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Neue jüdische Presse · 1916-07-07 · Heft 26 (7.7.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 26 (7.7.1916)
Date
1916-07-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Juli 1916) Nr. 26 Die Warschauer Stadlratswahlen. % Die Vorbereitungen zu den Wahlen zum neuen Stadtrat in Warschau sind bereits in vollem Gang; und die verschiedenen Parteien und .Richtungen haben ihre Tätigkeit mit außerordentlichem Eifer zu entfalten begonnen. Sie haben alle erkannt, welche außergewöhnliche Bedeutung dem Ergebnis der Wahlen zukommt, das in so manchen Punkten maßgebend sein wird für die politische Position und den Einfluß der verschiedenen Bcvölkerungsschichten bei der kommenden Regelung per polnischen Frage nach dem Kriege. Wir haben bereits vor einiger Zeit mit allem Nachdruck auf die ganz besondere Bedeutung hingewiesen, die diesen Wahlen für die Warschauer und darüber hinaus die gesamte polnische Judenheit, besitzen. Während in dem bisherigen, von den Polen noch vor der Eroberung Warschaus durch die deutschen Truppen eingesetzten Bürgerkomitee kein einziger Jude saß, geben die jetzigen Wahlen die Möglichkeit, eine der Höhe der jüdischen Bevölkerung entsprechende. Zahl von jüdischen Ratsmännern. durchzubringen. Denn die dem Kurien- und Proportionalsystem entsprechende Wahlordnung ist — von einer einzigen, von uns bereits besprochenen ungünstigen Bestimmung abgesehen — gerecht und unparteiisch. Und so. hängt die Entscheidung in erster Reihe nur von der Haltung der jüdischen Wähler ab, von ihrer Geschlossenheit und politischen Reife. Nunmehr' ist der erste, grundlegende Akt, der der Wahlvorbereitung, die Eintragung der Wähler in die Wahlliste bereits beendet, und nian darf mit froher Genugtuung konstatieren, daß es den zahlreichen Mahnungen nnd Aufforderungen der jüdischen Führer, Institutionen und Zeitungen gelungen ist, die Erkenntnis von der großen Bedeutung der Wahlen innerhalb der jüdischen Bevölkerung mit Erfolg zu verbreiten, so daß sie sich eifrig an der Eintragung in die Listen beteiligt hat; die vorliegenden Ergebnisse der Eintragungen zeigen, daß die jüdischen Wähler in allen Kurien einen ihrer Zahl entsprechenden, teilweise sogar einen etlvas höheren Prozentsatz bilden. Damit ist die erste Voraussetzung für die Geltendmachung ihres . Einflusses bei den Wahlen erfüllt; die zweite, wichtigere Aufgabe besteht aber nunmehr in der Organisierung der jüdischen Wähler und in der Geschlossenheit ihres Vorgehens. Auch hier darf man freudig feststellen, daß die größte Gefahr einer völligen Zersplitterung und Spaltung der einzelnen Parteien vermieden worden ist; die wichtigsten derselben haben sich trotz mancher scharfen Gegensätze, die sie trennen, vereinigt uno ein „Vereinigtes Jüdisches , Wahlkomitee" gebildet, in dem Assimilanten, :3 Zionisten, Jiddischisten und Orthodoxe sitzen. Bei der Gründung dieses Komitees sind zwei recht , f bedeutsame und erfreuliche neue Erscheinungen zu ] Tag getreten; von der Gruppe der Assimilanten, die bisher durch ihren gesellschaftlichen und sinan- \ zielten Einfluß eine Art von Gewaltherrschaft inner- 7 halb der Warschauer Judenheit ausgeübt hat, zum 5 größten Schaden der wichtigsten Interessen, hat . sich eins Anzahl' fogenannker R.s oasfimilantsn - abgespalten, die für eine mannhafte Verteidigung der jüdischen Rechte gegenüber den Polen eintreten und auch zunächst —wenn auch nicht prinzipiell und für immer — für das Jiddische eintreten. Auf der anderen Seite haben sich von der Klique derchassi di scheu Führer, die seit langen Jahren eine den jüdischen Interessen nicht minder schädliche Hintertreppenpolitik betreiben wie die Assimilanten — mit denen sic übrigens meist zusammengehen — eine Anzahl jüngerer und verantwortungsvollerer Männer abgesondert, die erkannt haben, daß cs ein Verbrechen am Judentum wäre, ans Gegnerschaft gegen die nationale Richtung sich der 'Assimilation anzuschließen und so dem vereinigten Wahlkomitee beigetreten sind. Wäre dieses Wahlkomitee nun. der unbedingten restlosen Gefolgschaft aller jüdischen Wählersicher — was jedem politisch und sich der Bedeutung der Stunde bewußten Menschen ganz selbstverständlich erscheinen müßte —, so dürfte man sich der Gewißheit hingebeu, daß es ihm gelingen wird, die der Stärke der jüdischen Wählerschaft entsprechende Zahl von Kandidaten durchzubringen. Leider aber kann von solch unbedingter Solidarität .der jüdischen Wähler nicht die Rede sein, vielmehr stehen ihr zwei Momente im Wege, die sich, zu einer erheblichen Gefahr gestalten können. Zunächst, macht die Gruppe der extremen, unentwegtere A s s i m i l a n t e n nicht mit. Die Klique nur Nathanson und Dickstein, die seit Jahren sich mit Haut und Haaren den Polen verschrieben hat, hat natürlich von der antisemitischen Haltung der Polen in den letzten Jahren nichts gelernt und ist arrch heute bereit, fi'rr die Liste der offenkundig antisemitischen national-demokratischen Partei zu stirnmen. Da die Zahl dieser Verräter und Majofisjudeu aber nur gering ist, suchen sie krampfhaft Anhänger zu werben und haben bereits einen Aufruf veröffentlicht, für den sie 200 Unterschriften gesammelt haben, darunter die ineisten von völlig unbekannten und bedeutungslosen Leuten. Würoen sie keine andere Unterstützung finden und blieben sie isoliert, so wäre ihre Fronde nicht von Gefahr. Leider aber hat es den Anschein, als ob sie solche Unterstützung finden würden und zwar — der Kenner ocr Verhältnisse wird nicht überrascht sein — bei den Chassidim. Die kleine Gruppe der chassidischen „Führer" — von denen ein Teil von beschränkten! Fanatismus und politischer Unreife ist, der andere, maßgebendere aber aus verantwortungslose, i du,ulen Jntriguanten und nur im eigenen Interesse arbeitenden Strebern besteht scheint der Politik, die sie schon so lange verfolgt, auch jetzt treu bleiben zu wollen und mit den Assimilanten zu gehen. Die unerhörte Borniertheit und frevelhafte Preisgabe der heiligsten Interessen der von ihnen geführten Massen, die in diesem Vorgehen liegt, begreift, ein jeder, der auch nur einigermaßen objektiv und vernünftig die Lage überschaut. Auf der einen Seite die extremsten Assimilanten, denen alles Jiddische fremd, ja verhaßt ist, die Täuflinge und Halbtäuflinge, und auf der anderen die fanatischsten Chassidim, — . ein widernatürlicheres politisches Bündnis hat es vielleicht nie gegeben. Glücklicherweise aber besteht die Hoffnung, daß der größere Teil der chassidifchen Wähler die Politik ihrer — von keinem gewählten „Führer" nicht mitmachen werden. Zunächst ist — wie schon gesagt — eine Anzahl angesehener chassidischer Persönlichkeiten dem „Vereinigten Jüdischen Wählerkomitee" beigetreten, sodann aber ist es bisher nicht gelungen un.d'wird es auch wahrscheinlich nicht gelingen, die chassidifchen „Rebb es" für diese Politik zu gewinnen und sie zur Gutheißung und Empfehlung derselben zu veranlassen. Sie haben bis heute allen in dieser Richtung wirkenden Neberredungskünsten der assimilatorischen „Notabeln" und ihrer. chassidifchen Helfershelfer Trotz geboten, und man darf zu ihrem Verantwortungsgefühl und ihrer politischen Einsicht das Zutrauen haben, daß sie in diesem Widerstand verharren werden. Eine Frage, die — wie uns scheint — in diesem Zusanrmenhang Beachtung und Aufklärung verlangt, ist die Haltung der Vertrauensleute der „Agudas Israel". Bekanntlich hat diese nicht nur unter den Warschauer Orthodoxen Mitglieder, sondern auch zwei führende Vertreter derselben aus Deutschland sind in Warschau tätig und bemühen sich schon seit einiger Zeit, die chafsidischen Massen für die „Agudoh" zu gewinnen. Es wäre nun interessant und wichtig zu erfahren, welche Haltung sie in der Wahlpolitik einnehmen und in welchem Sinne sie chren .— gewiß teilweise vorhandenen — Einfluß bei den chassidifchen Massen ausüben. Es sind Nachrichten zu uns gelangt, die berichten, daß die Vertreter der „Agudas Jsroel" die Politik der chassidifchen Gefolgsleute der Assimilanten gutheißen oder gar unterstützen. Dies erscheint uns so ungeheuerlich, daß wir vorderhand diesen Nachrichten keinen Glauben schenken wollen, trotzdem sie aus vertrauenswürdiger Quelle stauunen; wir nehmen vielmehr an, daß hier ein Mißverständnis vorliegt, das aus der — vielleicht — ungeklärten Haltung der Vertreter der „Agudoh" entspringt. Umso mehr muß man wünschen, daß eine 'Aufklärung von der hierfür maßgebenden Seite bald erfolgt, und wir geben uns der Hoffnung hin, daß diese Feststellung kommen wird, daß die Vertrauensleute der „Agudoh" die Politik der chassidifchen Helfershelfer der Assimilanten verurteilen und ihren Einfluß in entgegengesetztem Sinne geltend machen. Trotz aller Machenschaften dieser beiden einander würdigen Kliquen darf man doch annehmen, daß die weitaus überwiegende Majorität der jüd. Wähler für die Liste der jüdischen Wahlkomitees stimmen wird. Nur täte es noch not, daß dieses mit einem klaren und deutlichen Programm hervortrete und Kandidaten empfehle, die Äs energische und iiberzeugte Verfechter der jüdischen Interessen nnd Forderungen bekannt sind. Die bisherigen Erklärungen und Auftufe des Komitees waren zu allgemein und gewunden gehalten und schmeckten ein wenig zu stark nach Kompromiß und dem Wunsch, allen recht zu tun. Dies geht so weit, oaß es in seiner letzten programmatischen Erklärung unterlassen hat, die n a t i o n a l e n F o rderungen der Warschauer Judenheit auch nur zn nennen und lediglich von ihrer bürgerlichen und religiösen Gleichberechtigung sprach. Wir glauben zwar, daß das Komitee gewiß auch für die nationalen Forderungen (Gleichberechtigung des Jiddischen usm.) emtrilt und lediglich aus politischer Vorsicht es unterlassen hat, davon im Programm zu sprechen; aber wir halten diese llebervorficht für falsch und fürchten, daß sie nur die jüdischen Wähler kopfscheu machen und ihr Zutrauen zum Komitee mindern könnte. Daß dies so ist, zeigen verschiedene Angriffe, die von nationaljüdischer Seite gegen das Konritee gerichtet worden sind. Die Angriffe selbst scheinen uns zum Teil übertrieben und darum, da Einheit und Solidaritär jetzt vor allem not tut, sogar schädlich zu sein. Wir glauben denn auch nicht, daß sie etwa den Zweck haben sollen, die jüdischen Wähler zu zersplittern, denn dies würde jegliche Aussicht auf den Erfolg der jüdischen Bestrebungen nehmen. Aber dem Komitee mögen diese Angriffe als Mahnung dienen, in seinem Prograinm unverhüllt und mutig die

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