Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 25 (30.6.1916)
- Date
- 1916-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ f ♦ I * v\ Erscheint wöchentlich am Freitag. Bttngsprris pro Niertrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei ins Hans. Bei der Post abonniert.90 Pfg-, frei ins Hans 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungam Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. K . - ~J) Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. -.Wg-4— Ö'WVS T“*'' 6 - ■ ■ Josrrtionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Sreven-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate. Heirals-Annoncen 15 Pfg. die sechsgefpaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. _ 14. Jahrgang. Freitag Den 29. Siwan 5676 (39 Juni 1916) Nr. 25. Golnsverneinnng. (Zum 25jährigcn Dichterjubiläum Chaim Nachman Bialiks.) Es ist ein eigenartiges Zusammentreffen, daß in derselben Zeit, da Scholauni Aleichem starb, Chaim Nachman B i a l i k sein literarisches Jubiläum feiert, ein Zusaminentreffen, das seiner inneren symbolischen Bedeutung nicht entbehrt. Der große Dichter des Golushumors, der gelehrt hat, durch diesen Humor das Leid und die Not des Goluslebens im Golus selbst zu ertragen, starb; vor dem größeren Dichter aber, dessen stärkstes Gefühl d!as des Hasses gegen den Golus und dessen ergreifendste Sehnsucht jene nach der Erlösung vom Golus ist, beugt sich in diesen Tagen das gesamte jüdische Volk in bewundernder Ehrfurcht. Denn dies ist in der Tat das Tiefste und Charakteristischste Hn Wesen Bialiks und an seinem Werke: die machtvolle Ablehnung und Negierung des Golus und der unstillbare Wunsch, der unzähmbare Wille nach seiner Ueberwindung. Dies ist die Note in seiner Dichtung, die ihn von all seinen Vorgängern unterscheidet, und dies ist auch zugleich die Note, die ihn zum führenden, gekonntesten und verehrtesten, die ihn zuin nationalen Dichter der jüdischen Gegenwart werden ließ. Dichter oes Golusleids hatten wir schon viele; seitdem wir ins Exil wanderten und Misere Selbstständigkeit und Freiheit zu einer Erinnerung und einer Hoffnung wurden, ward die Klage über unser Schicksal zum beherrschenden Thema fast all unserer Dichter. In weitem Vorsprung vor jeder anderen Gattung unserer Golusliteratur steht die „Kinoh", das Klagelied, und kein anderes Volk der Welt vielleicht hat in dieser Gattung so Ergreifendes und Erschütterndes geschaffen wie wir. Ware Bialik nur der Fortsetzer dieser Tradition gewesen, er gälte uns auch dann als großer unsterblicher Dichter kraft der unvergleichlichen Innigkeit und überwältigenden Macht seiner Klage, aber die einzigartige Bedeutung, die er heute für unser Volk besitzt; besäße er doch nicht. Diese gewinnt er durch den neuen Ton, der in seinen Golusliedcrn neben dem alten der Klage erklingt: der Ton der Anklage. All unsere früheren „Kinaus" weinten, schluchzten, jammerten und —' verblieben dabei; sie nahmen ihr Schicksal auf sich und beugten sich demutsooll vor der Schwere ihres Geschicks, das sie nur durch die unzerstörbare Hoffnung auf eine wunderbare, plötzliche Erlösung zu mildern versuchten. Bialik hat als erster großer Dichter dieses Schicksal verneinthat unserem Dasein den Kampf angesagt, hat gewagt, die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit unseres Golusgeschicks zu leugnen und stolz den Willen zu einer neuen, vom Golus erlösten Zukunft zu verkünden. Man vergleiche seine Pogromlieder mit den anderen „Kinaus" unserer Literatur, mit jenen, die von den Verfolgungen in früheren Zeiten künden; es ist ein völlig neuer Ton, der hier durchdringt: neben dem furchtbaren Schmerz über die Schmach und Entsetzlichkeit unseres Geschicks der gewaltige Haß gegen dies Geschick, neben dem erschütternden Schluchzen der dieses Schluchzen überwältigende Fluch, den der Dichter gegen unser Dasein, und alle die,'die es bejahen und sich mit ihm absmden wollen, schleudert. Dies ist das Neue, Entscheidende an Bialiks Persönlichkeit und an seiner Dichtung. Und durch dieses Neue ward er zuin Dichter unserer Generation,, zum repräsentativen, unbestritten führenden'- Di cht e r d es m o d e r n e n I ud e n - tums. Denn nichts unterscheidet die jüdische Gegenwart tiefer von der jüdischen Vergangenheit, nichts stellt unser Geschlecht in einen stärkeren Gegensatz zu jenem unserer Ahnen als eben dies, daß wir zum ersten Mal den Golus zu verneinen gewagt haben; daß wir erkannt haben, daß, wenn schon die unmittelbare konkrete Erlösung vom Golus nicht in unserer Macht liegt, wirdoch fähig sind, uns innerlich zu erlösen, indem wir ihn verneinen und der Realität unserer Gegenwart unseren Willen zur neuen Zukunft cntgegenstellen. Darum fühlen wir uns berechtigt, von uns eine neue Epoche unserer jüdischen Geschichte zu zählen: die Epoche, die mit der willensmäßigen Verneinung des Golus anhebt und mit seiner konkreten Ueberwindung enden wird. Schon fühlen wir uns als halb Erlöste, denn eine Sache innerlich verneinen bedeutet ja stets den ersten Schritt zu ihrer völligen restlosen Ueberwindung. Aber falsch wäre es, wollte man den Gegensatz zur jüoislhen Vergangenheit, in den uns diese Golusverncinung hineingestellt hat, als absolut betrachten. In einem tieferen Sinne sino wir doch in innerer Uebercinstimmung mit ihr, uno dürfen wir uns als die eigentlichen Träger und Vollender ihrer Jniperative 'betrachten. Denn indem wir den Golus negieren, schlagen wir über all die Jahrhunderte dz^selben hinweg die große Brücke zur ersten großen und für immer richtungweisenden Epoche unserer Vergangenheit: zu jener der Bibel und der Propheten. Die Wirklichkeit, weil sie unwürdig und schlecht ist, verneinen und ihr den Willen zu einer neuen Zukunft entgegenstellen, ist das nicht die tiefste Lehre und der innerste Sinn unseres Prophetentums'? Was taten unsere Propheten anders, als ihre Realität negieren und an die Stelle der sündhaften, gottlosen, verderbten Gegenwart das herrliche Bild der messianischen Zukunftszcit setzen? Was haben sie uns je Größeres gelehrt als diese ewige, größte und entschiedenste aller Wahrheiten: oaß Mensch und Natur zweierlei, daß Sein und Sollen stets geschieden sind, und daß Mensch sein beoeutet, das Sein verneinen und das Sollen bejahen und die kausale Notwendigkeit der Wirklichkeit durch die zweckvolle Sinnhaftigkeit des menschlichen Willens überwinden. In diesem Sinne sind wir modernen, das Golus verneinenden Juden die wahrhaften Enkel der Propheten und die Träger und Erfüllet ihrer größten Lehre. Und in diesem Sinne ist Bialik, der Dichter unsererGolusverneinung, allerdings unser modernerjüdischerProphet. Nur in diesem Sinne ist er es, und seine inner wiederholte Bezeichnung als solcher hat nur hier ihren Ursprung und ihre Berechtigung. Er ist in allen anderen Hinsichten tief von ihnen geschieden; und es hieße ihn verkennen und unsere Propheten von der weltgeschichtlichen Höhe ihres Standpunkts herabziehen, wollte man ihn, der nirgends und niemals aus der Sphäre seines jüdischen Schicksals herausgetreten ist, ihnen zur Seite stellen, die in ihrem Geiste und in ihrer Seele die gesamte Menschheit und aller Zeiten Ewigkeit umfaßten. Nicht umsonst sagte unser Talmud. schon, daß im Exile die Prophetie uns genommen worden .sei. Ein geknechtetes Volk kann keine Propheten hervorbringen: denn wie alles Ewige und Größte, sind auch die. Propheten nur aus der Freiheit geboren. Das Höchste, was wir Golusjuden aber verniögen, ist den Willen zur Prophetie wieder finden, und den Weg hierzu beschreiten heißt die Lehre der Propheten von der Uebermacht des menschlichen.Willens über die Notwendigkeit^ der Wirklichkeit erfassen und befolgen. Dies tat Bialik, und so ward er der würdige Enkel seiner prophetischen Ahnen und der erste Wegebahner auf dem Wege, zu dessen leuchtendem Ziele uns neue Propheten erstehen werden. Und so ward er zum zugleich gottbegnadeten Mahner und Führer unseres Geschlechts und unserer jüd. Gegenwart; und nichts tut uns in diesen Tagen, da der größte lebende Dichter unseres Volkes sein Jubiläum feiert, mehr not, um unserwie um seinetwillen, als die Erkenntnis in uns zu erneuern, daß die Bahn, die er gewiesen, unsere Bahn sein und der tiefste Sinn seiner Dichtung, ° die Verneinung des Golus, der beherrschende Sinn unserer Gegenwart, unseres jüdischen Wollens und Schaffens werden muß. * Scholanm Aleichem starb, und Bialik feiert sein Jubiläuni. Und leider in einer Zeit, da sich die Not unseres Golusdaseins und die Fluchwürdigkeit unseres Golusschicksals furchtbarer und gewaltiger offenbart hat als je zuvor in unserer zweitausendjährigen Diasporageschichte. Dieses Zusammentreffen ist von symbolischer Bedeutung oder richtiger, sei uns von symbolischer Bedeutung. Vielleicht ging an dem Leid dieser Monate der größte Dichter äles Lebensfähigen und Bejahenden im Golus, des Golushumors, zugrunde. Sein Tod bedeutet so etwas wie das Ende des Golushumors überhaupt, sein Werk den Schwanensang dieses Humors. Während aber Lcholaum Aleichem starb, versammelt sich unser Volk in Ehrfurcht uno Bewunderung vor dem auf dem Höhepunkt seines Schaffens stehenden Dichter alles Verneinenoen im Golus. So wird die große Lehre der gesamten Golusgeschichte durch die Mahnung dieser unmittelbaren grausamen und harten Gegenwarten noch besonders bekräftigt; inmitten der ungeheuren Verwüstung jüdischen Gutes, der furchtbaren Vernichtung jüoischen Lebens, die uns dieser Krieg gebracht hat, inmitten all der zerstörten, geplünderten, rauchenden jüdischen Städte und Dörfer in Rußland, Polen und Galizien, angesichts der Tausende unschuldig ernwrdeter jüd. Männer uno Frauen beugen wir uns vor dem Genius unseres großen nationalen Dichters und erneuern an seinem Jubiläumstage das Gelübde, die befreiende Lehre, deren Herold er wurde, zu vernehmen und befolgen und dem Ziele, das er uns gewiesen, stets treu zu bleiben, dem Ziele, das da heißt: den Golus verneinen und Zion erbauen! —-m. —n. Versöhnung oder Heuchelei 1 In einigen deutsch-jüdischen Zeitschriften wurde eine Erklärung oes polnischen Komitee und Pressebüro in der Schweiz als Antwort auf den Ausruf des jüdischen Komitee „P r o causa j u d a i c a" veröffentlicht uno — obwohl mit Vorbehalt — als eine neue Epoche in den polnisch jüdischen Beziehungen begrüßt. Ich, als polnischer Juoc, der in Warschau wohnt uno die wirtlichen Zustände fortwährend beobachtet, finde leider nicht, was hier zu begrüßen sei, — denn erstens stimmen die Phrasen der Erklärung mit der Wirtlichkeit durchaus nicht überein, und zweitens enthält die Erklärung an sich nichts Wesentliches. Die Erklärung betont zunächst, oaß es auch den polnischen Interessen entspricht „eine ausschließlich jüdische territoriale und nationale Ein-" heit zu bilden". Wo'? Natürlich nicht in Polen sondern in Palästina, Uganda, Argentinien! Das wissen wir schon seit, lange. Eben die polnischen