sittlichen, im Glauben an Gott, sich stark, ruhig und sicher fühlen darf. Ohne diese ewigen Mächte hilflos und schwach, wird er, wenn er sein Dasein in sie verwurzelt, sein Tun auf sie gründet, . unbesiegbar und unvergänglich. So enthüllt sich uns die andere Seite des Rausch-haschonohfestes, ohne welche die erste nur halb.und wertlos wäre: Ist jene dem vergangenen Jahre zugewandt, über . s . das sie Rechenschaft und Selbstprüfung fordert, so blickt diese dem neuen, kommenden Jahre entgegen und gibt dem Einzelnen innere Kraft, mutig und sicher der Zukunft entgegenzutreten. Gerade indem er sich prüft und sich auf sich besinnt, und indem .j er so die Bedingtheit und Begrenztheit alles Menschlichen neu erlebt hat, ringt er sich zur Erkenntnis ’ ‘. hindurch, die ihm befiehlt, alles menschliche Tun und Sein auf die ewigen Ideale des Guten zu gründen und findet in dieser Erkenntnis unerw- .. liche Kraft und Sicherheit. Nach solcher Kraft und ' Sicherheit aber sehnten wir uns nie so übermächtig p wie jetzt; und so wird uns das Rausch-Haschonohh fest dieses Jahres mehr als je zu einer Quelle der inneren Stärkung und Neubelebung werden — wenn wir nur wirklich aus ihr schöpfen wollen —, j] die uns befähigen wird, ungebrochen und heil aus . dem Erleben dieser Gegenwart.hervorzugehen. .4;. Heeresseelsarge im Inland. uns: Der erb att i> b er Deutschen Jud en" schreibt Für. die Seelsorge an >jüd. Heeresangehörigen und Kriegsgefangenen in den Standorten^ Lazaretten, Kriegsgefangenenlagern nnd Kriegsgefangenenarbeitsstätten war von dem preuß, Kriegsministerinm für den Bereich der P reu st. Heeresverwaltung durch Erlaß vom 5. Februar 1315 für die Kriegsdauer n.nd unter Voraussetzung einer Regelung nach einheitlichen Gesichtspunkten zugebikligt worden, daß den Seelsorgern aus dahingehende Anträge die Kosten erstattet werden, welche durch die Seelsorgeausübnua wirklich entstanden seien. Damit den Generalkommandos bekannt werde, wer als Seelsorger fiir die einzelnen Bezirke in Betracht komme nnd daher einen solchen Anspruch auf Erstattung von Reisekosten erheben könne, hatte das.Ariegsministcrium; ans Veranlassung des Verbandes der Deutschen Inden dnrch den gleichen.Erlast genehmigt, daß der Verband jedem Generalkommando mitteile 1. ein Verzeichnis der für den betreffenden Armeekorpsbezirk ausgewählten Seelsorger unter Angabe des jedem einzelnen zugewiesenen Scelsorgebezirks, : 2. die Stelle, mit der die Militärbehörden neben den einzelnen Seelsorgern, soweit erforderlich, in Angelegenheiten der jüdischen Seelsorge in Verbinömig treten können.; ‘ Die Angabe der in Betracht kommenden Seelsorger dnrch eine andere unparteiische Stelle erschien erforderlich, weil in .einzelnen Bezirken, so namentlich in Ostpreußen nnd in Westpreußen, .verschiedene Herren, Rabbiner und Kultusbeamte, innerhalb des gleichen Bezirks sich den Militärbehörden gegenüber als die zuständigen Seelsorger bezeichneten und weil jn vielen Fällen, namentlich bei Kriegsgefangenenlagern und Kriegsgefangenenarbeitsstätten, die Oertlichkeiten entfernt von dem Mittelpunkt der Gemeindetätigkeit und entsernt von dem Sitz des nächsten Rabbiners lagen, unter lv>> 1 -

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