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Neue jüdische Presse · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 WMWDMMH SaMHBPBtPm 18m Telephon I, 8630. ' Seifen, Liebte, Kammnnd Bfl'-stenwarcn, Besen etc. Cosmetische Spezialitäten. Was aber hat Gott, gelobt sei Er, gemacht?^ Er hat nrir gegeben ein fein Ohr, — nnd wenn Du sitz't auf Dem' Stuhl und Du redst nur ein Wort zu mir, so hör' ich, wo Du bist, und ich weiß, wo da steht der Tisch und der Pfosten und das Spinde, und wo da ist die Nebenstub' mit den Büchern, und ich kann herumgehen in unserer Wohnung, ganz allein. — Siehst Du, mein Kind, Tein Wort ist mein Licht, aber nit für mein Aug', nur für mein' Fuß. Ich kann Dir sagen, wenn man so sagen darf, wie König David sagt zum ewigen Gott: Ein Licht für mein' Fuß ist Dein Wort!" Händcle empfand aufs tiefste den Sinn dieser Versauslcgung. „Großmntterle", .sagte sie, indem sie den Arm der Großmutter küßte, „Du toürdigst mich mehr, als ich es verdiene, jvemr Du mich so in den Bibelvers hineinstellst. Ich bet' zu Gott, gelobt sei Er, daß ich Dir noch lange Jahre soll dienen können, denn Dein Wort ist Licht für meine Seele." Aber auch Gencndel cnrpfand alles und fühlte den Pfeil der Reue in ihr Herz nur noch tiefer cindringen, je verklärter vor ihren: schnell begeisterten Blick dieses zarte Verhältnis zlvifchen Großmutter und Enkelin stand. Wie konnte sie die Enkelin bedauern, die solcher Großmutter diente, tvie der Großmutter einen Vorwurf machen, die in solcher Weise tanseiwfach die Entbehrung vergütete, die sie dem'Kinde auferlegte. Mit bewegter Stimme rief sie aus: „Malkoh, stärken soll Gott, der Ewige, Eure Kraft, mid stärken soll er Eure Jahre! Ich bitt' Euch, Malkoh, mir nit. zu gedenken, was ich da gesagt Hab' - und mir zu verzeihen, daß ich aufgetan Hab' meine Lippen, zu reden Sund' gegen Eure Ehre. — Ich bitt' Euch tausend .Mal —" , Malkoh saß wieder ^aufrecht und schüttelte das Haupt. „Ich Hab' nit gehört", sagte sie in chrer imponierenden Einsilbigkeit, den Strom der bewegten Bitte Geuendels unterbrechend. „Ihr habt gehört!" rief Gcnendel aus, „so wahr soll Euer Ohr die Gnade haben, zu hören die Posaunen des Messias, es haben meine Lippen geredet Sünd' gegen Euch! Ich bitt' Euch um Verzeihung hunderttausend Mal!" „Ihr bittet zuviel Verzechung", unterbrach sie Malkoh mit leisem Kopfschütteln, und ^mif einem feinen Zug um den Mund fügte sie hinzu: „wir sagen uns doch nit die Freundschaft auf." - Genendel fuhr zusammen, und auch Hmrdele tat diese Härte der Großmutter weh, denn in den wenigen Worten lag eju schneidender Angriff gegen die unermüdlichen Liebesdienste Genepdels bei Leichenbestattungen, wo das übermäßige Vergebungsbitten und Freundschaftskündigen zur Sitte oder Unsitte geworden war. „Großmütterle!" bat Handele mit zarter Stimme, die wie leiser Vorwurf klaug. „Malkoh!" rief Genendel schinerzlich aus, ,,mög' vor Gott, dem Barucherzigen, kommen meine Reue, daß ich Hab' angetastet Eure Ehre!" Die alke Malkoh wußte, wie''beit sic gegangen und verstand es, mit nicht minderer Feinheit zu versöhnen als zu verletzen. „Tut nichts, tut inchts! Gcnendel, red' nit von meiner Ehr", sagte sic mit leisem Verneigen des Hauptes. „Weiß ich denn nit, tvas Ihr tut, >ocnu Ihr kommt zu mir und zu mein' Enkelkind, dem Gott, gelobt sei Er, hat gegeben die Angen, um noch lange Jahr' zu sehen das Licht von dieser Welt, aber sie kann nit tveg und muß sich mühen mit mir, da mir Gott, der Gelobte, zugeschlosscn mein Aug', um es erst zu öffnen in jener Welt, die da voll ist des Lichtes. Mein Kind tut wahrhafte Wohltätigkeit an mir, nnd Ihr, Gcuendel, tut Liebesdienste an uns beiden. Er aber, des' heiliger Name genannt ist über uns, er ist Vergelter rvohltätiger Handlungen und wird Euch Lohn geben für jed' gut' Wort, das Ihr red't zu mir und für jed' hart' Wort, das ich red' zu Euch!" Die seelenfromme Genendel war nicht bloß versöhnt, souder» beglückt durch solche Zurede, die unr so mächtiger wirkte, je seltener von . Malkoh solch' ein direktes Ml. Wlere, Optiker, Liebtrauenstr. 1. Brillen, Pincenez, Operngläser, Feldstecher) in jeder opt-mechan. Spielwaren . J Preislage Eiscn&aiinen, Dampfmaschinen, Laterna-Hagica, Kinematographon etc < AK Iso^^ein^ Zugeständnis .ihrer Härte.! gehötzt wurdt.. Sie kam Mitjener Zeit noch häufiger zu- Malkoh, die von da ab Händelc öfter mit . ins Gespräch hineinzog und der Unterhaltung eine Richtung zu geben wußte, in der das Kind von der Besucherin-alles erfuhr, lvas -im Bereich der Gemeinde vorging und' von der Großmutter alsdann' Bemerkungen hierüber 'aufnahm, die belehrend und verklärend Gedanken der Ewigkeit an den Wechsellauf gewöhnlicher Tagesereignisse knüpfte^ Verharrte auch Händele in gebührendem Schweigen bei der Unterhaltung der Greisinnen, so ward ihr doch von Zeit zu Zeit Gelegenhett geboten, durch ein bescheidenes Wort darzutun, wie sie den frommen Lebens-- mut Äenendels zu würdigen und den tiefen Gedankenzügen der Großmutter zu folgen wußte. Daß Händele auch selbsttätig ihren Gedanken Raum gab, wenn sie mit der Großmutter allein war und ihre Hände sich fleißig am Klöpfelkissen regten, nahm das feine Ohr der alten Malkoh sehr lebendig tvahr," so oft sie dem Takt der Klöpfel horchte, deren regelmäßiger, überschneller oder verlangsamter Flug die Seelenstimmung des jungen Mädchen verriet. (Fortsetzung folgt.) Siegeslichtlekr... Bon Jacob Diamant. (Fortsetzung.) . Ob er dieses liebe, schmutzige Städtchen, diese armen, an ungekünstelter Menschlichkeit reichen Leute noch einmal sehen würde? Ob er überhaupt. . . — — Die Zigarette schmeckte nicht mehr ... Bald lag sie auch auf dem Boden. ...... Wenn er es aber erlebt! Wenn er doch einmal Heimkehr!! Dann ... ja, dann will er ihnen daheim sagen: Diese polnischen Juden, diese so sehr verschrienen polnischen Juden sind ... . '* „Duhier?! . . . Was gibts beim? . . . Hub wie siehst Du aus? . . . Bist wohl allzuschncll gelaufen? ..." T ■ . Awromele keuchte: ' „Ich wollt' eich ... wollt eich noch treffen. . . Ich wollt eich noch dos bringen . . . dos . . . dos . ... nehmt es . . ." Erstaunt sah Jsi drein: „Was soll ich damit?" „Morgen . . . morgen is doch — Chanukah .— un Ihr geht in die Milchomoh (Krieg) . . ." Wovon sprach"ber Junge? Was wollte er? Jsi sann, grübelte ... Aus den dunklen Tiefen kletterte mühsam eine Erinnerung empor. Aus zarter Kindheit . .7r Aus der Schule ... Jsi lächelte verlegen. „Ich danke Dir mein lieber Junge! Aber nu geh' heim; Deine Eltern werden um Dich besorgt sein." Aber der Junge ging nicht. „Geh', geh'. Es wird spät. Auch ivir rücken bald ab. Geh' ..." Awromele erhob sein blasses Gesichtchen. In den großen schwarzen Kinderaugen standen Tränen. „Ich ..." „Nun?" Ich. wollt eich begleiten . . . a bissel uor . . . nor a klein, klein bissel: Ihr geht doch in de Schlacht . . . un . . . un der liebe Gott weiß, ob Ihr noch..." Zwei Tränen kollerten über die blassen Kinderivangen. Was war das? Nein, lächerlich: Jsi schluckte, schluckte . . . War er kein Soldat?! Aber in das starke Soldatenherz kroch wieder jene seltsame Wärme, tief, immer tiefer, — und Jsi wehrte sich nicht. Seine feuchten Augen versenkten sich in die nassen des Knaben: . „Mein lieber, lieber Junge! — Ab^r das geht nicht, Du darfst keinen Schritt mit uns gehen, Du mußt heim . . . Ich, komme bald wieder. Frucht' Dich nicht. Ich fall' noch nicht. Nein, mich, erschlagen sie noch nicht, die elenden Kosaken." - ' „Kosaken!!" ' Bon den,Lippen des Kindes kam der Schrei. Dieses Wort hatte sein Gesicht, sein ganzes Wesen jäh verändert. Der kleine zarte Körper bebte, die Augen wären in Glut getaucht, die Lippen zückten, und heiße, schwere Atemzüge rangen sich mühsam aus der von einem jähen wilden Sturme. aufgewühlten Brust:- . „Ihr sollt sie schlagen, totschlogen ... Ganz tot . sollt Ihr sie schlogen! . . . Alle- .- nlfc!! -.^ Sljr sollt ka einzigen üisch leben lassen/. / Die R'schoiin Nr. 8. I Mfm ÄITaiII.Or KaiSerhorstr. t4 Wuschen,. FSrbanund Fagonnleran aUonAnt Hannenlind OamanhOteu .Abholung und'Lieferung frei'ins Haus/-—-- i . . . die!Mörder! . . . die Teifel!! . . . Sic höben-die Jüden-gepeinigt .geschlagen vI.:'-..geftKoUch'-'He» schlachtet)! . . . Tates. (Väter). . . . un Mames (Muttes) 7 . . . un Kinder! . . .'■»« ./: —" - ' ...■ / Ein Schluchzen schüttelte das arme Kind:- f~. „Un auch mein' Onkel un mein' Tante hoben se ' getöl' . . . mein' lieben Onkel un mein' liebe Tante .X / un . .... un die Roselc . . „ Se hoben ihr was getan ich weiß, nisch wos . . . aber se liegt im Wasser . un me höben ka Rosele nisch mehr Immer heftiger schluchzte der Junge. Plötzlich : Sein,. Gesicht nahm einen schrecklichen Ausdruck an,, die Augeü funkelten unheimlich, und die kleinen Händchen ballten sich zu Fäustchen: „Ihr seid a Jüd . . . a Jüd . . n» Ihr sollt eich nokem sein (rächen) far de Inden. . . Ihr sollt eich nokem sein far mein Onkel ... far mein lieben Onkel ... un far mein liebe Tante ... nn far de liebe Rosele . . . Ihr sollt se schlogen! Ihr sollt se töte»/ de R'schoim, de Mörder; de Jüdenschächter . . . äs se sollen nisth mehr peinigen . . . as se sollen nisch mehr schlogen, nisch mehr schlichten de Jüden . . . Und wieder schluchzte der' schmerzverzer.rtc arme Chederjungc. Jsi >var erschüttert. Seine Augen hafteten an dem tränenübcrströmtcn Kindergesicht. Es war keine leise Wärme nrehr, die in sein Herz kroch. Eine Flamme loderte drinnen! Diese Flamme stieg in seine Augen, in alle seine Glieder. Bor seinem Geiste aber lagen hunderte, tausende meuchlings ermordete, verstümmelte Menschen. Menschen, die nicht auf dem Feldc^ der Ehre als Helden für ein geliebtes Vaterland gefallen, sondern nutzlos, sinnlostierisch-schändlich uieöergenictzxlt wurden. Und diese Menschen — er hatte sie nicht gekannt, sic waren auch keine Deutschen —, aber sie standen ihm doch so. nahe, sie waren seine Verivandten, waren seine Brüder, waren Juden .,. .. lind plötzlich sah er die Stadt in Ostpreußen, wo auch er, der deutsche Soldat, einen Onkel und eine Tante hatte und viele jüdische nnd deutsche Brüder nnd liebe,. gute Freunde! Lebten sie noch? Ein heiliger Zorn packte den tapferen Soldaten. Er knirschte die Zähne. Er vergaß seine Umgebung. Er sah nicht, wie seine Kameraden sich um ihn und den armen Jungen scharrten und gespannt zuhörten. Er merkte auch nicht, tvie sich auf gar manchem Gesicht der Ausdruck tiefster Rührung zeigte. Erst die Stimme seines Leutnants weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Der sagte weich: „Geh' nur nach Haus' lieber Junge: wir zahlen, schon Deinen Feinden heim!" . Dieser stramme Leutnant! Er war sonst nicht senttmental. Stand er doch bereits seit dem 1. August 1914 in Polen und war die bitteren Klagen der Juden dieses Landes nur zu sehr gewöhnt. Er hatte auch selber zu viel gesehen, als daß. cs ihn noch sonderlich hätte beivegen köimen. Aber die heißen. Tränen dieses armen unschuldigen Knaben! . Diese ans dem tiefsten Kinderherzen strömenden Tränen! „Geh nur heim. Junge! Die Teufel bekommen schonihre Makkes!" - Aber der Knabe stand, noch immer da. Seine Augen, hingen an dem Gesichte Isis, das jetzt in dunkles Rot getaucht war: Er, der „Jüd", er hatte ihm . noch nichts gesagt ... Nnd er, der „Jüo", er muß es ihm ja versprechen, daß er sie rächen wird: seinen lieben Onkel und seine liebe Tante und seine Roselc nnd alle die ermordeten Juden ... .> Kommando erscholl: „Borlvärts!" (Schluß folgt.) - . ... OfPenbaeher Druckluft - JLnlag*- Offtnbach t, H. Telefon 123. (Anschluss mitFrankfort). Bew&hrteste T*PPlchrBlnl0nng (100,000 qm jährlich) sowie unQbertroflane Battenu. Bettfedernrelnl- —W, Buna mittelst Druckluft nnd Wnsserdampf. KrmMrmd Literatur. Heinrich Heine, - er deutsche Jude von Max Fischer. 64 Seiten. 80 Mg..Stuttgart.nnd Berlin, I. G. Cotta'sche Bnchhdlg. Nachf. . Ein begabter,' literarisch geschulter Mensch schreibt hier . über. Heine als . deutschen Juden. Nach all' den lang-- . atmigen, wissenschaftlich fein sorgsam bearbeiteten, aber, im Grunde doch-veifehlten Untersuchungen und nach all'

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