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Neue jüdische Presse · 1915-12-17 · Heft 49 (17.12.1915) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
13 (1915)
Issue
Heft 49 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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. . ■. :?yi; ' -Erscheint wöchentlich am Freitag. Aenrgsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk-, 1.— . frei inS Hau8.?Bei >der Post. abonniert,-9Ü Pfa., frei.: ins HäuS . 4 Pfg. pro Monat-mehr. Bei Zusendung durch Strerfband. für Deutschland und tzesterreich-Ungarn Mk. l.5v, für -Rußland 1 Rubel, für. all e/ übrigen Länder Mk. 2,— , Einzel - Nummern kosten 1v Pfg ArLaKtion »Ad GXpedrtron: Frankfurt r>. M. rr Langestr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Hals cheis. Insertisnsprei» für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen» Angebote und-Besuche, WohnungSinserat^ ^eiratS - Annoncen '-45 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne ' jeden Rabatt- Platz» und Datum-Dorschrist ohne Berbindlichkeit. . klnnoncen-Annahme bei der Lxp ed. und in a.Annoncen-Bureaus.. - Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4SS4. IS. Iahrsa«g. Freitag, de« 10. S676 (17. Dezember 191s) . Nr IS ehe eile >rsa «eo isr- 3bel etc. iaft ich Anfsic lon je ■ Jllnfione». Der Weltkrieg, der nunmehr schon im 17. maie wütet, beginnt sich immer mehr als eine >ße, ftlrchtbare Illusion zu erweisen. Vor allem Me Mächtegruppe,, die ihn angezettelt hat, der- Hoffnung, den mächtig und bedrohlich aufgcnden deutschen Rivalen ein für allemal zu kümmern und auszuschalten. Es gibt heute hl in dem Ländern der Entente keinen ver- »ftigen Menschen mehr, 'der noch an die Mög- |feit" einer Vernichtung Deutschlands glaubte, d das höchste. Ziel, das die Gegner erstreben, Mr' noch das,.wenigstens eine Vergrößeriuig und chtsteigerung Deutschlands zu verhindern. Wer /auch für die Zentralmächte ist der allzu He Ueberschwang der Hoffnungen, der sehr viele den ersten/Kriegsmonateil beherrschte, verflogen, i». nur nüchMner Tatsachensinn, eine ruhige Abgang ' des/Möglichen üNd Erreichbaren ist an ic Stelle rgetteten. Bis auf wenige Hitzköpfe- > Welteroberer ,'nnt der -Tinte, deren Annexionskeine Urenze und kein Mast kennen, bricht' in der 'großen Masse des Volkes die Erkennt- Bahn, . daß .in einem in seinen Dimensionen ungeheuren Kpalitionskrieg, wie es dieser ist, c völlige, Vernichtung des Gegners kaum mögi ist. und mari schon das höchste erreicht. hat, tu man ihn zur Aufgabe seiner Vernichtungsne und zur'Anerkennung der größeren Macht d Stärke nder- Zentralmächte gezwungen hat. »e überschäümenden Triumphphantasien, > in die so viel/:'ill der ersten Kriegszeit hineinbeslerten, und : denen der Marsch, nach" Paris, ndon und ^Petersburg eine Selbstverständlichkeit -so kr« chien, haben sich gleichfalls als Illusion, erwie- .f.daI , imr daß der Zusammenbruch-dieser Illusion erhalt jeglich Ql Schaden ist, "da'die Zenträl,nächte ht zur Verlvirklichnng solcher Illusionen in den >eg gezogen - sind. H 1 Auch, wir Juden haben uns bei Beginn des icges vielen .und schönen Illusionen hingegeben. 3- — c Furchtbarkeit und Grandiosität der Zeit riß rteur DU! 42: PI tem. , h uns fort; /von diesem ungeheuren Sturm, Ijl über/ die Menschheit hinbranste, erhofften auch i die Zertrümmerung alles Morschen und Faul in unserem Volke und den/ Beginn einer neuen kunft. Wir schauten nach Rußland und hofften, Krieg werde' die Befreiung unserer leidenden Puder aus: ihrem Joche bringen; wir blickten äj Galizien und erwarteten, der Krieg werde i sie eine/.neue Zeit gerechterer Behandlung und Erkennung/ .ihrer Rechte seitens der Machthaber Mführen;. —wir wandten unseren Blick nach iastinä .und?/ träumten von einer herrlichen >ßen /Zukunft,? die dieser Krieg einleiten werde, ofsten, i träumten wir. vor 17 Monaten. Und L hat uns /der 'Krieg statt desM gebracht? l Rußland .denökonomischen Ruin Hunderttansen- / unserer Brüder, die Vernichtung großer blühenl jüdischer/Gemeinden, eine Not und eine Kri- , wie sie 7 in > unserer gesamten Geschichte vielht kaum M-lvieder in dieser Gransigkeit und sem Umfange - zu treffen ist; in Galizien ebenls die völlige. Berärmüng des größten Teiles der ischen' Bebölkerung, die Zerstörung sehr vieler lischen Gemeinden, ., eine Bot, für die man gar rte wirkliche 'Abhilfe möglich sieht; und - in Patina, auch: dort eine Erschütterung der erst' so sgen -Kolonienunheilbarer Schaden, den der -s «7. n, /das. uns betroffenhat, .wo /ist': dis Hofftnmgj - der bereits Erfüllung geworden wäre? Noch sind alle Hoffnungen imr Hoffnungen geblieben, und es gehört -heute schon ein hoher Grad von. Glaubensstärke und Hoffnüngsfreudigkeit dazu,, um unsere Hoffnungen noch bewahren zu können. ' Aber selbst, in diesem Falle erhebt sich heute die Frage: ob das, was wir durch den Krieg verloren haben, nicht bereits so groß und gewaltig ist, daß all das,; was uns vielleicht der kommende Friede noch bringen kann, nur wenig sein muß gegenüber diesen Berlusterr? Wenn man.hört, was Reisende aus Polen von der dortigem Not unserer Brüder berichten, muß man sich doch fragen, ob für uns Juden nicht der Krieg bereits verloren sei, weil alle Gewinne, die er uns bringen kann, nicht die Wunden werden zu heilen vermögen, die er uns geschlagen hat. Niemand von uns hat je diesen Krieg gewollt; kein Jude der Welt hat ihn herbeigewünscht; aber als er ausbrach,, da erweckte er-doch auch in vielen von uns schöne Hoffnungen und stolze Erwartungen. Müssen wir nicht heute bereits - erkennen, daß sie alle nur Illusionen waren? Aber das wäre noch nicht das- Schlimmste. Trauriger und bedrückender ist die andere Befürchtung, deren man sich nicht erwehren kann, 'daß, auch die großen Erwartungen, die wir für das innere geistige Leben unseres Volkes an den Krieg knüpften, sich als Illusionen erweifen könnten. Hofften wir doch, daß der Krieg nicht nur in unserer äußeren politischen Lage' große und günstige Wandlungen herbeiführen, sondern auch. vor allein üt unserem innerjüdischen Dasein reinigend und fruchtbringen wirken werde; hofften - wir doch, daß er. bas jüdische. Solidaritätsgefühl neu . beleben, die Treue zu unserem Volkstum. stärken, . daß .'die Not, m die er uns hineinstellt,- unsere innere Kraft steigern, unsere jüdische Seele neu verjüngen werde. Haben sich diese Hoffnungen bewahrheitet? Wo sieht man die Anzeichen des erstarkten jüdischen Solidaritätsbewußtselns, wo die Sylnptome stärkerer Treue zun: jüdischen Volke, -wo die Ausdrucksforineil eines--neu erwachten nationalen Empfindens? Gewiß, die ftlrchtbare Not der Judenheit des Ostens und Palästinas läßt die Juden der Länder, die von solchem Elend unberührt geblieben sind, llicht untätig züsehen; Spenden werden gegeben, Hilfsaktionen eingeleitet, Versuche zur Linderung der Leidenunternonunen. Mer ist etwa darin ein größerer Eifer wahrzunehmen, als in Fricdenszeiten zu sehen war? Uns dünkt vielmehr, gegenüber der ungeheuren Not unserer Brüder im Osten hat bisher bas jüdische Herz, hat der Wohltätigkeitssinn der Juden der anderen Länder bei weitem nicht die Erwartungen erfüllt, die man hegen-durfte. Und eine innere Wiedergeburt der Nation, wir wären glücklich, ihre Aeußerungen und Vorboten zu erspähen; aber wir suchen vergebens, wir finden keine. Man ymche uns keinen Vorwurf daraus, daß wir unsere Lage so . trübe, schildern, tyie wir sie sehen. Aber es tut not, auch inal der Wirklichkeit der Dinge offen ins Antlitz zu schauen; denn auch hier ist die Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Gesundung und Besserung. Sich. ieitlen Illusionen hingeben, ist gefährlich' in- Stunden -solcher. Krisis '.und solcher Entscheidung-: wie wir sieerleben. Vielleicht ’ wird aber btc. ErMittnis. der. furchtbaren Lage, in der wir uns befinden, "doch manchen aus : der/-JMf.ferxnz / und: -dM-Gleichmut, ..in. dem. ..er / bisher' -lebte-- rheraüsreißen. üNd -ssine/Seele leiden /mn§--jammern"-lafsön - um'bir-Not^seinks- Bölkes. Und nur aus solchem Leid und solchem Jammer kann der Entschluß zur Selbstrettung und die Kraft zur Selbstbefreiung geboren werden. Zum Polnisch-Indischen Problem. Das polnisch-jüdische Problem beschäftigt die deutsche öffelitliche Meinung in immer steigendcnr Grade und die Erkenntnis von der Bedeutung des Problems auch für die Sicherstellung der deutschen Interessen im Osten beginnt sich in immer, weiteren Kreisen Deutschlands durchzusetzen. Wir möchten heute die Llufmerksamkeit unserer Leser auf eine Polemik lenken, die in den beiden letzten Heften der bekannten und angesehenen Monatsschrift „Preußische Jahrbücher" enthalten ist, und in der die beiden in dieser Frage sich bekämpfenden Standpunkte, der eine der kleinen Schicht der polnisch-jüdischen Assünilanteu,' der andere der nationaljüdische, sich in scharfer Weise entgegentreten.-Ein Herr Bernhard ^L a u e r. aus Warschau. hatte im Noveniberheft dieser Zeitschrift den Artikel angegriffen, den unser Mitarbeiter- Herr Nachum Goldmann vor einiger Zeit in der „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht hatte und in dem er - die Gewährung nationaler Gleichberechtigung für die polnische Judenheit verlangte; Herr Lauer vertrat demgegenüber den assiniilatorischen Standpunkt. Ihm erwidert nun Herr Goldmaml im Dezembcrheft der „Preuß. Jahrb." in einem längeren Aufsatz, der in scharfer und präziser. Formulierung die wichtigsten Gründe,. die für die Erhaltung der polnischen Judenheit als Nation sprechen, zusammenfaßt, und den wir darum im folgenden im Auszug wiedergeben. . „Darüber soll man sichdoch als der Grnüdvoraussetzung für alle Betrachtungen des polnischjüdischen Problems heute völlig im klaren sein: Die polnische Judenheit bildet einen geschlossenen und voll entwickelten nationalen Organismus. Sie besitzt alle Merkmale und Kriterien eines solchen: die besondere rassenmäßige Herttmst, die eigene historische Vergangenheit, eine eigene Sprache und Kultur — das Entscheidende — den unbedingten Willen zum nationalen Dasein und zur nationalen Zukunft. Es soll" nicht bestritten werden, daß sie im Laufe des jahrhundertelangen Znfammeuivohnens mit den Polen von diesen beeinflußt worden sind, wie es ja bei dem Zusammenleben verschiedener Nattonalitäten nur ganz natürlich ist; aber diese polnischen Juden etwa als' Polen mosaischer Konfession zu betrachten, wäre geradezu lächerlich. Von 1,957,000 Juden, die in Polen leben, gaben im Jahre 1913 1,942,000 das Jüdisch-Deutsche als ihre Mutter- und Umgangssprache all. Diese eine Zahl genügt, um jeden Versuch, den polnischen Juden ihren Charakter als. eigenes nattonales Kollektivum abzusprechen und -sie national den Poleir zuzuzählen, unmöglich zu machen. ' Bost dieser elementaren Tatsache, an' der -nicht zu deuteln und rütteln ist, muß alle Bettachtung des polnisch-jüdischen^Problems ausge- ,hen. Und erst auf Grund dieser Tatsache muß -Lie.-/.Frage. /.'aufgeworfenwerden: Darf die künf- ,tige/ Regelung der polnischen Berhälruifse druch .die/Zentralmächte die Tendenz haben, diese heute existierende jüdische Nationalität zu unterdrücken 7.und..zWbeseittgen?"- . /. /Der. Mtikek beweist nun zunächst, dastDeutsch- ' länö dsts'-Recht und die Pflicht habe, "bei./der : ■ - - —

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