Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1916)
- Date
- 1916-09-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Geburtstag. Bon Nach um Gold mann. «Schluß.) ...- Die beherrschenden Gedanken der Lehre und Theorie Achad-Haams sind nur Wiederspiegelungen seines Wesens, seiner stolzen, kühlen, überlegenen Natur. Seine stete einseitige Akzentuierung des Geistigen entspringt im Grunde seiner Verachtung für das konkrete, reale, von so viel Niedrigkeit und Häßlichkeit erfüllte Leben. Me extremen Anbeter der Idee, des „Geistes" waren ja solche Aristokraten, die ihre Hände für zu fein hielten, um das grobe, rohe Leben anzusässen und sich so in die reinen, kühlen, vornehmen Salons der Ideenwelt flüchteten (ich erinnere an den herrlichsten Repräsentanten dieses Typus: Platon). Die bekannteste aller Achad-Haanl'schen Theorien, die Idee von der geistigen Judentumsnot (im Gegensatz zur konkreten, materiellen Judenheitsnot), die Forderung eines' „geistigen Zentrums" in Palästina (im Gegensatz zum polittschj-materiellen), sie hat in dieser aristokratischen Wesenseigentümlichkeit ihre letzte Wurzel. Nicht minder charakteristisch für diese seine Art ist der strenge Dogmatismus, mit dem er seine Forderungen erhebt und ihre Anerkennung 'heischt. Er ist stets unerbittlich gewesen in seinem Denken: logisch.von unbeirrbarer, grausamer Konsequenz und in der Bewertung und Verurteilung Andersdenkender von harter dogmatischer Strenge. Man denke an seinen berühmten Aufsatz gegen Claude Montefiore, der mit dem für Achad-Haam in , hohem Maße kennzeichnenden Worte schloß :„j^eh" (er gehe hinaus!) p wenn Claude Montefiore dieses Kriterium des Jüdentüms, das ich aufstelle, nicht anerkennt, dann möge er hinaus, möge er das Judentum verlassen; klar, scharf, streng, grausam. Ob Montefiore tzas Judentum, liebt, was geht es, ihn anHob er nicht in bestem Willen gefehlt, was kümmert's ihn; er richtet nach den Postulaten der Erkenntnis, streng, unerbittlich und logisch. Weiß der Stolze von Mitleid, Erbarmen und Liebe? Und von derselben Art war auch sein Wirken. Er hat nie an einer gxoßen demokratischen Aktipn teilgenommen, er hat nie vor einer öffentlichen Volksversammlung das', Wort ergriffen; er hat nie populär zu schreiben sich bemüht. Als er — rin einziges Mal — aktiv sich betätigen wollte, versuchte , er einen exklusiven, aristokratischen Orden (Bne-Moscheh) zu gründen, einen Orden von Führern, denen sich die Massen unbedingt unterördnen solltest; die Statuten des Ordens erinnerten an die strengen Regeln jesuitischer OrgalkHsationen; unbedingter Gehorsam war das leitende Prinzip. Daß die Gründung scheitern mußte, ist klar. Achad-Haam hat aber seitdem nie tätig, aktiv in das Mische öffentliche.Leben eingegriffen. Er blieb sich treu; tat nie einen Schritt hinab, um zum Volke zu kommen; sondern verharrte zeitlebens auf dem hohen Piedestal, das er sich im Reiche der Gedanken, der Erkenntnis errichtet hatte, 'stolz, kalt und unnahbar. Nichts über bezeichnet den allbcherrschenden Wesenszug seiner Persönlichkeit stärker, als seist Pseudonym; daß er, der stolze, aristokratische Massenverächter sich „Achad-Haam" (Einer aus .dem Solle) nannte, sich diesen bescheidenen, demokratischen Namen beilegte, das ist die stolzeste, ironischstetypischste und schönste Tat seines Lebens. Er. .war die stäWe, undurchdringlichste Mtske, die er sich umhängen Konnte., Was will der Stotze stärker als einsam sein? Wer ist unauffälliger, bescheidener, nnbemerklicher als - er? Selten hat ein Aristokrat des Geistes souveräner, weiser und.ironischer gehandelt als Oscher Ginsburg, da er seinen ersten Aufsatz, in dem er in ■ stolzer, . fast anmaßender Selbstbewußtheit die gesamte nationale Bewegung einer vernichtenden Kritik uBlerwarf, Ml> demütig, bescheiden „Achad-Haam" Unterzeichnete. Wäre das Volk klug, verstehend urü> stolz, er hätte sich dieses Pseudonym verbitten müssen. Wer das Volk, dumm und gläubig wie immer, jubelte dem weisen Ironiker zu und feierte ihn als einen der Seinigen, und sein Triumph war vollendet; er galt fortan als demokratisch, als „Einer vom Volke" und konnte, durch diese Maske geschützt, auf seinem Piedestal verbleiben, stolz, kalt und unnahbar. * So sein heißt Größe besitzen. Und wer wollte wagen, Achad-Haam wahrhafte Größe abzusprechen? Wer es ist eine Größe, die ihre Grenzen besitzt und sich in engen Schranken bewegt. Und wie sollte es anders sein? Wer sich vereinsamt, verengt sich seine Welt'; und wer nicht stark genug ist, das reale Alltagsleben mit allem Häßlichen- und Unfeinen drin anzupacken, der darf darob nicht klagen, daß' das Leben an ihm vorbieigeht. Ties verstehen heißt erkennen, daß Achad-Haam kein Volksführer ist. Denn das Volk ist unmittelbare leibhaftige-Realität, und die Realität beherrscht und leitet man nicht durch jdie Erkenntnis. Achad-Haam! aber ist stets innerhalb der Grenzen der Erkenntnis verblieben; dort zimmerte er sich seine Welt, schön, makellos und vornehm, und fällte dann gegen jeden, der sie nicht anerkennen wollte, seinen harten Urteilsspruch: „Jezeh! Es ist begreiflich, daß man mit solcher Art notwendigerweise stets kritisch und negativ bleibts; denn das Lehen richtet sich nicht nach Theorien, und nur von der Warte der Erkenntnis das Leben sehen und bewerten, heißt es vorwiegend kritisch und negativ, behandeln. Es sei denn, daß die Erkenntnis einen bis zur Ueberwindung ihrer selbst führt, bis zur Einsicht, daß das Leben wahrer, größer und wertvoller ist als alle Erkenntnis. So weit jedoch ließ sich Achad-Haam nicht führen; er blieb" stets hei seiner Höherstellung des Geistigen über das Konkret-Reale; und blieb drum kritisch und negativ. Daß er damit Großes, Bedeutsames seinem.Volke gegeben hat, darf niemand auch nur bezweifeln; daß er als Mahner, Warner und Berater des Judentums unserer Zeit eine der zentralen Persönlichkeiten der jüdischen Gegenwart darstellt, steht außer Frage. Aber dies schließt nicht aus, daß man .die Grenzen seiner Kraft und Bedeutung erkenne und einhalte und ihn, den stolzen, aristokratischen, kühlen Priester des Gedankens nicht zum Range des starken, leidenschaftlichen, zum Leben hinabsteigenden und darum das Leben beherrschenden Propheten der Tat erheb«. Zu diesem höchsten Range eines nationalen Volksführers fehlt ihm eins: das, was alle Grenzen, Mängel und Schwächen seiner Persönlichkeit in sich schließt, was, hätte es sich mit seinem Stolze gepaart, ihn zum leiderrschastlichen, machterfüllten und machterstrebenden Tatmenschen erhoben hätte, die Kraft der großen, verzeihenden, berauschenden allgewaltigen Liebe. * ' Sind diese knappen Bemerkungen etwa nicht das, was man einen Jubiläumsartikel nennt? Mag sein. Achad-Haam bedarf--keiner Jubiläumsartikel. Er ist groß genug, um auch an seinen Ehrentagen auf festliches Lob v reichten und simple Wahrheit ertragen zu können. Tah alle Erkenntnis seiner Begrenzung die Verehrung^ die ihmdas Mische Volk schuldet, auch nicht um das geringste mindern kann, sei nur für jene ausdrücklich gesagt, denen jegliche Kritik als Mangel an Respekt erscheint, wo man doch in Wahrheit einen Großen nicht tiefer ehren kann, als indem man ihn zu verstehen sucht. Denn das ist es, was Große von Kleinen scheidet: daß je mehr man sie versteht, man sich umso tiefer vor ihnen beugt und selbst die Erkenntnis ihrer Begrenztheit nur die Ehrfurcht vor ihrer Größe erhöht. Vom Rang dieser Größe ist auch Achad-Haam. Und drum geht alle Erfassung und alle Kritik seiner Persönlichkeit und seines Werkes von der Ehrfurcht für chn aus und mündet in diese Ehrfurcht. Kriegsziele des deutsche» Judentums.*) Bon A. Frohmann, (im Felde). Ern Blick in die großen Tageszeitungen der letzten Monate zeigt, wie man allenthalben mehr oder weniger! zurückhaltend das Thema der Kriegsziele besprach: auf der einen Seite, wo man stürmisch ihre uneingeschränkte Erörterung forderte, auf der anderen Seite, wo man vor solchen Erörterungen warnte, überall aber eine gewiss« Unsicherheit und Unklarheitdie nach meinem Empfinden weniger der über diese Fragen waltenden Zensur clls dem! Umstande zuzuschreiben ist, daß, derartige Erörterungen doch allzu sehr von dem Ausgange des Krieges abhängig sinh und manches, .was heute als feststehende Tatsache gilt, morgen, schon durch die Wucht der Ereignisse hinfällig werden kann. Während man also hier an wenrg fruchtbare Auseinandersetzungen mit ^Mfer herantrat, habe ich in jüdischen Zeitschriften nie etwas von Kriegszielen des deutschen Judentums gelesen, obwohl ihr o Erörterung vielleicht wünschenswert, zum mindesten aber eher berechtigt ist als eine Erörterung der politischen Kriegsziele unseres großen Vaterlandes. Berechtigt insofern, .als die Kriegsziele des deutschen Judentums Ariedensziele und als solche weniger abhängig von dem endgültigen Ergebnisse des Krieges find, und weil ich unter den Kriegszielen des Judentums innere und äußere Werte verstehe, die der Krieg für das Judentum zum Tell neu geschaffen, zum Tell auch, soweit sie schon vorhanden, aber in den Tagen des! Friedens verkümmert waren, neu hat in die Erscheinung treten lassen. Ein Kriegsziel nach der oben dargelegten Auffassung ist z. B., um gleich etwas Greifbares zu wählen, die Beförderung von Juden zu Offizieren ohne Rücksicht aus ihre Angehörigkeit zum Judentum, die vor dem Kriege einen Hirrdernngsgrnnd bildete. Nicht daß nun etwcr das deutsche Judentum mit einem Male glücklicher wäre, weil es jetzt so und. so viele Offiziere in seinen Reihen aufzuweisen hat, sondern diese Tatsache ist nur deshalb' erfteulich und wert, als Kriegsober Friedensziel aufgestellt zu werden, well sie einen gewaltigen Schritt zur tatsächlichen Gleichberechtigung bedeutet, die dann sicherlich auch auf anderen Gebieten des öffentlichen und staatlichen Lebens in gleich loyaler Weise, soweit nicht schon geschehen, durchgeführt werden wird. Wollen wir aber diese Erscheinung zn einer dauernden machen, so muffen wir unser Verhalten auch entsprechend einrichten. Es soll mit der Beförderung zum Offizier nicht eine Abnahme (der jüdischen Gesinnung und der Anhänglichkeit an den Glauben der Väter oder gar ein gänzliches Lossagen vom Judentum verbunden.sein. Gerade der jüdische Vorgesetzte muß ferner besonders vorsichtig darin . sein, daß er dre ihm znstehende Gewalt nicht überschreitet oder mißbraucht, und es sollte, nicht Vorkommen, daß jüdische Soldaten darüber Nagen muffen, daß sie von jüdischen. Osfizieren zmückgesetzt werden. Nachdem nun einmal ein altes Vorurteil überwunden ist und der jüdische Offizier im Donner der Schlachten geboren wurde und glänzend ftnre Feuertrobe abgelegt hat, sollte es da nicht an uns liegen, diese Errungenschaft auch im Frieden zn behaupten? Was hierzu nötig ist, ist in erster Linie körperliche Ertüchtigung unserer jüdischen Jugend. Wir *) Wir gewähren diesen Ausführungen gerne Aufnahme, und wir hoffen, über die angeregten Fragen noch weitere Aenßxrungen zn erhalten. Wir betrachten diese Aeußernngen als fteien MeinungDaustausch der uns in keiner Weise bindet und werden erst, spAerhin Stellnna nehmen. > ' Ms IWncktkon.'