Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 5 (4.2.1916)
- Date
- 1916-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Herr Professor Alfred Philippsou, Prosessvr der Geographie an der Universität Bonn, hat im „Berliner Tageblatt" einen Aufsatz veröffentlicht über die Möglichkeit einer „Auswanderung der pokNisch-rnssischcn Juden nach der Türkei." Herr Professor Philippson gelangte dabei zum Ergebnis, daß „eine irgend erhebliche Massenansiedlung russisch-polnischer Juden in die'Länder des osmanischen Reiches ans natürlichen und wirtschaftlichen Gründen nicht möglich ist". Er stützt sich dabei auf zwei Argumente: zunächst seiaus wirtschaftlichen Gründen an eine Massenansiedlung ostjüdischer Emigranten in der Türkei nicht zu denken, weil es zuviel Geld erfordern würde und cs überhaupt an geeignetem Boden mangele, und sodann sei eine Einwanderung von Ostjuden in die Länder der Türkei überhaupt unmöglich, weil das Klima zu heiß sei - und von europäischen Einwanderern nicht ertragen werden könne. Es ist doch wirklich merkwürdig, was ein Professor von seinem Katheder ans alles ° weiß. Ta' faßt Deutschland große Pläne betreffs einer wirtschaftlichen Regenerierung der Türkei, verfolgt diese Plane in jahrelanger mühsamer politischer Arbeit, erhebt deswegen die Erhaltung und Integrität der Türkei zum obersten Prinzip seiner Oricntpolitik, für dessen Durchführung cs bereit ist, das Schwert zu ziehen — alle Welt weiß, -das; einer der Hauptgründe dieses Weltkrieges eben dieses Prinzip ist —, und da kommt unvermutet Herr Professor Philippson und weist klipp undklar nach, daß alles, eitel Dunst sei, eine Ansiedlung neuer Elemente in der Türkei, die das an Mcnschenarmut leidende Land wirtschaftlich hochhebett tonnten, sei ja nicht möglich, da das Klima zu heiß sei. Ja,' das Klima, das haben alle deutschen Staatsmänner, die die gegenwärtige Orientpolitik aufgebaut haben, eben nicht in Betracht gezogen und müssen sich heute durch den H^rrn Professor eines Besseren belehren lassen. Und nicht besser als den Leitern der deutschen Politik erging es den Führern der zionistischen Bewegung. Ta konstruierten sie Zukunftsbilder und Ideale von jüdischen Bauern in Palästina, von der Lösung der Jndensrage und hundert andcrcll Dingen, u,ld es ist doch alles Schall und Ranch. Denn das Klima haben sie vergessen, das Klima, und der Herr Professor Philippson beweist ihnen null in einenl nur 2J.'„ Spalten umfassenden Artikel im „Berliner Tageblatt", daß bei der und der Temperatur europäische Einwanderer dort einfach nicht existieren' können. Nun, glücklicherweise sind die zionistischen Führer in der Hinsicht besser dran als die deutschen Staatsmänner: sie können gegen des Herrn Professors Argumente mit Tatsachen kommen. Die jüdische Kolonisationin Palästina ist, ja nicht nur ein Plan, sondern schon eine Tatsache, und - ostjüdische Einwanderer sollen in Palästina nicht nur erst in Zukunft angesiedelt werden. Tausende jüdischer Bauern gibt es schon in Palästina, Tausende von Ostjuden leben dort — und bleiben am Leben trotz . aller /.wissenschaftlichen" Arguinentation des Herrn Professor PhilippsoP. Das Klima, ist wohl heiß, die Einwanderer '' haben ist .der. ersten Zeit auch etwas darunter, zu leiden, aber sie' überwinden es bald und leben'gesund und srohgcnügt dort fort. Was wohl.Herr Professor Philippson dazu sagen wird? Mag sein, : daß er es X mit Sch'elling hält, .der auf den Einwand', die Zahl der Fixsterne passe nichtziiseinem naturphilosoptiischcn System, erwidert hat: „Umso schlimmer für die Fixsterne." Lolche Professorenwcishcit ist wohl gut genug, um sie in "Anekdoten zu verarbeiten, aber für die Erörterung von praktischen, politischen Fragen langt sic ganz und -gar nicht, und die Herren Profcssorcri sollten es denn auch hübsch bleiben lassen. Der Sache, die sie. mit solcher Weisheit vernichten wollen, schaden sie wenig; ob sie aber ihrem Ansehen selbst damit von Nutzen sind, ist mehr als fraglich. Bo« der Denlsch-Jsraetttisch-Osmanische» Union. Bor einiger Zeit wurde die „Dcutsch-Jsraelitisch-Osmanische Union" in Deutschland gegründet; der Gründer war Herr Alfred Nossig. Zweck der nencitz. Organisation sollte die .Herstellung und Pflege näherer Beziehungen . zwischen der deutschen und ottomanischen Jndenheit sein, daneben aber auch vor allem die Förderung, einer ostjüdischen Emigration nach der ^Türkei. Die Gründung ward dann mit Applomb angekündigt; und das veröffentlichte Programm trat mit vielen und großen Prätentionen auf; die neue OrganMtion wollte sich von vornherein zu einer Art Zentral- und Kontrollstelle aller in der Türkei arbeitenden - jüdischen Organisationen aufwerfen, ein Anspruch, der keineswegs legitimiert erschien. Wir hatten damals die neue Gründung als die Verwirklichung eines an sich durchaus zeitgemäßen und wertvollen Gedankens sympatisch begrüßt, aber gegen die laute Art und prätentiöse Form ihres ersten öffentlichen Hcrvortretens Bedenken geäußert, die durch die Person des Gründers und Leiters des Ganzen, des -Herrn Dr. Nossig, noch wesentlich gesteigert wurden, da wir nicht umhin konnten, der früheren Versuche und Unternehmungen des Herrn Dr. Nossig auf diesem Gebiete und ihres völligen Mißerfolges zu gedenken. Wir erhalten nunmehr eine Nachricht, die unsere damals geäußerten Bedenken rechtfertigt und geeignet ist, der ganzen Gründung von vornherein ihre Grundlage zu entziehen und sie praktisch gegenstandslos zu machen. Dem Statut der D.-J.-O.' U. ist von der türkischen Regierung die Genehmigung versagt worden. Sollte es bei dieser Mlehnung verbleiben, so wäre damit jegliche praktische Betätigung der Organisation innerhalb der Türkei von vornherein unmöglich gemacht und sie damit jeglichen Zweckes und Inhalts beraubt. Doch Mollen wir vorerst glauben, daß es bei diesem Bescheid . der türkischen Regierung nicht verbleiben, es Herrn Tr. Nossig vielmehr gelingen wird, noch die Genehmigung des Statuts der D.-J.-O. II. durchzusetzen. Jedenfalls aber beweist die bisherige Ablehnung, daß die Ankündigung, die Herr Dr. Nossig der Gründung der D.-J.-O. II. vorausschickte, wonach die türkische Regierung seine Bestrebungen und Pläne durchaus 'gutheiße und fördern wolle, doch — recht gelinde ausgedrückt — etwas zu optimistisch und vorschnell gewesen ist. Auch dies trägt nicht dazu bei, das Vertrauen in die neue Organisation zu erhöhen, sondern muß all'jene, ßenen 'die Förderung der jüdischen. Einwanderung nach der Türkei wirkliche-. Herzenssache ift~ und die .in' solch wichtigen Dingen Ernst und Vorsicht für unerläßliche Voraussetzungen aller wirklich nutzbringenden Arbeiterachten, in ihrer ^bisherigen Haltustg bestärkest, zunächst einmal ab-, wartendnnd.-beobachtend'.-zur' Seite zu stehen nnd die weitere Entwicklung der Angelegenheit zu verfolgen. Daß' die Gründung der D.-J.-O. U. zur positiven Resultaten sichren und'die neue Organisation praktische Erfolge erzielen möge, ist unser inniger Wunsch. Ob es aber der Fall sein wird, muß nach den bisherigen Erfahrungen noch leider bezweifelt werden. Ein bedentsames Ereignis. Dr. A b r a h a m S. P a h u d a, früher Dozent au' der Hochschule für die'Wisssnschast des Judentums in Berlin, hielt bei seiner feierlichen Einführungals o r d e n t l i ch e r P r o s e s s o r f ü r j ü d i s ch - s p a n i s ch e G e s ch i ch t e. -n n d L i t e - r n t u r an der il n i v e r s i t <ü M a drid eine "Ansprache, in der er versprach, „das Beispiel jener Männer des jüdischen Stammes, die in vergangenen Zeiten durch ihre hervorragenden. wissenschaftlichen und kulturellen "Arbeiten den Namen Spaniens mit Ruhm und Ehre bedeckten", sich ständig zu vergegenwärtigen nnd dann sorljnhr: „Der letzte jüdische Gelehrte, der von der hohen Warte einer spanischen Universität, der Universität Salamanca, seine Lehren erteilte, war "A b r a h a m Z a c n t o, einer der hervorragendsten Mathematiker und Nautologen des 15. Jahrhunderts in Spanien, der Freund nnd Berater des Christoph Eolumbus. Dieser große und charakterfeste Mann, der wie kein anderer das traurige Los seines Volles beweinte und .der die Berbanmuig den verlockendsten Anerbietiingen vorzog, cntpfand leine größere Genugtuung rrnd kannte' keinen anderen Trost in den Bitternissen seiner schicksalsschweren Wanderungen als das stolze Bewußtsein, sein ganzes arbeitsreiches. Leben dem Fortschritt der Wissenschaftnnd der -Wohlfahrt seines Vaterlandes gewidmet zu haben. Und jetzt. >vo mir nach so langer Zeit die Ehre wird, ein ähnlich hohes Lehramt in dem Lande anzntreten, in dem meine Vorfahren früher gelebt haben, an das. sie stets mit Liebe . und Wehmut zurnckdachien, soll es inein Ltreben sein, einer für mich Jo glorreichen Tradition gerecht zu werden. . . ." Tie Ermiderungsreden hielten der Rektor der Universität C o n d e I. L u q ne nnd .der" Dekan Elias Torno. Beide würdigten demhervorragendcn Anteil der Inden an Spaniens Kultur und Wissenschaft nnd betonten, daß di» Anstellung Dr. Aahudas den besten Beiveis da- . für liefere, das; man jetzt in Spanien wieder, so zu denken beginnt wie in jenen Zeiten, in denen alle Söhne des Landes ohne Unterschied - der Rasse nnd der Religion für Spaniens Liiltnr und Wissenschaft znsammenarbciteten. Die Ernennung Tr. Zjahndas darf als ein bedeutsames Ereignis gewertet werden, denn seit der Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahre 1492 .ist zum ersten Male wieder ein Jude in den Dienst des Staates getreten. .Trotzdem hat sich grundsätzlich in dem Verhältnis des spanischen Staates -zu uns Juden nichts geändert, und es bedarf erst entsprechender Gcsetzcsänoeningcn. Uebrigens hat ja Spanien jetzt 25 600 marokkanische Juden als Staatsbürger, an denen es beweisen kämt, wie es sich zu seinem jüdischen Bürgern stellen will.