Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 14 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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5tr. 2 ,Mendel", sagte Salme mit fast zitternder Stimme, mährend er die Hände ängstlich faltete: „Mendel, kannst - Du denn nit vor dem gepriesenen Gott niederlegen Dein schwer Gemüt? Es ist doch," setzte er fast tonlos vor innerer Bewegung hinzu, „es ist doch unser Gott, und ein guter und barmherziger Gott, der da' wund niacht und heilt die Herzen von allen Menschenkindern!" Mendel richtete sich seufzend hoch auf, den Blick zum Nmhthimmel erhebend: „Gott, Du Gelobter", sprach er, „Du loeißt es! Kannst Du denn schicken eine Hilfe für mein Herz?" „Mendel", rief Salme lebhafter, indem er dessen Arm faßte, „Mendel, ob er kann? Weißt, Du nit, daß bei ihm ist die Hilfe! Steht denn nit geschrieben: Hoff' aus den ewigen Gott und ö.ertrau auf ihn, denn er tut es!" — Der fromme Tröster empfand es in seiner zarten Seele, daß denr Freunde der Zuspruch wohlgetan hatte, und mit erleichtertem Herzen fnhr er fort, indenl er leise mit der Hand auf Mendels Schulter klopfte: „Ja, Mendel, wenn Du nit mit mir und arkch nit mit dem Rabbi reden kannst, dann red' nur mit ihm, und Du wirst sehen, seine Hilfe wird schon kommen!" Beide schwiegen wieder; Salme vor Erschütterung und Mendel in träumerischen Hoffnungen. Auch vom Beshamidrasch her klang es tröstlicher herüber. Die Klagemelodie gab der Hoffnung Raum und löste, sich im Gebet auf: „Wie lange Zion noch in Tränen! Jernsalein in Klagetönen? O, heile Zions Trauern, Errichte Salems Mauern." Die Klagenden erhoben sich von "der. Erde, und zweimal erklang es in stürmischem Flehen: „Führe uns zurück, Ewiger, zu Dir, daß wir wiederkehrcn; verjünge unsere Tage wie ehedem!" und dann lagerte sich die tiefe Nachtstille über die Gemeinde. „Großmutterle", sagte Häudele, indem sie der Großmutter von dem Bänkchen anfhalf, „willst Du nit in Dein Bett gehen?" „Mein KindA, entgegnete diese, „schließ die Fenster und leg' Dich gesund nieder, ich find meine Lagerstätte allein." Als sie die Läden und Fenster geschlossen hatte, stand Häudele noch am Lehnstuhle der Großmutter, die mit Aufmerksamkeit auf die Gasse hinaushorchtc, woselbst die leisen Tritte der Heimkehrenden auf dem ungcpflasterdem Boden erklangen. Ihr seines Ohr unterschied jeden Schritt, erkannte jede leise Stimme, jeden Seufzer, jedes Hüsten der Vorüberwandelnden. Als diese Töne ganz verklungen waren und Händel schon zum lauten Rachtgebet bereit war, hob die Großmutter wieder an und schüttelte in einem Anflug von Univillen das Haupt. „Ich Hab.Mendel Gibbor nit gehört zur Mitlernachtstrauer kommen 'und nit gehen. Und scinetivegen ist doch heut die Trauer größer in der Khille wie alle Tage gewesen!" Handele war "es, als ob dies ivie eine Frage an sie gerichtet wäre; aber sie konnte sich nicht entschließen, eine Bemerkung hierüber laut werden gu lassen. Erst als die Großmutter sich nach einer Weile zum Nachtgebct anschickte, überflog eine lichte Röte Händelcs Antlitz, und sie sagte, mit unsicherer Stimme: „Ich mein', er geht nit gern durch die Gaß und unter die Leut, damit sie kein Mitleid mit ihm haben." Dir Großnmtter horchte auf, aber sie schwieg; — dann senkte sie das Haupt und begann gemeinsam mit Handele' das Nachtgebet, und am Schlüsse desselben sangen sie beide das jüdisch-deutsche Lied, das damals üblich war in allen Kreisen jüdischer Frauen: „Ich beseht' meine Seel' in Gottes Hand, Der mich aus Mutterleib gesandt. Er ist mein Helfer und Beistand, Sein heiliger Name ist wohlbekannt." Am Weichselufer saßen inzwischen noch immer die beiden in tiefer Schweigsamkeit, aber die milde Nachtluft und^die Nähe des treuen Freundes begannen, sichtlich auf Mendels Seele lindernd cinzuwirken, und als Salmes Hand nochmals und - wiederholt auf, Mendels Schulter klopfte, als wolle er ihn immer aufs neue mahnen, „mit Gott, dem Barmherzigen, zu reden, was er niemanden sagen kann", da schmolz die'Rinde der stummen Düsterheit von Mendels Herzen, und er wendete sich mit größerer Lebhaftigkeit als seit vielen Wochen an Salme. „Guter Reb Salme", sagte er, „ich werde reden vor Gott, gelobt sei er; aber jetzt hört zu, was' ich euch sag', und was ich von euch erbitte." : , Salmes Hand klopfte eng stumm ermunternd auf die Schulter des Freundes, und dieser begann wieder mit Frankfurter Israelitisches Familienblatt. S-nr 5 bewegterem Tone: „Ich geh' bald aus der Khille, wo ich nit mehr bleiben kann, und in die Welt hinein, wo mich Gott d er Gelobte, wird hinfiihrcn. Ich werde nichts mit mir nehmen als meine gesimden Hände, in die mir Gott, gelobt sei er, wird geben meine alte Kraft. — In dem Gebetbüchel aber", — er nahm das kleine Buch aus der Brüsttasche und küßte es —, „da Hab ich auf dem ersten Blatt eingeschrieben den Todestag meiner Mutter und meines Vaters, die da ruhen im Paradies. Nebst dem barmherzigen Gott seid Ihr, guter Reb Salme, mein einziger Helfer und Beistand in der Welt gewesen. Und darrim, wenn ich in der Fremde sein werde und der Ballen von meinem Fuß wird finden einen Ruheort, dann wird' ich in meinem Gebetbüchelchen imter die Todestage von meinen Eltern einschreibcn, ivas ich heut int sagen kann. Und ivenn nrich Gott, der Allmmhtige, frühzeitig abrüfen sollt, dann soll man zu Euch das Gebetbuch bringen, und ihr sollt, sehen, was mit mir ist." Mendels Stimme sank hier wiederum zum träumerischen Ton herab, und er schivieg, das Haupt auf die Brust gesenkt. (Fortsetzung folgt.) I OfPenbaeher Druckluft- Anlag* I I Offanbaeh a. H. 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So würden sie, die sich nur ans den bloßen Glauben stützen.wollen und eine Religion des Gesetzes, wie es' das überlieferte Judentum ist, verachten, durch die Lehren des Krieges den Wert des Gesetzes schützen, lernen. Der Glaube hat Schiffbruch gelitten, der Glaube an den Fortschritt der Wissenschaft, der Bildung und Aufklärnng nsw.; das Gesetz hat gesiegt, das lehrt der Sieg, der de», deutschen Fahnen folgt, denn er ist ein Triumph' der Gesetzlichkeit, der Unterordnung und der hingebenden Fügung unter einen höheren Willen. Nicht der Glaube, das Gesetz macht selig, macht mächtig und entscheidet über Krieg und Frieden, über Wohl und Wehe der Völker und jedes einzelnen. Die Gewöhnung in den kleinsten Dingen entscheidet, während Lehren ohne Unterstützung durch eine geregelte Gewöhnung versagen. Auch die Speisegesetze des Judentüms würden sie durch die Lehren des Krieges mit anderen Augen >vie bisher ansehen lernen. Die Notwendigkeit des Kriegszustandes hat den Staat gesetzlich) in die Ernährung des Volkes eingreifen lassen, hat also gezeigt, daß die Ernährung keine gleichgültige Sache ist. Wohl haben die staatlichen Beweggründe „volkswirtschaftliche, materielle Rücksichten zur Voraussetzung, während die jüdischen den Einfluß auf Geist und Gemüt, also ethische und ideale Momente als Beweggründe haben. Mer wenn die Lebenskraft des jüdischen Volkes nicht in letzter Reihe auf die getvissenhafie Beobachtung seiner Speisegesetze zuriickgesührt ivird, so haben sic füglich doch eine und dieselbe Wirkung mit den staatlichen, die das Durchhalten des Volkes ermöglichen gegen alle Versuche, ihm jdie Lebensfähigkeit zu benehmen. Die jüdischen Speisegesetze beruhen auf der Tatsache, daß Gott, der Schöpfer von Körper und Seele, auch derjenige der Nahrungsmittel ist, daß er allein den Einfluß kennt, den diese auf Geist und Gemüt ausüben. Daß dasjenige, was wir essen und trinken, von großem Einfluß auf unser körperliches Befinden wird, ist allgemein bekannt. Daß aber Speise und Trank auch auf unser seelisches Leben von Einfluß sind, ist-bis auf den heutigen Tag eine Wahrheit, die nur im jüdischen Kreis ihre volle Würdigung findet. Damit sie auch in die Menschheit dringe, dazu ist die staatliche, Gesetzgebung, welche den Genuß der täglichen Nahrungsmittel regelt, der erste einleitende ^Schritt, an dem wir ein so großes Lebcusinteressc haben, daß wir ihn unter die jüdischen Siegestrophäen zählen, die uns dieser Krieg gebracht hat." Noch in so Manch' anderem, Pas Judäus in seiner Schrift bespricht, hätten die, die aus den Lehren des Krieges die rechten Schlußfolgerungen zu ziehen verstehen, ihr Verhältnis zum Judentum zu ändern. Judäus erschüft sein Thema nicht, es genügt ihm, das ihm wesentlich Er scheinende aufgezeigt zu habe». Der Wert der Schrift'liegt ja auch hauptsächlich in den Anregungen, die sie gibt. In der Sache selbst kann man teilweise anderer Meinung sein; so dort, wo er gegen die Genreinde-Orthod. xie. die sich „mit einem lauen, halben Frieden begnügt", polemisiert. Ueberhaupt hätten wir manchmal mehr Abtönung in der Forin und inehr Durcharbeitung in der Sache gewünscht. D.ie Inden im Kriege. Denkschrift des Jnd. Soziülistischen Arbeiterverbairdes Poale-Zion an das Internat. Sozialistische Büro. 94 Seiten. 1915. Heransgrgcben vom Verbandsbüro, Den Haag, van Galen-, straat >68. Inhalt: .Vorwort — Deittschrist au die Arbeiterinternationale. — Sammlung von Dokumenten: Rußland und die Juden; Polen und die Juden; die Türkei und die Juden; Das jüd. Proletariat im Kampfe um die nationale Emanzipation. In Rußland und in Oesterreich gehört ein Drittel und in Amerika sogar die Hälfte der Juden dem Ar- 'beite r st.a n d e .an. Rußland, Oesterreich und Amerika sind die Länder der Welt, die eine jüdische Ma»eubevölkerung haben. Der Arbeiterstand umfaßt aber noci: lange nicht das Proletariat der Inden. Handwerier. Agenten, Händler in den engsten Verhältnissen machen einen solch beträchtlichen Prozentsatz in den jüdischen £ >: - ■' treu aus, das; man trotz ihrer Finanzmänner, Kaufleute, Industriellen und Akademiker« im Westen Europas die Jüdin als ein Volk von Proletariern bezeichnen darf. Arls diesem Grunde erwartet der Jüd.-Sozialift. Arbeiterverband Poale-Zion von der Solidarität des in:ernationalen Proletariats die Aufrollrmg der jüdischen Frage und begründet, warum er.die Lösung dieser Frage ::ur mif dem Boden der nationalen S e l b st b e st i m - ,u u n g für die 'jüdischen Minderheiten in allen Ländern, >vo sie eine selbstäichige Kulturgemeinde bilden, sic!>t. Er fordert in den Bertretungskörperschaften der Sozialistischen Internationale fiir die jüdische Arbeiterschaft das Recht auf eine nationale Sektion, wie sie den anderen Völkern ohne staatliche Selbständigkeit zugeständen wird. Zeitschrift f ür D e in o g r ap hi e und Statistik der Juden. Heft 7 —9 Berlin 6 2. Das vorliegende Heft bringt eine statistische Arbeit Kaplan-Kogans über „Die jüdische Sprache und Kultnrgemeinschaft in Polen" sowie eine Arbeit Davis Trietsh's betitelt, „Bon den Sprachverhältnissen der Juden." Airs den statistischen Berichten des Heftes seien ii.r folgende Zahlen erwähnt: Im deutschen Reiche kommen auf je 100 jüdische Ehen, jüdisch-christliche Ehen 1901: 16,97, 19:5: 20,97, 1910: 25,85, 1912 : 29,48 und 19.13: 30,98. In Preußen gab es 1914 95 jüdische Profe s soren und Oberlehrer. Die Prüfung für c>..' höhere L e h r a m t bestanden im Jahre 1913/14 14 Juden (0,9 der Kandidaten), während 11 Juden (1,2 der Kandidaten) durchfielen. I Franz Dittriüi IM. A. Kirask I SchUlanatPm 18m Telephon I, 8630. Seifen, Lichte, Kamm- und Bürsten waren, HR Besen etc. Cosnretische Spezialitäten BM Woches-KalenSer. (Zeitangaben nach dem Losch.) , Samstag, den 15 Januar — 10 Sehwat.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 30 Min Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 45 Min. in Berlin 5 Ult 15 Min. Wochenabschnitt: Besch a l a ch. — Untergang der Israel verfolgenden Egypter im Lchilfmeer. Der Gesang des erretteten Israel-Volkes anr; Meere. Das Murren des Volkes. Der Kampf um Amalek. In besonderen Augenblicken des Lebens Gottes Nähe zu fühlen, dazu bedarf's keiner Erziehung. Doch auch bei den kleinen 'Sorgen des Alltags /stets Gottes eingedenk zu sein, das ist nur durch Erziehung zu erreichen. Diese Erfahrung zeigt sich auch! an Israel: Die große Erettnng am Schilfmeer, ein jubelndes Danktied zu Gott, — und gleich darauf seine Kleingläubigkeit nur deshalb, iveil es sich 'bei seinem Zug durch die Wüste in feinen Lebensgenüssen einschränken mußte. Donnerstag: C h a in j s ch o - O s v r - b e - S ch w a t .' das „Neujahrsfest der Bäume". Wochengottesdienst in. Frankfurt a. M. Morgens: 7 Uhr 10 Minuten in den meisten Synagogen (Bockenheim, Unterliudau 7 Uhr, Häuptivnagoge, Königsteinerstr. 7>/r Uhr). Abends: 4*,-‘ Uhr in den meisten Synagogen (Bockenheim. Unterlindau, Hauptsynaqoqe, 4 Uhr Königsteinerstr. 7 Uhr). Frankfurter Flnuittenuachrichte«. Geboren. Eine Tochter Bernhard Reumann iHeide»- heiuier), Hauffstr. 4. Verlobte, cand. med. Wally Baum, Königsteinerstr. 11 mit Dr. ineb. F. S. Adler, Hintersteinau, z. Zk. Insterburg. G e st o r b e n. Maier Srern, 04 I. Lehrer aus Heddernheim, Gaqernstr. 30. — Jakob Nathan, 46 I.