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Neue jüdische Presse · 1916-02-18 · Heft 7 (18.2.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 7 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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♦:i ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. , Henwsprei» vr» Miertrtjahr: In Frankfurt a. M. Mk. l.— inS Haus. Bei 'der Post abonniert SV Pfg-,' frei inS HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch? Ktrerfband für Deutschland und Oesterreich »Ungarn Mt. 1.50,, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mt. 2.—;; s ’ kinzel Nummern tosten 10 Pfg Kedatztion und EXpeditüm: Frankfurt ». M. rr Langeftr. 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903. ^epausgevep; Kal- $tif. Infrrti»n»Prri» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Rellamezeile Mk. t.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Sngebote und -Besuche, WohnungSinfrrate, HeiratS - Annoncen 15 Pfg. die sechSgespaltene Petüzeile ohne jeden Rabatt. Platz.'und Datum-Dorschrist ohne Verbindlichkeit. Unnoncen-Ännahme bei der Sxped. und MaLlnnoncewSureauS. , Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4354. 14. Jahrgaug. Freitag, den 14. Aüar rischaun 5676 (18. Februar 1916) Nr. 7. Zur jüdische» Schulfrage iu Polen. Seit den ersten Tagen der Okkupation Polens durch deutsche Truppen und die Einrichtung des Gouvernements Marschau konnte man den aufrichtigen Willen der deutschen Verwaltung erkennen, die völlige Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung neben der polnischen durchzuführen und den Bedürfnissen und Forderungen derselben entgegenzukommen. Alk dies aber betraf zunächst die. allgemein politisch-bürgerliche Stellung der Juden, und zweifelnd durste man fragen, ob die Verwaltungsbehörden auch ebensolches Verständnis und: Entgegenkommen für die national-kulturellen Forderungen der polnischen Judenheit bekunden, ob sie diese in ihrer nationalen Sonderheit anerkennen und sicherstellen würden. Und zumal als die bekannte Schulverordnung für Polen erschien, die für die Mischen Schulen das Deutsche als Unterrichtssprache bestinunte, da mußte ipan doch bei aller Genugtuung darüber, daß die Juden nicht den Polen zugezählt, sondern scharf von ihnen ^unterschieden wurden, die Befürchtung, hegen, daß man vielleicht damit .nun vom Regen in die Traufe gekommen sei, und nun, da die Gefahr einer gewaltsamen Polonisierüng beseitigt sei, vielleicht die einer Germanisierung herannahe. Allein die Nachrichten, die betreffs der Gestaltung des jüdischen Schulwesens aus Polen cintrafen, machten bald die Befürchtung zunichte, denn sie besagten übereinstimmend, daß alles beim alten geblieben sei und die jüdischen Schulen in jiddischer Sprache wie vordem unterrichteten. Nunmehr liegt auch eine offizielle K u,n dehung der pe u t s ch c n Verwaltung vor, in der die Beibehaltung der jüdischdeutsch c n U n t e r r i ch t s s p r a ch e i n u n z w e idcutiger Weise als dem Willen der Behö r d e ent sprechend erklärt wird, sodaß man iü' der Beibehaltung der bisherigen Verhältnisse Nicht etwa die stillschweigende Duldung eines Zustandes, den zu ändern jetzt die Lehrkräfte fehlen, erblicken muß, sondern die gewollte und wohl überlegte offizielle Anerkennung des Jüdisch-Deutschen als die-Bolkssprache der jüdischen Massen seitens der deutschen Verwaltung. Die Kundgebung erfolgte seitens des Warschauer Polizeipräsidiums. Am 30. Sept. 1915 hatte der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Warschau, dep sich bekanntlich in seiner Majorität aus den radikalsten" Assimilanten zusammensetzt, eine Eingabe an das. Polizeipräsidium gemacht, . in der. er um. die Einführung des Polnischen als Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen bat. In der-Antwort des Polizeipräsidiums wird nun zunächst zugestanden, daß „eine gewisse^ Schicht unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung sich sprachlich ünd kulturell in bedeutendem Maße den Polen assimilierte; um den Kindern derjenigen jüdischen Familien, bei denen zu Hause nicht Jargon, sondern polnisch gesprochen wird, den Unterricht in. ihrer Muttersprache zu ermöglichen, .wird weiterhin der Gebrauch der polnischen Unterrichtssprache in Denjenigen jüdischen Schulen Warschaus gestattet, , in denen diese noch vor der Verlautbarung der erwähnten (Schul-) Verordnung eingeführt war. Diese Schulen werden im Sinne der Verordnung als polnische Schulen betrachtet werden."- Und nun fährt. die 'Erklärung des PplizÄpriisidiüms fort: „Das Verlangen nach Volksschulen für die polnischsprechenden jüdischen Kinder ist jedoch durch . die schon bestehenden jüdischen Schulen mit polnischer Unterrichtssprache in hohem Maße befriedigt, zumal die höhere jüdische Schicht die Kinder nicht in die Volksschule schickt. Andererseits mangelt es stark an jüdischen Schulen überhaupt. Die Sch u lverwaltung wird dafür sorgen, daß die städtische Verwaltung eine größere Anzahl jüdischer Schulen mit der Unterrichtssprache im Jargon, folglich im deutschen Dialekte, eröffne. Dies ist unumgänglich nötig, da die Muttersprache der Mehrheit der jüdischen Kinder der Jargon ist. Dadurch wird die Verwaltung die Wünsche der breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung berücksichtigt haben. . . Auch muß während der Okkupation dem ent gegen gewirkt werden, daß in nationaler'Hinsich t irgend eine Beeinflussung der jüdischen Bevölkerung, die zum größeren Teile sprachlich und k u l t u r e l l n i.ch t p olnis ch ist, ansgeübt werd :." . In dieser Kundgebung des Warschauer Polizeipräsidiums ist mit aller Deutlichkeit die Anerkennung des national-kulturellen Sondercharakters der polnischen Judenheit ausgesprochen und das Jüdisch-Deutsche iit, offizieller Weise als die natürliche und notwendige Unterrichtssprache der jüdischen Volksschulen erklärt. Daß es für jene Schicht der Assimilanten, deren Kinder zu Hause nurpolnisch sprechen, Schulen mit polnischer Unterrichtssprache geben soll, wird man auch vom nationalen Standpunkt nur billigen können. Bedeutsam und gerecht aber ist es, daß diese Schulen den polnischen zugezählt werden, womit in offizieller-Weise die Scheidelinie zwischen dieser kleinen Schicht der Assimilanten und der großen jüdischen Masse gezogen wird. Ueberaus wichtig und erfreulich ist es ferner, daß das Polizeipräsidium' mitteilt, die städtische Verioaltung iverde veranlaßt werden, „eine größere Anzahl jüdischer Schulen mit der Unterrichtssprache im Jargon" zu eröffnen. Bisher lehnte ja'bekanntlich die polnische Stadtverwaltung es stets ab, jüdische Schulen auszuhalten, trotzdem ein großer Teil ihrer Einnahmen aus den Steuern der jüdischen Bevölkerung besteht. Dieser ungerechten Vergewaltigung der jüdischew ' Steuerzahler wird nun ein Ende gemacht und die polnische Stadtverwaltung gezwungen werden; in gleicher Weise jüdische wie polnische Schulen auszuhalten. So stellt die Erklärung des Warschauer Polizeipräsidiums eine überaus erfreuliche und bedeutsame Kundgebung der deutschen Verwaltung in Polen dar. Nimmt man noch die vor kurzem erfolgte Berufung mehrerer orthodoxer Rabbiner und . Lehrer Deutschlands zwecks der Reorganisation desChedorim hinzu (es sind dies die Herren Rabbiner - Dr. Pinchas Cohn-Ansbach, Dr. Carlebach-Cöln, Dr. Biberfeld und Dr. Mayer Munk-Berlin), so tritt aus all dem der deutliche Wille. der deutschen Behörden zutage, die nationalen Forderungen der polnischen Judenheit anzuerkennen und sie vor jeder- Vergewaltigung seitens der Polen zu schützen. Man darf darin eine sehr erfreuliche Aussicht für die Zukunft der polnischen Judenheit und die ersten Anzeichen einer neuen glücklichen Epoche ihrer Entwicklung erblicken. Unsere Hoffnungen auf das amerikauische Juveutum. Der vierte Teil des jüdischen' Volkes lebt heute in Amerika. Die Zahl der Juden, die außerdem in vom Weltkrieg verschonten Gebieten wohnt, ist so gering, daß naturgemäß die Angen des jüdi-- schen Europas ans das jüdische Amerika gerichtet sind. Man weiß das drüben sehr wohl und sucht durch eine rege Hilfstätigkeit und die Bo bereitunq eines jüdischen Kongresses seiner gegenwärtigen Bedeutung zu entsprechen. W.lche Hoffnungen dürfen wir aber auf das amerikanische Judentum setzen? Die jüdischen Zustände drüben sind geradezu trostlos. Man vergegenwärtige sich nur: es gibt in New. Uork wohl nahezu eine Viertel Million jüdischer Kinder im schulpflichtigen Alter, — jedoch nicht mehr als etwa 60000 von ihnen genießen einen jüdischen Unterricht, — und bei der Mehrzahl dieser 60000 wiederum ist die Unterweisung in der jüdischen Religion und in der hebräischen Sprache so oberflächlich, daß wenige Jahre nach dem Schulbesuch das meiste dann wieder vergessen ist- Die Tretmühle des Lebenskampfes vernichtet in Amerika schneller und kräftiger als sonst irgendwo in der Welt den Sinn für eine ideale Auffassung des Lebenszweckes. — Eine höher gewertete Auffassung des menschlichen Daseins bildet aber die Grundlage für das Bestehen des Judentums. Wir blicken im deutschen Judentum bereits auf mehr als hundert Jahre fortgesetzter Abbröckelung zurück, und die meisten der deutschen Juden sind heute ohne ausgesprochene jüdische Interessen, und dennoch ist es einem jeden deutschen Juden ganz selbstverständlich, daß feine Kinder etwas von der jüdischen Religion lernen müssen. Die jüdische Masse Amerikas ist in den letzten drei Jahrzehnten aus dem jüdischen Milieu Osteuropas eingewandert; die Väter der heutigen jüdischen Schulkinder Amerikas haben ihre Jugend noch in einem Elternhause verlebt, in dem das Judentum die großen und die kleinen Sorgen des Lebens beherrschte, — und trotzdem, gemessen an den New Yorker Verhältnissen, die Tatsache, daß von vier jüdischen Schulkindern drei nicht einmal mehr als letztes vom Judentumeinen jüdischen Religionsunterricht genießen. Welch andere Schlußfolgerung kann man da ziehen als die, daß die überwältigende Mehrheit der Juden Amerikas jeden Willen zum Judentum eingebüßt hat! Vielleicht durchlebt das amerikanische Judentuin jetzt eine entscheidende Zeit. Noch heute könnte es einigen Männern oder vielleicht sogar nur einem Männe von hervorragendem Persönlichkeitswerte gelingen, in hunderttausenden von Vätern und Müttern ihre Jugendeindrücke wieder lebendig werden zu lassen und sie so zur Selbstbesinnung ihres jüdischen Jchs zu bringen. Hiervon hängst die züKnftige Gestaltung des amerikanischen Juden-" tums und damit, das, was wir Juden Europas von den Juden Amerikas zu erwarten haben, ab. Ob eine Million Dollar mehr oder weniger zur Hilfeleistung herübergeschickt werden, — man hat sich bisher nicht allzusehr angestrengt —, oder ob der jüdische Kongreß wirklich die Gesamtvertretung des amerikanischen Judentums und als solche eine gewaltige Willenskundgebung der Welt gegenüber darstellen wird, all dies ist. wohl für oje äußere jüdische Lage von Bedeutung, aber für

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