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Neue jüdische Presse · 1916-08-25 · Heft 33 (25.8.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 33 (25.8.1916)
Date
1916-08-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. die Stärke seines Hasses war ein Mutterteil. Sie selbst dämmte hinter scheinbarer Ruhe eine gewalttätige Natur, das war ihr Sohn, von ihr hatte er die Rasse, die Leidenschaft seiner Empfindungen. Er war in heftiger Aufregung mit großen Schritten hin und. her gerannt, jetzt stand er vor ihr und begann rauhen Tones: „Ich muß Dir einen großen Schmerz bereiten, Mutter, ich habe Dir etwas verschwiegen." „Sprich." „Ich hin seit Wochen mit Marie von- Mühlenfeld verlobt." „So wirst Du dieses Verhältnis lösen." „Mutter!" „Wqil Du sie nicht heiraten kannst. Es gibt keine Marie voir Mühlenfeld. Du meinst Marie Mncha, das uneheliche Kind der langen Käthe, der Schwester des Apothekers. Mariens Mutter war eine Leichtsinnige und lief kaum sechzehnjährig mit einem Offizier davon. Als sie nach Jahr und Tag mit ihrem Kinde zurückkam, nahm sie ihr Bruder, der Apotheker, auf, nicht umsonst, ihr Geliebter, ein Herr von Mühlenfeld, hielt sie noch eine Zeitlang aus und zahlte Sündengeld die schwere Menge. Später haben sie Mühlcnfeld wegen allerhand Schwindeleien vom Militär entlassen, und Käthe wurde die Schande der Stadt." „Das sind alles Verleumdungen", rief der Doktor zornig. „Mühlcnfeld war ein gutherziger Mann, der von aller Welt ausgebeutet wurde, wie mir Mncha unter Tränen erzählte. Uald nach Mariens Geburt hater Käthe in aller Form geheiratet. Er hatte seine Frau glühend geliebt und zeigte sich rein verzweifelt über ihren frühen Tod." „Jawohl, hier unten im Erdgeschoß hat sie sich erhängt, als hie Polizei sie wegen ihrer schlechten Aufführung ins Arbeitshaus stecken wollte." „Mutter, Mutter, wer hat Dir denn diese gehässigen Märchen aufgebunden?" . ° „Leute, welche diese Märchen miterlebt haben. Wisse nur, die Muchas und ich stammen aus einem Ort," erwiderte Lea. „Wir waren Jugendgefährten, bis mein Vater Käthen ob ihres schlimmen Betragens für immer das Haus verbot." „Und angenommen, diese Vorkommnisse seien nicht aufs Ungeheuerlichste übertrieben, — welche Schuld trägt Marie daran?" sagte er warm. „Sind wir denn des alten Gottes Büttelknechte, daß wir die Sünde der Eltern an ihren Kindern zu rächen haben? Ist es nicht edler und. auch frömmer, gut zu machen, was jene verbrochen und die hilflose Ranke an uns aufzurichten?" „Heuchle nicht," sprach Lea streng, „sprich nicht: die Lust an einer guten Tat ist's, die mich hier bewegt, da Dü nur sinnst, dem eignen, ungezähmten Herzen zu willfahren. Bist Du so reich, daß Du die Schulden anderer bezahlen kannst, so rejn, uni frenide Frevel zu sühnen? Ich will nun einmal das wilde Reis an' meinem Stamm nicht haben! Sieh Dich um in unfern Kreisen, die Frauen, der Deinen haben Fehler und Gebrechen wie andere Menschen auch, aber eines preist der Jude mit Recht an seinem Weibe: ihre Keuschheit. Bist Dü sicher, daß die Tochter der liederlichen Käthe Dir ihre Treue wahren werde?" „Marie liebt mich," rief er voll Zuversicht. „Kann sein, aber wir lieben Dich doch auch und noch um ein weniges länger. Wie vermochtest Du nur so viel Bitternis uns nachzutragcn? Mein Sohn, mein Sohn, Deine Anklagen haben mich schwer getroffen. Ich will Dir zugeben, daß wir unrecht hatten, von Deiner Zukunft auch einen Anteil für uns zu begehren. Aber wir dachten doch zumeist nur an Dich und Dein eigenes Glück. Es ist wunderlich, ich spüre es erst heute, es gebe zweierlei Lehre, das alte, einfältige Wort: Jeder ist seines Glückes Schmied. Man kann auch wirklich einem anderen sein. Glück nicht schmieden, es paßt gewöhnlich nicht und wird dem einen schnell zu eng oder zu weit. So grolle denn Deinen armen Eltern nicht mehr, sie handelten doch nicht ganz so voll Selbstsucht, wie Dü annimmst. Wir wollen es vergessen, daß wir auf Dich hofften, gehe Du Deinen eigenen Weg. Aber Max, Max, lasse es keinen Irrweg sein. Ich sehe wohl, bei Menschen wie Du gilt das Fremde oft als das bessere. Hättest Dü wenigstens Frieda Schmidt gewählt. Sie ist brav und ordentlicher Leute Kind. — Leider hat Dich das adlige Fräulein bestochen." „Dü hassest Marie, weil sie eine Christin ist," sprach Max finster. „Da sie Dein Weib werden, soll, haß' ich sie, ja." „Was heißt denn das: Jud' und Christ. Erst . bin. ich Mensch, und meiner Menschlichkeit will ich leben. Kann ich für uieine Abstanimung? Was ist denn Haus oder Kunz schlechter oder besser als ich, weil sie als Christ geboren wurden? Soll dieses feurige Rad, unter dem Tausende von großen Seelen ächzten, soll es wieder und immer wieder die Emporstrebenden zermalmen? Sollen diese Wälle, die Haß und Stmnpfsinn in Jahrtausenden aufgeworfen haben, niemals nicdergerissen werden? O, Du einziger, heiliger Lessing, da suchen sie immer nach dem verlorenen Ring, und auch wir gehören zu den Geistig-Blinden, die ihn nienials, niemals finden werden! Und wie denn, Mutter, wenn dieser Ring gar nicht existierte? Denn das echte Kleiimod ruht sicher noch in des geheimnisvollen Unendlichen Schoß, und wir vernünftelnde, klügelnde Irre würden wahrscheinlich keiner sein mächtiges Glänzen ertragen. Wie, Mutter, wenn wir nun unrecht hätten und die Christen auch nebst allen anderen Glaubenssklaven auf dieser Erde? Mutter, Mutter, wenn nun Dein eigener alter Kinderglaube von der reinen Wahrheit so unendlich entfernt wäre wie [bau ^einzige Sternlein hier, auf welchem wir unser Jnfusiorendasein uns selbst noch so zwangvoll verkümmern von der urewegen Sonnenwelt?" Aber Lea brach jn Tränen aus und rief schluchzeird: „Hör' auf, ich kann Dir nicht folgen! Ich vernehme Deine Worte, aber ich verstehe Deine Gedanken nicht mehr. . . Was so tief und hoch ist, wie soll sich das auffinden? Ich weiß nur eines: der alte Gott, den Du für abgesctzt erklärst, vor dreiundzwanzig Jahren bat ich ihü so herzlich, Dich mir zu schenken, ach, ich hin Mutter, wie könnte ich an ihm nicht hängen? Mein Sohn, mein Sohn, wenn auch Dein Denken anders geworden, Dein Fühlen blieb, es wechselt, forscht und zweifelt nicht. Dein Herz ist ja ein Teil von meinem Herzen, geliebtes Kind, wende Dich nicht von nns . . ich . - ich kann nun einnial die Frenide als Weib nicht segnen, ich bin eine schwache, unwissende Frau, wohl, ich verstehe nicht zu überzeugen, aber Dich zu bitten weiß ich noch!" — Sie hatte ihn an sich gezogen, und mit beiden Händen seinen Kopf umfassend, suchten ihre Lippen seine Stirn, ihre Tränen fielen auf sein Har. Max wußte nur zu gut, wie unendlich schiver die stolze Frau weinen konnte, es erschütterte ihm das Herz, wieder drängte und mahnte in ihm ein gebieterisches Gehorche, — als Lea plötzlich mit eineni halblaut gemurmelten „Was ist das?" ihre Arme von ihm sinken ließ. „Nun, Schätzel, schon zurück?" Die Nichte des Apothekers hatte den blonden Kopf durch die Tür gesteckt und schlüpfte ins Zinimer. Im bequemen Morgenrock, der bequem und lose sie umhüllte, die langen Zöpfe aufgcbunden, ein wenig lässig die Haltung und Gang, war sie auf Max zngeschritten, hielt aber verblüfft inne, als sie die frenide Frau gewahrte, welche jetzt hoch aufgerichtet ihr gegenüber stand. Erschrocken faßte Marie des Doktors Arm und tat, jn sein Ohr wispernd, eine leise Frage nach dem seltsamen Besuch. Darauf wollte Mx ihre Hand ergreifen und sie in Lea's legen. Er wollte sagen: „Mutter, hier ist meine Braut, gib Deinen Segen über uns," er stand wie gelähmt, er brachte kein Wort hervor. Die Augen Lea's flogen Prüfend über das junge Mädchen und hafteten jetzt an den Liebenden, groß, durchdringend, jn tödlicher Verachtung. Der Blick dieser Frau wirkte wje ein Fluch. Marie begann zu zittern, sie fühlte, wie unter der Macht dieser Augen etwas in ihr erstarb. „Mutter!" stammelte Max. „Genug!" winkte Lea mit eisiger Geringschätzung. „Du mußt. . . ." Er sah mit flammendem Gesicht zu Boden und schwieg. Als er aufbljckte, war er mit Marien allein. Von der Straße herauf hörte man das „Hüh, los!" des Bauernfritzen, der Wagen rollte davon. Marse hatte sich auf das Sopha geworfen; die Hände vor ihr Gesicht geschlagen, weinte sie bitterlich vor Schande und Zorn. Max stand neben ihr tief gedemütigt, und suchte nach einem Trostwort. Er schalt sich selbst, daß er .im Augenblick ihr nichts Herzlicheres zu sagen wußte, aber wider Willen drängte sich vor allem andern dje Frage über seine Lippen: „Warum kamst Du herein, Marie?" „War's Dir nicht etwa recht?" begehrte sie auf. „Mach's mit dem Onkel aus, der kam zu mir und hieß mich eiligst herzulaufen, es säße eine Judenfrau bei Dir, mit der es nicht richtig sei. . . gewiß eine Vermittlerin oder so . . . konnte ich ahnen, daß ich auf Deine Mutter treffen würde —" Sie schluchzte aufs neue und!var gar nicht zu beruhigen. „Und so abstoßend zu sein, — mich nicht eines einzigen Wortes zu würdigen," jammerte sie wieder, „ist das eine fürchterliche Frau, wenn sie es verlangt hätte, wäre ich sogar Jüdin geworden." Er sah gerührt zu ihr auf. Wie innig mußte sie .ihn lieben, um chm dieses Opfer zu bringen. „Ich glaube nicht, daß sie das versöhnt hätte," erwiderte er traurig. „Weine nicht mehr. Liebste. Wir wollen um so fester und treuer aneinanderhalten. Du mußt mir jetzt viel, sehr viel ersetzen, Marie." „Wird sie uns niemals verzeihen?" „Wie ich meine Mutter kenne, niemals." (Fortsetzung folgt.) Kunst und Literatur. Haus Garten und Feld. Illustrierte Halbmonatsschrift. Vierteljährlich 75 Pfg. Stuttgart, Franckh'sche Verlagshandluug. Auch die vorliegenden jüngsten Hefte zeichnen sich durch eine Fülle-von Aufsätzen uiü» Notizen aus, die die Aufmerksamkeit nicht rare des Fachmanns, sondern auch des Laienpnblikums. beanspruchen. Hebräische Grammatik von v. Dr. Georg Beer, o. Prof, der Theologie qn her Universität Heidelberg. 1. Band. Einleitung. Schrift-, Laut- und Formenlehre. Die Normen. 144 Seiten. Leinwandband 3V Pfg. Sammlung Göschen Nr. 763. ' - Hebräisches Uebungsbuch von v, kOr. Georig Beer. 136 Seiten. 90 Pfg. Sammlung Göschen Nr. 769. Die Bemltzung dieser Lehrbücher setzt eine höhere Schulbildung voraus. Sie sind ^deshalb wohl für Gymnasiasten und besonders für Studenten gedacht. Wir glauben aber, daß sie auch der (jüdische Letzter und der gebildete jüdische Laie, der bereits einen hebräischen Sprachschatz besitzt, 'wohl mit Vorteil durcharbeiten würde. Die Uebungsstncke sind freilich zum Teil nicht gut gewählte Bemerkt sei: Beer ist christlicher Theologe, uiü» der jüdische Gebraucher seiner Bücher hat an pinigen Stellen Veranlassung, sich diesen Umstand tzu vergegenwärtigen. Offenbaeber Draekluft-Anlage! Offanbach a» H. Telefon 123. (Anschhma mit Frankfurt). 1 ewährteste Tapplehretalpons (100,000 qm jährlich)! sowie unQbartroffana Battenn. Bettledararatnt-1 guno mittelst Druckluft and Wasserdampf. Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, 26. August (— 27. Aw.) Sabbat-Anfang in Frankiurt a M. 7 Uhr 30 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 10 Mm. in Berlin 8 Uhr 55 Min. Wochenabschnitt: Re-ei. — Segnungen und Flüche. Verbot des Blutgenusses. Festtagskompendium. Aus dem Prophetenabfchnitt des Sabbats: „. . . . und hätte dein ganzes Gebiet zu. Edelsteinen gemacht; — was bedeutete es? Doch sind alle deine Kinder Schüler Gottes, so ist groß der Friede deiner Kinder. Gründe dich auf Pflichttreue Und halte dich fern vom Unrecht, beim du hast nicht zu siirchten. ..." Rausch-Chaudesch: Dienstag und Mittwoch. Wochengottesdienste in Frankfurt a. M. Morgens: 61/4 Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterlindau 63/i Uhr, Hauptsynagoge 7 Uhr, Königsteiuerstraße 7% Uhr). Abends: 7h» Uhr in den meisten Synagogen (Hauptsynagoge 4 Uhr, Königsteinerstraße 7 Uhr). Vereins-Kalender. Samstag. Mekor Chajim, 12hh' Uhr: Sefer Melo- . chim (Prof. Weyl); 43/i Uhr: Mikroh-Vortrag (Prof. Bender). Hraukfurter FamiNemrachrichte». Geboren. Eine Tochter Fritz Lehr, Sophienstr. 16. Gestorben. Leopold Hofmann, 53 I., Parkstr. 53. — Friedericke Mayer geb. Heumann, Finkenhofstr. 4. — Vizefeldw. Sally Hammel, i. Feld. — Willy Kruskal, Uhlandstr. 38. Auswärtige Familiennachrichte» Geboren. Ein Sohn Moritz Weißmaun (Pulvermann), Leipzig. Verlobte. Irma Goldmann mit Referendar Hans Pfeffer, Breslau. — Meta Steinweg, Dortmund mit Herbert Klein, Berlin. -r- Else Schwarz, Schwiebus mit Willi Pinkus, Beelitz. ' Gestorben. Hugo Marchand; Vizefeldw. Otto Marum, Köln, i. Fell». Alfred Nehab; Fritz Josef Adler, .22 I.; Julius (Schloß;' Erwin Palmtzkr; Max Lehmann; Heinrich Juliusberg, Berlin, i. Feld. — David Blum, 71 I., Stettin. — Herni. Fraenkel, 83 F., Ratibor. — Herrn. Leipziger, ,69 <J., Breslau. — Theodora

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