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Neue jüdische Presse · 1916-03-17 · Heft 11 (17.3.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 11 (17.3.1916)
Date
1916-03-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wenige Einzel fragen der neuen politischen Zukunft Deutschlands, die der Krieg herbeiführen soll, haben die deutsche öffentliche Meinung in so hohem Grade beschäftigt wie das Ostjudenproblem. Unmittelbar nach der Eroberung Polens und der Besetzung Warschaus durch, die Zcntralmächte setzte die Diskussion über dieses Problem ein, und bis heute -ist sie noch nicht znm Stillstand gekonnnen, ja, sie hat sich in ihrem Fortgang nur gesteigert und erweitert. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß wir Juden diese Diskussion nur begrüßen können. Einmal dürfen wir hoffen, daß durch eine solche rechtzeitig einsetzende ausgiebige öffentliche Erörterung dieses für das gesamte Judentum so bedeutsamen und folgenschweren Problems das Verständnis des deutschen Volkes und seiner Leiter für die Bedürfnisse und berechtigten Forderungen der Ostjudenheit geweckt und ihre Geneigtheit zur Erfüllung dieser Forderungen gefördert werden wird. Daneben aber ist es schon für uns ein Gewinn, daß in aller Oeffentlichkeit ein wichtiges jüdisches Problem erörtert und besprochen und zwar — was das wichtigste ist — nicht nur als momentanes philantropisches, sondern als historisches, nationales, politisches Problem aufgefaßt und behandelt wird. Damit wird wieder Bresche geschlagen in die alte Politik, die die westeuropäische Oeffentlichkeit jüdischen Fragen gegenüber bisher zu befolgen pflegte, und die auf c!in Totschweigen derselben oder bestenfalls auf ihre Verweisung in die private, bürgerliche Sphäre hinausläuft. Indem die Ostjudenfrage von der deutschen Presse, von deutschen Politikern und Publizisten als ein nationales , politisches Problem des jüdischen Volkes, nicht als das individuelle Problem bürgerlicher Gleichberechtigung des einzelnen Ostjuden,. sondern als das kollektive Problem nationaler Autonomie der Ostjudenheit betrachtet und behandelt wird, wird damit die Existenz -des jüdischen Volkes als einer .gleichberechtigten Nation und seine Bedeutung als politischer Faktor anerkannt. Ganz abgesehen davon, welche Tendenz ' die einzelnen Publikationen zur Ostjudenfragc haben, welchen Standpunkt sic vertreten, , dürfen wir daher von vornherein jede ernste, mit dein Willen zum Verständnis des Problems auftretende neue Veröffentlichung zu diesem Thema begrüßen. Schon von diesem allgemeinen Gesichtspunkte, muß man freudig davon Kenntnis nehmen, daß die „Süddeutschen Monatsheft e" ihr Februarheft den „Ostjuden" gewidmet haben. Ein solches Heft, herausgegeben von einer so angesehenen Zeitschrift und ganz und gar diesem Problem gewidmet, ist geeignet, das Interesse 7 der weitesten Kreise, auch solcher, die bisher achtlos an diesen Dingen vorbeigegangen sind, für die Ostjudenfrage zu erwecken. Durch die Tatsache, daß die Zeitschrift ein ganzes Sonderheft für die Erörterung der Frage * bereitgestellt hat, legte sie Zeugnis ab von der Bedeutung, die sie ihr zuinißt. Und es berührt äußerst sympathisch, daß mit der Anerkennung der Bedeutung der Frage die Redaktion auch von vornherein zugibt, daß sie wie die gesamte deutsche Oeffentlichkeit bislang von der-Existenz dieser Frage, ja von dem.Dasein der pstjüdischen Welt überhaupt nichts geahnt hat. „Wer unbefangen an das Studium der Ostjuden heräntritt" — bemerkt die Redaktion^ im Geleitwort — „dem tut sich eiue Welt auf, - so eigenartig und seltsam wie keine in Europa und wenige in anderen Erdteilen.' Wir hatten keine Ahnung, daß es dicht vor unserer Tür so etwas gibt." Und so will sie denn in ihrein Sonderheft „Material für eiue ruhige Aussprache" über dieses neu entdeckte und. bedeutsame Problem darbieten. Von diesen! Standpunkt und nur von diesem muß das Heft in seinem Werte beurteilt werden. Wer von ihm neue tiefe Einblicke in das innerste Wesen des Ostjudcntums erwartet, wird enttäuscht sein; ja, >ver nur eine tiefbohrende, geistesgeschichtlichc und völkcrpsychologische Darstellung des inneren Charakters, des spezifischen Wesens der ostjüdischen Welt im Hefte finden will, wird es unbefriedigt. aus - der Hand legen. Solches will das Heft nicht bieten, für Kenner des Ostjudentums ist es nicht geschrieben; sondern für die breite deutsche Oeffentlichkeit, die vom Dasein der Ostjudenheit bislang keine Ahnung hatte, der das Ganze völlig neu, fremd und unverständlich erscheint. Diese will das Heft über die Existenz des Ostjudentums aufkläreu und ihr das notwendigste, sozusagen primitivste Material für ein — wenn auch nur oberflächliches — Verständnis ihrer Sonderart vermitteln. Von diesen! Gesichtspunkte das Heft bewertet, wird man ihm zweifellos unbedingtes Lob zollen dürfen. Aufsätze!vie „Geschichte der Juden in Polen" von Kaplun-Kogan, „Der ostjüdische Rabbiner" Aon L. Abramovic, „Die jüdisch-deutsche Sprache" von Heinrich Loewe, „Die wirtschaftliche Lage in Polen" von Julius Hirsch, „Die jüdische Landwirtschaft in Rußland" von I. Turoff, „Die jüdische Kleinstadt und Literatur" von. R. Selignrann, „Zur Psychologie der Ostjudcn" von Nachum Goldmann u. a. sind sehr geeignet, den -deutschen Leser über die wichtigsten Seiten des ostjüdischen Lebens einigermaßen zu informieren und ihm einen gewissen Einblick in diese eigenartige Welt zu verschaffen. Daß die Informationen nur knapp und primitiv sind, der Einblick nur oberflächlich und flüchtig sein kann, ist selbstverständlich. Aber von einer. Publikation, die zum ersten Male ein Publikum, das dem Ganzen durchaus fremd gegenübersteht, von einer so eigenartigen, großen und reichen Kulturwelt, wie es die ostjüdische ist, ' berichten will, mehr zu verlangen, als daß sie die notwendigsten und für den Kenner selbstverständlichen, ja banalen Kenntnisse »ermittelt, wäre unvernünftig und ungerecht. Gerade die Beschränkung des Heftes auf diese elementaren Darstellungen ist ein Vorzug Wäre es mittiefgründigen psychologischen Analysen, mit gedankenreichen geschichtsphilosophischen Betrachtungen, mit abstrackten geistesgeschichtlichen Deduktionen gekommen, es hätte seinen Zweck verfehlt. Der erste Grundsatz aller Pädagogik besteht noch immer darin, daß man das Kind zunächst das ABC lehrt; und die deutsche Oeffentlichkeit muß in puncto Ostjudenfrage noch das ABC lernen. Allein das Heft begnügt sich nicht nur damit,* Kenntnisse und Material zu vermitteln. Hätte es nur dies getan, sein Wert wäre nur halb, ja in gewisser Hinsicht zweifelhaft gewesen. Vergessen wir doch Nicht, daß das Ostjudentum heute für Deutschland nicht in erster Reihe ein Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern ein Objekt politischen Verhaltens darstellt. Für Deutschland wird die ostjüdische Welt zur östjüdischen Frage, und darum darf sich derjenige, der heute zur deutschen Oeffentlichkeit von den Ostjuoen spricht, nicht damit begnügen, nur die tatsächlichen Verhältnisse zu schildern, sondern muß' auch die Richtlinie weisen, die die Haltung Deutschlands diesen Verhältnissen bestimmen solle, lieber die ostjüdische Welt muß er Kenntnisse verbreiten, für die ostjüdische Frage aber muß er eine Antwort und Lösung bieten. - Das Heft der „Süddeutschen Monatshefte" erfüllt auch die zweite Aufgabe und gibt in einer Anzahl von Aufsätzen ein klares und eingehend dargelegtes Programm zur Lösung der Ostjudenfrage. Und hier ist es nun von Wichtigkeit und für alle jene, die für die Ostjudenheit die Wahrung ihrer nationalen Autonomie fordern, so erfreulich, daß das Heft durchaus auf diesem selben Standpunkt steht. Schon der erste einleitende Aufsatz von Adolf Friedemann: „Die Bedeutung der Ostjuden für Deutschland" spricht diese Forderung aus, und ein zweiter Aufsatz von Franz Oppenheimer über „Nationale Autonomie fiir die Ostjuden" begründet dann diese Forderung eingehend und weist die Wege zu deren politischen Verwirklichung. M. I. Bodcnheimer zeigt die Berechtigung und Notlvendigkeit dieses Programms vom Standpunkte der Einwanderungsfrage der Ostjuden nach Deutschland' in einem Aufsätze „Einwandcrungsbeschränkung der Ostjuden", in dem er die Forderungnach solchen Beschränkungen, wie sie manche Politiker aufgestellt haben, zurückweist und widerlegt; und erfreulich ist es auch, daß ein nichtjüdischer Politiker, der bekannte ruthenische Reichstagsabgeordncte Eugen Lewicky, in einem Artikel über „Die Juden in der llkraine" das Programm der nationalen kulturellen Autonomie billigt und warm unterstützt. , Daß zwei Aufsätze über Palästina (Hans Rohde: „Die jüdische Kolonisation Palästinas" und Walter Lewin: „Der Zionismus unter deni Gesichtspunkt türkisch-deutscher Zukunftspolitik") auf den Zusammenhang Hinweisen, der die Ostjudenfrage wie alle jüdischen Diasporafragen mit dem Zionismus verknüpft, sei mit besonderer Genugtuung erwähnt. Eins muß noch, um Mißverständnisse zu beseitigen, gesägt werden: Die politischen Aufsätze des Heftes betrachten die Ostjudenfrage in erster Reche vom Standpunkt der deutschen Politik, und es mag manchen nationaljüdifchen Heißsporn geben, dem es mißfällt. Demgegenüber muß betont werden, daß dies nur selbstverständlich ist. Die „Süddeutschen Monatshefte" sind eine deutsche Zeitschrift, und für sie wie für die deutsche öffentliche Meinung überhaupt ist die Ostjudenfrage nur von Interesse und Bedeutung insofern, als -sie eben die deutschen Interessen berührt. Mit vollem Recht formuliert die Redaktion ihren Standpunkt folgendermaßen: „Unser Standpunkt, aus dem wir ja keinen Hehl machen, ist der, daß wir alles mitnehmen, was dem Deutschen Reiche nützlich ist, und alles 'ablehnen, >vas ihm schadet." Die Schriftsteller, die in dieser Zeitschrift über die Ostjudenfrage schrieben, niußten ganz natürlicherweise — auch wenn sie Zionisten sind — den deutsch-polititischen Standpunkt voranstellen; ganz abgesehen davon, daß die elementarste politische Klugheit dies gebietet, da nur dann irgendwelcher greifgreifbare Erfolg für die Ostjudenheit zu erzielen ist, wenn man Deutschland zeigt, daß die Fürsorge für ihre nationale kulturelle Autonomie eben den deutschen Interessen entspricht. Und im Zusammenhang damit noch ein anderes. Wenn wir hier den politischen Standpunkt des Heftes billigen — und jeder Narionaljude muß ihn billigen —, so heißt das nicht, daß wir

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