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Neue jüdische Presse · 1916-02-11 · Heft 6 (11.2.1916) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
14 (1916)
Issue
Heft 6 (11.2.1916)
Date
1916-02-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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; .. ~~ 1 ■■.---=^ Erscheint wöchentlich am Freitag. Srr»S»prris pr» Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frer inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei in» HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg Redaktion und Expedition: FraiiKfurt a« II). n Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2803. t •rwr^ Y ▼ » Jusertianspre» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, WohnungSinserate, HeiratS-Annoncen 15 Pfg. die fechsgefpaltme Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Borfchrift ohne Verbindlichkeit. Annonccn-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureau». Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 48S4. 14, Jahrgang. Freitag, den 7. Adar rischaun 5676 (11. Februar 1916) Nr. 6. Der Zionismus im Kriege. ui. Wir sprachen in. den beiden vorangegangcgen Aufsätzen von der Wirkung, die der Krieg lauf die zionistische Theorie, auf die Bestrebungen ,'t ittttb Ideale des Zionismus ausgeübt hat, sowie '■ über die Gestaltung der zionistischen Politik im Kriege. Wir wollen nunmehr abschließend einen Blick auf die Aufgaben werfen, die er beim k o m- ' menden Frieden'' zu erfiillcn haben wird. Daß die zionistische Bewegung bei. diesein Friedensschlüß nicht passiv, untätig, unbeinerkt zur Seite bleiben darf, darüber kann wohl kein Zweifel herrschen. Der Zeitpunkt, an' dem die Verteilung der politischen Machtverhältnisse der Welt vorgenommen werden wird, ist von zu großer weltgeschichtlicher Bedeutung, als daß der Zionismus als der politische Repräsentant des nationalen jüdischen Volkswillens ihn ungenutzt vorübergehen ilassen dürfte. - Sämtliche großen wie kleinen Nationen bereiten sich schon .vor, ihre Ansprüche bei der kommenden Neuverteilung der Erde an- , zumelden; welchen Wert hätte die gesamte nationaljüdische Bewegung der letzten Jahrzehnte, welchen Sinn hätte der ganze nationale Regenerations- Prozeß des jüdischen Volkes in unseren Tagen, wenn unser Volk auch jetzt das einzige sein sollte, das anspruchslos, zu feig znm Fordern und zu scheu zur Beschwerde, im ungesehenen Versteck bliebe? So wird die erste und vornehmste Aufgabe des Zionismus die sein müssen, die Aufmerksamkeit aller Völker und Länder auf die Judenfrage zu lenken. Zunächst muß das durch die Beeinflussung der öffentlich e n M e i n u n g aller Länder geschehen. Von manchen Seiten wird gegen die Leitung der zionistischen Bewegung der Vorwurf erhoben, sie tue zu wenig oder gar nichts in dieser Richtung, sie unterlasse es, schon jetzt durch Kundgebungen, Schriften, Memoranden die Welt über die Leiden des jüdischen Volkes, über das Unerträgliche seiner Lage und die Berechtigung und Notwendigkeit seiner nationalen Forderungen aufzuklären. Wir müssen gestehen, daß ein gewisses Maß von Berechtigung in dieser Kritik enthalten ist, daß iu der Tat vielleicht zu wenig geschieht, um die Aufmerksamkeit Europas auf die Lage des jüdischen Volkes und seine nationalen Ideale zu lenken, wenn wir auch keinesfalls die großen Schwierigkeiten solcher Aufklärungsarbeit mitten im Kriege verkennen wollen.. Aber mag man auch, für die Dauer des Krieges selbst die reservierte Haltung! der Leitung auch in der politischen Propagierungstätigkeit in den verschiedenen Ländern — hinsichtlich der rein politischen Arbeit ist diese Haltung nur anzuerkemten und zu loben — für richtig halten oder Kritik daran üben, daß sie mit der Einstellung-der Feindseligkeiten und dem Beginn der Friedensverhandlungen ihr^nde finden muß, ist klar. Es wird dann sofort eine Propaganda- und Aufklärungstätigkeit großen'Stiles einsetzen müssen, die die Judenfrage dem Interesse der öffentlichen Meinung, aller Länder näherbrin- I. gen und überall Verständnis und Sympathie für - die zionistischen Bestrebungen wecken soll. > Weitaus schwieriger, komplizierter und proble- 1 .matischer ist die nächste große Aufgabe, vorderen Erfüllung der Zionismus beim Friedensschluß | stehen wird, und die die eigentlich entscheidende Aufgabe ist- Diese Aufgabe muß darin bestehen,, über die allgemeine Aufklärungsarbeit hinaus, die sich an die öffentliche Meinung lvenden wird, auch bei den politisch entscheidenden und bestimmenden Kreisen und Faktoren Sinn und Verständnis für die nationalen Forderungen des jüdischen V olkes zu wecke n. Hier erheben sich gleich zu Beginn eine Anzahl von Schwierigkeiten der verschiedensten Art. Zunächst die innerjüdischen. Kann der Zionismus es auf sich nehmen, als Vertreter des jüdischen Volkswillens aufzutretcn und wird er sich nicht den Vorwurf gefallen lassen müssen, er maße sich solche Vertretung nur an? Und wenn er nur im eigenen Namen spricht, wird er als Wortführer von 120000 Schekelzahlern die nötige Beachtung finden? Dies aber scheint uns unwahrscheinlich, daß es gelingen wird, während der Friedensverhandlungen eine, neue Vertretung des gesamten jüdischen Volkes zu schaffen. Die zionistische Leitung wird es wohl kaum vermögen. Wir wollen jetzt nicht die Frage untersuchen, ob es bei einer anderen zionistischen Politik den anderen jüdischen Organisationen in Westeuropa und den bedeutsamsten Strömungen des jüdischen Volkslebens in Osteuropa gegenüber dem Zionismus heute nicht möglich gewesen wäre, eine solche Gesamtvertretung des Volkes zustande zu bringen. Wie die Dinge gegenwärtig liegen, ist solches kaum zu erhoffen, und der Gedanke des alljüdischen Kongresses, der das amerikanische Judentum in letzter Zeit so heftig entzweit hat, scheint uns auch noch keineswegs seiner Verwirklichung gewiß zu sein. Hinzu tritt ferner die schwierige Frage, äuf welcher programmatischen. Basis solch eine gesamtjüdische Vertretung zu schaffen wäre, ob eine solche Basis überhaupt zu finden ist. Die Forderung der bürgerlichen Gleichberechtigung ist — bei aller Bedeutung, die ihr zukommt — doch zu wenig, zu selbstverständlich und minimal, uw den alleinigen Inhalt eines solchen Progranuns bilden zu können, mit dem wir vor die Völker Europas treten und unsere Rechte als Volk beanspruchen könnten. Kaum rührt man aber an die nationalen Forderungen, da beginnt ja schon die innere Spaltung, und ein erheblicher und einflußreicher Teil der jüdischen Organisation scheidet sofort aus, Änd zu all diesen inneren.Schwierigkeiten gesellen sich noch die mannigfachen allgemein politischen hinzu. Wird man unsere Vertretung überhaupt hören wollen? Wird nicht Rußland, werden nicht seine Verbündeten dagegen sein, wohl wissend, daß unsere berechtigten Klagen sich gegen das Zarenreich richten müßten? Und wenn wir von unseren Hoffnungen und Bestrebungen in Palästina sprechen wollen, wird nicht die Türkei, werden nicht ihre Bundesgenossen es uns verwehren, das Ganze als innertürkische Angelegenheit erllärend? Wohin man sieht, Schwierigkeiten der verschiedensten und gewichtigsten Art. Und trotz alledem: es muß gewagt werden. Wir werden versuchen müssen, uns bei der Friedenskonferenz, die über das politische Schicksal der Welt, die über die Geschicke der Heilten Nationen entscheiden wird. Gehör zu schaffen; wir werden alles daransetzen müssen, um wenigstens nicht übersehen und vergessen zu werden. Wird man gegen unsere Klagen, gegen unsere Forderungen taub bleiben, nun, gegen übermächtige Gewalt und brutale Willkür ist auch der Gerechteste machtlos. Aber wir werden dann wenigstens unsere historische nationale,Pflicht, die der Augenblick. fordert, erfüllt haben, und man wird nicht mehr sagen dürfen, daß an dem Orte und zu der Zeit, da die politischen Geschicke aller Nationen bestimmt wurden,' das Judenvolk gefehlt habe. Unsere Forderungerr-vor die Friedenskonferenz zu bringen, ist einfach ein unabsweisbares Gebot unserer Ehre wie. unserer Zukunft. Wie das Gebot am besten vollführt wird, wie die angedeuteten Schwierigkeiten überwunden werden, darüber zu sinnen und zu sorgen ist Aufgabe der Leitung und aller bestimmenden Faktoren der zionistischen Bewegung. Und wir glauben, daß angesichts der Fülle und Größe der Schwierigkeiten, die es zu beseitigen gilt, es schon heute an der Zeit ist, daß die maßgebenden Körperschaften und Persönlichkeiten ihre volle Aufmerksamkeit auf diese Fragen richten. Darüber hinaus läßt sich heute für die Zukunft nur wenig sagen. Denn noch ist alles zu unentschieden und zu sehr im Dunkel der Zukunft -ruhend. Bor allem wäre es töricht und gefahrvoll, heute schon bestimmte Richtlinien für die zionistische Politik nach dem Kriege aufstellen zu wollen. Jeder mag ja entsprechend seiner persönlichen -Stellungnahme im europäischen Konflikte seine Ansichten und Wünsche darüber haben, jeder mag auch auf Grund seiner Mutmaßungen über den Ausgang des Krieges seine bestimmten Ansichten darin besitzen, die Bewegung selbst kann sich heute noch auf keinerlei Richtlinien festlegen, sondern muß abwarten, bis die Entscheidung gefallen und die politische Situation wieder gellärt sein wird. So gelangen wir auch von diesem Ausblick in die Zukunft wieder zu dem Ergebnis unserer früheren Betrachtungen rDieabwartende. streng neutrale, d^r^Türkei gegenüber loyale Politik der Leitung ist für die Kriegsdauer die allein mögliche. Daneben aber heißt es sich vorzubereiten auf die Erfüllung der großen historischen Aufgaben, die sich während der Friedensverhandlungen erheben werden, gilt es heute schon über die Mittel zu sinnen, die man wird ergreifen müssen, um diese Aufgabe, das jüdische Volk in jener entscheidenden Stunde zu repräsentieren und seine nationalen Forderungen zu vertreten, in der wirksamsten und würdigsten Weise zu erfüllen. Board of Deputies. Wir brächten vor einigen Monaten von dem Board of Deputies, einer Körperschaft, die vorgibt, die Judenheit des englischen Reiches zu vertreten, in Wirllichkeit aber nur deren obere Zehntausend vertritt, einen ihr würdigen Beschluß. Sie erklärte nämlich, daß das Schicksal der Juden in den englischen Gefangenenlagern sie nicht kümmere. Der Advokat Henrique hatte, wie wir inzwischen weiter erfuhren, damals dieser Entscheidung die-rechtliche Formel gegeben, daß diese Juden nicht als Juden, sondern als Deutsche und Oesterreicher gefangen säßen. Am schärfsten sprach sich der frühere, „liberale" Abgeordnete B. Strauß, ein Herr deutscher Abstammung, gegen jegliche Bemühung. für die „feindlichen Ausländer" aus. Natürlich war man mal wieder patriotischer als die Regierung selbst, die gar nichts dagegen einzuwenden hatte, den jüdischen Gefangenen die Möglichkeit ritueller Kost — denn darum handelte es sich ja in der Hauptsache — zu gewähren. . Neuerdings hat nun der Board of Deputies seine einfache Wenschenpflicht — ganz zu schweigen

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