Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1916-02-25 · Heft 8 (25.2.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 8 (25.2.1916)
Date
1916-02-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692975-2692983--09354-2704563
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

■ ' Erschein wöcheiilllch am Freitag. OrnlasPrris »ro Zlirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fr« mS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— kinrel. Nummern^kosten 10 Pfg t> —.— ' — •■'■■■ ■ " —«. : V / - . ... KedaKtion und Grpedition: Frankfurt a. ID. rr Langestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Kaly Heis. Jusertianrprri» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für - die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnungsinserate, HeiratS» Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne seden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-BureauS., Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 14. Jahrgang. Freitag, Den 21. Adar rischaun 5676 (25. Februar 1916) Nr. 8. Mendele Macher Sforim.*) (Zu seinem 80. Geburtstag.) Von N a ch u in G o f b m n n u. . . Auf jenen lauglvierigell Umwegen, auf betten gegenwärtig noch eine Verbindung zwischen den kriegführenden Länbcrn möglich ist, gelangte bie Kunde zu uns vom 80. GeburtstageMendele s M o ch e r S f o r i in. Es^^ist begreiflich, baß man in solcher Zeit in Rußland Abstaub genommen hat, dies Jubiläum mit jener Festlichkeit tmd Freude zufeiern, rvie dies unzweifelhaft in „ friedlichen Tagen geschehen wäre; benn Mendele ist bis heute, noch der populärste imb beliebteste aller östjüdischeri Dichter. -Dennoch haben es sich seine Bewunderer in verschiedenen größeren jüdischen Zentren Rußlands nicht nehinctl lassen, trotz Kriegsnot und Kampfeslärut sich in Versammlungen zu Ehren des Jubilars zusarnnlenzufinben. Und auch in Dentschlanb darf uns die Not der Zeit nicht davon abhalten, an solchem Jubilänmstage des greisen Dichters tvicdcr zu gedenken und eine Weile ihm ttnd seinem Schaffen 511 widmen. Es ist eine eigenartige Fügung, daß Mendele gerade in biesen Kriegsmonaten sein 80. Lebensjahr beginnt und damit über die Schwelle jenes Greisenaltcrs tritt, das ihn schon halb der Gegenivart entführt und ihn nur mehr zurückschauend, in Distanz, das Leben und die Menschen um ihn betrachten läßt. Dieser Krieg bedeutet nämlich so etwas wie den letzten Todesstoß, der jene Welt vollends in -Trümmer stürzen läßt, deren Darstellung und Verewigung Mendeles Schaffen und Mendeles Bedeutung ausmacht. Es ist die Welt jener 0 st - j'üd i s ch e n Kleinstadt i m russischen A n - s i e d.el n n g s r a y o n, wie , sic bis zur Mitte des. vorigen Jahrhunderts noch völlig unbeschädigt .existierte und den eigentlichen Schauplatz des. ostjüdischen Lebens in seinen charakteristischen Erscheinungsformen bildete, bis sie, vom Ansturm der modernen großstädtischen industriellen Entwickelung getroffen, langsam sich zu zerbröckeln begann und dusch diesen Krieg, der — ,vie wir hoffen — dem Ansiedelungrayon ein Ende-bereiten wird, vollends zertrümmert werden wird. Diese jüdische Kleinstadt mit ihrer haltlosen ökonomischen Struktur, in der alle , von nichts lebten,, dieses spezifische Milieu des. „Lustmenschen", deren stärkste ökonomische Stütze das unbedingte Gottvertraucn ist und deren einzige Gewißheit dafür, daß sie morgen nicht . verhungern werden,. die Tatsache bildet, daß sic gestern und vorgestern auch nicht verhungert sind; diese jüdische Kleinstadt, die noch kulturell und geistig' in ^strengem Abschluß von der nichtjüdischen Umwelt lebte und in sich die vollständige, reiche und große jüdische 'Eigenwelt der Thora und des Talmuds " barg; diese jüdische Kleinstadt ist "das Objekt, das einzige Objekt von Mendeles Schaffen, und er hat sie mit einer solchen Kunst der Schilde- ' derung dargestellt, daß sie in seinem Werke verewigt - ist. Mit Recht hat der treffliche hebräische Kritiker itttb Feuilletonist David Frischmann bemerkt, daß, wenn heute der jüdische Ansiedelungsrayon durch ein Erdbeben zerstört und nach Jahrhunderten einer die Werke Mendeles finden würde, er sich ans ihnen ein vollständiges und . .; *.) Salomo» Jacob Abramowitsch wurde 1836 z« .- Kopyl (Litauen) geboren. Er jvidmete sich dem Lehrerberufe. Schon -früh zeigte sich, seine dichterische. und schriftstellerische Begabung. Durch seine Novellen' wurde er einer " der volkstümlichsten Schriftsteller der östlichen Judenheit. Wir nennen von seinen Novellen „Väter und Söhne (1868), )/vie Kliatsche" (1873), „Fischte der Krummer" und ,Münschfingerl". genaues Bild voll dem jüdischen Leben im Rayon machen, er sich die ganze Welt der jüdischen Kleinstadt wieder im Geiste äufbauen könnte. Denn in Mendeles Darstellung fehlt nichts. Er schildert dir Stadt ebenso wie ihre Bewohner, die Tiere, .die sich uns dem Markt herumtrciben, ebenso wie die Menschen, die auf ihm herumlaufen; er verweilt bei der Schilderung der Kleidung seiner Helden mit derselben Liebe wie bei der Darstellung ihres Seelenlebens, es gibt keinecharakteristischen Gebäude, keine Bewegung, keinen bezeichnenden Ausdruck, keine noch so geringfügige Eigenart dieser jüdischen Klcinstadtmenschen, die er nicht beobachtet und dargestellt hätte. Er gehört darin zur Kategorie jener ganz großen Menschendarsteller, für deren Kunst nichts zu geringfügig und unwichtig ist; nur Dilettanten und kleine Talente unterscheiden ständig zwischen Wichtigem und llnwichtigern, zwischen Haupt- und Nebensache bei der Wahl ihrer Objekte; von der wahrhaft hohen künstlerischen Warte gesehen, .ist all solche Scheidung hinfällig; im Sinne der Ewigkeit ist das Größte nichtig und das Kleinste ewig. Allein damit ist noch nicht der tiefste Grund ausgewiesen, der Mendele zu dieser unvergleichlichen Darstellluigskunst befähigt hat, die ganze reiche Welt der ostjüdischen Kleinstadt in all ihren Erscheinungsformen und Eigenarten festzuhalten und künstlerisch ,)>t verewigen. Dieser Grund ncht in der Tatsache, daß er diese Welt von innen heraus schildert. Er ist darin so verschieden von fast allen modernen westeuropäischen Erzählern, die ihre Objekte von außen heraus därstellen, die zn ihnen stets in Distanz stehen, und deren Darstellung darum eigentlich nie ganz objektiv und sachlich sein kann, weil der Außenstehende jedes Ding, das er betrachtet, zugleich auch mit allen anderen Dingen, die er von seinem Standpunkt wahrnimmt, vergleicht; weil alle Beobachtung von außen her notgedrungen auch Kritik und Bewertung einschlicßti Nur der von innen heraus Darstellende vermag objektiv zu sein; weil er, der ganz innerhalb der Welt seiner Objefte eingeschlossen 1 ist, gar nichts anderes außerhalb derselben sieht und ihm so jeder Maßstab des Vergleiches, jede Möglichkeit der Kritik fehlt. Er schildert die Dinge, die er sieht, mit einer Selbstverständlichkeit, als könnten sie gar nicht anders sein, als gäbe es gar nichts anderes außer ihnen. Solche Darst.ellnngskunst — die naive im höchsten' Sinne dieses.Wortes — ist die Mendeles. , Er ist nicht nur der Schilderer der ostjüdischen Kleinstadt, er ist als Schilderer der ostjüdische Kleinstadtmensch selbst. Er stellt sie nicht so dar, als ob es in dieser großen reichen Welt auch eine jüdische Kleinstadt gäbe, sondern w, als ob außer ihr gar nichts anderes mehr existierte. Bei fast allen anderen Künstlern fällt der Horizont ihrer Kunst mit dem ihres..Darstellungsobjekts nie zusammen; jener pflegt viel weiter, umfassender zu. sein als dieser. Bei Mendele sind sie identisch. Form und Inhalt seines Schaffens decken sich; seine Fähigkeit reicht ebensoweit wie sein Objekt; an der Grenze der ostjüdischen Kleinstadt ruhen auch die Schranken seiner .Begabung. Als er einmal versucht hat, einen mordernen jüdischen Intelligenzler darzustellen, einen, der aus dieser Welt der jüdischen Kleinstadt herausgekommcn ist, einen Typus des Uebergangsprozesses von dieser Ghettowelt zur europäischen Kultur, da versagte seine Kunst ganz- und gar und blieb, in-Rhetorik stecken. ’ Daher kommt es auch, daß die Form seiner Darstellung ihrem Inhalt so adäquat ist. Bei jedem anderen Künstler ist die Form viel allgemeiner als der Inhalt. Mit Hilfe derselben Form vermag er viele Inhalte darzustellen. Nehmt irgend einen Roman eines modernen Erzählers; und ihr erkennt sogleich, daß im Verhältnis zur Form, zum Stil der Erzählungskunst des Dichters der dargestellie Inhalt eigentlich willkürlich gewählt ist. Ebensogut hätte der Dichter auch einen anderen Jnhalr wählen, ein anderes Milien darstellen können; und im Gesamtwerke eines jeden modernen Erzählers finden sich denn auch eine ganze Anzahl verschiedener Sphären und Typen, die er dargeftellt hat. Bei Mendele ist es ganz anders. Für die Form seiner Erzählerkunst gibt es nur eineil Inhalt: eben der, den er dargestellt, die ostjüdische Kleinstadt. Für jHen anderen Inhalt ist seine Form, seine Eigenart unzureichend; für diesen aber ist sie die schlechthin unvergleichliche und nnübertrefsbare. Und so findet man bei ihm dieses Einzigartige: daß schon in der Art seiner Darstellung die tiefste Eigenart der Welt, die er schildert, erithalten ist. Wer sich nur in den Stil Mendeles vertieft, ohne weiter auf den Inhalt der Erzählung zu achten, wird schon das tiefste Wesen dieses jüdischen Kleinstadtmilieus erahnen können. Die ganze Art und Weise des Beträchtens, des Denkens, der Reaktion auf die Erscheinungen des Lebens, die ganze. Einstellung des Blickes und Gehirnes in Mendeles Kunst ist eben die seines Helden. Der Dichter verschwindet darum hier vollständig hinter seinen Objekten. Wie schon sein Pseudonym „Mendele der Bücherverkäufer" — ein spezifischer Typus dieser jüdischen Klcinstadtwelt — es andcutet, schildert hier nicht irgend ein Autor ein beobachtetes Milieu, sondern man glaubt stets, einer von diesem Milien selbst schildert und erzählt da, mehr, das Milien selbst erzähle. Mendeles Werk ist gewissermaßen der „Ichroman" der ostjüdischen Kleinstadt, in dem diese selbst von ihrem Leben und ihrem Wesen berichtet. Daher die starke Einseitigkeir seiner Begabung, die eigentlich nur für das eine Objekt hinreicht. Daher aber auch die unerhörte Kraft dieser Begabung, die eben nur da denkbar ist, wo Forni und Inhalt sich so restlos decken wie hier. Der Kunst, mit der Mendele die jüdische Kleinstadtwelt dargeftellt hat, sind in der gesamten Weltliteratur nur gezählte Beispiele zur Seite zu stellen. Sie ist groß bis zum Elementaren; so groß, daß sie über das eigentlich Künstlerische hinauswächst und schon Natur wird; so groß, daß von Literatur und literarischer Bewertung noch kaum die Rede sein kann. Sie ist in ihrer '.Hit schlechthin vollkommen; vollkommen und unüberlrefsbar, wie das wahrhaft Naturhaftc es stets ist. -' In dieser Eigenart seiner Größe ruhen aber, auch die Bedingungen seiner Wurzel, sofern niair überhaupt von solchen sprechen kann, richtiger gesagt: die Bedingungen seiner Begrenztheit. Von welch hohem Werte auch diese Schilderung von innen heraus, die die Eigenart imb Größe der Kunst Mendeles charakterisiert, für die Darstellung selbst ist, für ihre letzte und tiefste künstlerische Bedeutung ist sie von Nachteil: sie nimmt dem Künstler die Beziehung zum Altgemeinen, Ewigen, schlechthin Menchlichcn. Und letzten Endes soll ja alle Kunst eben auf diese Beziehung hin ausmüuden, letzte» Eudes beruht ja der tiefste Sinn alles .Künstlerischen darin, daß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.