Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 13 (1915)
- Issue
- Heft 51 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"" Was sagten wir in unserem Artikel: „Die liberalen Juden und das polnisch-jüdische Problem"? Nach Professor Philippson werfen wir ihm ein Doppeltes vor: 1. er arbeite , durch die sprachliche und politische Annäherung der polnischen Juden an die Mehrheit des dortigen Volkes auf Zerstörung der'Religiosität der polnischen Israeliten hin; 2. er tue es um der egoistischen Beweggründe des Wohlstandes und der Nützlichkeit jener Juden willen. - Leider - versagte diesmal dem Schreiber die Kunst der Wiedergabe anderer Gedanken, insbesondere bei .dem ersten Punkt ist die Form eine ünglückliche und zu Jrrtümern geeignete. Wir sagten folgendes: „Nur auf zweierlei Art ist die Judenfrage zu lösen: entweder d u r ch v ö l l ig e n Abs all o d er dur ch W i e d er gebürt. Einen dritten Weg gibt es nich-t, da eine hglbe Assimilation auf Grund einer hunder t jähr igen Erfahrü ng nicht zum Ziele führt." Sie führte nicht zum Ziele innerhalb einheitlicher, starker Nationen, groß an Organisation^ groß an Kultur, um wieviel weniger bei einer kleinen, desorganisierten „künstlich niedergehaltenen, zur Ohnmacht verurteilten, in der Auferstehung begriffenem Volke", wie es die Polen sind.'„Ein solches Volk kann sich unmöglich' mit einer halben Assimilation seitens der in seiner Mitte lebenden F r e m d v ö l k e r zufrieden g eb c n". Hinsichtlich der Anwendung der liberalen Methoden, auf die polnischen Juden' .sagten wir dann wörtlich: „Halbe Maß nah men derer von der. mosaischen Konfession schützen vor der blindwütigen und ungerechten Polakei nicht. Da kann Nur ein lückenloses Polen tum, ohne die noch so geringste Spur von M o-s a i s m u s A b h i l f e — wenn auch nicht im ersten und zweiten, Geschlecht — sch affen." ' . ^Daraus folgt also, daß in Polen keine Rede von einer stusxnweisen Assimilation sein und nur eine Massen-Taufe Aussicht aus späteren Erfolg haben kann. „Daß dies aber", sagten wir, „uns und den jüdischen Massen Polens unannehmbar ist, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und. die liberalen Juden? Ihren Behauptungen nach, Herr Professor,' lehnen auch Sie dies ab. Dann aber ist es ünersichtlich, wie Sie aus diesem Dilemma herauskommen wollen." Zu "der Assimilation im allgemeinen übergehend, konstatierten wir, daßdie von den liberalen Juden betriebene Assimilation von heute im Gegensatz zu den Assimilaiontsbestrebungen zur jZeit MendelsohNs jeglicher ideellen Molive entbehrt und.nur Nützlichkeit und materiellen Vorteil -zu Beweggründen hat. Nützlichkeit und materieller Vorteil, obwohl auch der praktische Nutzen der Assimilation trügerisch ist und der vermeintliche materielle Vorteil sich in Wirklichkeit als Scheinvorteil erweist, da doch die . Wiels Völker/ in deren-Mitte die Juden leben, - auf.eine hchlbe Llssimilation nicht eingehen und die Schmälerung der.Rechte der Juden die jüdischen Liberalen wie Konservativen in "gleicher'Weise und in gleichem Maße trifft. „Somit", sagten wir « um- Schluß,- „ist -d er A s s i m i l ätä o-n. v.o n heute.7 ni ch ts Nur der ideelle, sondern auch der reale Boden entzogen, und in ihrer W ir kun g ist sie .l äch erlich und schädlich zugleich." Dies und. nichts anderes sagten wir in unserem Artikel. Wie-kommt mm Professor PH. aus diesem Dilemma heraus? Hören wir seine Antwort: „Wenn nran unter Religiosität das ganze mittelalterliche Zeremonial- und Fornrelsystem versteht, das die Religion in der ungeheuren Mehrheit der polnischen Juden überwuchert, so hat mein Gegner recht." ~ _ „Wenn"! — Und doch, Herr Professor, wissen L-ie so gut wie wir und wie all diejenigen, die das Judentum nicht bloß vom Hörensagen kennen, daß das mittelalterliche Judentum das Judentum ist, das einzige wahre Judent.um, das in der schriftlichen wie mündlichen Lehre nieder gelegt und auch in den Schriften.der Prophe.ten enthalten ist! Legen doch die Propheten gleich der Thora großes Gewicht auf die genaue Beobachtung der Ruhe-Gebote des Sabbats,*) der Beschneidung,-) des Schächtens"-) uftv., und gleich der Thora ereifern sic sich für die Einhaltung der „Chukim und. Mischpot im"») und verkünden die größten Strafen für' ihre Unterlassung. Gewiß legen, die Propheten großes Gewicht auf die Humanität und Menschlichkeit -und sind weit ' entfernt davon, sich mit '-der bloßen Beobachtung der Gebote ohne Reinheit des Herzens und der Sitten zufrieden zu geben, — aber gleich ihnen, wenn auch nicht in derselben poetischen Form, taten und tun dies unsere frommen Rabbiner des Mittelalters und der Gegenwart! „Wenn"! — Allein es ist, Herr Professor, ein Leichtes, Ihnen den unumstößlichen Beweis zu führen,' daß „das mittelalterliche Zeremonial- und Formelsystem, das die Religion der polnischen Juden überwuchert, im Einklang mit unserem Schrifttum steht, vonr Talmud an bis Maimonis „I a d-H a s ch a s a k a h". Und noch mehr: selbst in den philosophischen Werken — wie „Ar tzäschem", „Chusdai Kreschkas", „Sefer-- Haikarim Albus" und „More?Nebuche- H asm an" Kr o ch m als — s etzen sie sich im wesentlichen nicht in Widerspruch! Ja, betrachtet man dieses von unseren Liberalen viel verspottete „mittelalterliche Zeremonial- und Formelsystem" näher, sieht man es mit objektiven Augen an, so ergibt sich, daß es, mit Abzug von wenigen Ausnahmen, - die zeitlichen und örtlichen Ereignisse entstehen ließen, entweder von religio s-s ittli ch e n.oder national-sozialen, hygienischen .Mo m e n t e n durchweht wird. . Nach all dem Gesagten ist die Frage am Platze: Was berechtigt .Herrn Professor Philippson, sich so wegwerfend zur Religiosität der polnischen, Juden zu verhalten? Einige Zeilen weiter gibt er Aufschluß darüber,, „Aber wir Liberalen verstehen unter Religiosität etwas anderes: die freudige Verehrung und herzliche Anerkennung der Glaubens¬ und Sittenlehre unserer uralten Religion." Und inwiefern ist diese „Ihre" Religiosität, die Sie, Herr Professor, „liberal" nennen, „etwas anderes"?' Sind doch „freudige Verehrung und ») Jeremia 17 'Äertz~21t-ü7; Jesaja 50 unb 58; fikedjiel 44 Vers 23 und 24, 20 Vers 19 usw. -) Fesaja 52 Vers 1; Ezechiel 44 Vers 9, 28 Vers 10, 18 Sers 31. r "" .. .? 3) ^echiel 44 Vers 11 und 31; Jesaja G5 Vers 4, Viele Stcllen nn Jeremia, .Ezechiel usw. herzliche Anerkennung der GlaubensundSittcnlehre unserer uralten Religion", die Merkmale, worin sich „Ihre" Religion äußert, genau dieselben,, worin sich auch die Religion der orthodoxen polnischen Juden kundgibt. Niemand, auch der größte Gegner nicht, wird es wagen, den polnischen Juden „freudige Verehrung und heimliche Anerkennung der Glaubens- und Sittenlehre unserer uralten Religion" streitig zu machen. Ihre täglichen. Opfer auf dem Altar der Religion der , Väter beweisen zur Genüge, daß, was „freudige Verehrung und herzliche Anerkennung des Judentums" betrifft, sie geradezu unübertroffen sind. Eins von beiden kann demnach also nur sein: entweder sind die polnischen Juden und mit ihnen die gesamte Orthodoxie gute Liberale, oder Sie, Herr Professor, und mit Ihnen all die Liberalen, die das Glück hatten, eine „andere" Religion zu besitzen, gute Orthodoxe! Fürwahr, Ihre neue Defination vom Wesen des liberalen Judentums verursacht eine vollständige Verwischung der Grenzen und bringt geradezu eine Umwälzung hervor. Bisher pflegte man liberales Judentum und Assimilation zu indentifizieren, und unter Assimilation verstand man die Preisgabe des alten überlieferten Judentums. Man war gewöhnt, das liberale Judentum als Produkt der Bequemlichkeit einerseits und als Ausfluß einer Ungleichungs-Bestrebung an die Wirtsvölker andererseits hinzustellen. Man sagte sich: „Diese Pflanze ist nicht aus den Gefilden Judas gewachsen, sondern in den Pflanzhäusern zu Berlin, Frankfurt, Stettin und zuletzt in — Posen. ' Gewiß gab es im Judentum freie Gedanken, die sich an Gedankengänge fremder Völker anlehnten, so Philo, Maimuni u. dgl. m. Doch jene waren bei weitem nicht das Produkt der Bequemlichkeit oder Nützlichkeit und Anpassungssucht, < sondern eine lautere, heilige Ueberzeugung — ganz gleich ob eine irrige oder wahre — hatte sie geboren. Ueberdies gingen jene dem Judentum zuwidertaufenden Gedankengänge nicht über die Grenzen der gedanklichen und intellektuellen Welt hinaussie beschränkten sich auf rein geistige, religiöse Sphären; doch sowohldas Gebiet des Nationalen als auch das der Tat berührten sie in keiner Weise und waren weit, weit davon entfernt, diese irgendwie zu beeinträchtigen. Derselbe Maimuni, der die Unsterblichkeit des Alltagsmenschen bestritt, schrieb die 13 Glaubenssätze zum täglichen Gebet des Juden, deren ll. und 12. wie folgt "lcgiten: „Ich glaube aufrichtig und zuversichtlich, daß Gott denen Gutes belohnt, die .seine Gebote halten, und diejenigen bestraft, die seine Gebote überschreiten." „Ich glaube aufrichtig und zuversichtlich an die Ankunft. des Moschiach, und wenn er auch seine Ankunft verzögert; so erwarte ich seine Ankunft täglich." (Schluß folgt.) ~ Gouverneur v. Puttkamer Wer die Ostjndeufrage. 'Aus einem Artikel des Gouverners v. Puttkamer im „Tag" sei folgendes wiedergegeben: „Ich habe schon vor mehr als dreißig Fahren, während-eines längeren Aufenthaltes im Gouvernement Witebsk, diese Frage studiert. . . Der Händel und das GaMofgewerbe sind ganz, das Handwerk zum großen.Teil jüdisch. Ich habe dort runter den jungen, den Holzhandel betreibenden .Juden