Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 27 (14.7.1916)
- Date
- 1916-07-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2692975-2693001--09522-2704749- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 27. Frankfurter Israelitisches FamilieiMatt. Leite 5. „Aber Lottchen! Du kommst her wie ein Geist. Pfui! Lotte, wie garstig, uns hier zu behorchen." „Behorchen?" wehrte sich die mit- „Lotte" "Angerufeue entrüstet. „Ihr vertraut Euch auf offenem Markte Eure tiefsten Geheimnisse an, so eifrig, so lebhaft, daß man rund um den ganzen Ring Eurer interessanten Unterhaltung zu verfolgen vermag. Ein andermal errichtet fünfzig Schritte vor Euch eine Warnungstafel: „Borsehen, hier gibt's Bekenntnisse schöner Seelen." „Wer sagt Ihnen denn, daß unsere Unterhaltung interessant ist?" „Erstens habe ich sie soeben gehört, und zweiten» — Sie, Fräulein Marie, reden immer vom Heiraten, das ist eine alte Geschichte." „Wir habe», nicht alle so viel Geld, wie Fräulein Lotte Jacob, um uns Männer zu lausen, freilich" — hier wurde der Sopran so spitzig und schneidig, wie eine der kleinen Eisnadeln, welche der Novembersturm dem Wanderer ins Antlitz wirft, „freilich, den Leuten Ihres' .Glaubens gilt selbst das Heiraten nur als Geschäftssäche." „Zankt nicht mit einander," bat Frieda, aber die streitbare Lotte hatte den Fehdehandschuh schon ausgenommen. „Also beruhigen Sic sich, Fräulein Marie von Mühlfeldt, da kanir ich Ihnen durchaus keine Konkurrenz bieten, Sie sind allerdings Licbesspczialistin/ wie allgemein bekannt." „Das lvar ein Tusch," murmelte Haus hinter dem Vorhänge, „Donner und Doria, die verfügt über ein wahrhaft elektrisches Mundwerk» kein Edison könnte einen gewandteren Sprechmcchanismus erfinden." „Ucbrigens" — funktionierte das Mundwerk tapfer fort „gibt es meiner Ansicht nach hier gar nichts Preiswertes auf dem Trebanobitzer Markte". „Oho", stellte sich Frieda aufgebracht über diese offenkundige Geringschätzung der Gentlemcn ihrer Vaterstadt, „der Herr Rechtsanwalt?" „Wird mir wohl zu teuer sein",' lachte Lotte munter, „weiß auch nicht Bescheid, ivas. das Pfund Rechtsanwalt jetzt kosten soll." Die Keckheit dieser Bemerkung, wie das ihr nachfolgende übermütige Lachterzett gaben dem alleweil cholerischen Doktor neuen Anstoß zum Verdruß. „Ist das eine unverschämte Person", flüsterte er grimmig zu seinem Nachbar, „wagt es denn niemand, ihrem, großen Mund Einhalt zu bieten?" „Still, Still", beschwichtigte ihn Hans. Behutsam lüftete er die Gardine und ließ beit Doktor hinausschauen. Vor dem Hause auf einer niedrigen, grün gestrichenen Bank saßen zwei hochgewachsene Mädcheugcstalten, sich eng umschlungen haltend. Der Beschauer konnte, wenn ihn gelüstete, zwei gut geformte Nacken und ebenso blonde Köpfe bewundern, die sich zärtlich aneinanderschmiegtcn. Der Bank gegenüber am Rande des Trottoirs oder Trittoirs, wie sie brav und fromm in -Oberschlesien das böse Fremdwort verdeutschen, stand ein winziges, zierliches Püppchcn, auf den Fußspitzen sich erhebend, die Hände in die Seite gestemnit, so wiegte sich das Persönchen in einer unnachahmlichen Haltung voll Drollerie und Trotz. Der Vollmond warf sein weißes, gleißendes Licht über die kleine Mädchenfignr und beschicn tageshell ein rundes, weiches Kinder- . gesicht mit schönen dunklen Rätselaugen. Der große Mund entsprach keineslvegs der beleidigenden Annahme des Doktors, dieser Mund war klein und die Lippen würzig rot wie -frische Walderdbeeren. „Aber unser neuer Mieter", neckte Frieda, nebenbei die Wirtstochter des Hauses, „der neue Doktor, gelt, der möchte Dir passen?" „Bah", machte Lotte und warf ihren hübschen Schlvarzkopf verächtlich zurück, „was kann aus Kronstadt Gutes kommen?" Da riß der Sekretär das Fenster ans und dröhnte mit der ganzen Gewalt seines Basses in die stille Nacht hinaus: „Sieh doch, Doktor, bei uns in Kronstadt gehen die Gänselein barfuß, aber in Trcbanobitz haben sie wirklich Schuhe an." ' Ein Ansschrei in allen Tonlagen, kreischend, lachend stoben die jungen Mädchen auseinander, und damit fand die interessante Unterhaltung ein Ende - — und dies Kapitel auch'. . Drittes' Kapitel. A n t r i t t s b c s u ch e. Der Doktor stand vor dem Spiegels und musterte seinen äußeren Menschen. Ganz vertieft in diese beschauliche Beschäftigung hatte er ein mehrmaliges Klopfen au der Tür seines bescheidenen Ankleidezimmers völlig überhört, bis Auf- und Zuschlägen sowie starke Schritte ihm die Anwesenheit seines Freundes Scholz bemerkbar machten. „Schon wieder erste Garnitur, Leibrock und Zylinderhut?" fragte Hans. „Ist die Zahl Deiner Antrittsbesuche noch immer nicht erfüllt? Wenn Du hier Deine Rundgänge iveiter so betreiben ivillst, so wirst Tn bald nicht umhin können auch dein Nachtwächter und dem Gerichtsvollzieher Deine Aufwartung zu machen." „Glaubst Du, ich wäre des eioigen Spießrutenlaufens nicht auch längst satt?" entgegnete der Doktor unwirsch. „Gib mal die Liste her", befahl Hans, ohne sich durch des Doktors schroffen Ton verletzt zu zeigen. Haus war ivirklich ein seelensguter Kerl, die Rolle des beleidigten Freundes fehlte ganz in seinem Repertvir. Max reichte ihm ein Notizbuch auf das Svpha, welches schmale, kleine Möbel der Sekretär bereits vollständig mit seinem gewaltigen Körper bedeckte. „Hans las: „Nummer Ein», der Tyrann von Mottenburg, will sagen, der Herr Oberbürgermeister." „Erledigt'. Der Herr Oberbürgermeister geruhte in höchst eigener Person mich zu empfangen." „Welch unschätzbare Ehre!" „Ein Vergnügen ivars nicht." „Vergnügen gibt es in unserer guten Stadt-Trcbanoüitz überhaupt kein»", erklärte der philosophische Hans. — „Weiter die beiden Stadtrüte, der Herr- Kollege?" „Auch die Mordtat ist geschehen", nickte der Doktor. „Der Herr Sanitätsrat waren äußerst liebenswürdig." „Bon. Nummero Drei, der Herr Amtsrichter Seligsohn."- „Ich hatte den Vorzug", sprach Max, indem er über seinen glänzend schwarzen chapeau haute forme sorgsam hinloegstrich. „Ah! und wie nahm er Dich auf?" examinierte Hans. „Wie sich's gehört. Er ist ein leidlicher Mann. Vielleicht ein bischen linkisch und verlegen, kurz, eine passive Natur." „Und die Madamm?" Hans sprach mitunter sehr nnorthographisch. Der Doktor hatte - den Hut auf den Tisch gestellt und hob jetzt beide .Hände hoch empor wie zur Abwehr. „Der gute Amtsrichter. Ter Himmel segne ihn dafür, daß er die Frau geuomnien hat. Es konnte schlimmer ablanfen für andere Leute." „Mein Sohn, Du benimmst Dich sehr anspruchsvoll", tadelte Hans. „Die Frau Amtsrichter gilt für eine hübsche Person." „Jawohl, eine rechte Sonntagsnachmittag-Schönhcit. Aber die ganze Woche lang wie eine alte Hansglucke schlürfend und nachlässig angezogen und immer keifend, wie die leibhaftige Kusine von Teufels Großmamnia. Während nieiner fünfminütlichen Anwesenheit nahm sie nur dreimal Anlaß, ihren Gatten auszuzanken. Zugleich vertraute sie mir in aller Schnelligkeit ihre tiefste Verachtung der hiesigen Kaufmannsfranen an, von deren keine ihrem Manne auch nicht die Hälfte eines so respektablen Vermögen» gleich dem ihrigen brachte, die aber viel, viel größere Ansprüche erhoben, als sic selbst, sie, die Frau Amtsrichter, die einzige Tochter des großen Bankiers Löivenstciu aus Posen. Und das Dienstmädchen, roelchcs mir öffnete, hatte rotgeweinte Augen, br!" „Höre, Max, für die acht Tage Deines Hierseins hast Du schon recht eingehende Studien an den Einwohnern dieses Landes gemacht. Ferner die drei Seelsorger dieser geliebten Gemeinde?" „Drei? Wieso drei? Ich habe pflichtschuldigst dem Herrn Pfarrer und dem Herrn Pastor meine Visiten abgestattet." „Und dem Rabbiner Jacob?" Max schwieg. „Schäme Dich", schalt Hans. „So seid Ihr nun, Ihr Juden. Ihr selbst wisset einandernicht zu ehren, aber von der übrigen Menschheit fordert Ihr unbedingte Hochachtung für Euch." „Es geniert mich, dort zu verkehren. Das naseweise, geldstolze Ding, die Lotte, möchte wohl glauben, ich komme ihretwegen." „Unsinn. Wenn Du fortbleibst, wird Dir der alte Mann grollen und das mit Recht. Ueberdies ist er von Deiner Verwandtschaft." „Schon gut, schon gut", sprach Max ein wenig gereizt, „ich iverde mein Versäumnis nachholen." „Heut? Am Freilag? Mensch, Tn hast doch gar -keine Lebensart. Morgen nachmittag wirst Du dort vorsprechen. Wenn Dich das beruhigen kann, — mit diese Zeit pflegt Fräulein Lotte Jacob das Haus ihres Großvaters behufs Lustwandclns zu verlassen." „Bravo!" Der Doktor griff vorsichtig nach dein Zylinder. „Hat ein hohes Vormundschaftsgericht sonst noch eine Anordnung für mich?" „Wohin gehst Du jetzt?" „Zum Apotheker." „Zum Apotheker", dehnte das Obervormnndschastsgcricht „Du gehst ziemlich häufig nach der Apotheke. Außerdem triffst Tn heute Abend den guten Warm ganz bequem in der Kneipe, wozu sich die Umstände eines Staatsbesuches da noch aufbindcn?" „Hans, mir däncht, eine Paraphroncsis oder, um Dir verständlicher zu reden, der' schönste Raptus vulgaris sei bei Dir im "Anzuge. Ter Apotheker ist für mich der wichtigste und einflußreichste Mann am Orte. Wie bei allen andern Honorationen hier bin ich auch verpflichtet, mich seiner Familie vorzustellen. Dies unterlassen, hieße den Mann beleidigen, hieße mich mit Gewalt zu Schaden zu bringen. Ergo! Weißt Du irgend einen vernünftigen Grund anzuführen, ans welchem ntir das Recht entspringt, mich just dieses Besuches zu enthalten?" „Ja, ich habe einen solchen Grund", rief Hans. „Nun?" „Je nun, ich kann mich nicht so recht ansdrücken." „Folglich ist er unvernünftig. Du hast Kopfweh, Hans. Ich empfehle Dir Ruhe und dunkle Zimmer. Auf Wiedersehen!" „Grobian!" murmelte der Sekretär. „Nur zwei Tage noch hatte ich ihn Hinhalten mögen. Morgen sollte Marie wieder auf da» Vorwerk zurück. Verdammt — wenn ihm doch der Zylinder in die Gosse fiele, daß er umkehren müßte!" Und ans tiefste mißgestimmt, er wußte selbst nicht warum, ging Hans seiner Kneipe- (Fortsetzung folgt.) Trost im Gebet. Das Leben bringt der Sorgen viel. Das Hab' ich schon gefunden, Hab' oft gezagt und oft gebangt In ernsten, schweren Stunden. Weim jeder Trost mir nun versagt. Mein Hoffen ist vergebens. Dann eines bleibet: Das Gebjest Zum Lenker meines Lebens. Des königlichen Dichters Wort Erfüllet meine Seele Und die Psalmen schlag ich auf. Den einen ich mir .wähle: „Gott ist mein Hirt und seine Huld Wird mich auch ferner leite». Und wenn ich scheiden mutz von hier Ins Schattental begleiten. Doch schenkt er noch der Tage mir. Läßt mich noch glücklich leben. Wird nach vollbrachtem Lebenslauf Auch Seligkeit mir geben." Und siehe! Holder Friede senkt Auf mein Gemüt sich nieder. Der Sorge bang Gefühl entweicht. Die Hoffimng kehret wieder. Drum zag' ich nicht, drum bang ich nicht Auf Gott ist mein Vertrauen. Wenn .Sturmgebraus vorüber ist, Werd' ich die Sonne schaue». - E. Höxter. Knust und Literatur. Der Rabbi v on Snwalki. Novelle von S. Schachno w i tz. Bd. 17 und 18 der Jüd. Volksbücherei. Brosch. —.60 Mk., karton. 1.— Mk., eleg. geb. 1.80 Mark. Frankfurt a. M., Jüd. Bolksschriftenverlag. Schachnowitz hat seine Erzühlerbegabnng in den Dienst des strenggläubigen Judentums gestellt. Er handhabt das Wort, — aber er ist kein Dichter, er arbeitet vielmehr mit dem Verstand. Der Leser merkt sehr schnell den Aufbau der Handlung und die damit verbundene Wficht. So schiebt sich denn störend die.Empfindung des Geki'instelten ein. Diesen Mangel hat Schachnowitz gemeinsam mit Jndaeus (Dr. Ehrinaun), dem anderen gegenwärtigen Erzähler der deutschen orthodoxen Judenheit. Die Erzählung „Der Rabbi von Suwalki" will lehren, wie Reinheit der Gesinnung und festes Gottvertranen selbst aus den gefahrvollsten "Augenblicken des Daseins als Sieger hervorgehen. Das ist in dieser Form eine Behauptung, die nicht durch die Tatsachen unterstützt wird. Der Gute wird belohnt, der Böse wird bestraft, — wie soll diese Kindes