Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1916)
- Date
- 1916-03-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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jy ... Erscheint wöchentlich am Freitag. 'Beiugsprris pr» Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— :'trei mS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei in*? Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch * Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, -J für Rutzland -l Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— 'S Einzel - Nummern kosten 10 Pfg . Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. M rr Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. H>era«sgever: KalU cheis. Jusrrtisn»preis für die fünfgespaltene PetilzeUe 25 Prz., für ' die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender j I Rabatt. Stellen-Nngebote und -Gesuche. WohnungSinferate > Heirat*-Annoncen l5 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrisr ohne Verbindlichkeit. I Unnoncen-Annahme bei der Lxped. und in a.Annonc-n-Bureau*. r Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. I 14 Jahrgang. Freitag, den 19. Mar gcheioi 5676 (24. März 1916) Rr. 12. Jüdische Eindrücke im Felde. - In einem kurzen Ueberblick möchte ich hier einiges von den jüdischen Eindrücken berichten, die ich als Krankenpfleger während eines nunmehr 18 monatigcn Aufenthaltes auf dem lothringischen, nordfranzösischen, ungarischen und serbischcir Kriegsschauplatz sammeln konnte. Ich habe in jüdischer Beziehung deshalb vielleicht etwas mehr gesehen und erlebt als mancher weiter herumgekommene Kamerad, weil ich neben meiner Pflegetätigkeit —• nicht nur meinem eigeneir Herzensbedürfnis, sondern auch einem, sehr dankenswerten Auftrag von hoher amtlicher Stelle folgend — mich auch nach Kräften der Fürsorge für die religiösen Interessen der jüdischen Kameraden widmete, in erster Linie natürlich der in' unserem sehr großen Lazarett liegenden jüdischen Patienten. Meine Unterhaltung mit den Patienten bewegt sich von einem rein nach Religion,' Familie und Heimat orientierten tröstenden Zuspruch bezw. Gebet in den schwersten Füllen bis zu den eingehendsten Erörterungen über geistige, wirtschaftliche und politische, namentlich aber speziell jüdische Angelegenheiten und Zcitfragen, wobei ich die Zukunftsaufgaben der Gesamtjudenheit nach Friedensschluss namentlich gegenüber unseren Brüdern üjt Osten nach Möglichkeit in den Mittelpunkt des Gefpräches rücke. , Ohne den Einfluß des Krieges auf die Hebung bezw. Erweckung des religiösen Gefühls und Interesses und den recht zweifelhaften — höchstens im Sinn des Grundsatzes Mitauch schelau lischmo bo lischmo zu veranschlagendcn —- Wert der .durch „Furcht und Mitleid" .im Krieg erweckteil Religiosität überschätzen zu wollen, darf ich immerhin schon aus meinen Erfahrungen schließen, das; auch ein echtes und innerliches Erwachen oder eine Neubelebung religiösen Interesses iin Feld nicht selten ist, namentlich öfters hervorgerufcn durch Zusammenkunft mit in dieser Richtung günstig wirkendedn Kameraden. Denn ' entschieden noch mehr als der rein religiöse Sinn scheint mir im Feld das jüdisch e Zusammengehörigkeitsgefühl gewachsen zu sein; an dieser sicherlich sehr erfreulichen und viel Gutes für die Zukunft versprechenden . Tatsache hat übrigens überraschenderweise einen verhältnismäßig geringen Anteil das Miterleben und Mitempfinden' des unsäglichen Elends unserer Brüder im Osten, der Zurückgebliebenen wie der Vertriebenen. Zur vollen Wirksamkeit tvird bei unseren jüdischen Kämpfern dieses Moment und hoffentlich dann auch der tatkräftige Wille, materiell und geistig zu Helsen, erst nach Friedensschluß kommen, wenn die unmittelbaren Sorgen und Leiden etwas zurückgetreten sind. . Freilich macht man nicht zu .selten auch die betrübende Beobachtung, daß selbst nicht voreingenommene jüdische Kameraden über die äußere abstoßende Schale und die durch die unsägliche Not hervorgerüfenen Auswüchse bei den in ihren Wohnstätten, zurückgebliebenen östlichen Juden nicht zu dem oft so. sehr verborgenen wertvollen inneren Kern vorzudringen vermögen und so sich dort abgcstoßen statt angezogen fühlen. Hier wird das Aüsklärungswerk wesentlich erst nach Friedensschluß zu betreiben sein. Andererseits kann auch schon jetzt dies zur Unterrichtung unserer jüdischen Kameraden im Felde über diese und andere Gegenwarts-, und Zukunftsfragen geleistet werden durch' Uebersendung von jüdischen Zeitungen, wie dies, schon.teilweise:geschieht.... ... Nicht ganz so lebhaft wie die Nachfrage nach jüdischen Zeitungen, aber immerhin erfreulich groß im Vergleich zu unseren Friedcnsverhältnissen ist die nach der mannigfachen. zur Verfügung stehenden rein religiösen Lektüre und nach Feldgcbetbüchern. Dagegeil scheint nicht nur weiteres jüdisches Wissen, sondern selbst die primitive zum Verständnis der Hauptgebete erforderliche Vertrautheit mit der hebräischen Sprache recht dünn gesät, dünner noch, als' wohl die meisten von uns glaubten. Ein prinzipiell ja nicht damit zu vergleichender, aber immerhin nicht allein im Hinblick auf Feldgvttesdienstc zu bedauernder Mangel ist es ferner, daß so wenige allgemein bekannte synagogale Melodien namentlich den süddeutschen Kameraden vertraut sind. Gegenüber solchen Schattenseiten betont man umso lieber, wie doch gar viel religiöse Gewissenhaftigkeit. draußen anzutreffcn ist, namentlich auch bei vielen einfachen Leuten aus Landgemeinden, wie so mancher täglich seine Gebete vcrichtet, täglich Tefillin legt; und wenn es auch im Feld — nicht nur im Schützengraben sondern auch hinter der Front — begreiflicherweise nur äußerst wenige gibt, die sich vom Tereifoh-Esseil gänzlich ferngehalten haben, so ist doch relativ stattlich die Zahl derer, die nur das Fleisch erlaubter Tiere genießen. Bei der Ankündigung von Fcldgottesdi eu - sten Labe ich bei den höheren Militärbehörden stets nach Tunlichkeit Bewilligung meiner Wünsche gefunden, wie ich auch — was ich besonders .geru hervorhebe — seitens 8er katholischen und evangelischen Feldgeistlichen mich stets des liebeuswürdigsteu Entgegenkommens erfreute. Unter den jüdischen Kameradeik, tciftcn die allermeisten der Einladung zum Gottesdienst gern Folge, auch wenn es eine Schwierigkeit zu überwinden gibt. Neben den Sederfeiern, die uns im vorigen Jahre in nicht großem, aber nur so gemütlicherem Kreise fast fünf Stunden laug vereinten, bildete den Höhepunkt meiner diesbezüglichen Erlebnisse das letzte Neujahrsfest.. Es kamen damals iir einer nordfranzösischeu Provinzstadt über 200 jüdische Kameraden in dem .kleine». Stadttheatcr zusammen, das .der Bürgermeister nach meinen Wünschen hätte Herrichten lassen. Wenn ich schließlich noch über meine Erfahrungen und Erlebnisse bei j ü d i s ch e n E i n z e l - Personen und Gemeinden in den Gegenden, w v wir w e i l t e n, in einigen Worten berichten soll, so befinde ich mich da in wenig erfreulicher Lage. , x Iir Nord frank reich sind die Verhältnisse trostlos. In kleineren und mittleren Städten finden sich meist überhaupt keine Gemeinden, sondern mir vereinzelte Juden, die größtenteils in den letzten Jahrzehnten eingewandert sind und -auch vielfach die französische Staatsangehörigkeit nicht besitzen. Es ist begreiflich, daß diese verstreuten Juden aller jüdischen Institutionen und in sehr hohem Maß auch einer.-jüdischen Lebensführung entbehren und auch — teils aus Gleichgültigkeit teils aus Besorgnis vor übler Auslegung seitens ihrer Mitbürger — nur geringen Gebrauch machten von der ihnen mit gütiger militlärischer Erlaubnis dargebotenen Möglichkeit, an unseren Veranstaltungen teilzunehmen. Aber auch in den größeren Städten, wo jüdische Gemeinden bestehen, scheinen ganz allgemein die Verhältnisserecht schlecht zu liegen. Was für Verhältnisse die Gleichgültigkeit der Mehrzahl der Wohlhabenden in Verbindung mit dcni Trennungsgesetz, zu schassen pflegt, zeigt so recht das Bespiel der „Großgemeindc" Lilli. Auch dort leiden die Leute wenigstens moralisch darunter, daß die Juden in der Bevölkerung als schlechthin deutschfreundlich verschrieen sind, — was keinerlei Grundlage besitzt; im Gegenteil, die Kinder der dort ansässigen russisch-polnischen Einwanderer sind z. T. schon wackere französische Chauvinisten und selbst — Russophilen! Bei der größtenteils streng katholischen Bevölkerung findet nran übrigens bei aller Wneigung gegen Judentum an sich doch ehrlichen Respekt vor konsequerrter und zu Opfern bereiter Religiosität — ganz wie bei unseren katholischen Mitbürgern; die Betreuung und Pflege des Grabes eines in unserem Lazarett gestorbenen jüdischen Kameraden hat mir so eine französische „Madame" aus freien Stücken zugesagt, und auf die Gewissenhaftigkeit der nämlichen Dame in Kaschrus-Angelegenheiten. konnte ich mich nach kurzer Zeit felsenfest verlassen. Leider hat mich der Krieg auch in li tt garn nur in unerfreuliche Verhältnisse hineiublicken lasseir, wie sie im Banat fast die Regel zu bilden scheinen. In religiöser wie nationaler Beziehung sind teils bewußte, teils unbewußte Assimilationsbestrcbungen unverkennbar, und echt jüdische Gastsreunddschaft ist fast der einzige sympathische Zug, den ich in dieser Gegend antraf. Da überdies die hier relativ spärlich vertretene Orthodoxie einen ausgesprochenen ungarischen Charakter trägt, so denke ich mit wenig Freude an rneine jüdischen Eindrücke in Ungarn zurück. Immerhin bot im Gegensatz zu dem judenarmcn Frankreich schon das bloße Vorhandensein einer Gemeinde urrd Synagoge bequeme Gelegenheit zur Abhaltung von Feldgottesdiensten und die Möglichkeit, iin Lazarett Verstorbenen zu einer jüdischen Grabstätte zu verhelfen, was ich irr Frankreich bitter vermißte. Umso Interessanteres erlebte ich in jüdischer Beziehung in dem sonst nicht eben durch angenehme Erinnerungen ausgezeichueteu Serbien. In einem kleinen Stäbchen, das all die Schattenseiten und uns anfangs unglaublich scheinend Unzulänglichkeiten des serbischen Landes im Zustand der Okkupation aufwies, und in dem inr Frieden nur eine einzige jüdische Fmnilie wohnt, traf ich zu meiner großen Freude etwa ein Dutzend spaniolischcr (sephardischer) Familien von meist türkischer Staatsangehörigkeit an, die' ihren Wohnsitz Belgrad seit Kriegsbeginn verlassen hatten und sich unter Mitnahme des Notwendigsten und Wertvollsten — darunter auch vor allem mehrerer Thorarollen — -in jenem Städtchen eine primitive Behausung und Haushaltung gegründet hatten. Dort hatten sie sich auch ein Stübchen als kleine aber trauliche Synagoge eingerichtet, in der täglich morgens und abends Gottesdienst gehalten wurde. Nach der Okkupation beließ die deutsche Kommandantur nicht allcitz jenen. Raum, sondern bewies auch noch das besondere Entgegenkommen, das Haus -in Rücksicht aus die religiösen Zwecke jenes Raumes von Einquartierung freizuhalten. So konnten jene spaniolischen Familien weiter ihre Gottesdienste halten uüd auch sonst leidlich leben, soweit dies eben überhaupt möglich war bei den Zuständen im okkupierten Serbien, wo zunächst weder Nahrungsmittel noch Heizmaterial noch andere Gegenstände des täglichen Bedarfs käuflich zu haben waren. Mit diesen spaniolischen Juden war ich, soweit es die angestrengte Tätigkeit im Lazarett erimtbte, viel zusammen, nahm regelmäßig, an den ganz erheblick) von unserem Ritus ab-