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Neue jüdische Presse · 1915-12-23 · Heft 50 (23.12.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 50 (23.12.1915)
Date
1915-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jtt der letzten Nummer der „Allst. Zeitg. dYs Indent." erwidert an leitender Stelle Professor' Dr. Martin Philippsohn auf unsere Ausführungen in dem Artikel: „Die liberalen Juden und das polnisch-jüdische Problem", in Nr. 47 unseres Blattes. Nachdem er einleitend von Zustimmungen und Entgegnungen auf seine Gedanken über das oben erwähnte Problem von konservativer wie auch, von liberaler Seite gesprochen hat, sagt er-wörtlich wie folgt: „Die konservative Meinung hat sich namenlich in dem „Frankfurter Israelitisch en F a m i l i e n b l a t t" Nr. 45 und 47 ausgesprochen, allerdings, wie gern anerkannt werden soll, in durchaus sachlicher- Weise und würdiger Form. Indes dieser Umstand darf nicht über die tatsächliche Irrigkeit jener Einwendungen hinwegtäuschen. Der orthodoxe Verfasser wirft mir ein Doppeltes vor: ich arbeite unbewußt durch die sprachliche und politische Annäherung der polnischen Juden an die Mehrheit des dortigen Volkes auf Zerstörung der Religiosität der polnischen Israeliten hin; und zweitens, nur um der egoistischen Beweggründe des Wohlstandes und der Nützlichkeit jener Bevölkerung willen. Freilich, wenn inan unter „Religiosität" das' ganze mittelalterliche Zerenwnial- und Formelsystem versteht, das die Religion in der nnhcueren Mehrheit der polnischen Inden überwuchert, so hat mein Gegner recht. Aber wir liberalen Juden, die die Mehrheit des deutschen Judentums bilden, verstehen unter Religiosität etwas anderes: die freudige Verehrung und herzliche Anerkennung der Glanbcns- und Sittenlehre unserer uralten Religion, und eine solche wird durch politische und sprachliche Annäherung an die Nationunter der wir wohnen, in keiner Weise gemindert. Auch die Herren, die das Frankfurter Israelitische Familienblatt redigieren, schreiben ein vorzügliches Deutsch und besitzen von Grund aus die deutsche Bildung, und trotzdem sind sie strenge, ja sehr strenge und entschiedene Orthodoxe. Warum sollte also das polnische, Judentum jeiueiu.Glauben entfremdet werden durch' Annahme der polnischen Sprache und Aufhebung des tiefen Gegensatzes, den es selber bisher zwischen sich' und der überwiegenden Mehrheit des polnischen Volkes geschafft hat? ' Um des Nutzens und des Wohlstandes der polnischen Israeliten willen hätte ich die Forderung der sprachlicher Assimilation erhoben! Nein, meine Herren, es handelt sich nicht um Nutzen und Wohlstand, sondern um das Dasein der polnischen Judentzeit. 'Was nutzt es ihnen, jedes Tipfelchen nach biblischem Gebrauche aufrecht zu erhalten, wenn sie vollständig darüber zugrunde gehen?" „WasJ nutzt es ihnen?-'* fragen Sie besorgt, Herr Professor. Gewiß eine vernünftige, praktische Frage. Aber Sie, Herr Professyr, wissen ja, daß es Augenblicke im menschlichen Leben, im Leben der einzelnen wie der Nationen gibt, da man die höchste Und heiligste Pflicht nur aüf unpraktischem Wega erfüllen kann! ' „Was nützt es ihnen?" Wie bekannt klingen iplsern Ohren diese Laute! Wie oft bekamen sie zu höbenunsere, Helden von Juda Hamakabi an bis auf ^den letzten Helden Kischenews und Odessas, die chr Leben für ihr Judentum Hingaben.'Und wie häufig kehrt diese traurige und doch-glorreiche Fragezu uns zurück angesichts der großen. Zvirtschastlichen Opfer unseres Volkes unseres Judentums wegen. ' Gewiß ist es unpraktisch, sich für eine Ueberzeugung zu opfern; gewiß handelten die Völker klüger, die es vorzogen, sich zu assimilieren und zu genießen, als für ihren Glauben zu bluten. Doch wir beneiden jene Völker um diese ihre Klugheit durchaus nicht! Mag man uns Narren und „keschei oref" (Halsstarrige) schelten, wir halten an diesem unserem Gebrechen, an dem „kaschjus oref" bis in alle Ewigkeit.fest! Doch Gefühl beiseite, .— versuchen wir es lieber, die Behaüptungen Professor Philippsons einer rein sachlichen, kalten Prüfung zu unterziehen. ■ - - (Schluß folgt). Brief aus Amerika. I a k o b H. S ch i f f ist eine Erscheinung, an der man bei aller Gegnerschaft seine Freude haben must.-Eill jüdischer Kaufniannsfürst, in dessen Händen Tausende von Fäden zusammenlaufen,, und der trotzdem bei den gezählten Minuten jener freien Zeit und bei seinem Leben in einer ganz anderen als der jüdischen Welt inimer wieder Muße findet, sich jüdischen Angelegenheiten.'zu widmen, hier einer Sitzung in einem jüdischen Verein beizuwohnen, dort zu einer jüdischen Frage das Wort zu ergreifen, ist wahrlich eine Seltenheit. Unsere Reichen und besonders unsere Reichsten vergessen sonst meist sehr schnell ihre Zugehörigkeit zu uns, und man findet sie überall, nur nicht dort, wo cs sich um jüdische Interessen handelt. - Diese Ancrkncnung von Schiffs Persönlichkeit darf uns jedoch nicht daran hindern, zu vergessen, daß sein wesentlichstes Bestreben in seiner jüdischen Tätigkeit die Juden Amerikas mit dem Anrerikancrtum verschmelzen will und wir, die wir das jüdische Eigenleben erhalten wollen, in ihm einen Gegner erblicken müssen. Erst dieser Tage hat er in einer Rede wieder Aeußernngen gegen das jüdische Volkstum getan. Als ob die Bitte der Rückkehr nach dem Lande der Väter und des Wiedererstehens dort als ein Volk nicht aufs innigste verwachsen mit der jüdischen Religion sei! Schiffs Aeußernngen fielen in einer Rede, die er auf einer gemeinsamen Versammlung von Reformrabbinern und der Beligionsschulvereinigung der Gemeinde „Temple Emanuel" hielt. Er schloß seine -Rede: „Zu sein Amerikaner, das ist höher als alles andere. Läßt eure Kinder das Banner des Judentums fest und hoch zu halten! Wer vergesset nicht als das erste von allem, daß eure Kinder Amerikaner sind. Wenn sie fragen, was Amerikanismus sei, dann saget ihnen,-daß er verlangt, treu zu sein ihrem besten Selbst und ihrer Religion. Treuer Amerikanismus verlangt nicht nur, fiir sein Land zu kämpfen, sondern auch für es zu leben, ihm im täglichen Leben zu dienen." . - Osk a r S. Strauß, der frühere Botschafter in der Türkei, hielt nach hiesigem Muster in einer Baptistenkirche einen Vortrag über das Thema „Gott und der Krieg". Er wandte sich'in dem Vortrage gegen die Aeußernngen verschiedener Professoren, der Krieg sei ein Beweis gegen den Glauben an Gott, die Religion sei bankrott usw.- Nicht Gott werde durch den furchbaren Krieg angeklagt,, s o ndern die Menschheit!^ Das Amerikamisch-Jüd-ische- Komit e c , dessen Gegnerschaft gegen die Abhaltung eines jüdischen Ko ngresses) auf Demokratischer Grundlage als Vertretung der gesamten, amerikanischen . Judenheit die Agitation für diesen Kongreß nicht aufhielt, hat nun nachgegeben, und der Kongreß hat nun berechtigte Aussicht, eine gewaltige Demonstration der jüdischen Einigkeit zu werden. , Frau Isaac L. Rice,^hat zur Erinnerung an ihren Gatten eine Million Dollar zum Bau eines Krankenhauses gespendet. Diese für 500 Kranke bestimmte Anstalt wird mit der Verwaltung des Bcth Israel-Krankenhauses in enger Fühlung stehen. Russischer Brief. Von Ben-Jephune. B. . . . Anfang Dezember. Wir hatten schon in einem früheren Bericht das Flüchtlingselend in Rußland veranschaulicht und wiesen damals darauf Hin, daß die russische Regierung, um sich der lästigen Frage zu entledigen, den jüdischen'Heimlosen gemäß dem kaiserlichen- Ukas vom 17. Angust 1915 das Wohnrecht für gewisse Gouvernements erteilt hatte. Naturgemäß blieb diese Maßregel ohne merklichen Einfluß auf die Masse der Geflüchteten. Neueren Nachrichten jedoch, die!das Petersburger Jüdische Zentralkomitee verbreitet, zufolge wurde diese Erlaubnis ans folgende Gouvernements ohne Beschränkung ausgedehnt: Smolensk, Mschni- Avivgorod, Charkow, Saratow, Wologda. ferner Kasan, Ufa Orenbnrg, Tomsk und schließlich aus das Dauer Gebiet. Zunächst bereiteten die russischen Behörden den uenawgekommenen Juden große Schwierigkeiten bezüglich des - Handelbctreibens unter dem sinnlosen Borwand, im Ukas sei ja mir die Rede vom Wohnrecht, nicht aber vom Handel- und Gewerbetreibenden. Man kann sich unschwer vorstellen, was -besonders die ärmeren Inden, — eine Überwältigende Mehrheit —, denen jegliche Nahrung, ja oft sogar Brot und Lebensmitteln fehlen, zu erdulden hatten: Neuerdings jedoch hat der russische Handelsminister die Anordnung getroffen, wonach den jüdischen Flüchtsingen, die sich im erweiterten Ansiedlungsrayon niedergelassen hatten, Handelspatente gegeben werden sollen. Eine gewiß erfreuliche Nachricht, die aber vorerst nicht ohne einiges Mißtrmien entgegengenommeu lverden dürfte. Und jedenfalls klingt cs wie ein Hohn, wenn der berüchtigte antisemitische Minister Chwostow sich einem Journalisten gegenüber äußert, cs bestände gar kein Grund zu glauben, die den Juden gewährte» „Freiheiten''' würden aufgehoben werden, vielmehr sei die nioskowitische Regierung mit ihren bis-, herigcn Maßnahmen vollkommen zufrieden. Aber noch viel ärger gebärdete sich der neulich abgehaltene Kongreß der „echtrussischen" Leute, unter denen sich wohl viele Mitglieder der Regierung befanden. Und cs ist direkt haarsträubend und Entsetzen erregend, wenn man ihre Resolutionen liest. Da hören wir'am. Schlüsse, daß diese verachtnngslvürdigen Leute für die Aufhebung aller jüdischen „Freiheiten" arbeiten werden, da diese — für die russische Nation — in Wirklichkeit die verbrecherischen Reaktionäre — äußerst schädlich seien. Auf letzteres lohnt es nicht, auch nur eine' Silbe zu verlieren. Wir hätten aber Lust, an Herrn Chwostow Und die anderen Leute eine Anfrage zu richten, welche „große Freiheiten" den Juden erteilt worden sind, und sicherlich wird in diesem Falle auch der ' verschlagene, sonst an Ausflüchten reiche Minister keine passende, den Tatsachen entsprechende Antwort finden. Sprechen denn nicht vielmehr die Ereignisse eine eigene Sprache? Hat denn nicht die russische Regjerung die Juden gezwungen, sich tiefer in das „heilige Rußland" zurückzuziehenu nd dabei Haus und Herd, Vermögen und Besitztum zu verlassen. Eine grausame Maßnahme, die sich später als völlig verfehlt und nutzlos erwies und der Regierung innndjp schwere Stunde bereitete? Und wenn man jetzt von den unerhörten Leiden der Unglücklichen, die massenhaft des Hungerstodes sterben, hört, da erscheinen allerdings die Freiheiten als ein Einfluß der schweren Not der Stunde. - Wir wollen nur eine Tatsache anführen, die, erst kürzlich geschehen, das krasse Gegenteil aller Chwostow'fchen Phrasen und Schönfärbereien beweist. Der Kommandant Nordostrntzlands, General Rußki, erließ ein Verbot jnv , alle jüdische Zeitungen Petersburgs, ausgenommen die russisch-jüdischen Blätter. Man erfährt hierüber. solgrndeY Einzelheiten. Das Verbot betraf l. das „Petrograder Tageblatt", von dem im. ganzen il^Nnmmern erschienen waren- 2. das Journal „Die Kooperation zwischen Juden". Ferner wurden die Erlaubnisse für. das Erscheinen salzender Zeitungen znrückgenommen: „Bolksstimme", „Tag", „Fartcrg", „Hilf" „Hachaim" und „Hameliz". Charakteristisch für die russische Zustände ist ein kleines Aegebnis: In der Verbotsmcldung, die dem „Petrograder Tageblatt" ' -"€.s; '-■m E

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