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Neue jüdische Presse · 1916-04-07 · Heft 14 (7.4.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 14 (7.4.1916)
Date
1916-04-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦ f ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. ^J?««gsyrtia pr» jliertrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1 .— ^fiet ins Haus. Bei der Post abonniert SO Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr.Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, ' für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— v. Einzel - Nummern kosten 10 Pfg KedaKtion und E-epeditionr Frankfurt a. m. n Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2803. Herausgeber: Kals cheis. .Infertiansprei» für die sünfgefpalkene Petikzeile 25 Pfg.. für dteReklamrzrile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohmmgSinserate, HeiralS- Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der «xped. und ina.Annoncen-Bureaus., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt *. M. unter Nr. 4864. 14. Jahrgang. Freitag, den 4. Ui88»n 5676 (7. April 1916) Rr. 14 Der Weltkrieg im Lichte des Judentums. lTchluß). Also zunächst: Dr. W. ist deutscher Jude, und dies heißt, daß er den Krieg als Deutscher sieht. Damit aber ist es schon gesagt, daß er den Krieg nicht unparteiisch und objektiv sieht; denn als Deutscher ist er ja selbst Partei. Ich betone, daß in dieser Konstatierung auch ,licht der Schimmer eines Vorwurfs oder einer Kritik' liegt; es ist ganz selbstverständlich, daß er in seiner Parteistellung sich als Deutscher empfindet; es ist ganz selbstverständlich, daß ihm der Krieg durch Rußlands blindwütige Eroberungsgier, durch Englands Neid und Scheelsucht ititb durch Frankreichs Rachsucht bestimmt erscheine» muß. Aber so selbstverständlich dies, ist, so hätte er sich doch stets dessen bewußt bleiben müssen, daß er nicht objektiv diesem Kämpfe gcgenübersteht, daß sein objektiv und kritisch urteilender Verstand hier ganz unter der Herrschaft deutsch-patriotischen. Empfindens steht. Und darum hätte er es von vornherein nicht unternehmeir sollen, nicht nur den Krieg überhaupt, nicht nur diesen welthistorischen Kampf in seiner historischen Bedeutung, sondern auch die Gruppierung der ^Kämpfenden vom Standpunkt des Judentums zll ^urteilen. Denn sowie es um diese Beurteilung Echt, ist er ja nicht nur Jude, sondern auch Deutscher, ja, mir will scheinen, vor allem Deutscher. Und als solcher ist er nicht in der Lage, Sprecher und Vertreter. des Judentums zu sein. Dies.Urteil wird noch durch anderes bestärkt. Dr. W. schrieb die Aufsätze, aus denen das Buch besteht, in den ersten Kriegsmonaten, als die erregte leidenschaftliche Stimmung noch alle beherrschte. So wertet er auch die Haltung des Gegners ganz im Geiste jener anfänglichen leidenschaftlich erregten Stimmung. .Heute sind wir doch schon wesentlich kühler geworden; und darum.auch objektiver. Wir sehen heute den Krieg doch schon mehr in seiner großen geschichtlichen Verwurzelung und wenn man so will in seiner geschichtlichen Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit. Wir beginnen zu verstehen, daß hier ein großer weltgeschichtlicher Kampf äusgciragen wird, der früher oder später einmal vielleicht ausgefochteu. werden mußte, und daß man mit französischer Rachsucht, russischer Eroberungsgier und britischem Neid keinesfalls die tieferen Ursachen dieses Krieges erklären kann. Dir Auffassung vom Kriege, die Dr. W. vertritt, ist aber noch ganz die anfängliche, unhistorisch oberflächliche. Und gerade dies läßt die Diskrepanz zwischen seiner leidenschaftlichen gefühlsmäßigen Parteistellung als Deutscher und der Ruhe, .Objektivität.und Würde des Judentums in seiner Ewigkeitsdauer noch umso stärker hervortreten. Ich muß gestehen, daß stellenweise der Gegensatz zwischen diesem aktuellen journalistischen, durch den Augenblick bedingten Standpunkt des mitten im Kriege stehenden deutschen Patrioten und der Ewigkeitswürde und Erhabenheit des Judentums ge-, radezu quälend und peinlich wirkt. Man hat vielfach die Empfindung, daß der große Gesichtspunkt der ewigen jüdischen Ideenwelt an Dinge angelegt wird, die allzusehr , aktuelle Tageserscheinungen sind. Darin scheint mir über diese Einzelfälle hinaus ein .Fehler allgemeiner, wenn man so sagen dars, methodologischer Art zu liegen: daß Dr.. W. glaubt, alle Erscheinungen und Ereignisse dieser Monate im Lichte des Judentums, prüfen zu müssen, statt sich darauf zu beschränken, den Weltkrieg e in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung zu nehmen/und ihn so vom Standpunkte des Judentums zu werten. Die Methode hingegen, die er angewandt hat, alle Einzelheiten unter diesen Gesichtspunkt zu rücken — etipa den Geburtstag des Kaisers oder die Munitionslieferungen Amerikas — bedeutet doch, die großen Ewigkeitswerte des Judentunls zu sehr zu journalistischen Tageszwecken zu gebrauchen, vielleicht darf man sagen zu mißbrauchen. Zu diesem einen Grund Mangel des Buches, der Stellungnahme zum Kriege vom rein deutschen Standpunkt aus, der aber unbedingt als jüdischer erwiesen werden soll, tritt ein anderer: die einseitige Auffassung des Judentums unter dem rein religiösen. Gesichtspunkt. Doch das Judentum ist. weit mehr als eine Religion: cs ist ein ganzes Kultursystem, mehr als dies: es ist eine große typische Art menschlicher Kulturform und Lebensgestaltung. Hätte Herr Dr. W. von diesem Standpunkt die Stellungnahme des Judentums zum Weltkrieg betrachtet, er wäre zu viel grundlegenderen und umfassenderen Resultaten gelangt als zu denen, die er in seinem Buche auseinandersetzt. Es wäre auch daun wohl der manchmal etwas predigerhafte und exegetive Stilvermieden worden^ der stellenweise doch störend wirkt; und ' die ganze Frage hätte dann prinzipieller und entscheidender gestellt und beantwortet werden können, als es. geschehen ist. So, wie das Buch jetzt ist, - ist es der Niederschlag der Stellungnahme eines traditionell gesinnten deutschen Juden zum Kriege; so genommen, verdient es allerdings nicht den Anspruch, den cs auf Grund seines Titels erstreben will: Sprecher und Wortführer des Judentunls schlechthin zu sein und muß sich damit begnügen, repräsentativ und wegweisend für die Stellungnahme der jüdischen Orthodoxie Deutschlands zum Weltkriege zu sein. Dies ist zwar, weniger, aber noch immer recht viel.; und der Wert des Büches, bleibt, auch so gesehen, noch beträchtlich und bedeutsam genug. Rabbiuerverbaud. In der am 21. März zu Berlin tagenden Sitzung des Zentralausschusses des Rabbinerverbandes erstattete Professor Dr. Guttmann-Breslau, der Vorsitzende, einen umfangreichen Geschäftsbericht, an den sich eine kurze Aussprache schloß. Erster Verhandlungsgegenstand war die Militärseelsorge, die Dr. Kopfstein-Beuthen eingehend behandelte. Nachdem er dem Wirken der Feldrabbiner herzliche Worte der Anerkennung gewidmet hatte, besprach er die verschiedenen schwierigen Fragen praktischer Natur, besonders die der Seelsorge durch Lehrer und Kultusbeamte, und forderte die Gleichstellung der jüdischen Religion mit den christlichen Konfessionen. Me interessante Debatte berührte vornehmlich das 'Verhältnis des Verbandes der deutschen Juden zur Militärseelsorge und die Maßregeln, die er selbständig getroffen hätte. Nach, eingehender Aussprache wurde beschlossen, beim Verband der deutschen Juden in dem Sinne zu wirken, das künftig alle Eingaben an Behörden in Angelegenheiten der Militärseelsorge wie der Religion überhaupt auch vom Rabbinerverbande unterschrieben werden; sollen, und daß bei einer zukünftigen Regelung der Frage Lehrer und Kultnsbeamte nur als Stellvertreter der Rabbiner in der Seelsorge änzusehen seien. In der Nachmittagssitzung wurde festgesetzt,, daß die von allen Seiten gewünschte Generalversammlung am Dienstag und Mittwoch den 9. und 10. Mai in Berlin stattftnden solle. Nach längerer Debatte wurden außer dem Rechenschaftsbericht noch folgende Punkte auf die Tagesordnung gesetzt: 1)DiebisherigeAus Übung der Militärseelsorge im Kriege und Anträge über ihre dauernde Regelung, 2) Religionsunterricht an höheren Lehranstalten, 3) Stellung des Rab- \ hiners im Streit um die Ostjuden, 4) Witwen- und Waisenkasse. Andere Punkte wurden vorläufig nicht auf die Tagesordnung gesetzt. Insbesondere war eine Besprechung der Stellung des Rabbiners! in. Krieg und Frieden gewünscht worden, damit — unabhängig von der Organisationsfrage der deutschen Judenheit — eine Aenderung und Besserung baldmöglichst in die Wege geleitet werden könne. Die Versammlung beschloß jedoch, diesen Gegenstand ^nächst durch eine 'Kommission vorberaten ^zu lassen. Zum Schlüsse der Tagung wurde über den Religionsunterricht an höheren Lehranstalten im Anschluß an ein Referat des Rabbiners Dr. Rosenberg-Thorn verhandelt. Die in gemeinsamer Sitzung des Rabbinerverbandes, des Lehrerverbandes und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes festgestellten Thesen wurden mit einer Ausnahme, die dätzs-Jnspellion des Religionsunterrichtes betrifft, angenommen. Stellenverrnittlmrgs- und Verficheruugsverei«. Die Hauptversammlung wurde in Frankfurt a. M. abgehalten. Es lag der Geschäftsbericht vor. Der Krieg zeigt sich in dem auf ein Minimum zurückgegangenen Betrag der Versicherungsbeiträge, dem allerdings auch ein entsprechender Rückgang der ausgezahtten Versicherungssumme entspricht. Dagegen hat die Stellenvermittlung eine ziemlich nachhaltige und erfolgreiche Tätigkeit entfaltet, sodaß 55°/o; der gemeldeten Bewerber untergebracht werden konnten. Gemeldet waren 311 Vakanzen, 241. Bewerber. Das Vermögen des Vereins hat sich im Berichtsjahre auf 35000 Mk. erhöht. Der Bericht weist darauf hin, daßes in dem nach dem Kriege zu erwartenden schweren wirtschaftlichen Ringen erst recht von der höchsten Bedeutung sein werde, die gesetzestreue jüdische Geschäftswelt in dem Verein zusammenzuschließen und dadurch denjenigen, die das Kleinod des Sabbaths auch in die Zukunft hinüberretten wollen, den Kampf ums Dasein nach Möglichkeit zu erleichtern. > In der Diskussion wurde der Wunsch ausgesprochen, die gesetzestreuen Geschäftsinhaber immer wieder darauf hinzuweisen, daß es ihre oberste religiöse Pflicht sei, die eiutretenden Vakanzen schleunigst bei der .Stellenvermittlungszentrale zu melden, damit die gesetzestreu gesinnten Bewerber nicht vor anderen, denen jeder Posten recht ist, zurückgesetzt werden. Die ausscheidenden V o r st a n d s m i t g l i e d e r wurden wiedergewählt.

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